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Beim ersten Sonnenstrahl von Inka Loreen Minden

Beim ersten Sonnenstrahl, ein Gay Romance Fantasyroman von Inka Loreen Minden

Dies ist die Geschichte über einen Halbmagier, einen Gargoyle und das Rätsel des Steinfluchs. London im Jahre 1862. Nach einem Besuch auf der Weltausstellung werden Davids Eltern vor seinen Augen ermordet. Ein geflügeltes Wesen, das David zuerst für einen Dämon hält, rettet ihn vor dem sicheren Tod. Seitdem fühlt er sich von diesem Geschöpf beobachtet.

Jahre später lernt er seinen Retter kennen und zwischen den beiden erwächst tiefe Zuneigung. Gemeinsam reisen sie nach Paris, um den Mord aufzuklären. Die Spuren geben ihnen immer neue Rätsel auf. Dabei stoßen sie auf allerhand Hindernisse, Gefahren und seltsame Gestalten, die ihre zarte Liebe auf eine harte Probe stellen.

 

Produktinformation

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 410 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 269 Seiten
  • Verlag: dead soft Verlag (4. August 2012)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B008TCPACE

 

Leseprobe aus “Beim ersten Sonnenstrahl”

»Wie spät ist es, Granny?« David richtete sich so abrupt auf, dass ihm kurz schwindlig wurde. Es war fast dunkel! Großmutter trug ihr Nachthemd und hielt eine Lampe in der Hand, in der eine Kerze flackerte. Wie jeden Abend war sie vor dem Zubettgehen gekommen, um seine Vorhänge zuzuziehen.

»Es ist fast zehn Uhr, David.«

Verdammt, fluchte er innerlich. Er hatte verschlafen! Sofo

Beim ersten Sonnenstrahl von Inka Loreen Minden
Beim ersten Sonnenstrahl von Inka Loreen Minden

rt sprang er auf. Er hatte den Sonnenuntergang verpasst.

Granny stand vor seinem Bett und lächelte ihn an. »Wirst du deine Lady besuchen?«

»Ich habe keine … vielleicht«, sagte er und erneut schoss Hitze in sein Gesicht. Sollte Granny glauben, er treffe sich mit einer Frau. Dann würde sie ihn nicht wieder für besessen halten. Seit der Sache mit dem Wassereimer hatte er seinen heimlichen Retter nicht mehr angesprochen. Warum war Granny damals nur so böse auf ihn gewesen?

»Wer ist sie?«, fragte seine Großmutter.

David ging zum Fenster und nahm das Buch seines Vaters an sich, das er in einer Schublade des Sekretärs verschwinden ließ. Granny brauchte es nicht zu sehen. Das würde nur Fragen aufwerfen. »Was?«

»Deine Lady. Kenne ich sie?«

Er schüttelte den Kopf. Woher sollte seine Großmutter eine Frau kennen, die er kannte. David hatte keine Frauenbekanntschaften, obwohl er bei seinen Spaziergängen durch den Park schon oft bemerkt hatte, wie junge Damen ihn anlächelten. Er hatte stets höflich zurückgenickt; zu mehr war es nie gekommen. Noch nie hatte er eine Frau berührt, geschweige denn geküsst! Sah Granny ihm nicht an, wie grün er hinter den Ohren war?

»Es würde mich sehr glücklich machen, zu wissen, dass du versorgt bist, bevor ich sterbe.«

David wirbelte herum. »Sag so was nicht!«

Lächelnd zuckte sie mit den schmalen Schultern. »Meine Zeit ist bald gekommen, da kann kein Zauber etwas gegen ausrichten.« Sie drehte sich um und verließ sein Zimmer.

David eilte ihr hinterher. »Warte, ich bringe dich nach oben!« Bestimmt war sie wieder zu stur, den Aufzug zu nehmen.

Sie hakte sich bei ihm unter und gemeinsam stiegen sie die platzsparende Holzwendeltreppe ins oberste Stockwerk, wo Granny ihr eigenes Reich hatte. Normalerweise schliefen die Bediensteten unter dem Dach, aber David wollte niemand anderen im Haus haben. Ein Mädchen holte jeden Morgen ihre Schmutzwäsche ab und Tante Abigail, die in der Nähe wohnte und ebenfalls Witwe war, besuchte Großmutter täglich, um ihr unter die Arme zu greifen. Tante Abigail war zehn Jahre jünger und sehr rüstig. Sie ging immer noch auf die Magierversammlungen und hielt David und Granny auf dem Laufenden.

Einmal in der Woche kamen zwei andere Frauen, die das Haus saubermachten. Es war ein winziges, aber feines Stadthaus, das Vater damals gekauft hatte, als David geboren wurde. Im untersten Stockwerk gab es eine große Küche, ein Ess- und ein Musikzimmer, in der Mutters altes Pianoforte stand. In der ersten Etage befanden sich der Salon, der überwiegend von Granny und Tante Abigail benutzt wurde, sowie zwei weitere Aufenthaltsräume.

Im zweiten Stock hatte David sein Reich. Er bewohnte das ehemalige Schlafzimmer seiner Eltern, dem sich ein Ankleideraum und ein Badezimmer anschloss. Alles war renoviert und modernisiert und sobald es die Technik zuließ, würde es elektrisches Licht in jedem Raum geben. Die Leitungen dazu hatte er bereits verlegen lassen. Im früheren Zimmer seiner Mutter hatte David eine Bibliothek eingerichtet. Bücher waren seine Welt. Dort verbrachte er seine Zeit, falls er nicht schrieb oder im Park spazieren ging. Eigentlich war sein Leben einsam, aber er fühlte sich nicht einsam.

Oder doch?

Seine Protagonisten begleiteten ihn fast ständig, sprachen mit ihm und erzählten ihm ihre Geschichten. Falls sie schwiegen, dachte David an den Überfall, als er die Arme um den Gargoyle geschlungen hatte und der ihn an seine nackte Brust gedrückt hatte. Diese warme, glatte Brust war ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Sie betraten Grannys Flur, der mit rosa Tapeten verkleidet war. Ein dicker Teppichboden dämpfte ihre Schritte. Antike Vasen standen in jeder Ecke. Großmutter hatte eine Vorliebe für die griechische Kultur.

Vor ihrer Tür gab er ihr einen Kuss auf die Wange. »Gute Nacht, Granny.«

»Gute Nacht, mein Junge.« Sie zwinkerte ihm zu und verschwand in ihrem Zimmer.

Vater hatte ihm erzählt, dass Großmutter früher eine begehrte Partie gewesen war, der viele Männer den Hof gemacht hatten. Aber sie hatte nur Gregor geliebt, der viel zu bald an einer Lungenkrankheit gestorben war. David hatte seinen Großvater nie kennengelernt.

Das Leben war nicht nett zu Granny gewesen. Erst wurde ihr der Mann genommen, dann der Sohn und die Schwiegertochter. Und David würde ihren letzten Wunsch auch nicht erfüllen können.

Weil er ein Egoist war.

Seufzend lief er nach unten und wollte sich eben seinen Mantel anziehen, als er zögerte. Ob das Wesen überhaupt noch dort sein würde? Was, wenn David zur Kirche ging und der Gargoyle wieder in sein Haus kam – dann würden sie sich verpassen!

David überlegte. Er würde zuhause bleiben und auf den Gargoyle warten. Schließlich hatte der ihn fast jede Nacht besucht, falls David sich auf sein Gespür verlassen konnte. Vielleicht würde er auch heute kommen.

***

Die Stunden wollten nicht vergehen. David saß auf der dunklen Treppe und starrte von dort auf das Fenster neben der Haustür, durch das der Gargoyle beim letzten Mal verschwunden war. David hatte es nicht verriegelt. Das Licht der Gaslaterne warf gespenstische Schatten auf das Glas, wenn sich die Äste des Apfelbaumes im sanften Wind bewegten.

Warum kam der Gargoyle nicht? Und was würde David tun, wenn er plötzlich vor ihm stand? Irgendwie freute und fürchtete er sich gleichermaßen. Soweit er wusste, hegten diese Wesen keine bösen Absichten – im Gegenteil. Sie waren Beschützer. Wächter der Menschen.

Er wird warten, bis die Straßen leer sind … Noch war zu viel Betrieb. Ab und zu ratterten eine Kutsche oder ein Automobil vorbei. Passanten waren unterwegs, überwiegend Männer, die ihre Clubs aufsuchten.

David war einmal in so einem Herrenclub gewesen, hatte ihn jedoch fünf Minuten später wieder verlassen. Das war nicht seine Welt. Mit Menschen konnte er nichts anfangen und bei den Magiern war er auch nicht erwünscht.

Nein, das stimmte nicht. Granny hatte ihn mehrmals überreden wollen, die Versammlungen zu besuchen, damit er unter Leute kam, nur er hatte nicht mitgehen wollen.

Er war abnorm. Ein Einzelgänger. Menschenscheu. Eigenbrötlerisch.

Als er über sich ein Knacken hörte, hob er den Kopf. Ob Granny wach war oder … Der Gargoyle lief über das Dach!

Sein Herzschlag geriet ins Stolpern. Bitte, lass es ihn sein!

Starr blieb er sitzen und wagte kaum zu atmen, als er das leise Knarzen der Stufen vernahm. Jemand kam die Wendeltreppe herunter!

Mit zitternden Knien stand er auf und drückte sich gegen das Geländer, bis das Geräusch verstummt war. Derjenige war nicht ganz nach unten gegangen. Er musste sich im zweiten Stock befinden, wo seine Räume lagen.

David schlich hinauf, blieb an der obersten Stufe stehen und streckte den Kopf in den Flur. Alles war dunkel. Aber stand da nicht ein Schatten vor seiner Tür? Ein mächtig großer Schatten?

David wusste, dass Gargoyles gute Sinne besaßen. Würde Davids heftig schlagendes Herz zu hören sein? Konnte das Wesen ihn sehen oder sogar riechen?

Es verharrte eine Ewigkeit, wie es David schien, vor seiner Tür. Er zwinkerte und zweifelte bereits an seiner Wahrnehmung, als sich der Schatten bewegte. Seine Tür ging auf und wieder zu. Der Gargoyle befand sich in seinem Zimmer!

David musste handeln. Schnell! Was sollte er tun? Und was würde das Wesen machen, weil es den Raum leer vorfand?

Er zögerte nicht länger, stürzte zur Tür, riss sie auf und sperrte sie hinter sich ab. Dann presste er den Rücken gegen das Holz. Sein Puls hämmerte in den Schläfen, er atmete hektisch. Im Zimmer war es stockdunkel, da Granny die Vorhänge zugezogen hatte.

»Ich weiß, dass du hier bist«, sagte er bebend. »Bitte zeige dich mir endlich.« Oder ich werde noch verrückt.

Nichts geschah. Alles war still.

David erwartete, jeden Moment eine Berührung zu fühlen, zumindest einen Lufthauch, wenn das Wesen an ihm vorbeistrich.

Nichts.

Tränen füllten seine Augen. Spielte ihm seine blühende Fantasie einen Streich?

Da hörte er das leise Knacken, das die Verbindungstür verursachte, wenn sie geöffnet wurde. Verdammt, David hatte nicht bedacht, dass der Gargoyle durch den angrenzenden Ankleideraum und das Badezimmer fliehen konnte!

Er sah nur einen Ausweg, eine letzte Chance, das Wesen zu sehen.

Es hat mich schon einmal beschützt, dachte er. Gargoyles sind Wächter …

So schnell er konnte, eilte er auf sein Fenster zu. Dabei stieß er gegen den Stuhl, der scheppernd zu Boden fiel.

Verflucht, das hatte wehgetan. Immerhin wusste er jetzt, dass er nicht träumte.

»Wenn es dich nicht gibt«, krächzte er, »wenn ich mir deine Anwesenheit nur einbilde, dann bin ich verrückt. Man wird mich in eine Anstalt sperren. Dann möchte ich nicht mehr leben.«

Er riss die Vorhänge zur Seite und mattes Licht drang in sein Zimmer. David wagte nicht, sich umzublicken. Was, wenn dort tatsächlich niemand war und er wirklich wahnsinnig wurde?

Seine Knie schlackerten so stark, dass er es fast nicht schaffte, auf das Fensterbrett zu steigen. Mit zitternden Händen öffnete er die großen Scheiben und starrte zwei Stockwerke hinunter auf den schmalen Vorgarten. David war nicht schwindelfrei, aber im Halbdunkel wirkte die Höhe geringer.

Seine Finger krallten sich in den Rahmen. Wo zur Hölle blieb dieser Gargoyle? War er vielleicht längst weg?

Ein Passant eilte vorbei, bemerkte ihn dort oben jedoch nicht. Hinter einigen Fenstern brannte Licht, allerdings waren sie wegen der staubigen Sommerhitze, die in den Straßen hing, geschlossen. Die Anwohner öffneten über Nacht lediglich die Fenster, die nach hinten zeigten, in die Höfe und großen Gärten.

»Wenn ich springe«, sagte er mit zitternder Stimme, »lande ich auf dem spitzen Metallzaun, dessen Streben meinen Körper durchbohren würden. Ein sicherer Tod.«

David schaute nach oben, auf die Dächer der gegenüberliegenden Häuser. Für ein Wesen mit Schwingen und Krallen wäre es ein Leichtes, über die Dächer zu entschwinden. Gemeinsam mit David hatte das der Gargoyle bereits gemacht. Das hatte er sich gewiss nicht eingebildet!

Er trat noch einen Schritt vor. Warmer Sommerwind strich um seine Beine und zerrte an den Hosen. David fühlte, dass er nicht allein war. Dieses Wesen war hier, beobachtete ihn. Dessen Blicke brannten in seinem Nacken.

David rutschte weiter an die Kante, bis seine Schuhspitzen darüber ragten. Ihm wurde schwindlig, als er erneut nach unten sah. Die scharfkantigen Streben des Zauns schienen nach ihm zu greifen, ihn zu locken. Er brauchte sich nur fallen lassen und alles hätte ein Ende. Seine Finger krallten sich fester in den Rahmen, doch dann ließ er ihn los.

Hier ist jemand. Ich bin nicht verrückt, bin nicht verrückt, bin nicht verrückt! Leicht geriet er ins Wanken. Hilfe, was machte er nur? Er würde tatsächlich fallen!

Der Abgrund drehte sich, ihm wurde schwindlig. Hektisch versuchte er nach dem Fensterrahmen zu fassen – sein Griff ging ins Leere.

Plötzlich riss ihn jemand zurück ins Zimmer. Er fiel nach hinten, landete aber nicht hart, sondern lag auf jemandem! Davids Herz raste, als er auf die Hand starrte, die sich gegen seine Brust presste. Die Finger waren lang und schlank, bloß anstatt Fingernägeln besaßen sie kurze Klauen. Der Arm war nackt und nur spärlich behaart.

David lag da wie erstarrt. Er fühlte die Hitze der anderen Gestalt an seinem Rücken, vernahm die keuchenden Atemzüge der Kreatur in seinem Haar. Das Wesen musste seinen Herzschlag spüren, ebenso wie sich David einbildete, dass dessen Herz gegen seinen Nacken ratterte.

Er war nicht verrückt!

»Bitte hab keine Angst«, flüsterte die Gestalt an seinem Ohr.

»Ich habe keine Angst«, erwiderte David erleichtert, obwohl seine Stimme zitterte. Er konnte es kaum glauben. Endlich, nach so vielen Jahren, würde er seinen Schutzengel sehen.

Zögerlich berührte er die Hand, die sich an seine Brust drückte. Die Haut war warm und fühlte sich nicht anders an als bei ihm. Der Unterarm war fest, schlank und sehnig. Eine beinahe gewöhnliche Männerhand, wären die Krallen nicht gewesen, die allerdings keinen bedrohlichen Eindruck auf ihn machten. Der Gargoyle hatte sie eingezogen, um ihn nicht zu verletzen. Wie dicke, verhornte Fingernägel sahen sie aus.

David drehte den Kopf zur Seite. Er war zu gespannt, wer ihn hielt. Er fürchtete sich, doch die Neugier überwog.

»Nein!« Die Stimme klang panisch und ein leichtes Grollen schwang darin mit. »Dreh dich nicht um!«

»Warum?« Hastig ergriff er das Handgelenk des Wesens, weil er spürte, dass es sich von ihm lösen wollte. Aber solange David auf ihm lag, würde ihm das nicht gelingen, oder? Wie stark war ein Gargoyle?

»Ich will dich nicht erschrecken«, wisperte das Wesen.

»Das werde ich nicht.« David hatte in seiner Fantasie die hässlichsten und bösartigsten Figuren erschaffen. Konnte die Realität da mithalten? Außerdem hatte er den Gargoyle bereits zwei Mal gesehen. An dem Tag, als seine Eltern starben, und in der Kirche. Er wirkte keineswegs furchteinflößend – im Gegenteil. Bei der Erinnerung an sein erschrockenes Gesicht spürte David eine seltsame Wärme in sich aufsteigen.

»Du darfst mich nicht sehen. Wir dürfen uns den Menschen nicht zeigen.«

»Wieso kommst du dann seit Jahren zu mir?«

Die Kreatur entzog ihm die Hand, aber David drehte sich schnell auf dem warmen Körper herum und starrte in ein Paar aufgerissener Augen, die ihn an eine Katze erinnerten.

Der Gargoyle schlug sich die Hände vors Gesicht. »Sieh mich nicht an!«

»Wieso denn nicht?« David fühlte seine Verzweiflung, spürte das Beben seines Körpers.

»Ich bin hässlich.«

Diesmal ergriff David beide Handgelenke und drückte die Arme des Geschöpfes neben dessen Kopf. Er schaffte es ohne Gegenwehr. Kurze dunkle Haare kamen zum Vorschein, spitz zulaufende Ohren und … ein sehr menschliches, ebenmäßiges Gesicht, das beinahe schön zu nennen war, bis auf das raubtierhafte Gebiss. Die Kreatur glich nicht im Entferntesten dem Gargoyle mit der grausigen Fratze.

Der Mann drehte den Kopf zur Seite, die Lider zusammengekniffen. Er atmete schwer. David spürte seinen harten Bauch durch sein Hemd und die Hitze, die er verströmte. Wie wunderschön er war. Und so lebendig.

Für David war das keine Bestie. Fasziniert schaute er auf die Oberarmmuskeln dieses Geschöpfes. Deren Kraft war nicht zu übersehen. Für den Gargoyle wäre es leicht, David von sich zu schubsen. Dennoch tat er es nicht, sondern blieb weiterhin liegen.

Langsam löste David seinen Griff und bemerkte jetzt die mächtigen, ledernen Schwingen, auf denen der Gargoyle lag. David hatte sie auf dem dunklen Boden erst nicht erkannt. Behutsam ließ er die Fingerspitzen darüber gleiten. Sie fühlten sich glatt und warm an. Wie die Haut einer Schlange.

Keuchend stieß der Gargoyle die Luft aus, hielt aber die Augen weiterhin geschlossen. Sein Kinn zitterte.

David streichelte ihm über die Wange. Er spürte keine Bartstoppeln. Auch auf der Brust wuchs kein Haar.

Plötzlich fletschte der Gargoyle die Zähne und warf David von sich. Mit dem Rücken wurde er in die Matratze seines Bettes gepresst. Wie unglaublich stark er war!

Was passierte jetzt? Würde er ihn angreifen?

Der Gargoyle sprang auf und drückte den Rücken gegen die Zimmertür, das Gesicht wie vor Schmerz verzerrt, wobei die Eckzähne im schwachen Licht aufblitzten. »Hast du genug von dem Monster begafft?«, knurrte er.

»Du bist doch kein Monster«, erwiderte David und setzte sich auf, obwohl er all die Jahre selbst von ihm als Ungeheuer gesprochen hatte. Sein Puls klopfte hart in den Schläfen. Träumte er das alles wirklich nicht? »Du bist … ein Wunder.«

Die spitzen Ohren der Gestalt zuckten. Der schmerzhafte Ausdruck verschwand und wich einer ungläubigen Miene. Seine Stimme wurde sanfter. »Verspotte mich nicht.«

»Keineswegs.« Langsam rutschte er vom Bett und ging auf das Wesen zu, das sich gegen seine Tür presste.

Es war einen Kopf größer als David und trug nur einen zerschlissenen Lendenschurz, der knapp die Hälfte der muskulösen Oberschenkel bedeckte. Statt Zehennägel besaß die Gestalt auch Klauen. Das Erstaunlichste waren die großen, lederartigen Schwingen, die das Geschöpf zitternd um sich schlang. Diese Schwingen hatte er für einen Mantel gehalten. Wieso fürchtete sich solch ein starkes Wesen vor ihm? Oder war es ebenso aufgeregt wie er?

»Ich habe gesehen, wie du mich gestern angestarrt hast, bevor ich …« Der Gargoyle biss sich auf die Unterlippe. »Ich dachte, du fürchtest dich vor mir.«

David blieb knapp vor ihm stehen. »Da wusste ich noch nicht, dass du ein Gargoyle bist und keine bösen Absichten hegst.«

Die katzenhaften Augen wurden groß. »Ich würde dir nie schaden!«

Magisch wurde David von ihm angezogen. Er musste näher, wollte wieder diese glatte Haut spüren. »Warum hast du mich gerettet, warum besuchst du mich? Ich habe so viele Fragen an dich.«

Der Gargoyle ließ den Kopf sinken und erwiderte leise: »Gestern habe ich gewusst, dass du mir folgst. Ich wollte dich sehen, dich nah bei mir haben, mich dir offenbaren – aber dann verließ mich der Mut. Wie so viele Male zuvor. Ich hatte Angst, du würdest dich zu Tode fürchten. Nie werde ich den Ausdruck in deinen Augen vergessen, als du mich zum ersten Mal sahst.«

Vorsichtig machte David einen weiteren Schritt auf ihn zu. Beinahe berührten sie sich. »Warst du deswegen so oft in meinem Haus? Um dich zu zeigen?«

»Um dich zu sehen«, flüsterte er.

»Warum hast du so viele Jahre gewartet, mit mir zu sprechen? Wenn ich nicht …« David holte tief Luft und lächelte. »Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.«

»Uns Gargoyles ist es verboten, sich euch Menschen zu zeigen.«

Das hatte Vater auch gesagt, daher hatte er sich bei seinen Nachforschungen schwer getan. Gargoyles lebten im Verborgenen, beschützten die Menschen, weil es ihnen ein dringendes Bedürfnis war und nicht, weil sie dafür bezahlt wurden.

Obwohl David so viele Fragen hatte, verblassten diese im Angesicht des interessanten Geschöpfes. Kein Wunder, dass Vater von diesen Wesen fasziniert war. Er musste jedoch einen Gargoyle gekannt haben, ansonsten hätte er niemals so viel herausfinden können. Wenn David damals besser zugehört hätte! Und wenn er den Code wüsste, um die Aufzeichnungen zu entschlüsseln … Vielleicht könnte er Vaters Forschungen weiterführen?

Plötzlich brannte David darauf, alles über dieses Wesen zu erfahren. »Verrätst du mir deinen Namen?«

Nach kurzem Zögern sagte es »Zahar«, wobei es das R rollen ließ. Seine Stimme klang dunkel und brachte wohlige Schauer über Davids Körper. Er war jetzt schon gefangen von diesem Geschöpf. Er wollte es zeichnen, es ausfragen, seine Geschichte aufschreiben. Und es besser kennenlernen.

»Zahar«, wiederholte David. »Den Namen habe ich noch nie gehört.«

»Er bedeutet Morgendämmerung.«

»Ein schöner Name.« David stand nun so dicht vor ihm, dass er nicht weiter zurückweichen konnte.

»Bitte komm mir nicht zu nah«, wisperte der Gargoyle, ohne ihn anzusehen. »Ich stinke.«

Respektvoll trat David einen Schritt zurück. Zahar fühlte sich unwohl.

»Du kannst ein Bad nehmen.« David wollte nicht, dass der Gargoyle ihn verließ. Außerdem stank er nicht. Zahar roch nach Staub und Erde sowie einem animalischen Duft, der David schwindlig machte und ihn verrückte Dinge sagen und tun ließ. Immerhin hatte er zuvor einen fast nackten Mann berührt, als wären sie ein Liebespaar.

Bei dem Gedanken zuckte es in seiner Hose. Liebe Güte, was waren das für Gefühle? Er sollte so etwas nicht für einen Mann, für einen Gargoyle, empfinden, das war falsch. Verboten!

»Also stinke ich«, sagte Zahar niedergeschlagen.

»Nein! Du … riechst natürlich. Ich mag den Geruch«, antwortete er hastig. »Aber du darfst du dich gerne hier waschen, wenn du dich dann wohler fühlst.« Falls Zahar in dieser Kirche lebte, hatte er dort keine Möglichkeit, sich zu reinigen. Wovon lebte er überhaupt? Was aß er?

»Hast du Hunger?«, fragte David frei heraus.

Zahar nickte zögerlich, schaute ihm tief in die Augen und sagte mit dunkler Stimme: »Ich habe immer Hunger, David.«

Als er zum ersten Mal seinen Namen aus dem Mund des wundervollen Geschöpfes hörte, lief ihm ein wohliges Kribbeln über die Wirbelsäule, das sich in seinen Lenden sammelte und dort ein angenehmes Pochen hervorrief. Was passierte mit ihm? Worauf ließ er sich ein?

David wollte es herausfinden.

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Über Inka Loreen Minden

Inka Loreen Minden

Im Jahr 1976 erblickte ich in einem idyllischen Alpennest das Licht der Welt.
Nach dem Abitur bin ich mit meinem Mann nach München gezogen, wo wir uns pudelwohl fühlen. Dort habe ich ein paar Jahre als Zahntechnikerin gearbeitet.

Anfang 2008 machte ich mich als Autorin selbstständig.

Geschrieben habe ich schon, seit ich der deutschen Sprache in Schrift mächtig bin, doch zur Erotik bzw Romantasy kam ich erst 2006.
Seitdem veröffentliche ich unter dem Namen Inka Loreen Minden (und anderen Pseudonymen, je nach Verlag) spitzzüngige, witzige und/oder sinnliche Liebesgeschichten, gepaart mit prickelnder Erotik und natürlich einem Happy End.

Ständig werde ich gefragt, ob ich etwas von meinem eigenen Liebesleben preisgebe oder eigene Wünsche in meinen Texten verarbeite. Aber nehmen wir einmal an, ich schreibe einen Thriller über eine psychopathisch veranlagte Frau, die nachts durch die Straßen zieht und reihenweise Menschen abschlachtet – macht mich das zu einer potentiellen Killerin? Ich finde, man kann bei einer Horrorgeschichte oder einem brutalen Krimi genauso viel oder genauso wenig auf das Innenleben des Autors schließen, wie bei einer erotischen Geschichte.

Das wollte ich an dieser Stelle einmal loswerden. Gerade als Autorin erotischer Geschichten hat frau oft mit Vorurteilen zu kämpfen. Schade eigentlich, denn es gibt doch kein schöneres Thema als die Liebe :-)

Aber das Wichtigste ist, dass es mir unwahrscheinlich großen Spaß macht, meine Gedanken auf Papier zu bringen und Euch daran teilhaben zu lassen!

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