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Der Rebell – Schattengrenzen II von Tanja Meurer

Der Rebell, ein Mystery Thriller von Tanja Meurer

Der 16-jährige Oliver und seine jüngeren Brüder Christian und Michael überleben die schlimmste Nacht ihres Lebens. Ihr Vater ermordet Mutter und weitere Geschwister. Das Motiv scheint auf der Hand zu liegen: Untreue.
Doch Oliver und seine Brüder wollen nicht daran glauben, insbesondere als auf Christian ein Anschlag verübt wird.

Fassungslos über die Tat und die Inaktivität der Polizei, suchen sie auf eigene Faust nach der Wahrheit und stoßen auf einen unheimlichen Gegner. Lediglich der unerfahrene Kommissar Daniel Kuhn steht ihnen bei. Zur selben Zeit werden mehrere Tote im Haus des einzigen noch lebenden Verwandten entdeckt. Die Leichen liegen bereits seit 70 Jahren dort. Die Fälle scheinen nichts miteinander zu tun zu haben, aber Olivers Neugier ist unstillbar. Er glaubt nicht an Zufälle und findet die Gemeinsamkeiten in beiden Fällen.

Doch ihre Gegner scheinen nicht unter den Lebenden zu weilen.

Produktinformation

  • Broschiert: 519 Seiten
  • Verlag: At Bookshouse Ltd. (September 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 9963722504
  • ISBN-13: 978-9963722501
  • Größe und/oder Gewicht: 19 x 12 x 4 cm

Leseprobe aus “Der Rebell – Schattengrenzen II”

Blutnacht

Ihr hysterisches Lachen endete in ersticktem Röcheln. Die folgende Stille versetzte Oliver in abgrundtiefes Entsetzen.

Nur das Geräusch von Metall, das Knochen zersplitterte, drang zu ihm. Das Monster zerfleischte sie. Der Anblick brannte sich in seinen Verstand. Oliver stöhnte.

Seine Knie zitterten, zugleich fühlte sich sein Körper an, als würde Lava durch seine Adern strömen. Er kauerte sich tiefer unter die Anrichte und presste seine Fäuste auf die Ohren. Sein Herz hämmerte gegen die Rippen. Ihm wurde schwindelig. Oliver biss auf seine Unterlippe. Er schmeckte Blut. Mühsam zwang er sich zur Ruhe. Er musste fliehen, die Polizei rufen, aber er konnte sich nicht regen. Er wagte nicht, ins Wohnzimmer zu spähen. Aber er musste, jetzt sofort, bevor auch er starb.

Vorsichtig sah er über die Küchenplatte.

Noch immer rammte dieser Wahnsinnige sein Messer in ihren Leib. Deutlich hörte er, wie die Spitze sich in den Boden bohrte.

Der Körper seiner Mutter lag vor der Terrassentür. Ihr Blut tränkte den hellen Teppich.

Sein Vater kauerte wie ein Nachtmahr über der Masse aus zerschnittenem Gewebe und zerhackten Knochen. Er hob sich deutlich gegen die hellen Gardinen ab. Schwarzgrauer Dunst kräuselte sich um ihn.

War das die brennende Zigarette seiner Mutter? Oliver reckte sich vorsichtig. Dafür war der Rauch zu dunkel. Oder täuschte er sich? Mit zitternden Fingern klammerte er sich an die Küchenplatte.

Er würgte.

Sein Vater, oder wer immer dieses Wesen sein mochte, hatte den Verstand verloren. Er war kein Mensch mehr. Als er die Waffe hochriss, spritzte Blut auf Glas und Gardinen.

Olivers Mageninhalt schoss hoch. Er stieß ein unartikuliertes Geräusch aus und presste die Kiefer aufeinander. Zu spät. Würgend erbrach er sich.

Verdammt, er fühlte sich unendlich schwach. Er musste weg. Seine Muskeln protestierten.

Unsicher kroch er aus seinem Versteck, rappelte sich auf und eilte auf den Flur hinaus. Flucht war seine einzige Chance, wollte er überleben. Er trug keine Schuhe. Trotzdem kamen ihm seine Schritte viel zu laut vor. Sein Vater würde ihn hören und er wäre tot, bevor er die Haustür erreichte.

Ein Wutschrei, vermischt mit entsetzlicher Verzweiflung drang aus dem Wohnzimmer. Einen Herzschlag später vernahm er den schweren Gang seines Vaters.

Sein Vater war nicht mehr er selbst. Er hörte ihm nicht mehr zu. Dem durchtrainierten, cholerischen Mann hatte Oliver nichts entgegenzusetzen. Nur Schnelligkeit konnte ihn retten.

Die Kisten und Koffer seiner Mutter standen noch im Flur. Sein Lauf wurde zu einem einzigen Ausweichmanöver. Verflucht! Genauso gut hätte der Ausgang einen Kilometer entfernt sein können.

»Olli …«

Die weinerliche Stimme seiner kleinen Schwester drang aus dem ersten Stock.

Elli? Sein Herz verkrampfte sich. Er konnte nicht weg. Elli, die Zwillinge und der kleine Marc waren noch im Haus.

Ihn trennten noch fünf oder sechs Schritte von der Haustür.

»Olli.« In Ellis hysterischem Quietschen lag panische Angst, das Entsetzen, das er verspürte.

Er musste seine Brüder und Elli in Sicherheit bringen.

Abrupt änderte Oliver seine Richtung und rutschte weg. Mit rudernden Armen kämpfte er um sein Gleichgewicht. Er stürzte auf ein Knie. Schmerz zuckte durch sein Bein.

»Chris, Micha …«, keuchte er.

Er sah sich um.

Über den Wohnzimmerteppich huschten bizarre Schatten. Schwere Schritte näherten sich. Olivers Herz raste.

Hass und Verzweiflung vereinten sich im Gebrüll seines Vaters. Die Stimme klang fremd in seinen Ohren. Begriff er, was er getan hatte? Nein, sicher nicht. Dieses Tier hatte keine Gefühle.

Oliver schauderte. Er versuchte, auf die Füße zu kommen. Sein verletztes Knie gab unter der Belastung seines Körpers nach. Ein scharfer Stich trieb ihm Tränen in die Augen. Ärgerlich biss er die Zähne zusammen. Beim Boxen hatte er mehr weggesteckt.

Sein Atem stockte. Das Ungeheuer stand im Türrahmen des Wohnzimmers. Rauchschleier umwehten ihn.

Oliver wich zurück.

Diese Augen – sie schienen zu glühen. Das Monster verengte sie zu Schlitzen. Aus Bart und Haar troff Blut. Er fuhr sich durch das Gesicht und hinterließ einen schmierig roten Film auf seiner Wange. Tränen spülten helle Spuren in seinen maskenhaften Ausdruck.

In der Rechten hielt sein Vater das lange Jagdmesser. Rauch umwaberte die Klinge. Er schmetterte die Glastür gegen die Wand. Tausend Splitter fegten über die Fliesen.

»Vater …«

Oliver wich zur Treppe zurück.

Einen grotesken Moment entspannte sich die maskenhafte Mimik seines Vaters, die entstellten Züge erschlafften. Es hatte den Anschein, als würde er den Griff um die Waffe lockern.

Regte sich doch ein Hauch Menschlichkeit in ihm?

»Olli …«

Elli, schweig!

Das Gesicht seines Vaters verzerrte sich erneut. In seinem Blick glomm Erkennen, als habe er begriffen, was der eigentliche Grund seiner verzehrenden Wut war.

Elli war die Nächste.

»Lauf, Elli!«

Splitter knirschten unter den Sohlen seines Vaters.

Oliver spürte seine Nerven bis in die Fingerspitzen elektrisieren. Entsetzt fuhr er herum.

Betäubender Schmerz explodierte in seinem Knie. Er humpelte, so schnell er konnte, die Stufen hinauf.

Die Holzkonstruktion bebte unter ihm.

»Micha, Chris, bringt Elli und Marc raus.«

Geländer und Treppe zitterten. Vater!

Er nahm sich nicht die Zeit, zurückzusehen. »Raus hier!«

Er hörte nur Ellis hysterisches Weinen. Von den Zwillingen vernahm er keinen Laut. Tränen der Verzweiflung rannen über sein Gesicht.

Vater holte ihn unweigerlich ein und seine Geschwister verließen sich blind auf ihn. Mit beiden Händen zog er sich am Geländer hoch.

Die Luft brannte in seinem ausgetrockneten Hals, sengte durch seine Lungen. In seiner Seite erwachte stechender Schmerz. Hinter sich hörte er keuchende Atemzüge.

Gleich hatte er ihn.

Oliver wollte rennen. Sein Bein protestierte. Er versuchte, es zu ignorieren. Sein Vorsprung schmolz.

Das Monster war direkt hinter ihm.

Etwas Kaltes fuhr ihm über Schulter und Rücken. Oliver hetzte über die letzte Stufe, glitt aus und fiel.

»Scheiße.«

Er fing sich ab und rollte zur Seite.

Sein Vater war über ihm.

Der Dolch kratzte unkontrolliert über das Holz und zog eine tiefe Furche in den Lack.

Ohne nachzudenken, riss Oliver seinen Ellbogen hoch. Das Messer polterte ein paar Stufen hinab.

Ein Hieb traf ihn unter dem Auge, sein Kopf schlug hart auf den Boden.

Im letzten Augenblick konnte er sich dem Griff seines Vaters entwinden, rutschte dabei über den Treppenabsatz, dessen Kante sich in seine Wirbel bohrte. Eine Faust traf ihn gegen die Brust und trieb ihm alle Luft aus den Lungen. Lichtblitze zuckten hinter seinen Lidern. Er erwartete die nächsten Schläge, die ihm sämtliche Knochen brechen würden. Sie blieben aus.

Die Treppe bebte. Oliver stemmte sich hoch.

Ein paar Stufen unter ihm lauerte sein Vater, sprungbereit, das Messer in der Hand. Ein unmenschliches Grollen drang aus seiner Kehle.

Oliver wollte zurückweichen. Sein Körper versagte.

Das Monster würde von unten zustoßen und ihn vom Bauch bis zur Kehle aufschlitzen.

Sein Vater duckte sich wie ein Panther vor dem todbringenden Sprung.

Weg! Nein. Er musste sich wehren, ihn die Stufen hinabstoßen. Jetzt oder nie.

Oliver klammerte sich an das Geländer und zog die Beine an. In diesem Moment stürzte sich sein Vater auf ihn. Oliver trat mit aller Kraft zu. Sein Vater stolperte rückwärts, kämpfte um sein Gleichgewicht und stürzte die Treppe hinunter.

Oliver rutschte in den Gang zurück, stand auf und lehnte sich zitternd an die Wand.

Außer Gefahr waren sie noch lange nicht. Die Konstitution Vaters überstieg seine bei Weitem. Was würde passieren, wenn dieser Irre hier oben ankam? Er wollte sich davon keine Vorstellung machen.

Die Konstruktion bebte unter den wuchtigen Tritten seines Vaters. Richtig vermutet. Der Kerl gab nicht auf.

Dieser Mann war ein Tier, das keine Schmerzen mehr fühlte.

Ihm musste etwas einfallen … irgendetwas.

Sein Vater kam herangestürmt, die Klinge stoßbereit. In seinen Augen lag nicht das geringste Erkennen.

Olivers Herz zog sich zusammen.

Leben oder sterben? Die Antwort stand außer Frage.

Er würde nicht kampflos aufgeben.

Sein Vater hatte ihn beinahe erreicht. In direktem Stoß zuckte die Klinge in Olivers Richtung.

So nicht.

Bei seiner heftigen Attacke bot Vater offene Angriffsfläche. Oliver zog sich am Geländer hoch und rammte ihm erneut beide Füße vor die Brust. Betäubender Schmerz schoss durch Bein und Rücken.

Wieder polterte es, als der Irre die Stufen hinabtaumelte.

Oliver wurde schwarz vor Augen. Hinter seinen Lidern flimmerte grauer Nebel, der sich kaum wegblinzeln ließ.

Dafür hatte er keine Zeit.

Gott, wenn es dich gibt, hilf mir.

Langsam gewann die Wirklichkeit wieder Konturen. Das Messer lag auf einer der Stufen unter ihm. Der Abstand zu seinem Vater hatte sich erheblich vergrößert. Verbissen klammerte sich der Irre an dem Handlauf fest. In seinen Augen funkelte pure Mordlust.

Wie Jack Nicholson …

Hektisch wirbelte Oliver herum und sprang in den Flur.

»Olli?«

Entsetzt zuckte er zurück, bevor er seinen Bruder umrannte.

Einer der Zwillinge stand auf dem Gang vor Marc und Ellis Tür – Michael. Er weinte stumm. In seinen Fingern hielt er einen Schirm, den er als improvisierte Waffe schwang. Panische Angst flackerte in seinen hellen Augen. Trotzdem sah er Oliver entschlossen entgegen. Unsanft schubste er seinen kleinen Bruder in sein Zimmer zurück. Gegen das Licht der Straßenbeleuchtung erkannte er die Silhouette Christians, der sich mit einem kleinen Holzhammer bewaffnet hatte. Instinktiv sprang er Michael und Oliver an.

»Raus hier!«, brüllte er mit überschnappender Stimme.

Aus der Abwehrbewegung stieß Oliver seinem Bruder die Hand vor die Brust. Der Junge prallte zurück.

»Olli, was ist?«

Keine Zeit zu reagieren.

Auf der Treppe hörte er bereits seinen Vater wieder.

»Klettert aus dem Fenster auf die Garage! Ich hole Marc und Elli.«

Die Augen Christians weiteten sich fragend.

»Aber …«

Hinter ihnen polterte es im Treppenhaus. Panik rann glühend durch seine Adern.

»Flieh mit Micha! Ruft die Polizei!«

Ohne auf eine Antwort zu warten, zog er die Tür des Zimmers hinter sich zu und stürzte in den Nebenraum. Elli kam ihm weinend entgegengelaufen. Seine kleine Schwester klammerte sich an ihn. Oliver befreite sich unsanft. Er warf hinter sich die Tür ins Schloss. Aus dem Zimmer der Zwillinge hörte er, wie das Fenster geöffnet wurde. Schritte im Kies auf der Garage. Einen Augenblick später folgte ein Schmerzensschrei aus dem Garten.

Erleichtert atmete er auf. Nun musste er nur noch Marc und Elli nach draußen bringen.

Bevor er den Gedanken in die Tat umsetzen konnte, prallte sein Vater gegen die Tür. Das Schloss hielt dem ersten Ansturm stand – Gott sei Dank.

Ein weiteres Mal würde seinem Vater dieser Fehler nicht unterlaufen. Oliver stemmte sich gegen das Türblatt. Panisch tastete er nach dem Schlüssel.

Er fehlte.

Verdammt …

Hitze und Kälte rannen durch seine Adern.

Sein Vater drückte die Klinke hinunter.

Wenn sich der Mann dagegen stemmte, war Oliver geliefert. So viel Kraft hatte er nun auch wieder nicht.

»Nimm Marc und versteck dich«, hauchte er.

Elli schüttelte vehement den Kopf. Sie krallte sich in seine Hose und rieb ihr fiebriges, feuchtes Gesicht an seinem Bein. Tränen rannen über ihre Wangen. Mit beiden Händen umklammerte sie seinen Oberschenkel.

»Elli, weg!« Er versuchte, sich von ihr zu befreien.

Ihm blieb nicht die Zeit, etwas zu unternehmen. Sein Vater warf sich erneut gegen die Tür. Holz splitterte.

Ich bin tot, wir alle sind tot.

Der Rebell von Tanja Meurer
Der Rebell von Tanja Meurer

Die Wucht katapultierte Oliver durch den halben Raum. Er riss seine kleine Schwester von den Füßen und begrub sie unter sich. Elli schrie vor Schmerzen und Angst auf. Erschrocken rollte er sich herum und drückte sie von sich aus der Reichweite seines Vaters.

Der Anblick des blutigen Riesen raubte ihm allen Mut. Wie gelähmt starrte er seinen Vater an.

»Nicht. Marc und Elli sind Kleinkinder, du darfst sie nicht töten.«

Sein Vater war mit einem Sprung bei ihm. Mit einer Hand griff er in Olivers lange Locken und verkrallte sich darin.

»Nicht …«

Stechender Schmerz zuckte durch Olivers Kopfhaut in seinen Nacken. Brutal riss sein Vater ihn herum und stieß ihn gegen Marcs Bettchen.

Kein Geschrei von Marc?

Oliver verlor den Gedanken, als er zu Boden fiel. Ihm wurde schwindelig und schlecht. Ein Faustschlag traf ihn zwischen den Schulterblättern. Er hörte seine Knochen brechen, während alle Luft aus seinen Lungen getrieben wurde.

Oliver nahm nur noch wenig durch die wirbelnden Nebel seiner Erschöpfung wahr. Alle Empfindungen sanken zu einem betäubenden Nichts herab. Konnte man sich an Schmerzen gewöhnen? Der Gedanke entglitt ihm. Schwach bemerkte er, wie sich Elli an ihn krallte. Ihre Stimme krähte heiser … warum schrie Marc nicht?

Kleine, heiße Kinderhände suchten nach Halt. Oliver zog sie eng an sich heran. Sie wagte nicht, irgendeinen Laut zu verursachen. Das bebende heiße Bündel Mensch in seinen Armen war voller Leben und Angst.

Noch.

In der Sekunde drang die Klinge in sein gebrochenes Schulterblatt. Der Schock benebelte seinen Schmerz, nur um einen Herzschlag später doppelt stark zu explodieren. Er schrie. Es klang fremd in seinen Ohren. Ellis dünnes Weinen mischte sich in seine Stimme. Keuchend vergrub er sein Gesicht in ihrem Haar. Vor seinen Augen tanzten Blitze. Etwas rauschte. War das sein eigenes Blut? Das Geräusch war so laut, dass es Elli übertönte und ihn in einen grauen Strudel aus Erinnerungslosigkeit reißen wollte.

Elli, kleine Elli …

Sein Vater zerrte ihn an seinen Haaren hoch.

Der Schrei seiner Schwester drang tief in sein Herz. Oliver klammerte sich an sie.

Sein jüngster Bruder lag vollkommen ungeschützt in seinem Bett. Er war ein leichtes Opfer.

Oliver tastete nach Marc. Seine Finger umklammerten das Holzgitter und berührten Marcs winzige Füße. Der Kleine war ihm so nah, zugleich aber unendlich weit entfernt.

Oliver erschrak, so weit es seine Erschöpfung noch zuließ, über die Bewegungslosigkeit seines Bruders.

Warum schrie Marc nicht? Warum strampelte er nicht? Tot …

Oliver konnte diesen Gedanken nicht festhalten. Instinkte verdrängten den Verstand.

Fort.

In einem letzten Aufbäumen warf er sich nach vorne. Er spürte seine Haare büschelweise ausreißen.

Dumpf und fern fühlte sich der Schmerz an – fremd.

Er fiel hart zu Boden, wobei er den weichen Körper Ellis unter sich begrub. Seine Schwester schrie und weinte nun ungehemmt. Er hörte schwach ihren rasselnden Atem.

Ich tue ihr weh. Warum lasse ich es nicht zu, als sie noch länger zu quälen?

Verzweifelt rang Elli unter ihm nach Luft. Mit ihren kleinen Ärmchen kämpfte sie gegen sein erdrückendes Gewicht an. Mühsam zog er die Beine an den Leib. Es kostete ihn unendlich viel Kraft. Sie bekam dadurch etwas mehr Freiraum.

Das Messer traf ihn wieder. Nicht tief.

Sein Vater zog es aus seinem Körper. Eine Woge betäubender Erleichterung raste durch seinen Verstand, nur um erneut in Agonie zu explodieren, als die Klinge wieder in ihn eindrang, wieder, wieder.

Er glaubte, die Schmerzwellen zu fühlen, die durch seine Nerven bis in seine Fingerspitzen schossen. Seine Welt versank in blutigen Schleiern und panischer Angst, während er Elli unter sich barg.

All seine Empfindungen stumpften ab.

Der letzte Gedanke galt seinem Vater.

Warum?

Erwachen

Grellweißes Licht flackerte, sodass alle Bewegungen abgehackt wirkten, wie bei einem Stop-Motion-Film oder den typischen asiatischen und amerikanischen Horrorfilmen – The Ring. Am meisten erinnerte es an diesen Film.

Bizarr.

Wände und Möbel waren überblendet. Lediglich die groben Konturen flackerten schwarz auf. War das das Kinderzimmer von Marc?

Scheinbar, nur in schwarz-weiß und mit einem ordentlichen Elektro-Problem. Sein Gitterbett stand in der Wandnische vor dem Wickelschrank. Das Mobile mit den Piraten hing direkt darüber. Allerdings bewegte es sich nicht. Normal drehte es sich durch den geringsten Luftzug.

Was ging hier vor sich? War das ein Traum?

Nie zuvor hatte er ohne Farbe geträumt.

Finger krallten sich in seine Brust. Er fuhr zusammen. Es tat nicht weh. Wer …? Elli?

In abgehackten Bewegungen legte sie den Kopf schräg und blinzelte. In ihren riesigen, schwarzen Augen lag Verwirrung. Sie rüttelte ihn?

Er war doch wach … oder? Nein, die Welt war nicht schwarz-weiß. Er krampfte die Hände. Sie drangen in die schwammig feuchte Materie des Teppichs ein. Was stimmte hier nicht?

Ein Traum konnte es nicht sein. Etwas war geschehen, aber was?

Die Gedanken funktionierten wie Sirup, klebrige Masse, die ihn behinderte. So fühlte es sich nicht einmal an, wenn er Kopfschmerzen hatte.

Elli?

Er streckte den Kopf. Seltsam. Wann hatte er sich auf den Rücken gelegt? … Warum lag er in Marcs Zimmer?

Der raue, nasse Flokati rieb über seine Haut. Haut? Wo war sein Pulli?

Pulli? Ein Anhaltspunkt. Er hatte einen getragen – den Bandpullover von Slime, oder? Pulli gleich kalt, besonders bei dem Ding. In dem hielt man es nur bei klirrender Kälte aus. Dann musste es Winter sein.

War es so? Seine Erinnerung stockte. Es fühlte sich nach einem ruckenden Motor an. Dumpfes Vorankriechen und unvermeidliche Stopps. Winter war aber auch ein guter Stichpunkt. Winter … Weihnachten?

Nicht ganz. Da klingelte nichts. Winter … Marc? Ein schwaches Echo kam zurück. Etwas war mit Marc. Wahrscheinlich lag er deshalb hier.

Hatte sich der Kleine erkältet? Grippe?

Er lauschte in sich. Kein Echo.

Krank? Offenbar war er krank … ja, richtig. Notarzt. Er hatte vorhin mit dem Arzt gesprochen. Aber warum … Der Gedanke verwehte.

Elli kletterte über ihn. Er sah an sich herab. Sie sagte nichts, rollte sich nur auf seiner Brust zusammen. Wie klein sie doch noch war, viel zierlicher als andere Mädchen in ihrem Alter. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie keine Deutsche war. Dieses süße, liebe, kleine Ding.

Zärtlich vergrub er seine Finger in ihrem Haar. Dunkle Locken. Sie war ihm so wenig ähnlich und doch war sie seine Schwester. Sacht nahm er sie in die Arme und drückte sie.

Mein kleiner Liebling. Ellis Wange rieb sich an seiner Schulter. Klamme Feuchtigkeit verteilte sich zwischen ihrer weichen Haut und seiner. Weder Kälte noch Wärme gingen von ihr aus. Verwirrt nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände und hob es.

Sie weinte. Dunkle Tränen zuckten in Stop-Motion über ihre zerschnittenen Wangen auf seine Brust, seinen Hals.

Dort, wo ihre Augen waren, klafften tiefe Löcher.

Erstickende Panik flutete über ihm hinweg. Sein Herz schlug schmerzhaft. Diese Nacht – sie waren tot, alle. In seinem Kopf staute sich etwas, das sich mit Druck aus seinem Schädel befreien wollte. Wieder fehlte der Schmerz. Zugleich piepte und tickte etwas. Er hörte ein unidentifizierbares Rascheln und Stimmen. Kälte flutete über ihm zusammen. Sie stach tief in seine Haut, durch seine Nerven, bis hinter seine Augen.

»Verdammt, bleib da!«

Die Stimme war fremd. Ihre gellende Intensität steigerte sich zu einem unerträglichen Kreischen. Zusammen mit den Schmerzen explodierte der Ton grell weiß.

Einen Augenblick später versank er wieder im Nichts.

Schwärze umgab ihn. Nein. Er hielt nur krampfhaft die Augen zusammengepresst. Vor was fürchtete er sich? Vor dem Anblick von Elli oder schlicht vor der Tatsache, dass sie alle tot waren? Angst? Wovor? Einer Leiche konnte nichts mehr passieren, schließlich waren sie nicht mehr an ihre Körper gebunden.

Unter sich spürte er noch immer den rauen Flokati. Er hob die Lider. Das weiße Flimmern erschreckte ihn nicht mehr. Schließlich kannte er es schon. Elli hockte neben ihm auf dem Teppich. Ihr kleines Gesicht sah schrecklich aus. Allerdings bot er sicher auch keinen hübscheren Anblick. Immerhin musste er aussehen wie wandelndes Hackfleisch.

Die Vorstellung war schräg. Wenn es nicht so ungerecht und boshaft gewesen wäre, ein absoluter Grund, zu lachen.

Mühsam stemmte er sich auf die Ellbogen. Es kostete Kraft. Warum? Er sollte doch keinen Körper mehr haben? So was nannte sich doch Geist. Oder wankte er nun als Zombie durch die Gegend? Dawn of the Dead lässt grüßen. Ich sollte mir die Scheiße nicht mehr anschauen. Wird auch schwer als Toter.

Innerlich musste er grinsen. Auch wenn das Haus stimmte, so würde sicher kaum etwas funktionieren. Weder Fernseher noch Telefone. Wen wollte er auch anrufen?

Klatschend schlug der sich gegen die Stirn. So ein Schwachsinn … Ektoplasma, oder wie das Zeug hieß, müsste ihm nun als Leib dienen. Okay, er sah eindeutig zu viel Horrortrash und las die falschen Bücher.

Er blinzelte.

Zeit sich umzusehen. Home sweet Home.

In dem ständigen Flackern erkannte er Marcs Zimmer wieder. Klar, hier war er gestorben. Hoffentlich beschränkte sich sein Bewegungsfreiraum nicht nur auf ein Kinderzimmer für einen Zweijährigen. Das wäre sonst die Hölle.

Das Mobile, all die Piratenposter, verschiedene Spielzeuge und vor allem die riesige grauweiße Plüsch-robbe Benni, deren eines Auge von einem verknoteten Taschentuch an einem Gummiband ersetzt wurde. Auf diese Weise musste das Himmelreich von Marc aussehen, seines sah anders aus. Er verdrehte sich den Hals. Gruselig. Das alles war eine Eins-zu-eins-Übertragung, nur spiegelverkehrt. Besonders grässlich war die wild gemusterte Tapete mit den hässlichen Figuren aus Cars. Zusätzlich wirkte das Zimmer heruntergekommen, vollkommen verrottet. Die Tapetenbahnen kräuselten sich. In langen, fahnenartigen Stücken löste sie sich von der Decke und gab Rohbeton und rostige Eisenmatten frei. Wasserflecke beulten die Autofratzen von Lightning McQueen und Lizzie aus.

Er erinnerte sich noch sehr genau an den Sonntag, den sie zum Vorbereiten des Zimmers veranschlagt hatten. Weil die Wandtattoos auf der Dispersionsfarbe nicht hielten, wie sie sollten, kam Michael mit einer Tube Sekundenkleber an. Zu viert, Vater, Micha, Chris und er, hatten sie den Raum dekoriert, ganze fünf Stunden nahmen diese blöden Aufkleber in Anspruch. Nun fand sich das ganze Cars-Universum doppelt und dreifach an der Tapete. Allerdings sah es so aus, als stoße diese andere Seite des Daseins alles Unnötige ab.

Er blinzelte. An sich wirkte alles alt und verrottet.

Langsam wälzte er sich auf die Seite und zog sich am Holzgitter des Kinderbettes auf die Füße.

Marc lag noch immer darin. Er schlief … nein, Unsinn, er war tot. Würde sich sein Kindergesichtchen, umrahmt von dem hellen Haar, gleich in das verwandeln, was es war? Die Totenmaske, mit der er gestorben war?

Elli zupfte an seiner Hand. Ihr Kopfschütteln war ein Stakkato. Sein Magen drehte sich um. Schrecklich.

Alle schönen Erinnerungen zersplitterten.

Er legte seine Hand auf ihren kleinen Kopf. Sofort beruhigte sie sich. Ihre Ärmchen umklammerten sein Bein. Sie schmiegte sich an ihn.

Sehr langsam, vorsichtig, streichelte er den steifen Kinderkörper. Er hatte fast etwas von einer Puppe. Ellis Plastikspielzeug fühlte sich kaum anders an.

Warum war Marc nicht hier? Marc, mein Kleiner.

Er wies auf ihn. Wusste sie etwas Genaueres?

Wahrscheinlich konnte Elli ihm die Frage auch nicht beantworten. Wie auch. Schließlich war sie ein Vorschulkind, das gerade erst niedergemetzelt worden war. Sie schüttelte den Kopf. Wieder dieses The Ring-Stakkato. Gruselig.

Er ging in die Knie. Wie auch sonst umschlang sie ihn fest. Er nahm sie auf die Arme. Ihre Finger zerrten leicht an seinem Haar. Sie verkroch sich. Diese Bindung zwischen ihnen war vielleicht dafür verantwortlich, dass sie hier zusammentrafen … oder nicht?

»Wenn wir die Einzigen hier sind, Kleines, dann ist es nicht schlimm, wir haben noch uns. Aber sicher ist Mama auch da. Sie wird sicher bei uns bleiben.«

Sie nickte schwach.

Er stand auf und sah zu Marc.

Glühende Augen blickten aus dem starren Kindergesicht zu ihm auf. Sie waren lebendig, wach, entsetzlich geweitet.

Oliver fuhr zusammen.

Marc senkte die Lider, bis seine Augen Schlitze waren. Zorn loderte darin, kalt und unerbittlich, so wie ihr Vater Elli betrachtet hatte. Er hasste.

Du bist auch da.

Das würde wirklich ein unangenehmes Miteinander werden. Er streckte seine Finger nach Marc aus. Im gleichen Moment streifte heiß feuchter Atem über seinen Rücken. Hitze, Kälte, hier? Bislang empfand er nur rudimentär …

Was war das?

Er fuhr herum. Gleichzeitig hörte er im Kinderbett Zähne aufeinanderschlagen. Er achtete nicht darauf.

Jenseits der Tür, auf dem Flur, wand sich etwas, ein Wesen, das von dem gleißenden Weiß immer wieder verschlungen wurde. Lediglich der pendelnde Schädel auf dem endlosen Schlangenhals flackerte kurz auf, bevor die Helligkeit ihn wieder verschlang.

Sie waren nicht allein, ganz und gar nicht. Was waren das für Geschöpfe? Rasch wirbelte er herum, zu Marc und prallte zurück. Sein Herz zog sich zusammen. Mit einem einzigen schmerzhaften Krampf entrang sich ihm ein kurzer Schlag. Zugleich brach ihm der Schweiß aus. Hitze und Kälte rannen durch seinen Körper.

Der Hintergrund dieser Stille, die ihm erst jetzt bewusst wurde, begann zu wispern, zu piepen. Hektische Aktivität erwachte aus dieser eigenartigen Welt … alles brach ab. Stille und das Flackern blieben und umgaben das Ding, das ihn aus dem Bett heraus angaffte.

Marc war kaum mehr ein Mensch. Das kleine Bündel erinnerte nur noch vage an seinen lustigen, kleinen Bruder. Auf allen vieren kauerte er wie ein Raubtier in seinem Bett und hielt die Augen zusammengekniffen, die bei jedem Flackern aufglühten. Seine Bewegungen wirkten abgehackt, ungelenk, doch auch flink. Sein weit auseinanderstehendes Kindergebiss hatte die Unterlippe zerbissen. Zwischen den Zähnen hingen Fleischfetzen. Er spannte sich …

Oliver taumelte zurück. Zugleich traf ihn ein einziger brutaler Hieb mitten in die Brust. Dann ein zweiter, ein dritter … es hörte nicht auf. Sein Brustbein brach unter der Attacke eines unsichtbaren Angreifers. Das Hämmern endete. Sein Brustkorb dehnte sich, als würde er mit Luft aufgepumpt …

Ein grausamer, unmenschlicher Schrei erklang. Das war wieder Marc, der die Stäbe herausriss und sich befreite.

Elli – ich musste sie schützen.

Sie löste sich aus seinem Arm, wirbelte um ihre Achse, wie eine fallende Katze und kam auf Händen und Füßen auf. Erneut hämmerte etwas auf seine Brust … Die Geräusche kehrten zurück, die Luftstöße, das Pumpen, die Schmerzen und die eisige Kälte. Er roch Blut und den stechenden Geruch nach Alkohol. Ihm wurde schlecht. Er würgte. Während grell weißes Licht sich gleißend in seinen Nerven ausbreitete, sie verbrannte, zerriss etwas in ihm. Ein Teil des Menschen in ihm blieb zurück, während sich der Schmerz in seiner Brust konzentrierte, bevor er in einer Lohe explodierte. Sein Herz begann zu schlagen. In der gleichen Sekunde umfing ihn die Finsternis.

Wind bewegte die Gardine vor seinem Fenster. Oliver sah in den Park hinaus. Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel herab. Trotzdem fror er in seinem T-Shirt. In den vergangenen Tagen waren die Temperaturen stetig gesunken. Es wurde Herbst, schließlich war es bereits Mitte September. Trotz des schönen Wetters wusste er, dass der Sommer vorbei war. Die Blätter verfärbten sich. Einige Bäume in den Anlagen der Reha-Klinik entlaubten bereits.

Draußen kratzte eine Harke über den fest gestampften Boden. Der Gärtner legte die Wege frei. Der Geruch feuchten Laubes und aufgeworfenen Erdreichs wehten herauf. Oliver mochte das Geräusch, etwas Beruhigendes ging davon aus.

Frau Richter redete mit ihm – oder nicht? Gerade war es verdächtig still. Egal. Er hörte seiner Psychologin ohnehin nicht zu. Seine Gedanken wanderten in seine Erinnerung.

»Oliver.«

Er blinzelte. Schwieg aber. Mit halb gesenkten Lidern lauschte er den Gartengeräuschen.

In den letzten drei Monaten hier in Bad Schwalbach hatte er gelernt, nur noch bestimmte Dinge an sich herankommen zu lassen, die, die ihn aufzubauen vermochten.

Ihm ging es nicht sonderlich gut und er war nicht glücklich – überhaupt nicht.

Schließlich hatte er alles verloren, bis auf die Zwillinge. Christian und Michael ging es gut, wenn man das Leben bei einem neunzigjährigen Großvater als schön oder erfüllend bezeichnen konnte.

Walter Markgraf, der Vater seiner Mutter, war ein wortkarger, abweisender Mann, dessen Mimik nichts von seinen wahren Gefühlen offenbarte. Laut Hauptkommissar Roth war er der einzige Verwandte, der sich erboten hatte, Chris und Micha aufzunehmen.

Gab es überhaupt noch andere Angehörige? Nicht dass er wusste. Walter war mehrfacher Witwer.

Vor Jahren hatte Tom – nein, Vater – über die Markgrafs erzählt. Er war angetrunken und in einer seltsamen Stimmung redselig gewesen, wie Oliver ihn kaum kannte. Walter hatte wohl fünfmal oder öfter geheiratet und seine Frauen fast alle zu Grabe tragen müssen. Kinder seien aber keine geboren worden. Nur – wie er sich ausdrückte – Silke.

Silke … Oliver dachte an seine schöne Mutter.

Wie hatte sein uralter Großvater, der eher einem alten Gargoyle glich, im weit fortgeschrittenen Alter noch Kinder zeugen können? Angeekelt verzog er die Lippen.

Körperlich war Walter gut beieinander, intelligent und durchaus mit einem Siebzigjährigen zu vergleichen, trotzdem fühlte es sich eigenartig an. Andere Großeltern waren vielleicht sechzig, siebzig, aber nicht neunzig.

Früher war die Beziehung zu Walter auch nicht schlecht gewesen.

Freundlich war der alte Mann zwar selten, aber dennoch bereit, jederzeit all seine Enkel aufzunehmen. Seit der Mordnacht war er allerdings weder in die Klinik noch in die Reha gekommen, um ihn zu besuchen.

Auch ihr sogenannter Onkel Amman, der engste Freund seines Vaters, ließ sich selten blicken. Amman Aboutreika schien jedes Mal Höllenqualen zu leiden, wenn sie sich begegneten.

Warum wohl?

Sicher lag es daran, dass Oliver seinem Vater erschreckend ähnlich sah. In den vergangenen Wochen war genug Zeit geblieben, sich auch über eine andere Form der Wahrheit Gedanken zu machen. Vielleicht lagen sein Ausbleiben und seine Leidensmiene mit daran, dass es sich dabei um ein stummes Schuldeingeständnis handelte. Schließlich lag es auf der Hand, dass Elli seine Tochter war. Sie glich seinem Sohn Jamal bis aufs Haar.

Vermutlich hing die Mordnacht mit Elli zusammen. Im Streit seiner Eltern ging es immer um dieses eine Mal Untreue.

Er hatte diverse Polizisten kennengelernt. Seit er aus dem Koma erwacht war, gaben sich der alternde Gregor Roth und der wesentlich jüngere Bernd Weißhaupt die Klinke in die Hand. Mal kamen die Kommissare allein, mal in Begleitung ihrer Assistenten. Gefühlte hundert Mal hatte er den Hergang der Mordnacht, jedes Detail, bis die Bilder ihn in seinen Träumen zu ersticken versuchten, erzählt. Nur das Danach verschwieg er.

Wichtiger waren ihm die eigenen Fragen. Leider antworteten die beiden Kommissare auf keine einzige. Entweder blockten sie, wichen aus oder schwiegen betreten.

Sein Vater saß im Gefängnis. Vor Gericht soll er sich angeblich nicht ausreichend verteidigt haben.

Seltsam bei einem kämpferischen Mann wie ihm.

Was geschah nun mit Tom Hoffmann? Würde er mindestens fünfundzwanzig Jahre einsitzen?

Die Zeit war eindeutig zu gering.

Warum hatte er das getan? Was hatte ihn zum Töten bewogen?

Sein Vater war wohlhabend, sogar ein bekannter Bauingenieur, leitender Unternehmer und allseits beliebt; aber die anderen kannten den wirklichen Tom Hoffmann nicht – den Choleriker.

Er wankte zwischen einem Übervater und einem Monstrum.

In all den Jahren, die sie miteinander gelebt hatten, war es ihm nicht gelungen, das Rätsel um die Psyche seines Vaters zu lösen.

Der gesellige Kollege, weltoffene Geschäftsmann Tom Hoffmann und sein Vater waren oft nicht identisch. Niemand kannte den Egoisten, den eifersüchtigen Ehemann, den brutalen Vater, der gern und oft zuschlug.

Waren die Morde nur die Spitze des Eisberges?

Egal, wie oft er ausgerastet war oder zugeschlagen hatte, Mutter gegenüber hatte er auch nie nur die Hand gehoben. Was hatte ihn also so durchdrehen lassen, dass er nur noch Hass und Instinkte auszuatmen schien?

Hing es auf irgendeine Art mit dem zusammen, was ihn umwabert hatte? Dieser schwarze Nebel, der rauchig von ihm aufgestiegen war … Unfug, das war Einbildung.

Vermutlich – nur ein Teil eines Mysteriums.

Er konnte kaum verbergen, dass er seinen Vater fürchtete und zugleich bekämpfte. Auf die Frage nach der Art von Ellis und Marcs Tod antwortete ihm die Stille.

Nur einen Punkt wagte er nicht, anzusprechen. Der Gedanke daran verursachte Oliver körperliche Schmerzen. Es war das, was er in sich verschloss, was sich durch seine Seele fraß: Warum hatte er seine Geschwister nicht retten können? Warum hatte er überlebt?

Versagt – das war es doch, oder?

Mit Micha und Chris konnte er nicht darüber reden, mit Frau Richter auch nicht, obwohl sie ihm immer wieder ihre Neutralität zugesichert hatte. Die einzigen beiden Menschen, bei denen er es wagte, waren ausgerechnet die Assistenten von Roth und Weißhaupt, Matthias Habicht und Daniel Kuhn.

Wind strich ein paar seiner Locken in Stirn und Augen. Er fuhr sich mit einer Hand durch das Haar. Um sein Handgelenk trug er ein Frotteegummi, womit er sich die Mähne zurückband. Er strich sich den langen Zopf über die Schulter. Um seine Finger zu beschäftigen, spielte er mit seinen Haarspitzen, die ihm bis in den Schoß fielen.

Die Sitzungen mit Frau Richter konnten manchmal sehr schön sein, wenn sie nicht bohrte und auf ihn einredete wie auf ein totes Pferd. Er hörte ihr lieber zu, wenn sie von ihrem Leben sprach. Leider kamen diese Momente viel zu selten vor.

Aber sie war eine Abwechslung – ein weiterer Mensch, der sich für ihn interessierte, auch wenn er sich nicht nach der Offenbarung seiner Gefühle ihr gegenüber sehnte.

Oliver vermisste seine Freunde, seine Familie, einfach alles. Nach der Mordnacht war die Wirklichkeit aus dem Gleichgewicht geraten. Jedes Detail der Normalität rückte seitdem an einen neuen Platz. Warum seine Freunde nicht kamen? Er wusste es nicht. Besonders Frank vermisste er. Frank.

Sein Herz zog sich zusammen. Frank, sein bester Freund und Partner. Wenigstens ihn hätte Oliver erwartet. Bedeuteten Freundschaft und Liebe nichts? Sie waren doch schließlich zusammen. Waren, sicher. Vermutlich schob er bereits mit anderen Kerlen eine Nummer.

Er ballte hilflos die Fäuste. Eine Mischung aus Wut und Schmerz bohrte sich tief in seine Seele.

Empfand Frank überhaupt etwas für ihn?

Er atmete tief durch und versuchte, sich zu entspannen. Mit Frau Richter hatte er nie darüber gesprochen. Das war zu privat. Es ging sie nichts an, mit wem er zusammen war oder schlief.

»Oliver, es wäre schön, wenn du wenigstens mitbekommst, dass ich seit fünf Minuten nichts mehr gesagt habe.«

Er fuhr zusammen. Kalt erwischt.

Trotzdem war er nicht in der Stimmung sich zu entschuldigen.

»Heute bin ich ein schwieriger Patient.«

Sie nickte. »Nicht nur heute, Oliver, immer. Zu Ratespielen bin ich nicht aufgelegt.«

Die Schärfe in ihrer Stimme ließ sich nicht leugnen. Sie war wütend. Verständlich. Er verhielt sich wie ein Arsch. Trotzdem konnte er nicht anders. Er fühlte sich hier wie ein Kleinkind, dem alle Entscheidungen abgenommen wurden.

Mit sechzehn war er der Jüngste in der Rehabilitation und fühlte sich unter den überwiegend alten Menschen fehl am Platz. Er mochte viele von ihnen dennoch und hatte sich mit ihnen angefreundet. Er war sicher, dass es den anderen »Insassen« nicht anders erging. Zwangsgemeinschaft schützte vor Einsamkeit.

Waren wirklich erst elf Wochen vergangen, seit er sich hier aufhielt? Es fühlte sich an, als sei er seit Jahren in Bad Schwalbach.

Der Krankenhausaufenthalt und die Ergotherapien, all die ganzen Dinge, die er binnen der ersten Woche erfahren hatte und die ihm nicht im Ansatz die vergangenen sechs Monate erklärten, in denen er nicht bei sich gewesen war, erschienen ihm jetzt bizarr und fern.

Die letzte Zeit – hier, an diesem Ort – glich einem einsamen Menschenleben.

Er wusste, dass er bald entlassen werden sollte.

Was erwartete ihn? Nahtlos an sein altes Leben anschließen konnte er nicht. In einer Nacht hatte sich alles verändert.

Verlust und Schuldgefühle wogen viel.

Christian und Michael verurteilten ihn nicht. Aber er hatte das Gefühl, dass sein Großvater ihm die Schuld an dem Tod seiner Tochter gab. Sicher lag darin der Grund, weshalb Walter nie zu Besuch kam. Der alte Mann wich ihm aus. Ob bewusst oder unbewusst, konnte er nicht sagen. Der Gedanke mit den Zwillingen bei Walter zu leben, behagte ihm gar nicht.

Die Nachricht von seiner baldigen Entlassung hatte bei Chris und Micha sicher Erleichterung ausgelöst.

Für Oliver war es der Zwang, sich zu besinnen. Er grübelte oft und intensiv. Nach einer Weile erschien es ihm, als tauche er aus einem schützenden Kokon in die wirkliche Welt ein. Es war wie das Gefühl, zu erwachen.

Erwachen?

Diese Nacht und all ihre grausamen Details gehörten in die Welt der Albträume. Wenn er in diese Momente eintauchte, waren sie irreal und fremd.

So etwas passierte nur anderen Menschen … oder?

Ein unbescholtener Familienvater metzelt ohne ersichtlichen Grund seine Frau und zwei seiner Kinder nieder.

Stoff für die Bild. Ihm war klar, dass es solche Fälle durchaus gab. Die Medien berichteten oft davon. Das passierte überall, aber nicht hier, in seiner Realität.

Schließlich hatte er doch alles getan, um die schlimmsten Probleme von seinen Geschwistern fernzuhalten.

War das nicht genauso zwiespältig, auf einer Seite folgsam, um Katastrophen zu verhindern, auf der anderen widerspenstig, zornig, wütend – bereit, zu verletzen?

Er hatte alles getan, um eine klare Trennlinie zwischen sich und Tom zu ziehen. Wo sein Vater gewütet hatte, hatte er geliebt, wo Tom kein Verständnis aufgebracht hatte, hatte er zugehört.

War das kindisches Rebellieren? Nein. Schließlich hatten Chris, Micha, Elli und Marc auch einen Fürsprecher gebraucht. Schließlich hatte er die vier Kleinen erzogen, nicht Tom oder Silke. Nachgeben? Niemals, um ihm keinen Triumph zu gönnen. Anpassen? Nein. Nicht für ihn. Nur um des Friedens willen einlenken.

Anders zu sein, als verlangt, brachte oft Probleme mit sich.

Solange er hinter allem stand, was er sagte und tat, akzeptierte und respektierte sein Vater ihn. Oliver hatte in manchen Fällen Narrenfreiheit und das Privileg der Offenheit auf seiner Seite gehabt. Lag darin die Erkenntnis über den Zwiespalt?

»Heute kann ich nicht mit dir arbeiten, Oliver. Meine Zeit ist gleich um.«

»Wirklich?« Er presste die Lippen aufeinander. Es tat ihm leid. »Sorry, Frau Richter.«

Sie verdrehte die Augen hinter ihren Brillengläsern. »Du bist in Gedanken in der Vergangenheit.«

»Ja.«

Sie verschränkte ihre Hände auf der Tischplatte. »Ich will aber mit dir über deine Zukunft reden.«

»Darüber denke ich ebenfalls nach.«

»Lass mich daran teilhaben«, forderte sie brüsk.

»Wollen Sie das wirklich?«

»Ja.« Sie lehnte sich zurück und lächelte humorlos. »Ich habe aber auch kein Problem, mich eine Stunde zu dir zu setzen und nebenbei zu lesen.« Sie straffte sich. »Wäre nett, aber dafür hat mein Arbeitgeber wenig Humor. Dafür werde ich nicht bezahlt. Ich bin Kinder- und Jugendpsychologin aus Leidenschaft.« Sie schob sich ihre Brille zurecht. »Deswegen gebe ich bis zu deiner Abreise nicht auf, dir zu helfen.«

Das klang nach hilflosem Helfer. Sie konnte ziemlich pathetisch sein.

»Stichpunkt Zukunft, Oliver. Was fällt dir dazu ein?«

Er stöhnte auf. »Das war plump.«

»Und du blockst.«

»Gute Diagnose«, erwiderte er spöttisch.

Sie setzte sich auf.

»Klare Ansage, Oliver, dein Großvater wird dich nicht aufnehmen.«

Er zuckte elektrisiert zusammen. »Bitte?«

Das konnte der Alte nicht ernst meinen.

Sie versteifte sich auf ihrem Stuhl. Ihre Hände verkrampften sich kurz. War das eine neue Methode, ihn zum Reden zu bringen?

Für einen Trick wirkte sie zu angespannt.

Sein Herz hämmerte. Er spürte, wie sich seine Brust zusammenzog. Die Luft entwich seinen Lungen. Etwas brannte in seinen Augen … Tränen.

»Soll … soll das ein Witz sein?«

Es klang schwach. Die Kraft zu reden fehlte. Die Welt kippte unter ihm fort. Obwohl er saß, spürte er, wie ihn ein Sog ergriff und nach unten riss.

Sie schwieg.

Mühsam sträubte er sich gegen das erstickende Gefühl in seiner Kehle. Er rang nach Atem.

Langsam löste sie sich aus ihrer Starre. »Oliver, mit solchen Sachen scherze ich nicht. So gut solltest du mich kennen.«

Er schloss die Augen und nickte matt. Tränen rannen über seine Wangen. Wenn er jetzt versuchte, zu reden, würden nur unartikulierte Laute herauskommen.

Mitleid flackerte in ihrem Blick. Sie zog ein Päckchen Taschentücher aus ihrer Hosentasche und schob es zu ihm, bis die körperwarme Plastikhülle seine Fingerspitzen berührte.

»Das war das Schwerste, was ich je sagen musste.«

Ihre Stimme bebte.

Das Gefühl war unerträglich. Instinktiv zuckte er zurück.

Widerlich … Der Ekel vor Nähe, Mitleid und Berührung drehte ihm den Magen um. Er fuhr keuchend auf. In seinem Inneren brannte ein Höllenfeuer. Schweiß trat auf seine Stirn. Zugleich wankte der Boden. Mit beiden Händen klammerte er sich an den Tisch.

»Meine Brüder …«

Magensäure schoss in seinen Mund. Er wirbelte herum und stürzte ins Bad.

Das Gefühl der hilflosen Bodenlosigkeit hielt sich. Niemand kam und dementierte diese Worte. Getrennt. Er verlor nun auch noch Michael und Christian. Es gab kein Ziel mehr. Wussten die beiden davon?

Sicher nicht. Sie freuten sich wahnsinnig, wieder zusammen zu sein. Die Vorstellung, sie wieder in die Arme zu nehmen, jeden Tag ihre Scherze und Spiele zu beobachten, bei ihnen zu sein und sie rund um die Uhr um sich zu haben, brach in sich zusammen.

Er liebte Chris und Micha. Sie waren seine Familie, die er seit dem Tag ihrer Geburt beschützte und umsorgte. Chris mit all seinen Macken und seiner zickigen Art konnte in hundert Jahren nicht so sehr nerven, dass Oliver auch nur einen Tag länger ohne ihn sein wollte. Und Michael, sein Liebling neben Elli, der immer ruhig blieb und schon jetzt so erwachsen wirkte … Er ballte die Fäuste und schlug auf sein Kissen ein.

Was für ein herzloses Monster verbarg sich hinter diesem alten Mann? Eine Woge unglaublicher Wut überschwemmte ihn. Wäre doch nur Walter hier. Er würde ihm … Mit einem Hieb traf er die Wand. Der Schmerz – wo blieb der Schmerz?

Seine Knöchel wandelten sich von weiß zu rot. An zwei Stellen riss die Haut. Blut quoll langsam aus den kleinen Wunden. Für einen Moment verlor er den Faden zur Realität. Die Welt um ihn sackte ins Nichts. Nur das dunkle Rot …

Mit einer einzigen raschen Bewegung rammte er erneut seine Faust in die Wand. Wieder nichts – kein Schmerz, nur ein paar kleine, orangerote Flecken, wo seine Knöchel die weiße Tapete trafen. Warum?

Erneut schlug er zu, noch einmal und noch einmal und …

»Oliver!«

Matthias’ Hand schloss sich um seinen Arm.

Erschrocken sah er hoch.

Der junge Kommissar starrte ihn entsetzt an. »Was – zum Teufel – machst du?«

Das ernste Gesicht des Beamten verschwamm. Oliver blinzelte die Tränen fort. Aber es wurde nicht weniger. Seine Sicht verschleierte sich mit jedem Moment mehr.

»Daniel, hilf mir mal.«

Daniel? Oliver schluchzte. Erneut versuchte er, die Tränen fortzublinzeln.

Der Geruch nach Leder und Zigaretten hüllte ihn ein, als Daniels Arme sich fest um ihn schlossen. Die Wärme des jüngsten Kommissars der SoKo drang durch Olivers T-Shirt.

Weg, er wollte nicht berührt werden.

Alle Muskeln spannten sich in seinem Körper. Er gab Gegendruck, bog und wand sich.

Daniel packte ihn unsanft an beiden Handgelenken und zwang sie übereinander. »Olli beruhige dich. Komm wieder runter.«

Die Worte kamen an, berührten ihn aber nicht.

Erneut wand er sich, drehte in Daniels knochigen Fingern beide Handgelenke, kam aber nicht heraus.

Im Gegenteil, Daniel drückte ihm beide Daumen in die Pulsadern. Ein erstickend dumpfer Druck lähmte seine Hände und Arme.

Oliver gab auf. Noch immer war er endlos weit von seiner alten Konstitution entfernt.

Warum war er nur so ein Versager?

In Matthias’ Mimik lag noch immer Schrecken. Allerdings spiegelte sich in seinen Augen kein Mitleid, sondern ein Hauch Angst. Wovor nur? War die Frage überhaupt wichtig?

Nach kurzem Zögern ließ Matthias sich mit einem erleichterten Seufzen auf das zerwühlte Bett fallen.

Langsam ließ der Druck von Daniels Händen nach.

Oliver sah ihn über die Schulter an. Das hagere Gesicht des Beamten wirkte besorgt. In den ganzen Monaten, die sie sich kannten, hatte sich zwischen ihnen eine besondere Art von Freundschaft gebildet, in der sie nicht miteinander reden mussten, um sich einander nah zu fühlen. Sie tickten sehr ähnlich, manchmal zu ähnlich. Vielleicht lag darin ihre Bindung.

Daniel griff vorsichtig nach seiner Schulter.

»Komm Olli, ich mache erst mal deine Verletzungen sauber.«

Nachdem Daniel ihn im Bad versorgt hatte, kehrte die Welt mit ihrem Schmerz zurück.

Oliver konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Die Wut verrauchte, aber das Leid bohrte sich tiefer denn je in seine Seele.

Matthias, der im Türrahmen gestanden und zugesehen hatte, deutete über die Schulter. »Daniel, wir sollten das Blut abwaschen. Es reicht schon, dass wir eine hysterische Stationsschwester haben, die Oliver beobachtet hat.«

»Das mache ich schon selbst.« Olivers Stimme wankte.

»Idiot.« Matthias zog die Brauen zusammen und wandte sich ab.

Irritiert sah er dem Beamten nach.

»Sie hat es dir gesagt, wie?« Daniels Stimme sank zu einem Flüstern herab.

Er wusste es schon? Na klar. Sein Herz wurde schwer.

Der Fatalismus, der dieser Erkenntnis folgte, schwemmte alle Kraft aus ihm heraus.

Unter grün-roten Strähnen beobachtete Daniel ihn. Was erwartete er? Eine neuerliche hysterische Attacke?

Oliver knirschte mit den Zähnen. Nein, darüber war er nun hinaus. »Warum fällt Walter diese Entscheidung?«

Er begriff es nicht. Das musste die Hölle sein.

Daniel ließ sich auf dem Toilettendeckel nieder und zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, Olli.«

»Dann rate, oder hilf mir, eine logische Lösung zu finden, bitte.«

Der Kommissar zog seine Lederjacke aus und hängte sie über einem Handtuch an den Haken.

»Macht er mir Vorwürfe, weil ich meine Mutter nicht beschützt habe?«

Daniel schüttelte den Kopf. Er verzog spöttisch die Lippen. »Ich glaube nicht, dass er zu so vielen Emotionen imstande ist. Dein Großvater ist ein gefühlskaltes Arsch-loch.«

»Ich weiß, aber warum?« Oliver starrte ihn an.

Daniel schien sich unter seinem Blick nicht wohlzufühlen, trotzdem wich er nicht aus.

»Die einzig erklärbare Version ist tatsächlich, dass er dir Vorwürfe macht, aber das ist nicht so. Matthias, Bernd, Gregor und ich waren in den letzten Tagen oft bei deinen Brüdern und deinem Großvater. Aber die einzige Reaktion, die er zeigt, ist eine Art Starre. Er geht jeden Tag in seinen Buchladen und macht ihn für ein paar Stunden auf, reagiert jeden Tag gleich kalt gegenüber den Jungs …« Daniel brach ab.

Erschöpft wandte Oliver sich dem Spiegel zu.

Er sah nicht sich, sondern beobachtete Matthias, der auf seinem Stuhl am Fenster saß und nach draußen starrte.

»Seit wann wisst ihr es?«

»Gregor hat es uns vorhin in der internen Besprechung mitgeteilt. Matthias und ich wollten es dir heute sagen.«

Das konnte doch nicht sein, oder hatte die Psychologin dem Kommissariat erst jetzt die Information zukommen lassen? Oliver schloss die Augen. Erneut begann er zu weinen. »Frau Richter hat es mir schon vor drei Tagen gesagt.«

»Was?« Daniel erhob sich. »Dann wusste sie die ganze Zeit mehr als wir?«

Oliver zuckte die Schultern. »Ist doch egal.«

Behutsam zog Daniel ihn an der Schulter herum. »Matthias und mir ist es ebenso wenig egal wie Bernd und Gregor.«

Oliver ließ sich gegen seine Schulter sinken. »Was wird aus meinen Brüdern?«

Sanfte Finger strichen durch sein Haar. Daniel umarmte ihn fest. »Das Beste wäre, euch alle drei in der gleichen Einrichtung unterzubringen, zumindest so lang, bis Matthias endlich Erfolg bei der Nachforschung über euren Stammbaum hat.«

Oliver klammerte sich an Daniel. »Danke.«

Heißes Wasser rann über seinen Rücken und wärmte ihn auf. In den vergangenen Tagen war es ihm unmöglich gewesen, etwas zu essen. Allein bei dem Gedanken an Nahrungsaufnahme wurde ihm übel. Er verlor Gewicht, Energie und Kraft. Vom jahrelangen Boxtraining war nach dem Krankenhausaufenthalt nur noch wenig zu sehen. Das bisschen, das er sich in den letzten Monaten eisern antrainiert hatte, verlor er gerade wieder. Aber es war egal. Für ihn versank die Welt in einem Gefühl grausamer Hilflosigkeit. Lohnte es sich, zu kämpfen?

Wenn er Daniels unermüdlichem Drang, ihn zu animieren, nachgab, was würde dann passieren? Weckte er damit nicht falsche Hoffnungen?

Während er sich das Shampoo aus den Haaren spülte, kniff er nachdenklich die Augen zusammen. Daniel hatte gesagt, er solle nicht aufgeben, nicht verzweifeln. Das klang so leicht dahergesagt. Was für eine bizarre Situation.

Seine Freunde bemühten sich ständig, zu helfen. Freunde? Ja, Matthias und Daniel waren Freunde, nicht nur Menschen, die zufällig sein Leben streiften.

Sie gaben ihn nicht auf, er ließ sich gehen. Nein – so konnte das nicht laufen. Oliver schlug mit der Faust gegen die Kacheln. Der Schmerz schoss bis in sein Handgelenk. Seine Nerven funktionierten doch noch verdammt gut. Zugleich platzten die Knöchel erneut auf.

»Mist – verdammter!«

Er drehte das Wasser kühler und ließ es sich eine Weile über die Hand laufen. Das Blut zerfaserte zu durchsichtigen Schlieren, die von dem Strudel des Abflusses aufgesogen wurden. Nach einer Weile konnte er seine Finger wieder bewegen. Besser.

Der Gedankengang schob sich wieder in seinen Fokus. Die Hilfe seiner Freunde war unersetzlich. So etwas konnte er nicht mit Verzweiflung und Lethargie beantworten. Schließlich hasste er dieses Emo-Verhalten selbst zutiefst. Das passte nicht dazu, wie er sich kleidete und gab …

Ein kühler Lufthauch strich über seine Haut. Er fuhr herum. Durch die beschlagenen Glaswände der Duschkabine sah er nicht viel. Noch immer wehte kühle Luft heran. Wie konnte das sein? Im Bad gab es keine Fenster, nur eine Abluftanlage, die schlecht funktionierte. Obwohl – die Tür zu seinem Zimmer stand noch immer offen. Hatte er das Fenster gekippt? Eigentlich nicht. Die Tür war ebenfalls verschlossen. Er spülte mit dem Duschkopf über das beschlagene Glas. Dampfwolken wogten in dem dunkel gekachelten Raum. Winzige Wassertröpfchen schwebten in der Luft, direkt vor der Lampe über dem Spiegel. Etwas bewegte sich in den Nebeln.

Oliver drehte das Wasser ab und schob die Tür zurück. Kälte schlug ihm entgegen. Rasch angelte er nach dem Badetuch und schlang es sich um die Hüften. Aus seinem Haar rann ein stetiger Bach, der das Frottee durchweichte. Er ignorierte es. Langsam durchschritt er das Bad und blieb unter dem Sturz stehen. Auch in seinem Zimmer wogten Nebelschwaden. Unwirkliches Licht schien durch die Bäume in das Zimmer, beleuchtete den grauen Boden und ließ den Dunst im Raum glühen.

Er strich sich das Wasser aus den Augen.

Eiskalt berührte ihn etwas am Arm. Er fuhr herum.

Ein alter, gebeugter Mann schob sich an ihm vorüber, ganz so, als käme er gerade aus dem Bad. Ihm folgte der Geruch nach Erde und feuchtem Laub.

Aber er hatte doch abgeschlossen …

Ein ungutes Gefühl kroch durch seine Adern. Er fror. Von seiner erhitzten Haut stieg Dampf auf. Nur dort, wo ihn der Alte berührt hatte, reichte die Kälte bis in den Knochen. Die Nackenhaare stellten sich ihm auf.

Den Mann hatte er in den letzten Wochen immer wieder gesehen. Oft stand der Alte vor seiner Tür, kam ungebeten herein, setzte sich auf sein Bett oder machte es sich auf dem Stuhl am Fenster bequem. Jedes Mal hatte Oliver ihn nach draußen bringen können, ohne dass er sich wehrte. Aber dieses Mal? Wo kam er her? In diesem winzigen Windfang stand er bereits direkt zwischen Bad und Eingang. Vorsichtshalber drückte er die Klinke hinab. Verschlossen. Wie und wann war der Alte in sein Zimmer gekommen? Er schüttelte verwirrt den Kopf. Wahrscheinlich hatte sich der Mann in sein Zimmer geschlichen, als er Matthias und Daniel nach unten begleitete.

Er verzog die Lippen. Eher unwahrscheinlich. Schließlich konnte sich dieser Mann nicht unsichtbar machen. Aber eine andere Möglichkeit gab es nicht. Danach hatte er abgeschlossen.

Der Mann hockte sich auf Bettkante und wandte sich der Sonne zu. Still legte er die dürren, faltigen Hände ineinander, schloss die Lider und sank in sich zusammen.

Wahrscheinlich war der alte Mann schlicht verwirrt.

Oliver holte sich ein weiteres Handtuch aus dem Bad und schlang es sich um den Nacken, bevor er wieder nach draußen ging.

Neben dem Mann blieb er stehen, eine Hand auf dem Stahlrahmen des Bettes. Die Wärme der Sonne streichelte ihn. Es fühlte sich wunderbar an.

Er konnte den Alten verstehen. Jetzt, am Abend, war einfach die schönste Zeit. Die Sonne fiel durch die Bäume, tauchte den Raum in rotgoldenes Licht, Wärme und einer unwirklichen Schönheit. Es fühlte sich an wie ein Übergang in eine andere Welt – ein Feenweg, besonders weil Sanatorium und Park in einer Senke lagen und die Bäume der Auffahrt, die sich über den Hügel direkt zu dem roten Sonnenball schlängelte, wichen. Ja, so etwas war wie ein Übergang.

Er riss sich von dem Anblick los, um den Mann zu beobachten.

So friedlich, wie er aussah, wollte Oliver ihn nicht verscheuchen.

»Ist das nicht schön?« Die Stimme des Alten kam von weit her.

Oliver war sich sicher, dass der Mann seine Anwesenheit gar nicht realisierte.

Trotzdem nickte er. »Das ist wahr.«

»Die einzig tröstliche Zeit, der einzige Zufluchtsort, der einzige Weg.«

Mit einer Hand griff der Alte in einen Sonnenstrahl, der ihn direkt anleuchtete. Das Licht umspielte seine Finger und hinterließ eine rote Korona. Die Sonne sank langsam hinter die bewaldeten Hügel. Die Strahlen verloren sich. Der Alte regte sich nicht. Wind bewegte sacht die Äste. Einen Moment lang traf Oliver die Helligkeit mit ungeminderter Wucht. Seine Augen brannten und tränten. Instinktiv wandte er den Kopf ab. Das Licht brannte ein Bild auf seiner Netzhaut ein. Er sah den Alten, dessen Leib von der Sonne verzehrt wurde.

Erschrocken blinzelte er.

Der Mann war noch da. Er stand gebeugt am Fenster. Seine Hände lagen auf dem Glas. Das Licht durchdrang ihn. Zugleich wurden die Schatten länger. Teile des Zimmers lagen bereits in Dunkelheit. Kälte wogte mit dem Dämmerlicht auf. Langsam schob der Alte den Fensterriegel zurück.

Was hatte er vor? Oliver spannte sich. Der Bann, der Zauber des Spätsommerabends versank in einem erstickenden Gefühl böser Vorahnung.

»Nicht!«

Eine Reaktion blieb aus.

Sein Herzschlag beschleunigte sich. Mit zwei langen Schritten erreichte er den Alten und packte ihn am Arm. Der Stoff seiner beigefarbenen Jacke fühlte sich kalt an, klamm, als habe er im Regen gestanden. Sand und Erdbröckchen rieselten herab. Der Geruch nach feuchtem Laub stieg von ihm auf.

In der ganzen letzten Woche hatte es nicht geregnet. Die Tage waren sonnig und warm, nur der Wind bekam langsam Biss.

Bedächtig hob der Mann den Kopf. Aus schwarzen, leeren Augenhöhlen sah er auf. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Das Gebiss lag in Bruchstücken in seiner Mundhöhle. Blut rann aus seiner Nase. Kopf und Glieder schienen verdreht zu sein. Trotz allem stand er.

Das war kein lebender Mensch …

Obwohl alles in ihm danach schrie, loszulassen, hielt er den alten Mann fest.

»Nicht.« Seine Stimme versagte. Der Geruch von Erde nahm zu. Seine Knie bebten. Trotz allem konnte er den Blick nicht abwenden oder zulassen, dass sich der Alte befreite.

Für einen Moment schloss er die Augen.

Das war ein Traum, alles nur ein Albtraum, nichts Reales nichts Erklärbares – und doch nahm der Geruch nicht ab. Noch bevor er die Lider hob, wusste er, dass die Spukgestalt neben ihm stand und zu ihm aufsah.

Was tun? Warum verhinderte er es überhaupt?

Tief in sich hallte ein Hauch Mitleid unter all der Verwirrung, der Angst, die gar nicht bis in seinen Kopf vordrang. Bis auf die Schauder, die Kälte, eine schwache Beklemmung, spürte er nichts. Ungläubig sah er den Alten an, der noch immer eigenartig lächelte.

Was tun? Er sah zum Bett. Das war es. So konnte er Zeit gewinnen. »Setzen Sie sich doch wieder hin, lassen Sie uns gemeinsam den Sonnenuntergang betrachten, bis es dunkel wird.« Sein Herz krampfte sich zusammen, als sich die Züge des Alten glätteten und wache, braune Augen sich mit Tränen füllten. Er nickte.

»Hilf mir, Junge.«

Die Nässe auf seiner Haut war längst verdunstet, als sich die Hand des Alten in seiner auflöste.

In all der Zeit sprachen sie nicht. Trotzdem war etwas von dem, was den Alten erfüllte, in ihn geflossen. Bilder, Gedanken, eine eigene kleine Welt von Informationen. Obwohl er sie nicht zuordnen konnte, waren sie da, greifbar und präsent. In den Minuten hatte er Einblick in etwas sehr Privates erhalten, in die Gedanken eines Menschen.

Als sich die Erscheinung neben ihm auflöste, blieb nichts zurück, als der Geruch nach feuchtem Laub. Er würde sicher nie mehr wieder zurückkehren.

Oliver stand auf und schloss das Fenster.

Alle Gedanken und Eindrücke wirbelten durcheinander.

Was war das? Gab es Geister?

Warum passierte ihm das?

Einbildung? Traum? Wirklichkeit?

Er ließ sich auf das Bett sinken. Nie zuvor hatte er etwas mit Geistern zu tun gehabt, lediglich im Rollenspiel – und in seinen Träumen auf der Grenze zwischen Leben und Tod.

Zu viel Fantasie? Er rieb sich über die Augen. Vielleicht war es Einbildung? Über mangelnde Vorstellungskraft konnte er sich nicht beschweren. Seit langer Zeit hatte er keinen Stift mehr in der Hand gehabt oder geschrieben. Seine Freunde fehlten für das Rollenspiel. War es das? Ein Ausdruck seiner unterdrückten Ideen?

Er hob den Arm, an dem der Alte ihn berührt hatte. Noch immer war er kalt. Er hob beide Hände an die Nase. Sie rochen nach Erde und Laub.

Erde … Eiseskälte kroch seine Wirbel herauf und explodierte in seinem Nacken. Ein Geist.

Er richtete sich auf und zog sich rasch an.

Ungewissheit war das, was er nun am wenigsten brauchen konnte.

Auf dem Flur begegnete er Rolf, einem Pfleger aus der Nachtschicht, der gerade mit seinem Rollwagen vor dem Nachbarzimmer stehen blieb. Er sortierte ein paar Binden aus.

»Kann ich dich was fragen?«

Der übergewichtige Mulatte wandte Oliver den Kopf zu. »Klar.« Seine tiefe Bassstimme klang so herrlich real. Er verströmte Wärme. Seine Kleidung roch nach dem Essen, was er vermutlich vorhin zu Hause gekocht hatte.

Oliver atmete innerlich auf. »Sag mal, hat in meinem Zimmer mal ein alter Mann Selbstmord begangen?«

Rolfs Brauen zuckten hoch. »Woher – wer hat dir davon erzählt?«

Oliver machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ist doch egal. »Was ist passiert?«

»Das ist nicht unbedingt etwas, was ich dir erzählen möchte.« Rolf drehte sich seiner Arbeit zu.

»Komm schon …«

»Frag den, der dir den Floh ins Ohr gesetzt hat, okay?« Er griff nach ein paar Kompressen und einer Tinktur.

»Bitte …«

»Vergiss es, okay?«

Damit schien das Thema für Rolf erledigt zu sein. Oliver stöhnte. Aus ihm war keine Information herauszubekommen. Wahrscheinlich würde er überall diese Antwort erhalten.

Er ging im Geist alle Rehaangestellten durch, die er kannte, und musste seine Meinung bestätigen.

Leider gab es auch kaum einen Patienten, der lang genug hier war.

Sollte dieses Rätsel ungeklärt bleiben? Vielleicht würden Daniel und Matthias ihm helfen? Nein, dieser Gedanke war bizarr. Andererseits – der Geist hatte ihm etwas in die Hand gegeben, ein bestimmtes Wissen, sein Wissen. Nun musste er es nur noch ordnen.

Geister

Regen trommelte gegen das Fenster. Oliver zog sich die Decke über den Kopf. Er musste während seiner Überlegungen im Laufe der Nacht eingeschlafen sein. Zu einem Ergebnis gekommen war er jedenfalls nicht.

Vielleicht lag in all dem kein Geheimnis. Der Alte war einfach nur irgendwann gesprungen.

Das war zu einfach. Oliver presste die Hände auf die Augen. Das alles war zu verrückt!

Er schlug die Decke zurück und rollte sich aus dem Bett. Langsam sollte er den Kopf wieder klar bekommen, besonders, wenn Frau Richter nach dem Frühstück kam. Ihr konnte er diese Geschichte kaum auftischen – genau genommen wollte er sie selbst nicht glauben.

Seine Kleidung lag noch immer neben ihm, wie er sie in der vergangenen Nacht auf den Boden hatte fallen lassen. Gähnend zog er sich an.

Jetzt war ja wieder alles vollkommen normal. Es gab auch keinen Grund, an etwas Seltsames zu glauben. Das hier war schließlich eine Reha, kein Pflegeheim, in dem die Menschen vegetierten, bis sie wahnsinnig wurden.

Falsch.

Seit seinem Beinah-Tod nervte diese innere Stimme noch viel mehr. Er konnte sie einfach nicht mehr abschütteln. Sie hielt einen Haufen sarkastischer Kommentare bereit oder sie traf mit dem, was sie ihm einflüsterte, die Wahrheit – was zumeist beschämender war.

Ach, halt einfach die Klappe.

Verbissen schüttelte Oliver den Gedanken ab. Unfug. Hier sollten Menschen wieder aufgebaut werden.

Aber was, wenn es Rückschläge gab, wieder ausbrechende Krankheiten – die Entdeckung von etwas Unheilbarem?

Verdammt, konnte diese perfide Stimme in seinem Kopf nicht endlich mal das Maul halten?

Unheilbar krank? Die Option bestand immer. Er ließ sein T-Shirt sinken. Was, wenn dieser Mann vielleicht Krebs gehabt hatte – Verdammt! Warum zog er überhaupt in Betracht, dass es Geister gab? Wahrscheinlich war er nur Teil seiner unterdrückten Fantasie. Aber bedeutete das nicht, dass er durchknallte?

Penner, du weißt, dass es so ist. Du warst selbst hinter den Spiegeln, lang genug.

»Klappe, klar?«

Ärgerlich streifte er sich das Shirt über und ging ins Bad. Langsam verlor er wirklich den Verstand. Vielleicht war es gut, dass sich in nächster Zeit einige Sachen wieder normalisierten. Neue Schule, neue Freunde … und vor allem ein knappes Jahr Unterricht nachholen.

Scheiße!

Schlimmer noch. Die schwache Hoffnung auf ein Leben mit Chris und Micha hatte sich aufgelöst.

Warum konnte Amman nicht wahr machen, wovon er immer faselte? Ihr seid wie meine eigenen Kinder. Mein Heim ist euer Heim. Ihr seid immer willkommen.

Bullshit! Dann kam er überaus selten und mit einer solchen Leidensmiene vorbei, dass Oliver davon schlecht wurde. Wahrscheinlich lag es aber auch mit an Kerstin. Wer wollte schon gern die Kinder der Frau um sich haben, mit der ihr Mann sie betrogen hatte?

Wenn Amman seine Familie liebte, würde er sie kaum aufnehmen können.

Er stützte sich am Waschbeckenrand ab. Keine Familie mehr. Ein Stich sengte durch seinen Körper. Das musste die Hölle sein – nein, das war einfach nur die Realität.

Er drehte den Hahn auf und schaufelte sich kaltes Wasser ins Gesicht, bis seine Kiefermuskeln steif waren und stachen. Er hob den Blick. Aus dem verspritzten Spiegel starrte ihm ein beinahe fremdes Gesicht entgegen. Dunkle Ringe unter tief liegenden Augen, ein kantiges Gesicht, dem das Alter fehlte, volle, aber fahle Lippen … Was war er? Noch ein Teenager oder bereits ein Mann? Schwer zu sagen. Er wusste es nicht. Die Kindheit war fort, nachhaltig. Obwohl ein schwacher Bartschatten vorhanden war, lag darin nicht die Ahnung eines Teenagers. Alterslos, bizarr. Über seinen Hals zogen sich die Narben der Stiche.

Ein Wunder, dass er lebte.

Wunder? Nein, Zufall. Laut den Ärzten war er nicht lang genug tot gewesen, um ihn nicht zurückzuholen. Reanimiert, notoperiert, gestorben, zurückgeholt. Wie oft hatten sie dieses Spielchen getrieben? Angeblich hatte sein Herz dreimal in Folge aufgehört zu schlagen.

Das waren die Erinnerungen, die er lieber begrub. Die Welt hinter den Spiegeln, in der Elli keine Augen hatte und Marc ein Monster war.

Eine Welle der Übelkeit zog seinen Magen zusammen. Er konnte gerade noch den Toilettendeckel heben, um sich nicht auf den Boden zu übergeben.

Nachdem er sich gereinigt hatte, musterte er sich erneut im Spiegel. Seine Haut wirkte rau, spröde und vollkommen grau.

Zu den Narben, die im Kragen seines schwarzen Alarmsignal-T-Shirts verschwanden, fühlte er sich nicht nur wie ein Zombie, er sah auch nicht nennenswert besser aus. Er streifte sein durchgeweichtes Hemd über den Kopf und hängte es zum Trocknen über die Handtuchstange. Noch immer erschrak er vor den Narben auf Schultern und Rücken. Sie gingen tief. Das Messer hatte seine Knochen durchdrungen. Was war von Oliver Hoffmann noch übrig?

Rasch holte er sich ein anderes Shirt. Solange er sein Hemd trug, sah man die Narben nicht. Aber er spürte sie.

Trotz des Trainings würde er sicher nie mehr der werden, der er war. Das, was ihm aus dem Spiegel entgegenstarrte, war ein anderer. Einfach nur ein Freak.

Umso besser passte der Spruch auf seiner Brust: No Justice, No Peace.

Er schüttelte den Kopf. Die hellen Locken fielen ihm ins Gesicht, über Schultern, Brust und Bauch. Von der blauen und grünen Farbe blieb nicht einmal mehr eine Erinnerung zurück … Erinnerung? Eine Erinnerung an die Vergangenheit? Für einen Moment spürte er wieder die Hand in seinen Haaren, das Messer, das in ihn drang.

Ab damit! Oliver griff nach der Nagelschere, die auf der Ablage lag. Schon an der ersten Strähne glitt sie ab.

Nein, das war lächerlich. So wurde das nichts. Aber er hatte nichts anderes. Ärger ballte sich in seinem Magen. Er warf die Schere zurück. Sie prallte an der Wand ab und fiel zu Boden.

Langsam sah er sich im Raum um. Hier gab es nichts.

Ärgerlich band er einen Zopf zusammen und putzte sich die Zähne. Nach und nach beruhigte er sich wieder.

Welcher Tag war eigentlich? Innerhalb der letzten Monate war ihm jedes Zeitgefühl abhandengekommen. Schule und Verpflichtungen fehlten.

Das orange-blaue uralte Handy, das ihm Daniel mitgebracht hatte, lag auf dem Nachttisch. Er schaute auf das Display.

Ach ja, Freitag. Freitag? Sollte er nicht heute entlassen werden? Seine Kehle schnürte sich zu. Ja, heute war der Tag. Wahrscheinlich würde Frau Richter jetzt noch ein letztes Mal alle Geschütze auffahren, damit er sich öffnete.

Ihr gegenüber war es fast unmöglich zu sprechen, besonders von dem, was in ihm vorging – oder der Erscheinung.

Das Handy vibrierte, während der polyfone Sound von »Eye of the Tiger« erklang. Erschrocken starrte Oliver das Kunststoffgehäuse an, das sich langsam über die Ablage bewegte. In all den Wochen hatte niemand angerufen, immer nur Daniel. Gab es überhaupt jemanden, der diese Nummer besaß?

Auf dem Display leuchtete Keine Nummer.

Er verzog die Lippen. Kopfschüttelnd nahm er das Gespräch an.

»Hoffmann.«

»Olli, du musst ganz schnell herkommen.«

Michaels helle Kinderstimme überschlug sich. Sie steigerte sich zu einem Kreischen. Er war vollkommen außer sich, so, wie Oliver den Kleinen gar nicht kannte. Angst – nein, nackte Panik – schwangen mit.

»Was ist denn passiert?«

»Ich weiß nicht … Chris … Irgendwas, ich weiß es einfach nicht.« Das Gehäuse knackte unter dem schrillen Ton.

Olivers Herz schlug schneller. Angst kroch in ihm auf. Was war passiert? Er musste sofort in die Innenstadt. Mit dem ORN-Bus würde das ewig dauern, zumal er bezweifelte, dass die Ärzte ihn einfach so gehen lassen würden. Die Gedanken halfen nicht. Sie zeigten ihm nur seine Hilflosigkeit. Ruhig werden, dann konnte er auch helfen.

»Was genau ist passiert, Micha?«, fragte er mühsam beherrscht.

Unterdrücktes Schluchzen drang durch die Sprechmuschel.

»Ich weiß nicht … Als ich aufgewacht bin, war so ein Mann im Zimmer, der Chris’ Hals umklammert hielt …«

»Was?« Scheiß auf den Ärger mit Frau Richter und den Ärzten. Er stürzte zu seinem Schrank und zog die Jacke heraus. »Geht es ihm gut? Hast du Opa Bescheid gesagt und Herrn Roth oder einem der anderen Polizisten?«

Großer Gott, er stand selbst kurz davor, in Panik zu geraten. Mit einem Fuß drängte er in seinen Springerstiefel.

»Der Mann war weg. Er hat sich aufgelöst.«

Wie vom Donner gerührt hielt Oliver inne. In seiner Brust zogen sich Stahlbänder um Herz und Lungen zusammen. Unmöglich …

»Was?« Seine Stimme klang nach einem heiseren Krächzen.

»Er sah so unheimlich aus – genau wie die Frau auf der Treppe.«

Mann, Frau, Erscheinungen?

Du weißt es doch, du Arsch. Verdräng es nicht. Sie kommen durch die Spiegel!

Er presste die Kiefer aufeinander. Ach halt die Klappe.

Der Druck auf seine Brust nahm zu. »Wie geht es Chris?«

»Ich weiß nicht … komm her!«

»Hol einen Notarzt und sag Opa Bescheid. Ich bin auf dem Weg.«

Rasch drückte er das Gespräch weg.

Er schnappte sich seine Jacke und kramte das bisschen Geld in seinem Portemonnaie zusammen. Es reichte gerade für den Bus und der brauchte Stunden … Oliver presste die Lippen aufeinander. Ob Daniel ihn abholen würde, wenn er ihm entgegenging?

Der Regen durchweichte seine Kleidung, während er an der Hauptstraße entlanglief. Die Wagen, die vorbeifuhren, zogen Spritzwasserfontänen hinter sich her. Nach der ersten Ladung war seine Hose bis zur Hüfte nass und rieb auf der Haut. Die Metallnadeln der Buttons schabten verstärkt. Sie abzunehmen wäre klüger, aber dazu reichte die Zeit nicht.

Für einen Moment blieb er stehen und sah sich nach einem Wagen um, der sein Tempo verringerte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er keine Ahnung hatte, was für ein Auto Daniel fuhr. Blieb nur zu hoffen, dass sein Freund ihn sofort erkannte.

Als er den Ortsausgang erreicht hatte, hielt er an. Immer noch nichts. Wie lang brauchte Daniel wohl von der Innenstadt nach Bad Schwalbach? Bei dem elenden Wetter sicher sehr lang. Immerhin ging es bergauf und bergab. Im Übergang vom Rheingau in den Taunus gab es neben Wäldern und Hügeln ziemlich viele Käffer mit Geschwindigkeitsbegrenzung.

Er zog das Handy aus der Hosentasche. Nichts. Beinahe rechnete er mit einem weiteren panischen Anruf von Micha oder einer Reaktion von Daniel. Vielleicht, dass das Wetter zu elend war.

Einige Sekunden betrachtete er das graue Display. Warum half Daniel ihm überhaupt immer so anstandslos?

Er war ständig für ihn da, um Fragen zu beantworten, zuzuhören oder auch nur Trost zu spenden. Selbst jetzt hatte er versprochen, zu kommen, ohne auf Antworten zu drängen. Eine gewisse Wärme erfüllte ihn. War das seine Art von Freundschaft?

Oliver strich Regentropfen von dem alten Handy. Daniel war immer da, wenn er ihn brauchte, beinahe wie ein treuer Hund. Wahrscheinlich war er der liebenswerteste Mensch der Welt. Nein, nicht wahrscheinlich. Er war der beste und selbstloseste Mensch der Welt, nur etwas durchgeknallt.

Ein alter VW-Passat wurde langsamer und steuerte hinter dem Ortsschild auf den Seitenstreifen. Der Wagen hatte mindestens zwanzig Jahre auf dem Buckel, ein bunt getupftes Gefährt, dessen Unterlack matt gelb schimmerte. Das passte irgendwie zu Daniel, ein Wagen, der in etwa so alt war wie er, vollkommen fertig und vollkommen anders.

Der Fahrer setzte ein Stück zurück.

Oliver erkannte die Silhouette Daniels, der hektisch winkte. Mehr Aufforderung brauchte er nicht mehr.

»Danke dir, du bist meine Rettung.«

Daniel lächelte. »Rechnung folgt.«

Oliver nickte ernst. »Ist okay.«

Er warf die Autotür hinter sich zu und streifte die nasse Jacke ab. Trotzdem klebten seine Kleider an der Haut. Dünne Rinnsale flossen ihm aus seinem Zopf in den Nacken und den Rücken hinab. Er fröstelte.

Mit beiden Händen wischte er sich die Nässe aus den Augen.

Die Scheiben beschlugen.

Daniel drehte die Heizung hoch. Etwas raschelte, als habe sich altes Laub in der Lüftung verfangen.

Ein Rascheln, ähnlich wie damals, hinter den Spiegeln, als er zurückgeholt wurde … Er zuckte zusammen. Nicht auch Chris und Micha. Bitte nicht! Erneut überfiel ihn Panik. Kamen sie noch rechtzeitig?

Der Blick, den Daniel ihm zuwarf, konnte er nicht deuten. Er lächelte zwar, aber darunter verbarg sich etwas Vertrautes und doch Fremdes.

Er setzte den Blinker, wartete aber einen vorbei-fahrenden Transporter ab, bevor er wieder auf die Bundes-straße zog.

Das sonore Brummen des Motors besaß etwas Beruhi-gendes. Sie waren unterwegs. Oliver schloss die Augen und ließ sich in den weichen Fellbezug sinken. Einen Moment Ruhe. Er musste seine Gedanken ordnen. In Daniels Nähe ging das einfach. Er verströmte so etwas … Der Geruch nach kaltem Rauch und abgestandenem Kaffee drang in seine Nase. Er blinzelte. Sein Hals fühlte sich trocken an. Kaffee wäre gut, doch daran wollte er jetzt nicht denken. Zuerst musste er wissen, was mit Chris und Micha war. Etwas wehte durch das Gebläse zu ihm. Plötzlich stank es nach alten Socken. Irritiert sah er sich um. Vor seinen Füßen lagen bunte Springerstiefel, vermutlich mit Acrylfarben angemalt. Sie dünsteten unangenehm aus. Er versuchte, flacher zu atmen.

»Schmeiß sie nach hinten.«

Oliver nickte knapp und folgte der Aufforderung. Der Passat wirkte innen nicht annährend so heruntergekommen wie außen. Kein Müll, keine leeren Dosen, keine Kondome oder Kippenstummel.

Von hinten drang der Geruch nach feuchtem Leder in seine Nase. Daniel trug ausnahmsweise keine Jacke. Seine sonnenverbrannten Arme waren vollständig tätowiert. In erster Linie handelte es sich um Bilder aus Comicstrips, Supergoof und Phantomias, aber auch Sprüche, Anti-Nazi-Symbole und die Abkürzung A.C.A.B – All Cops are Bastards. Dasselbe stand auf der Rückseite seiner Lederjacke. Wie konnte er das nur in seinem Job vertreten? Er war doch Kriminalbeamter, wenn auch noch nicht im gleichen Dienstrang wie seine Kollegen, aber in jedem Fall ein Beamter.

Daniel lächelte beiläufig.

Hatte er seinen Blick bemerkt? Wahrscheinlich.

Er drehte die Heizung und das Gebläse höher, wischte aber mit einem Schwamm immer wieder über das Glas. »Du sorgst für reichlich beschlagene Scheiben.« Er grinste. »Heißer Junge, wie?«

Der Wagen verlor für einen Moment die Spur. Weil sie gerade durch einen Wald fuhren, war das nicht ungefährlich.

»Soll ich nicht lieber wischen und du konzentrierst dich aufs Fahren?«, schlug Oliver vor. Vielleicht konnte er sich auf diese Weise ablenken.

Daniel grinste noch breiter. In seinen Augen glomm Spott. »Klar, Olli, ich lasse dich unangeschnallt wischen, während wir hier die Serpentine runterbrettern.«

»Wäre auch nicht schlimmer, als in einen Überlandbus zu knallen.«

»Hey, ich bin ein guter Fahrer.«

Trotz allem wies er auf die Beifahrertür. »Da ist ein Lederlappen drin.«

»Interessiert dich nicht, warum ich dich Freitagfrüh hierher jage?«

»Micha hat mich angerufen und meinte, dass etwas mit Chris sei. Ich habe Matthias gebeten, hinzufahren, während ich dich einsammele.«

Die Wärme verstärkte sich. Es war nicht die Heizung. »Danke.«

»Klar, mach dir mal keine Gedanken, okay?«

Olivers Nervosität nahm zu, als sie die Stadtgrenze Wiesbaden passierten und die bewaldeten Taunushügel hinter sich ließen. Es beruhige ihn kaum, dass Matthias bei Chris und Micha war und es konnte ihm nicht schnell genug gehen. Die karge Klarenthaler Straße zog sich unendlich. Dank des bleichen Himmels und des Dauerregens wirkte sie noch trister. Ein Relikt vergangener Zeiten. Wahrscheinlich hatte es hier in den 50ern nicht anders ausgesehen – Gärten, ein paar vereinzelte Häuser, hie und da ein Gehöft, eine ehemalige Tankstelle. Rechter Hand erhob sich über den an Hängen gelegenen Schrebergärtchen die graue Satellitensiedlung von Neu Klarenthal, die wahrscheinlich größte Bausünde der Stadt, wie sein Vater immer gesagt hatte. In dem Punkt musste Oliver ihm sogar recht geben. Eine Plattenbausiedlung hätte kaum hässlicher sein können. Links verlor sich sein Blick in weichen, grünen Hügeln, die sich bis zu seinem ehemaligen Zuhause erstreckten.

Zuhause, das Wort verursachte einen Stich in seinem Herz. Rasch verdrängte er den Gedanken.

Er spannte sich, als sie an der Fachhochschule vorüberfuhren und endlich Richtung Innenstadt steuerten. Seine Atmung beschleunigte sich deutlich.

»Was meinst du, wird uns erwarten?« Daniels Stimme zerriss die Ruhe.

Er fuhr zusammen. »Ich habe keinen Schimmer.« Oliver warf ihm einen Blick zu. »Ist das schon mal vorgekommen?«

Daniel nickte langsam. »Ganz zu Anfang, nach der Beerdigung deiner Mutter und deiner kleinen Geschwister passierte etwas Ähnliches.«

Oliver keuchte. »Was habt ihr unternommen?«

Daniel drosselte an der Ampel die Geschwindigkeit. Er zuckte mit den Schultern. »Gregor Roth stellte mich damals zur Überwachung ab.«

»Und weiter?«

Für einen Moment schwieg Daniel. Er konzentrierte sich auf die Ampelphase an der Kreuzung und gab dann etwas zu viel Gas. Die Reifen drehten auf dem nassen Untergrund durch.

Eine neue Spannung baute sich auf. Wenn die Geschichte genauso seltsam war, wie das, was Michael am Telefon gesagt hatte, würde Daniel es sicher als Unfug abtun, oder es verbarg sich eine ganz reale Gefahr dahinter.

Oliver musterte ihn. Daniels Mimik drückte reine Konzentration aus. Erst als der Wagen wieder Boden gewann, entspannte er sich und antwortete. »Das ist eine ganz eigenartige Geschichte gewesen.« Er verzog die Lippen. »In der Nacht drang wohl jemand in die Wohnung ein, griff die Jungen an und presste mit beiden Händen Christians Brustkorb zusammen.«

Oliver zuckte zusammen. »Was?«

»Das ist eine nicht unbekannte Methode, Kinder zu ersticken. Recht altmodisch allerdings.«

Olivers Kehle schnürte sich zusammen. »Hat …« Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Fragen überschlugen sich in seinem Kopf. Wie konnte es dazu kommen? Wo war Walter? Was wurde unternommen? Warum hatte niemals jemand darüber gesprochen?

Er presste die Kiefer aufeinander. »Hat Micha dir davon erzählt?«

Daniel nickte. Er drosselte erneut das Tempo. »Er sagte, der Mann sei plötzlich weg gewesen.«

»Wie?« Oliver drehte sich im Gurt, bis er Daniel direkt ansah. »Weggelaufen oder …«

»Unsichtbar geworden trifft eher zu.«

Unsichtbar, genau das, was er auch eben am Telefon gesagt hatte.

Mühsam rang Oliver nach Atem. »Glaubst du das?«

»Nein.«

»Was glaubst du?«

Daniel zuckte die Schultern. Er gab Gas. »Ich hatte den Verdacht, dass es dein Großvater war, weil er angeblich nichts mitbekommen hat. Davon abgesehen gab es keinerlei Anzeichen für einen Einbruch.«

Walter? Er war kein netter Mann, aber er würde seinen Enkeln nie etwas tun – selbst wenn, wäre es einfach nur Irrsinn, während einer laufenden Ermittlung so etwas zu machen.

Welche anderen Optionen blieben aber noch offen? Nicht sonderlich viele. Genau genommen gab es nur zwei Möglichkeiten.

Entweder hatte Walter den Mann eingelassen oder es gab einen weiteren Schlüssel, mit dem sich dieser Kerl Zugang verschaffen konnte … oder es war eine Erscheinung … Ein Schauder rann über seinen Rücken.

Er verdrängte den Gedanken rasch wieder. So ein Unsinn. Wenn er nicht vollkommen durchdrehen wollte, sollte er sich an die Realität und die Fakten halten.

Fakten? Du ignorierst sie gerade, Trottel.

Innerlich rollte er mit den Augen. Diese Stimme nervte ungeheuerlich.

Aber war es nicht einfacher, an etwas Übersinnliches zu glauben, statt anzunehmen, dass Walter fahrlässig handelte?

Klar, aber akzeptiere endlich, was du doch schon längst weißt.

Er blinzelte. Warum antwortete er überhaupt dieser Stimme?

Hinter seinen Schläfen erwachte ein deutlicher Druck.

Er sank im Sitz in sich zusammen.

»Warum habt ihr mir davon nichts erzählt?«

»Gregor war der Auffassung, dass dich das nicht belasten sollte. Du leidest schon genug unter dem Mord und dem Prozess.«

Etwas setzte in seinem Kopf aus. Wut explodierte in seinem Schädel. Er ballte die Fäuste. »Aber es sind meine Brüder! Glaubst du etwa, dass sie mir egal sind?«

Daniel zuckte zusammen, schwieg aber.

Sofort tat es Oliver leid. Er wollte ihn nicht anschreien – letztlich war Roth die Person, die das initiiert hatte. Daniel als Blitzableiter zu nutzen war nicht fair.

»Entschuldige.«

»Ich hatte Gregor vor einer solchen Reaktion von dir gewarnt.«

Oliver knirschte mit den Zähnen. »Ist das nicht klar, dass ich mich um meine beiden Kleinen sorge? Außer Micha und Chris habe ich niemanden mehr.«

Behutsam strich Daniel über seinen Arm. »Ich weiß, Olli.«

Daniels Ton, seine Nähe und Wärme halfen etwas. Trotzdem glich es Verrat. In ihm zog sich alles zusammen. Er schluckte das bittere Gefühl hinunter. »Was ergaben eure Nachforschungen?«

»Wir haben uns mit der Überwachung abgewechselt und deinen Großvater mitgenommen. Er musste eine Aussage machen, eine fadenscheinige, nebenbei bemerkt. Die Spurensicherung war mehrfach da und ich habe die erste Woche bei Micha und Chris verbracht, die Folgewoche hat sich Matthias um die Jungs gekümmert. Schließlich meinte unsere Chefin sogar, wir sollten die beiden an einen unbekannten Ort bringen.«

Oliver nickte schwach. Er fühlte sich leer. »Und?«

»Es kam nichts raus – gar nichts.«

»Hast du vielleicht mal daran gedacht, dass der Angreifer wirklich …«, unterbrach sich Oliver. Er würde sicher nicht solch einen Quatsch vertreten. Geister gab es nicht.

Daniel bog in die Oranienstraße ein. Für einen Moment musterte er Oliver. In seinen Augen lag wieder dieser undeutbare Blick.

Was war das nur? Wissen?

Bevor er eine Frage stellen konnte, deutete Daniel auf den Bürgersteig. In einiger Entfernung flackerte Blaulicht.

Das war das Eckhaus seines Großvaters. Vor dem Buchladen standen mehrere Fahrzeuge. Zwei weitere blockierten die Busspur und eines stand gegen die Fahrtrichtung in der Matthias-Claudius-Straße. Mit aller Macht presste sich Olivers Brustkorb zusammen.

»Fahr bitte schneller.«

Daniel lenkte den Passat auf die Busspur und überholte den fließenden Verkehr mit eingeschalteter Warnblinkanlage.

Oliver wurde in die Polster gedrückt. Die Tachonadel berührte kurz die Hundert, bevor Daniel auf die Bremse trat. Der Wagen schlidderte, bis er direkt hinter einem roten Audi mit Berliner Kennzeichen zum Stehen kam.

Die Tür des Ladens stand offen, ebenso die Haustür.

Vor dem alten Ziegelbau warf eine Streifenbeamtin Daniel einen bösen Blick zu.

Oliver riss die Beifahrertür auf. Die Angst, die er empfand, sprengte seine normalen Empfindungen. Mit wenigen Schritten erreichte er den Laden.

»Halt, du darfst nicht da rein …«

Sie versuchte, Oliver den Weg zu verstellen. Er wich ihr aus der Bewegung heraus aus und prallte gegen die Sandsteineinfassung des Aufgangs. Er sah über die Schulter.

Daniel folgte ihm und zog aus der Hosentasche seinen Dienstausweis. »Kriminalkommissar Kuhn, das geht klar.«

Seine Stimme überschlug sich.

Irritiert wirbelte sie herum und drückte die Sprechtaste ihres Walkie-Talkies.

Er nickte Oliver zu. Ohne noch auf die Frau zu achten, hastete er die drei Stufen zum Laden hoch.

Muffige Dunkelheit empfing ihn. Durch Regen und Kälte hing klamme Feuchtigkeit in der Luft. Zugleich roch es nach Alter in jeder Form – Staub, Papier, Mauerwerk und Walter. Eine Übelkeit erregende Mischung, die sich auf seinen Magen niederschlug. Er wagte nicht, tiefer Luft zu holen.

Im Halbdunkel des Ladens erkannte er die gebeugte Gestalt seines Großvaters, der sich auf seinen Stock stützte. Er stand auf den Stufen neben dem Tresen. Mit Argusaugen beobachtete er den jungen Beamten, der in seinem Laden stand und offensichtlich keine andere Aufgabe zu haben schien, als seinerseits den alten Mann im Blick zu behalten.

Auch er zuckte zusammen. »Was ist denn nun los?«

Daniel blieb stehen und zeigte ihm seinen Ausweis.

»Und der Junge?«

»Oliver Hoffmann ist Herrn Markgrafs Enkel.«

In Olivers Nacken kribbelte es.

Walter starrte ihn an. Seine Augen flammten auf. Die wulstigen Brauen zogen sich zusammen. Über seinem kantigen, massiven Kiefer spannte sich fahle, schlecht rasierte Haut.

Seine Lippen zogen sich zurück und entblößten die gelb verfärbte Prothese. »Du bist nicht erwünscht.«

Die Worte waren ein Schlag ins Gesicht. Kalte Wut erwachte in ihm. Er presste die Kiefer aufeinander. »Das ist mir scheißegal.«

Walter stieß seinen Stock auf den Dielenboden. »Geh mir aus den Augen.« Seine Stimme war brüchig und rau wie ein Reibeisen. Seine Lungen rasselten.

»Gern. Ich will ohnehin zu Chris und Micha.«

Mit einem Satz überwand er die Holzstufen zum Tresen. Walter versuchte, ihm in den Weg zu treten.

Viel zu langsam. Oliver fiel es nicht schwer, sich einfach an dem alten Mann vorbeizuwinden.

Walter wandte sich um. »Verschwinde!«

Sein hasserfüllter Blick traf, tat aber nicht wirklich weh. Walters Reaktion war nicht einmal unlogisch. Ganz und gar nicht. Sollte er sich deswegen wie Dreck behandeln lassen?

Wohl kaum. Letztlich musste er nicht hier leben.

Wütend schüttelte er den Kopf. »Vergiss es.«

Walter lebte unter dem Dach. Sein Appartement erstreckte sich über die gesamte Grundfläche des Hauses. Jeden Tag mehrfach die fünf Etagen zu laufen und zusätzlich 150 Quadratmeter sauber zu halten, war Irrsinn für einen alten Mann. Offensichtlich störte es Walter nicht. In diesem Punkt bewunderte Oliver ihn. Unbegreiflich, wie viel Energie in diesem uralten Körper steckte.

Auf den einzelnen Etagen begegneten ihm neugierige Nachbarn, ausnahmslos alte Leute. Einige diskutierten miteinander, andere starrten ihn an. Zumeist standen sie im Weg.

Während er sich an ihnen vorbei drängte, folgten ihm böse Worte. Vollkommen egal, sollten sie ihn für einen ungehobelten Idioten halten. Er ignorierte das Brennen seiner Muskeln. Ihn machten die Stufen nicht fertig, aber sie nervten. Er wollte nur noch zu Chris und Micha.

Dank Daniels Anwesenheit hielt ihn kein Beamter mehr an. Auf den obersten Stufen hockte Michael in seinem Schlafanzug, den Kopf auf den Knien, das blonde Haar ungekämmt. Er trug nicht einmal Schuhe oder Socken. Seine Füße waren wächsern.

»Micha.«

Sein Kopf zuckte hoch. Aus rot geweinten, entzündeten Augen starrte er Oliver an. Wortlos sprang er auf und stolperte ihm entgegen. Seine dünnen Arme umschlossen Olivers Hüften. Michaels Schädel bohrte sich regelrecht in seine Brust. Eine Woge unterschiedlichster Gefühle überrollte Oliver – Sorge, bohrende Angst, Wärme, Liebe, Schmerz. Michael je wieder loslassen? Nein.

Dieser zierliche Kinderkörper in seinen Armen war eine Hälfte seines Lebens. Impulsiv umklammerte er Michael und drückte ihm einen Kuss ins Haar. Trotzdem war es unklug, ihn zu lang zu halten. Schließlich war er vom Regen vollkommen durchgeweicht. Wer weiß, wie lang Michael schon hier saß? Er musste nicht auch noch krank werden.

»Warum bist du nicht im Warmen?«

Der traurige Blick, der ihn traf, ließ Oliver das Blut in den Adern gefrieren. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Chris – war er etwa … »Was ist mit Chris?«

Michael schniefte. »Der Arzt ist bei ihm.« Mühsam rang er nach Luft. Es half nichts.

»Komm, Micha, wir gehen erst mal rein.« Daniel, der Oliver gefolgt war, lächelte. Mit seinem Daumen strich er die Tränen unter den Augenlidern Michaels fort.

Oliver nickte zustimmend. Er ging in die Knie und hob den Kleinen hoch. Mit beiden Armen umschlang Michael seinen Nacken und lehnte sich an.

Mein Gott, was für ein Fliegengewicht. An Micha war nichts dran. Unter dem Stoff stachen die Schulterblätter hervor. Steiß und Becken bohrten sich in seinen Unterarm.

Bekamen sie nichts zu essen?

Die beiden Jungen Walter überlassen? Niemals.

»Mein Kleiner.« Sanft küsste er die Wange des Jungen. »Ich bin wieder da und kümmere mich um euch.«

»Bring ihn erst mal aus der Kälte und steck ihn ins heiße Wasser. Micha holt sich sonst noch eine Lungenentzündung.«

Daniel hatte recht. Rasch schob er sich durch die offene Wohnungstür in den langen, dunklen Flur.

Der Geruch nach Kräutertee, Medikamenten und Essen lag in der staubigen Luft. Viele Füße hatten den fadenscheinigen Teppich auf den ausgetretenen Dielen zusammengeschoben. Im Flur stand eine zusammen-gefaltete Trage gegen die Wand gelehnt. Im Durchgang zum Kinderzimmer lag ein offener Metallkoffer. Stimmen drangen aus dem Raum. In der Küche bewegten sich Schatten über den Boden.

Oliver drückte Michael enger an sich. Langsam ging er am Kinderzimmer vorbei. Die Tür stand offen. Ein Sanitäter legte gerade ein Blutdruckmessgerät um Christians mageren Arm, während der Notarzt sich umwandte. Es war ein ernst aussehender Mann mittlerer Jahre mit einer dünnen Metallrahmenbrille. Über den Glasrand musterte er Oliver. Plötzlich nickte er einem weiteren Sanitäter zu, der ihm eine kleine, transparente Flasche und eine Spritze reichte.

»Machen Sie dem Kleinen eine GlucaGen-Infusion fertig.«

Ohne auf eine Antwort zu warten, trat er an die Tür.

»Sie sind Oliver, oder?«

Er klang weitaus weniger streng, als seine Mimik vermittelte.

»Ja.«

Er stieg über den Koffer. Automatisch wich Oliver einen Schritt zurück.

»Was ist mit meinem Bruder?«

Er fühlte, wie Michael seinen Kopf wandte, um den Arzt anzusehen.

Der Mann runzelte vielsagend die Stirn. »Jemand hat ihn gewürgt, den Brustkorb zusammengepresst. Die Hämatome reichen bis hinauf zum Hals. Das ist eigentlich ein Fall für einen Pathologen.«

Oliver schauderte. Wie konnte jemand Chris so etwas antun? Andererseits war sein Vater durchaus dazu in der Lage gewesen, zwei kleine Kinder abzuschlachten.

Dieser Gedanke … Sein Kopf leerte sich von einem Moment zum anderen. Alles versank in Nebeln, nur der Anblick des unterernährten, halb nackten Kinderkörpers in den Laken nicht. Er begann zu zittern.

Idiot, flüsterte die Stimme in seinem Kopf, enthielt sich aber jedes weiteren Kommentars.

In Olivers Magen breitete sich ein höllisches Stechen und Ziehen aus. »Bitte was?« Seine Stimme brach.

»Jemand wollte ihn umbringen.«

Michael schluchzte.

Akzeptiere es endlich.

Wie betäubt taumelte Oliver zurück. Eine feste Hand schloss sich um seinen Arm. Daniel – er war da.

Für einen Moment schloss Oliver die Augen. Das alles konnte einfach nicht wahr sein. Endete der Albtraum denn nie?

Das war doch vollkommen irrational. Ein elfjähriger Junge war wehrlos. Warum legte sich diese Person nicht mit ihm an? Er war älter, fast erwachsen und weitaus wehrhafter.

Du begreifst es nicht, Ignorant.

Betäubt schüttelte er den Kopf.

Jemand hat versucht, Chris zu erwürgen …

Die panische Stimme Michaels hallte nach.

Wer? Warum?

»Daniel …« Seine Stimme bebte unkontrolliert. »Bitte, bring meine Brüder in Sicherheit, bitte.«

Sicherheit gibt es keine.

Wortlos schloss Daniel Michael und ihn in die Arme.

Der Arzt räusperte sich. »Christian ist stark unterernährt. Ein Junge in seinem Alter und mit seiner Größe sollte rund zehn Kilo mehr wiegen.« Mit einer Kopfbewegung wies er auf Michael. »Das gilt für beide Zwillinge.«

Walter kümmerte sich nicht um die Jungen, weder um ihre Gesundheit noch um ihre gebrochenen Herzen.

Was wollte der Alte wirklich?

Sie sind seine Pufferzone, sein Schutz.

Wenn die Stimme recht behielt, hing damit vielleicht auch die Weigerung Walters zusammen, ihn aufzunehmen.

Schnellmerker. Genau so ist es.

Oliver schluckte. Sein Hals fühlte sich trocken an.

Walter schwächte sie vorsätzlich mit gewissenhafter Gründlichkeit. Warum?

Die Stimme in seinem Kopf schwieg.

Wut flammte auf. Wäre doch nur Walter hier – nichts wäre schöner, als ihm sein hasserfülltes Gesicht umzugestalten. Mehr als alles auf der Welt, wollte sich dieses mächtige Gefühl entladen. Seine Hände schlossen sich zu Fäusten. Mit bloßen Fingern sein Herz herausreißen …

Er lebt ohnehin schon zu lang!

Was? Nein!

Das war nicht sein Gedanke.

Seine Wut erkaltete, zurück blieb der schmerzhafte Druck in seinem Kopf, seinen Schläfen und den Kiefermuskeln. Langsam lösten sich seine Finger. Beide Handballen brannten von seinen tief in die Haut gebohrten Fingernägeln.

Müde sank er gegen die Wand.

»Wie geht es Chris? Kommt er auf die Füße?«

Der Arzt nickte. »Ich bin dafür, ihn in stationäre Behandlung zu geben.«

Die Worte taten gut. Sie bedeuteten einen Lichtblick, einen kleinen Ausweg und den Schutz der beiden Jungen. Erleichtert atmete er auf.

»Ich spreche gleich mit dem Chef«, fügte Daniel hinzu.

Verwirrende Worte

Oliver saß auf dem Wannenrand und wusch Michaels Haar. Heiße Dunstschwaden kondensierten an den Kacheln und dem kleinen Milchglasfenster über der Wanne. Noch immer zitterte er – nein, nicht nur er. Michael bebte, trotz des heißen Wassers, in dem er kauerte.

Schock, Angst, Unterkühlung. All das traf auf ihn zu. Aber in seiner ganzen Haltung lag eine Spannung, die Oliver erschreckte. Michael wollte offenbar etwas sagen – erzählen, was passiert war – wagte es aber nicht.

»Sag schon.«

Michael zog den Kopf weiter zwischen die Schultern.

»Ich kann nichts machen, wenn du schweigst, Micha.«

»Du glaubst mir sicher nicht.«

Oliver drehte das Wasser auf, und schaltete die Dusche an. »Warum?«

Michael zuckte zusammen, als der Schaum aus seinem Haar lief. Rasch presste er beide Hände auf die Ohren. Erst als Oliver die Hähne zudrehte, hob Michael den Kopf.

»Warum sollte ich dir nicht glauben?«, fragte Oliver.

»Weil du nicht das siehst, was ich sehe.«

Bist du dir da so sicher?

Er dachte an das seltsame Erlebnis des vergangenen Tages.

Insgeheim weigerte er sich weiterhin, an Geister oder Erscheinungen zu glauben. Zu viel Platz wollte er diesen Dingen nicht einräumen, aber hinter den Spiegeln lauerte noch immer die flackernde Welt, Elli, Marc und diese seltsamen Wesen.

Es gibt sie, warum leugnest du es denn?

Oliver schüttelte den Kopf. Warum konnte die Stimme nicht mal die Klappe halten?

Der Alte gestern war real.

Ja, war er. Seine Hände hatten hinterher erdig gerochen.

Hier hatte sicher Walter seine Finger im Spiel. Vielleicht hing es sogar mit dem Fall seines Vaters zusammen. Die Würgemale waren real.

Er beobachtete Micha, der sich gerade aus der Wanne hochstemmte und schamhaft beide Hände vor seiner Körpermitte verschränkte.

Dankbar für die Ablenkung tippte Oliver ihn an. »Seit wann bist du denn so ein Prinzesschen? Ich weiß, wie du aussiehst. Schließlich haben wir zu Hause oft miteinander gebadet.«

»Opa sagt, du bist schwul.«

Autsch, das ging in die Weichteile.

Na wunderbar – ließ der alte Sack sonst noch was aus, um ihn schlecht dastehen zu lassen? Wahrscheinlich hatte er es als ansteckende Krankheit dargestellt, diese Ratte. Stirnrunzelnd reichte Oliver ihm ein Handtuch. Micha wand es sich um den Körper und kletterte aus der Wanne.

»Klar, ich bin schwul – und weiter? Das ist nichts Schlimmes. Du weißt, dass ich mit Frank zusammen war.«

Michael nickte.

»Schwul zu sein heißt nur, dass ich mit einem Jungen gehe, nicht mit einem Mädchen.«

Sein Bruder schwieg und schlüpfte in seine Kleidung.

Oliver ließ das Wasser ab. Nachdenklich setzte er sich auf den Wannenrand.

Beängstigend, wie stark Michaels Knochen durch die Haut stachen. Er konnte alle Wirbel und jede Rippe sehen.

»Erzähl mir endlich, was los war. Ich werde es nicht anzweifeln.«

Michael schüttelte den Kopf. Er griff nach einer Bürste. Während er sich kämmte, vermied er den Blick in den Spiegel.

Er weiß von der anderen Seite.

In Olivers Magen krampfte sich alles zusammen. Unfug. Außer Dunst war nichts zu sehen, daran lag es sicher. Trotzdem fiel es auf.

Behutsam drehte er Michael zu sich. »Komm schon …«

»Sagst du auch wirklich nicht, ich sei dumm?«

Oliver schüttelte den Kopf. Sanft schloss er den Jungen in die Arme.

Warme Hände krallten sich in sein Shirt.

»Da war immer wieder dieser Mann …«

Hinter ihm gurgelte der Abfluss. Michael zuckte so heftig zusammen, dass ihm die Knie wegknickten. Rasch fing Oliver ihn auf und zog ihn auf sein Knie. »Alles ist gut.«

Vehement schüttelte Michael den Kopf. »Hier ist nichts gut«, wisperte er.

Olivers Herz machte einen schmerzhaften Satz.

Habe ich es nicht gesagt?

Mühsam rang Micha nach Luft. »Der Mann, der Chris gewürgt hat, der war schon oft da.« Seine Stimme nahm einen schrillen Klang an. »Am Anfang bin ich ihm mal gefolgt, bis in den Keller …« Er stockte.

Unwillkürlich beschleunigte sich Olivers Herzschlag. »Hat er dir was getan?«

»Er ist in einer Wand verschwunden.«

Irritiert musterte Oliver ihn.

»Wirklich – er hat sich auf die gleiche Weise aufgelöst, nachdem er versucht hat, Chris zu töten.« Verzweiflung lag in seiner Mimik. »Ich schwöre es …«

Oliver legte ihm den Finger über die Lippen. »Ist gut, sag das aber vielleicht nicht den anderen.«

Michael schob unwirsch seine Hand zurück. »Aber wenn …«

»Wir fragen, wie es Chris geht, und danach zeigst du mir die Stelle, wohin der Mann verschwunden ist.«

»Hast du einen Verdacht?« Daniels Stimme drang aus der Küche.

Oliver blieb an der Tür stehen und spähte hinein. Daniel saß rittlings auf einem der Stühle am Esstisch. Er beobachtete Gregor Roth bei seinem unermüdlichen Streifzug durch den Raum. Seit Oliver ihn kennengelernt hatte, schien er noch ein paar Kilo zugenommen zu haben. Der Pullover spannte über seiner Leibesmitte. Sein gelichteter Hinterkopf schimmerte, wenn er unter der Küchenlampe entlangging.

In seiner Nervosität lag eine gewisse Aggression. Seine Brauen hatten etwas von aufgemalten Teufelsbrauen. Er knurrte leise. Ständig zupfte er an seinem gestutzten weißen Bart. Offenbar dachte der Hauptkommissar nach. Schließlich nickte er.

Gegenüber Daniel saß Bernd Weißhaupt, der Berliner Kriminaloberkommissar. Seine muskulöse, massige Erscheinung füllte den überwiegenden Teil der Bank aus. Möglich, dass es an Weißhaupt lag. Inwieweit die beiden Kommissare miteinander arbeiteten und auskamen, konnte er kaum einschätzen. Zumindest teilten sie nicht immer die gleiche Meinung, wie er aus der Vergangenheit wusste.

»Die Jungen können nicht mehr länger hierbleiben, Gregor.«

Mit einer Hand fuhr er sich über die Augen. Er wirkte übermüdet. »Christian kommt in eine Klinik, Michael ist gnadenlos unterernährt und Oliver, den will Markgraf separieren.« Er schnaubte. »Was bezweckt er damit?«

»Kann ich dir nicht sagen, Bernd.« Die Stimme Roths klang gefasst. »Ich habe ihn nun schon mehrfach vernehmen lassen. Seine Aussagen bleiben schwammig.« Er blieb stehen und hob die Schultern. »Eigentlich glaube ich eher, dass das etwas für Irene Meinhard ist. Damit kenne ich mich nicht genug aus.«

Ihr habt auch nichts gegen ihn in der Hand, was ihn überzeugen könnte, sich in die Karten schauen zu lassen.

Oliver presste die Lippen aufeinander. Walter war die Sorte Mensch, die keinen Moment in Erwägung zogen, andere an ihren Gedankengängen teilhaben zu lassen.

Michael schob sich von hinten unter seinem Arm hindurch, klammerte sich aber an dem T-Shirt fest.

Sanft zog er ihn an sich, streichelte seine Wange und seine Schulter. Erneut spürte er die Knochen.

Was bezweckte Walter damit – den Jungen nicht genug zu essen zu geben? Sie waren gerade im Wachstum …

Rache und Angst.

Oliver fuhr zusammen. Unmöglich.

Trotzdem fraß sich der abscheuliche Gedanke in seinem Kopf fest. Rache – in Form von seelischer Qual, Hunger und Lügen.

War das sein Ziel? Rache für seine Tochter?

Oliver zog Michael enger an sich.

Wovor sollte Walter sich fürchten? Mit neunzig hatte man nicht mehr so viele Feinde. Scheinbar lief alles andere ja gut, die Mieteinnahmen aus dem alten Haus, der Laden, nichts schien Walter Probleme zu bereiten.

Gefahr bestand auch von Vaters Seite nicht.

Du Trottel. Es gibt ganz andere Gefahren, denen er lieber alles andere opfert, als sich selbst.

Jeder hatte das Recht zu leben – nicht nur ausgewählte Personen. Diese verfluchte Stimme war auch der Vorhof zur Hölle oder zum Irrenhaus. Nannte sich das nicht multiple Persönlichkeit?

Ja, zum Gehirnklempner solltest du mal, aber nicht deshalb. Vielleicht wirst du dann vernünftiger.

Wütend presste er seinen Bruder an sich.

»Micha, Olli, alles okay?«

Daniels Stimme brach erneut das erstickende ungerichtete Zorngefühl.

Die beiden älteren Kommissare wandten sich ihnen ebenfalls zu.

»Alles okay.« Oliver löste sich sacht von Michael. »Wie geht es Chris?«

Roth straffte sich. »Nicht so gut. Er wird bald ins Krankenhaus gebracht.«

Oliver sah über die Schulter zum Kinderzimmer.

Mit einem ärgerlichen Blick erhob sich Weißhaupt. »Er ist in guten Händen. Zur Sicherheit fährt Matthias später mit.«

Auch wenn Oliver keine Erlaubnis erwartet hatte, mitkommen zu dürfen, trafen die Worte.

»Das heißt, wir dürfen nicht?«, fragte Micha, wobei er die Brauen zusammenzog.

Daniel nickte traurig. »Erst mal nicht. Chris wird ohnehin erst mal von diversen Ärzten der Klinik und unseren Polizeiärzten untersucht. Matthias unterrichtet uns in jedem Fall.«

Michael klammerte sich wieder fest. Auffordernd musterte er Oliver. Das war der passende Anstoß.

»Chris ist elf. Wie fühlt er sich wohl – besonders nach einem Mordversuch? Versucht euch mal in ihn hineinzufühlen.« Ärgerlich schüttelte er den Kopf. »Ich wäre froh, wenn meine Familie bei mir wäre.«

Weißhaupt warf Roth einen typischen Hab-ich-es-nicht-gesagt-Blick zu.

Der Hauptkommissar seufzte und verdrehte die Augen.

»Das muss ich abklären. Er kommt jetzt erst mal in die Klinik. Herr Kuhn oder Herr Weißhaupt können euch beide dann fahren.«

Oliver stöhnte.

Konnte Roth nicht verstehen, dass Chris nach diesem Erlebnis in erster Linie Michael um sich haben wollte? Die Zwillinge waren grundverschieden, aber einander näher als jeder andere in der Familie.

Weißhaupt kam mit langen Schritten auf sie zu. Der alte Dielenboden unter dem ausgetretenen PVC knarrte. »Lasst mich mal durch, Jungs.«

Oliver wich ihm mit Micha im Arm aus. Der Oberkommissar schob sich an ihnen vorbei ins Kinderzimmer. »Doktor, können Christians Brüder mitkommen – oder sollen wir sie später hinterherfahren?«

»Mitkommen nicht, alles andere muss mit der Horst-Schmidt-Klinik geklärt werden, Herr Kommissar.«

»Ist gut, danke.«

Oliver starrte aus brennenden Augen zur Tür. Weißhaupt war doch nicht so verkehrt. Er setzte sich wirklich ein. Wahnsinn. Dankbar lächelte er, als Weißhaupt auf den Flur trat.

Dicht vor Michael und ihm blieb er stehen. »Hoffen wir mal, dass wir das Okay bekommen.«

Daniel lehnte sich in den Türrahmen und schob seine Daumen durch die Gürtelschlaufen. Michael regte sich. Er tastete nach Daniels Arm.

»Danke.«

Christian wurde vorsichtig die Stufen hinabgetragen. Langsam folgten Oliver und Michael. Roth begleitete sie. Er sprach leise mit dem Notarzt. Oliver hörte ihre Stimmen, nahm aber nicht wahr, was sie sagten. Er beobachtete seinen kleinen Bruder. Der ferne, teilnahmslose Blick schmerzte.

Wahrscheinlich hatten ihn die Medikamente betäubt oder – was schlimmer wäre – Christian wollte ihn nicht sehen. Weshalb? Weil er nicht bei ihm war und eingegriffen hatte?

Das wäre schrecklich.

Leider regte sich Chris kein bisschen. Vor dem Krankenwagen ergriff Oliver seine Hand. Die kalten Finger entglitten den seinen. Lediglich Christians Lider bewegten sich.

Konnte oder wollte er nicht reagieren? Als die Trage in den Wagen gehoben wurde, wandte Chris den Kopf ab. Er wollte nicht. Ein Stich ging durch Olivers Brust. Wie sollte er Chris zeigen, dass er da war und ihn liebte? Sollte er erzwingen, mitfahren zu dürfen …? Unerwartet legte sich eine schwere, warme Hand auf seine Schulter.

»Er fängt sich schon wieder, Oliver.«

Roth, natürlich, er war ja mitgekommen.

Ohne sich zu dem Kommissar umzudrehen, schüttelte er den Kopf. »Nein, er ist verletzt. Ich war viel zu lang für meine beiden Kleinen nicht da.«

Der Notarzt stieg in sein Auto. Die Türen des Rettungs-wagens wurden geschlossen. In der Sekunde ruckte Chris’ Kopf herum. Angst stand in seinen Augen. Der Blickkontakt riss ab. Olivers Kehle schnürte sich zusammen.

Michael klammerte sich an ihn.

»Dann musst du ihm zeigen, dass du immer noch sein großer Bruder bist«, sagte Roth.

Matthias, den Oliver die ganze Zeit nicht gesehen hatte, eilte aus der Buchhandlung. Er streifte seine Kapuze über.

Mit einem kurzen Nicken ging er zu dem roten Audi – Weißhaupts Wagen.

Oliver wandte sich zu Roth, wobei er seine Hand abschüttelte. »Wie soll ich Chris das beweisen? Walter will mich nicht hier haben.«

»Dein Großvater hat auf die aktuellen Entwicklungen keinen Einfluss mehr.«

Ach? Wirklich? Was meinte er damit?

Oliver schluckte seinen Ärger. »Was heißt das genau?«

Roth hob die Schultern. »Gib mir Zeit bis heute Abend. Ich muss noch einige Punkte mit meiner Vorgesetzten absprechen. In Ordnung?«

Er meinte wohl Irene Meinhard? So hieß seine Chefin, eine für ihn immer noch unbekannte Größe. Er wusste nur, dass sie erste Kriminalhauptkommissarin war.

Er atmete tief die kalte Luft ein. Sein Verstand klärte sich etwas.

Im Zusammenhang mit den zwei Angriffen auf Chris würde sie hoffentlich Polizeischutz anordnen. Vielleicht erhärtete sich der Verdacht gegen Walter, aber was hieß das im Klartext?

Davon abgesehen hatte er Michaels Worte – und die seines ständig dazwischenredenden Alter Egos – nicht vergessen. Was stand also tatsächlich hinter allem? Vielleicht konnte er ein wenig mehr Licht in die Sache bringen. Immerhin hatte Michael ihm von dem Mann erzählt, der in den Kellern verschwand.

Vielleicht ergab sich jetzt eine Möglichkeit, sich umzusehen. Unter Roths strengem Blick würde es schwer werden, sich frei zu bewegen.

Die Motoren starteten. Langsam, mit eingeschaltetem Blaulicht, ohne Sirene, rollte der Rettungswagen vom Bürgersteig auf die Straße. Der Notarzt folgte. Das Schlusslicht bildete der rote Audi.

Matthias sah in den Rückspiegel. Sein Blick traf Oliver. Lag Sorge darin? Sicher nicht. Davon abgesehen waren sie zu weit voneinander entfernt.

Trotzdem hinterließ dieser Moment ein fades Gefühl.

»Kommt mit!« Roth wies mit einer Kopfbewegung zum Hauseingang.

»Micha und ich möchten gern einen Moment Ruhe haben. Ist das okay?«, fragte Oliver.

Zögernd nickte der Kommissar. »Holt euch aber keine Erkältung bei dem Regen.«

Blendwand

Sie gingen ein Stück weit die Oranienstraße hinunter. Dank des Regens und der billigen Leuchtreklamen diverser Kioske und To-Go-Pizzerien wirkten die prachtvollen Klassizismusbauten heruntergekommen und trist. Busse überholten die im Berufsverkehr feststeckenden Pkws. Dank der Blockade vor Walters Laden geriet der Linienverkehr aber spätestens dort ins Stocken. Oliver warf einen Blick zurück.

Große Gelenkbusse mussten die Ansammlung der Polizeifahrzeuge umfahren. Zusätzlich erschwerten Schaulustige den Fluss. Nachbarn und Passanten standen auf dem Bürgersteig und beobachteten, was passierte. Vereinzelt folgten ihnen auch neugierige Blicke. Sicher waren bereits Lokal-Reporter hier. Schließlich lag das Pressehaus nur einen halben Kilometer entfernt in der Fußgängerzone.

Morgen waren die Wiesbadener Zeitungen mit Spekulationen und Herleitungen angefüllt – nein, eigentlich nicht. Dafür gab es ja Pressesprecher. Die Bild würde sich hier sicher nicht blicken lassen.

»War das Baden nicht ziemlicher Essig?«

Irritiert musterte er Michael.

»Es regnet.«

Oliver legte seinen Arm um Michaels Schultern und drückte ihn an sich. »Ich weiß. Anders bin ich Roth aber nicht losgeworden.«

Der fragende Blick brachte ihn zum Lächeln.

»Ich will nicht unbedingt unter Gregor Roths Nase in den Keller stiefeln und mich nach etwas umsehen, was ich ihm nicht erklären kann, verstehst du?«

Micha schob seine Arme unter Olivers Jacke. Die direkte Nähe behinderte zwar beim Gehen, aber es war schön. Eine Woge tiefer Zufriedenheit breitete sich in ihm aus. Allein die Nähe und Liebe, die ihm Michael schenkte, war unbezahlbar. Zärtlich streichelte er über das weiche, feuchte Haar.

»Dann glaubst du mir?«

Diese Frage holte ihn unsanft auf den Boden zurück.

Widerwillig nickte er. Michael atmete erleichtert auf.

Sie bogen nach links in eine der prächtigen, baumgesäumten Straßen ab. Gut erhaltene Wohnhäuser aus der Jahrhundertwende, dem Klassizismus und dem Jugendstil erhoben sich rechts und links. An den verputzten oder geklinkerten Fassaden rankten Wein und Efeu. Gepflegte oder wildromantische Vorgärten gaben der Adelheidstraße ihr unverwechselbares Aussehen. Durch das dichte Blätterdach der hohen Bäume drang nur wenig Regen. Von Zeit zu Zeit traf sie ein einzelner Tropfen. Das war eine weitaus schönere Ecke als die Oranienstraße.

Oliver schlug bei nächster Gelegenheit den Weg nach links ein, um zum Haus zurückzukommen.

Bald ließen sie die grüne Pracht zurück. Statt Kopfsteinpflaster Betonplatten, statt Vorgärten enge Bürgersteige und dicht beparkte Straßenränder. Am Kiosk standen bereits die Ersten nach Dosenbier an.

Schlechte Gegend – besonders für Kinder. Oliver ging schneller. Wenige Minuten später erreichten sie den Hauseingang. Roth war nirgends zu sehen, nur die Beamtin, die Oliver vorhin fast umgerannt hätte. Rasch huschten sie hinter ihr in den Windfang.

Modrige Kühle empfing sie. In Olivers Nacken kribbelte es unangenehm. Er blieb auf den Stufen stehen und sah hinab. Beobachtete sie jemand? Tatsächlich sahen einige Passanten nach drinnen. So wie sie blinzelten, erkannten sie sicher nur Schatten.

Machte ihre Gegenwart ihn so nervös?

Er schauderte. Die Mauern atmeten etwas Bedrü-ckendes aus.

Dieser Ort ist von Trauer und Schmerz durchtränkt.

Dieses Mal fehlte jede Herausforderung in der Stimme. Es war eine Feststellung, nichts sonst.

Michael keuchte. Seine scharfen Nägel bohrten sich in Olivers Haut.

Abrupt wandte er sich dem Hochparterre zu – und fuhr zusammen. Direkt hinter der Tür des Windfangs stand sein Großvater. Erschrocken wich er eine Stufe hinab.

In den tief liegenden Augen des Alten flammte unverhohlener Zorn. Die bleiche, faltige Haut spannte sich wie trockenes Pergament um den Schädel des alten Mannes. Er entblößte seine gelben Zähne. Speichel sammelte sich in den Mundwinkeln. Alle Menschlichkeit war aus dem alten Mann gewichen.

Ein weiteres Mal stieß er seinen Stock auf.

Wer war er – Gandalf? Fehlte nur noch, dass er sagte: Du kommst nicht vorbei!

Aber die Art der Lektüre fehlte sicher in seinem Laden.

Er wirkte beinahe lächerlich, trotz der Tatsache, dass er noch immer beeindruckend groß war und breitbeinig wie ein Offizier dastand. Die Vorstellung eines jungen Walter Markgraf in Uniform, mit einem Gewehr in der Hand, legte sich über die Wirklichkeit.

Michael zog ihn an der Hand.

Er warf Walter einen Blick zu und drängte sich an ihm vorbei. Mit erstaunlicher Gewalt packte der Alte ihn am Handgelenk. Dumpfe Schmerzen zogen durch Hand und Unterarm. Oliver zischte ärgerlich. Er blieb stehen, obwohl Michael nun beinahe panisch an ihm zerrte.

»Lass los, Walter.«

Unwillig ballte er eine Faust und drehte sich unsanft aus dem harten Griff.

Wortlos starrte der Alte ihn an. Blanker Hass schlug ihm entgegen. Über seine Lippen kam ein wütender Laut.

Oliver beachtete ihn nicht mehr.

Der Keller stand offen. Dumpfes Licht drang auf den dunklen Flur. Anscheinend hatte die Polizei sich hier unten umgesehen.

Das Geräusch leiser Schritte drang herauf und verursachte ein schwaches Knirschen.

Wer war gerade dort unten? Einer der Beamten?

Oliver fror. Erneut kribbelte es in seinem Nacken. Das Gefühl, von hinten belauert zu werden, erwachte erneut.

Die erschreckende Stofflichkeit der Dunkelheit auf der Hofebene kroch ihm über die Haut. Seine Nackenhaare richteten sich auf. Es fühlte sich an, als stünde jemand dicht hinter ihm. Eine Nähe, die von unwahrscheinlicher Intensität war.

Geister?

Niemals, das Gefühl war anders.

Walter?

Nein, er wollte nicht über die Schulter zurückschauen um Walter, der sich langsam und geräuschvoll zu ihm umdrehte, den Triumph gewähren, Einblick in seine Angst zu bekommen.

Die Trockenheit in seiner Kehle, das brennende, elektrisierende Gefühl in seinem Magen, das Impulse bis in die Fingerspitzen sandte – so viel Furcht konnte der alte Mann nicht auslösen.

Er spannte sich. Handelte es sich doch um Michaels Geist?

Unbehaglich sah er über die Schulter. Nichts.

Michael krallte sich fest. Er gab ein leises, hohes Quieken von sich und zitterte.

»Ruhig.« Oliver strich ihm über den Nacken. »Es ist alles okay.«

»Okay?« In der Stimme seines Bruders lag irre Panik.

Kälte wehte aus dem Keller herauf. Feine Gespinste von verstaubten Spinnweben bewegten sich sacht. Der Geruch nach Rost, Schimmel und Moder lag in der Luft.

Plötzlich wirkte die Helligkeit der schwachen, verstaubten Schachtlampe grell.

Oliver schluckte trocken. »Komm.« Vorsichtig schob er Michael auf die Eisentreppe und folgte ihm. Sein Magen krampfte sich zusammen.

Verdammt, das Schlimmste, was ihm passieren konnte, hatte er überstanden. Selbst ein Geist konnte nicht schrecklicher sein als sein Vater. Diese Nacht … Er sah nach unten. Das alte Metall der Stufen knarrte unter seinem Gewicht. Wieder eine Treppe. Ihm rann ein Schauder über den Rücken. Er musste schlucken.

Vorsichtig spähte er über die Schulter. In den Schatten jenseits des Lichtkegels, auf dem Treppenabsatz des Hochparterres, stand Walter. Olivers Magen zog sich zusammen. Die Narben brannten von einem Moment zum anderen, als stecke noch das Messer in seinem Körper.

Verfluchte Psychose!

Das Flurlicht flammte auf. Die Silhouette des alten Mannes nahm Konturen an. Er wirkte monströs.

Rasch drehte er sich um und folgte Michael.

Noch immer kribbelte sein Nacken. Wahrscheinlich starrte der Alte ihn an.

Nur aus seinem Blickfeld.

Auf der Kellerebene wartete Micha. Er umklammerte das Eisengeländer mit beiden Händen, als könne es ihm Halt geben.

Er atmete hektisch, als sei er gerannt. Sein Blick flackerte. Nur nicht durchdrehen.

Sofort schloss er Michael wieder in seine Arme. Heißer Atem drang durch sein Shirt. Nur langsam beruhigte der Kleine sich. Sein Zittern nahm allerdings nicht ab.

Das unheimliche Gefühl blieb. Es intensivierte sich. Oliver wagte nicht, zu tief in die Schatten zu schauen.

Horrorszenario – und immer dieses Knirschen von Schritten. Wer war hier unten?

Die Spurensicherung, Beamte – Polizei eben.

Hoffentlich. Es wäre zu plakativ gewesen, genau an diesem Ort von etwas Übernatürlichem angegriffen zu werden. Er neigte sich zu Micha und küsste sein Haar.

»Willst du hoch?«

Vehement schüttelte der Kleine den Kopf.

»Geht es denn?«

Michael versteifte sich. »Da ist jemand.« Seine Stimme war nichts als ein heiseres Krächzen. Unwillkürlich fuhr Oliver herum.

Walter. Auf was lauerte der alte Geier eigentlich?

Oliver biss die Zähne aufeinander. Das Starren machte ihn kirre. Mühsam atmete er durch. Vor Micha sollte er sich keine Blöße geben. Beruhigend strich Oliver ihm über die Schulter. »Das ist nur Opa.«

Micha wich in den Gang. Er wirkte verstört. »Aber er ist nicht allein. Irgendwie ist das unheimlich.«

Nicht allein?

Oliver sah zurück. Tatsächlich stand neben Walter jemand, klein, gebeugt, schemenhaft, als würden Dunstschwaden den Körper bilden … Wie der schwarze Nebel, der in der Mordnacht um Vater waberte.

Nein! Er schüttelte den Kopf, kniff die Lider zusammen und öffnete sie wieder. Das Bild blieb.

Ein Hauch von erstickend süßlicher Verwesung wehte heran, begleitet von warmer Feuchtigkeit, als atme etwas seine gesamte Finsternis aus. Keuchend fuhr er herum.

Sein Herz hämmerte. Gleißend schoss die Angst durch seinen Körper.

Weg! Fort aus dem Sichtfeld dieser Erscheinung. Erschrocken riss sich Oliver aus dem Bann los.

Micha schien es nicht anders zu ergehen. Panisch wirbelte er herum und rannte los. Mit langen Schritten folgte Oliver. Insekten flohen vor ihm. Stützen und Bogendurchgänge flogen an ihm vorüber. Fast hatte er den Kleinen eingeholt, als Weißhaupt auf den Quergang trat. Ungebremst rannte Micha in ihn hinein. Die Wucht trieb ihn zurück. Benommen blieb er stehen und rieb sich die Wange. Oliver konnte gerade noch bremsen. Was, verflucht, machte der denn hier?

Fassungslos starrte der Kommissar sie an.

Oliver wusste, dass Weißhaupt nicht begeistert war, okay, stinksauer. »Was macht ihr hier unten?« Der Kommissar ließ seine Pranke auf Michas schmale Schulter fallen, schob ihn aber zu Oliver. »Ab, hoch, alle beide.«

»Nein. Ich muss mir etwas ansehen, was Micha …«

»Der Mann, der durch die Wand ging?« Weißhaupt klang in keiner Weise spöttisch.

Seltsam. Aber woher wusste er davon? Oliver sah zu Micha, der zurückwich. Klar, der Kleine hatte es Weißhaupt gesagt. Behutsam nahm Oliver ihn in den Arm. »Demnächst sagst du mir, wem du noch davon erzählt hast.«

Micha nickte.

Oliver wandte sich an Weißhaupt. »Warum überprüfen Sie eine Geistergeschichte?«

»Weil Kinder in solchen Geschichten die Wahrheit verpacken.«

Der Ernst in seiner Stimme ließ Oliver nachdenklich nicken. Weißhaupt hatte recht.

»Entschuldigen Sie …«

Mit einem Schulterzucken wandte sich der Kommissar ab.

»Wenn du schon mal da bist, Michael, kannst du mir auch zeigen, wo der Mann verschwunden ist.«

»Haben Sie denn Hinweise gefunden?« Er deutete nach oben. »Wegen Chris meine ich.«

»Noch nicht. Aber ihr habt hier einen Zugang in die Kanalisation. Also könnte tatsächlich jemand einfach so verschwinden.« Er wies in eine Richtung. »War das in etwa dort drüben?«

Michael nickte.

Ohne eine weitere Erklärung ging Weißhaupt voran.

»Wovon redet er?«, flüsterte Michael.

»Wahrscheinlich gibt es einen Kanalzugang.«

»Unheimlich.«

Grimmig nickte Oliver. Nicht nur das.

Kalt, feucht und tonnenschwer lastete das alte Haus über ihnen. War es nur das? Nein. Kaum spürbar wuchs die Präsenz von etwas Unaussprechlichem. Das Gefühl – er kannte es bereits. Es war wie hinter den Spiegeln gewesen, bevor Marc sich veränderte. Was lauerte hier?

Es unterschied sich deutlich von dem alten Mann im Heim.

Die Erscheinung war gut gewesen, vielleicht nicht glücklich, aber ein positives Wesen. Was hier lauerte, durchdrang die Mauern bis in ihre Fundamente. Was es war? Unmöglich zu sagen. Aber das Gefühl dabei war schrecklich vertraut … blanke Angst, die sich mit Klauen in seine Seele schlug. Ein erstickender Kloß bildete sich in seinem Hals. Das Pochen seines Herzens echote bis in die Fingerspitzen. Der dumpfe Druck in seinen Schläfen …

Verflucht, mach dich nicht kirre, damit ziehst du es an.

Dieses Mal schien die Stimme auf seiner Seite zu stehen. Es gelang ihm, das Gefühl abzuschütteln.

Gut so.

Ein schwaches Geräusch erklang aus einer der Kammern.

Was war das? Ratten? Vielleicht Katzen? Hatten Micha und Weißhaupt etwas gehört?

Der Beamte ging unbeirrt weiter. Michael schluckte leise. Fraglos. Seine Haut war kalt. Schweißperlen benetzten sein wirres Pony. Stumm drängte Micha sich an ihn. Sein Griff verstärkte sich.

Gezwungen ruhig folgten sie Weißhaupt.

Ein eigenartiger Geruch, begleitet von einem Hecheln, stieg auf. Irrte er sich? Sein Blick strich über die Holzverschläge. Nichts.

Das Geräusch wiederholte sich, weitaus näher, deutlicher. Oliver versuchte, sich zu beherrschen.

Aus der Kammer neben ihnen drang ein Schleifen, das ihnen parallel folgte.

Was war das?

»Da ist was.« Michaels leise Stimme hatte die Gewalt eines Donnerschlages.

Weißhaupt sah sich erschrocken um. »Wo?«

Micha blieb stehen. Er wies auf die Kammer.

Oliver kniff die Augen zusammen. Hinter der Lattentür glaubte er, Bewegungen wahrzunehmen.

Micha hatte recht. Da war tatsächlich etwas. Sein Herz setzte aus. Keuchend wich er zurück.

Das? Unmöglich. Jetzt drehte er durch. Das war ganz klar nicht real!

Und doch … Durch die Freiräume zwischen den Latten ragte etwas Monströses auf. Das Ding war groß und nicht einmal im Ansatz humanoid. Fast erinnerte es mit seinem gedrungenen Leib und den kurzen, wuchtigen Hinterläufen an einen Dinosaurier. Auf einem abstrus langen Hals pendelte ein unförmiger, augenloser Schädel. Lediglich sein Maul teilte die glatte Fläche. Feuchte Häute verbanden die massiven Kiefer. Speichel troff herab. Von seinem Leib wehte feuchte Wärme. Das Ding stank wie der Atem eines kranken Menschen. Waren das Fäulnis oder Tod?

Du kennst es.

Das Ding gab es nicht. Geistererscheinungen waren eine Sache, Monster eine ganz andere. Er musste schlicht durchgedreht sein.

Hinter den Spiegeln warten sie.

Michael drängte sich Schutz suchend hinter Oliver.

Er sah es auch?

Dieses Ding war bar jeder Logik. Logik? Ein solches Wesen war nicht logisch.

Tief in seinem Magen ballte sich panische Angst, die sich zu einem erstickenden Gefühl manifestierte. Gelähmt, unfähig sich zu regen.

Du kennst sie, fürchte sie nicht.

Nein, niemals. Das war unlogisch. Dieses Ding gab es nicht.

Das Wesen wich zurück. Obwohl es keine Mimik besaß, wirkte die Reaktion überrascht. Es stieß mit seinem Schädel gegen die Decke. Putz, der sich in Feuchtigkeitsblasen von der Gewölbedecke schälte, bröselte herab.

Es verschwand nicht. Was war das?

Sie wachen hinter den Spiegeln.

Richtig – aber was verband er damit? Angst, Gewalt, Tod vielleicht?

Ja, zugleich auch nein. Schlimmer als das, was aus Marc geworden war, konnte es nicht sein.

Der Schädel zuckte nach vorn, ungeachtet der Brettertür, die er durchbrach. Holz splitterte. Staub wirbelte auf.

Instinktiv wich Oliver aus. Michael schrie.

Sah Weißhaupt das Gleiche?

Oliver hechtete zur Seite und wirbelte herum. »Micha, lauf!«

Am Rande seines Bewusstseins bemerkte er, wie der Kleine fortstürzte. Im gleichen Moment prallte er mit dem Rücken in einen Alkoven zwischen Bretterwand und Stütze.

Der Schädel zuckte herab. Entsetzt wandte Oliver den Kopf. Er kniff die Augen zusammen. Wie sinnlos.

Nichts passierte.

Schwammig faulige Wärme war alles, was er spürte.

Warum geschah nichts? Folgte das Ding etwa Michael?

Erschrocken hob er die Lider.

Der riesige Schädel pendelte über ihm. Die Kiefer klafften auf. Faulende, dennoch spitze Zahnreihen staffelten sich wie ein Mahlwerk hintereinander. Es besaß keine Fänge, aber das brauchte ein solches Wesen auch nicht.

Hitze und Speichel drangen aus dem lippenlosen Maul. Der Gestank, der davon aufstieg, raubte ihm den Atem. Keuchend drängte er sich zur Seite. Die raue, klamme Wand fühlte sich unangenehm an, real, genauso wirklich wie dieses furchtbare Wesen.

Weg …

Schwäche kroch durch seine Glieder. Alle Kraft wich aus ihm.

Er ist harmlos.

Nein, nicht … Das Flattern in seiner Brust schaffte es nicht mehr, ihm Kraft zu geben. Luft … sie war fort, so sehr sich seine verkrampften Lungen blähten, kein Hauch davon kam an.

Panik explodierte in seinem Kopf, die in grauen Nebeln versank. Der knöchern feste Schädel des Wesens stieß unsanft gegen seine Brust. Sein Herz ruckte schmerzhaft. Gleichzeitig füllten sich seine Lungen mit eisiger, scharfer Luft. Ein furchtbarer Moment reiner Agonie …

Einen Augenblick kippte die Welt.

Wächter …

Es war nicht diese andere Stimme, die ihn sonst begleitete. Wer sagte das?

Was …?

Es klang so bekannt. Wer sprach diese Worte aus?

Wächter, Totenwächter, Seelenfresser …

Er hörte es – seine eigene Stimme. Er spürte den scharfen Schmerz in seiner Kehle, das Reißen der Stimmbänder.

Warum? Woher nahm er das Wissen? Was beseelte gerade seinen Körper?

Du weißt, was sie sind!

Nein.

Er schüttelte den Kopf. Die Antwort drängte bereits hervor. Er presste die Kiefer aufeinander, bis der scharfe Schmerz in Nase und Nebenhöhlen schoss.

Du warst tot.

Seine Lider flatterten. Im gleichen Moment wurden seine Knie weich. Es stimmte – er erkannte das Geschöpf. Es hatte jenseits von Marcs Zimmer gelauert. Kurz bevor die Ärzte ihn zurückgeholt hatten, hatte er es gesehen.

Wie kam das Ding hier her?

Bin ich tot?

Habe ich je gelebt?

Etwas von ihm war hinter den Spiegeln zurückgeblieben. Seitdem hörte er die andere Stimme. War das der Teil, der sich von seiner Seele abgespalten hatte?

Schattenlose Helligkeit flimmerte auf, bevor Finsternis alles um ihn verschlang. In der Sekunde drang etwas mit gleißendem Schmerz in seinen Verstand. Das Flackern von Irrsinn, etwas vollkommen Fremdes, bar jeder Menschlichkeit, bohrte sich in ihn. Eis und Lava explodierten in seinem Schädel. Sein Magen kehrte sich um. Ekelhaft giftige Magensäure schoss durch seine Speiseröhre und füllte seinen Mund. Würgend übergab er sich. Heiß rann Erbrochenes über seine Lippen und drang in seine Nase. Gequält presste er die Lider zusammen. Stimmen, Laute, zusammenhangslose Gedankenfetzen, Emotionen, alle vollkommen fremd, drangen auf ihn ein. Hinter seiner Stirn ballte sich die Masse bizarrer Eindrücke, nur um mit Gewalt gegen seine Schläfen zu drängen. Das, was sich in seinen Verstand zwang, war so abstrus, dass es ihn mit sich in die Finsternis des Wahnsinns riss.

NEIN! Hau ab!

Von einem Moment zum anderen verschwand das Gefühl.

Stille, nicht weniger laut und unerträglich, flutete seinen Verstand. Stöhnend schloss er die Augen.

Hinter seinen Lidern flimmerte das Nachbild des Wesens, nur dass es weiß und seine Umgebung schwarz zu sein schien.

Weg hier. Er wollte nur diesem wirren Mix von Albtraum und Realität entkommen. Wohin? Hier gab es keinen ruhigen Ort, um all das zu ordnen.

Es war hoffnungslos. Wie lang würde er seinen Verstand behalten, wenn es nichts gab, was eine Konstante bedeutete? Fühlte sich Verzweiflung so an? Bisher bedeutete das Gefühl Verlust und Ausweglosigkeit. Aber war das nicht genau dasselbe? Wahrscheinlich knallte er durch. Das waren klare Anzeichen für einen vollkommenen geistigen Zusammenbruch.

Langsam beruhigte sich der Sturm wieder. Zurück blieb beklemmende Angst.

Würde dieses Gefühl je wieder gänzlich verschwinden?

Er schluckte. Es war unbestimmt und trotzdem definiert. Der Stress, die plötzlich hereinbrechende Normalität außerhalb einer Klinik, die Worte von Frau Richter, das seltsame Verhalten Walters, die Angriffe …

Wut ballte sich in ihm zusammen. Er spürte, wie seine Nägel in die Handflächen schnitten.

Ich lasse mich nicht fertigmachen, von nichts.

Langsam gewann die Wirklichkeit den Vorrang. Er war nicht tot.

Wenig entfernt drang das Knirschen von körnigem Staub und Mörtel zu ihm. In der kalten Luft lag der Gestank nach Moder und altem Mauerwerk. Helligkeit stach nicht mehr durch seine Lider. Das Licht schien wieder normal zu sein. Vorsichtig sah er auf. Das war nicht die Stelle, an der der Wächter gelauert hatte.

Wenige Schritte entfernt versuchte Weißhaupt einen Blick auf die Kammer zu erhaschen. Hinter ihm kauerte Michael. Erst jetzt erhob sich sein Bruder und wand sich aus seiner Ecke. Der massige Beamte versperrte ihm offenbar den Blick. Weißhaupt bewegte sich keinen Schritt.

Diese Neugier war so herrlich normal.

Michael hielt sich an einem Fallrohr fest. Wasser rauschte herab. Erschrocken ließ er los.

Oliver sah zu dem Keller, vor dem er stand. Er lag hinter einem gemauerten Bogen und war leer. Nicht einmal Holzsplitter gab es, die das Wesen zurückgelassen haben müsste.

Einbildung?

Nein. Oliver rieb sich die Augen. Die Welt hinter den Spiegeln gab es wirklich. Er schüttelte den Gedanken ab.

»Hier.« Michael kam zu ihm und wies in die Kammer. »Er ist hier verschwunden, in dieser Wand.«

Das Licht reichte kaum. Oliver kniff die Lider zusammen. Ihm gegenüber befand sich eine Mauer, die nicht annähernd so weit in die Tiefe ging wie in der Kammer daneben.

Einige poröse Ziegelbrocken lagen auf dem Boden. Mörtelreste und Salpeter hingen in den Spinnweben. Unter den Geruch mischte sich ein eigenartiger Hauch, der sich mit nichts vergleichen ließ. Ein schaler Geschmack schlug sich pelzig in Olivers Rachen nieder. Sein Magen hob sich. Unwillkürlich würgte er. Woher kam das?

»Olli, alles okay?« Michael berührte seinen Arm.

Um das Gefühl zu unterdrücken, presste er die Kiefer aufeinander und versuchte nur noch flacher zu atmen. Sacht strich er Michas Hand ab. Antworten konnte er nicht.

Was roch so eigenartig?

Die instabile Brettertür war unverschlossen. Lediglich der Riegel lag vor. Rost knirschte in den Ringen, als er den Knauf zurückzog. Ein Widerstand gab nach. Mit einiger Kraft zerrte er an den rauen Latten. Splitter stachen in seine Haut.

Scheiße, was bin ich denn für ein Weichei geworden?

Vor einem Jahr wären sie nicht durch die verhornten Stellen an seinen Fingern gedrungen.

Die Tür kratzte über den Boden. Als er den Fuß in die Kammer setzte, wirbelte Staub auf. Die winzigen Partikel reizten seine Schleimhäute. Oliver versuchte, nicht noch mehr zu husten. Sein Hals tat ohnehin schon weh. Der Niesreiz ließ sich allerdings kaum unterdrücken. Er presste den Ärmel seiner Jacke gegen Mund und Nase.

Hier verdichtete sich der Geruch. Schimmel, feuchter Putz und dieser Übelkeit erregende Gestank vermischten sich. Woher kam die Feuchtigkeit, wenn der Boden so trocken war, dass der Staub bis zu seinem Gesicht aufwirbelte?

Mit den Fingern fuhr er über die zugemauerte Öffnung. Zwischen einigen Steinen rann brackiges Wasser in den Mörtel und weichte ihn auf. Oliver hob den Blick. Über ihm neigte sich ein dickes, schwarzes Tonrohr in die Wand. Es verlief schräg durch die Mauer und verschwand darin. Nach Fäkalien stinkendes Wasser rann aus einer Muffe in den Stein.

Oliver zog die Brauen zusammen. Hinter der Wand gab es also einen Hohlraum.

»Herr Weißhaupt?«

Das Luftholen ließ ihn wieder würgen.

Oliver drehte sich um. Der Kommissar richtete den Strahl einer kleinen Taschenlampe auf die Wand.

»Was ist das?«

Oliver hob die Schultern.

Langsam kam Weißhaupt heran. »Vorgemauerte Wände und Raumteiler zählen nicht zu den ungewöhnlichsten Erscheinungen in alten Häusern.« Er legte die Stirn in Falten. »Trotzdem …« Er streckte die Finger aus, zog sie aber zurück. »Sei bloß vorsichtig.«

Oliver nickte und drückte vorsichtig mit der flachen Hand gegen die Vermauerung. Er spürte, wie sich der Mörtel zersetzte. Die Steine sackten leicht ein. Mit etwas mehr Kraft käme er durch. Aber was würde er finden? Vielleicht war es nur der Schacht des Abwasserrohrs.

»Olli!« Michaels Stimme klang schrill.

Aber mit der Wand war doch gar nichts?

Nun schnappte auch Weißhaupt nach Luft.

Gleichzeitig traf ihn ein harter Schlag in den Nacken. »Verdammt!« Er fuhr herum.

Walter.

»Bist du bescheuert?« Olivers Ärger über den sinnlosen Hieb und Walters albernes Verhalten vermischte sich mit dem gallebitteren Gefühl von Wut und Trotz.

»Was machen Sie denn da?« Weißhaupt griff nach Walters Arm, doch der Alte schlug seine Hand mit dem Stock weg.

»Sind Sie noch bei Trost?« Deutlich ärgerlich griff der Beamte nach.

Walter starrte ihn an. »Nicht!«

Das Wort klang leise, drohend, was dem Kommissar offenbar egal war. Er packte den Alten unsanft. Walter stemmte sich dagegen.

Oliver ballte die Fäuste. Was würde er hinter dieser Wand finden? Der Alte wollte offenbar nicht, dass er nachsah.

Mit aller Kraft warf Oliver sich gegen die Steine. Die aufgeweichte Wand gab nach. Knirschend sank sie ein.

Oliver federte zurück. Michael klammerte sich von hinten an ihn. »Olli, was machst du?«

Nichts – oder alles?

War das seine Rache? Ja. Er wollte Walter bloßstellen.

Euphorie flutete seinen Verstand.

Im gleichen Moment wandte er sich hustend ab. Staub wirbelte auf. Feiner Kalk stob in einer Wolke durch den Raum. Ein bestialischer Geruch mischte sich in den Nebel, der sie für einen Moment erfasste. Er war scharf, chemisch und Übelkeit erregend. Oliver würgte trocken. Glücklicherweise hatte er nichts mehr in seinem Magen, was er noch loswerden konnte.

In seinen Augen brannte der Dreck.

Weißhaupt zerrte ihn zurück und schüttelte ihn unsanft.

»Was zum Teufel machst du?«

»Lassen Sie Olli los«, rief Michael. Seine kleinen Finger legten sich um Weißhaupts Pranken. Erfolglos zerrte er.

Seltsam, wie fern und bizarr diese Szene wirkte.

Konnte man einfach aus seiner Haut schlüpfen und sich selbst beobachten?

Natürlich nicht. Er machte sich mit einer knappen Bewegung los. Es fühlte sich an, als schüttele er mit Weißhaupt einfach nur Insekten ab.

Der Kommissar unternahm keinen zweiten Versuch mehr, leuchtete zu dem neu entstandenen Durchbruch.

Als sich die Staubwolken legten, kniff Oliver die Lider zusammen, um besser sehen zu können. Er wedelte mit der Hand und hielt sich den Arm vor Mund und Nase. Langsam trat er näher. Hinter dem Durchbruch gähnte feuchte Schwärze. Weißhaupt drängte an seine Seite und leuchtete den Raum aus. Keuchend fuhr Oliver zurück. In dem weißen Lichtkegel, der über Boden und Wände huschte, blitzten Knochen auf.

Wächter

Nur mühsam drang die Realität durch den Kokon der Apathie. Am Rande seines Wahrnehmungsfeldes tat sich viel. Trotz allem fühlte es sich seltsam nebulös und wattig an, dahin durchzudringen – vielleicht mehr als die Albtraumsequenz mit diesem Wächter. Fühlte sich ein Schock so an? Bekam man nichts mehr mit, obwohl man mitten im Zentrum des Geschehens stand? Wahrscheinlich. Aber stand nicht überall beschrieben, dass ein solcher Zustand mit Zittern, Unterkühlung und kaltem Schweiß einherging? Nein, das war anders. Er befand sich in einer Zone vollkommener Zeitlosigkeit. Wie in einem Traum, in dem er nur Beobachter war, pulsierte die Wirklichkeit um ihn. Michas Gesicht an seiner Brust, das stumme, trockene Schluchzen, die schlurfenden Schritte Walters auf dem Schutt übersäten Boden, das entsetzte Zucken Weißhaupts und der Schatten des Wächters, dessen Gestalt dicht am Rand des Lichtkegels entlang schlich.

War das nicht endgültig zu viel? Warum kippte sein Verstand nicht auf den keimenden Wahnsinn zu? Wo blieb eine Reaktion auf noch mehr Tote? Die Kälte in seiner Seele kroch entsetzlich langsam durch seine Adern. Innerlich gefror etwas. War es Verstand oder Menschlichkeit?

Sieben – auf der anderen Seite der eingesunkenen Wand lagen die sterblichen Überreste von sieben Menschen. Einige waren so klein – wie Marc und Elli.

Der Gedanke löste einen brennenden Stich in seinem Herz aus. Sieben Tote. Wenn sein Vater Erfolg gehabt und sich schließlich selbst umgebracht hätte, wären sie auch sieben gewesen.

Großer Gott – was für ein abartiger Gedanke.

Gequält stöhnte er. Mit aller Macht zerriss der Schleier. Die brutale Realität überrannte ihn. Kochend heiß überschwemmten Wut, Leid und Trauer seinen Verstand. Die geballten, verdrängten Gefühle sengten durch seine Nerven, elektrisierten ihn, sensibilisierten die Wahrnehmung.

Die Stille des Hauses dröhnte in seinen Ohren. Schwache Erschütterungen des nah vorbeifahrenden Busses zuckten durch den Boden, begleitet von dem sonoren Dröhnen eines starken Dieselmotors. Kleine Krallen kratzten über den Boden. Die Schritte Walters, das dumpfe Geräusch, wenn er den Gummistopfen seines Gehstocks auf der Treppe aufsetzte, all das drang zu ihm. In der Luft flirrten Staub, Wassertröpfchen und Sand. Der Gestank nach Nässe, dem allgegenwärtigen Moder, unter den sich der warme Hauch von Schweiß und das Aroma des Wächters gemischt hatte, überlagerte den Leichengeruch.

Was war das? Warum nahm er seine Umwelt so viel klarer wahr?

Weißhaupt schaltete seine Lampe aus und wandte sich zu ihnen um. »Kommt, Jungs!«

Oliver saß zusammen mit Michael im Font des Passats. Neben ihm lag eine Tasche, mit den notwendigsten Kleidern der Zwillinge und ein Rucksack mit allen Schulheften und Büchern. Während Daniel viel zu schnell durch den mittäglichen Verkehr raste, verwusch die Strecke zur Klinik zu grauem Nichts.

Weißhaupt schloss sie aus – ganz klar warum. Das war nichts für Kinder. Kinder? Innerlich rollte Oliver mit den Augen. Er war keines mehr.

Der Kommissar sorgte sich. Das begriff er. Für sie alle war es ein Schock. Aber warum verstand Weißhaupt nicht, dass er sich auf einem Weg befand, auf dem es jetzt keine Umkehr mehr gab? Der Horror, den er erlebte, hatte nichts mehr mit der Mordnacht gemein. Wenn er diese Geschöpfe nicht für den Rest seines Lebens um sich haben wollte, musste er ihren Geheimnissen bis in den Kern folgen. Sich zu verstecken, half nicht. Das Problem war nur, Weißhaupt sah diese Wesen nicht, Michael und er schon. Wie sollte er den Kommissar von etwas überzeugen, das er nicht mitbekam? Weißhaupt sah den Kriminalfall, er das Mysterium. An verschiedenen Stellen trafen sich diese beiden Wege, liefen parallel, drifteten aber auch wieder auseinander. Für Bernd Weißhaupt musste es also so aussehen, als stünden Micha und er unter Schock. Der Weg hoch in die Klinik verband drei Dinge für den Kommissar. Er konnte sein Versprechen halten, damit sie Chris sahen, sie konnten sich behandeln lassen und er war sie los. Weißhaupt wusste nur nicht, dass sein Verstand bereits wieder klar und genau arbeitete.

Frustriert seufzte er. Abgeschoben … das einzig Gute, sie bekamen auf diesem Weg die Chance, bei Chris zu bleiben. Vielleicht gewann Oliver so etwas Zeit, sich um ein weiteres Problem Gedanken zu machen, was weitaus realer war – ihre Zukunft. Noch stand nichts fest. Alles befand sich im Umbruch. Roth schien nicht zu wissen, was nun geschehen sollte, oder er wusste es genau, schwieg aber.

Vielleicht hatte er sich Daniel gegenüber geäußert.

»Wie geht es nun mit uns weiter?«

Daniel sah kurz in den Rückspiegel.

»Das entscheidet sich noch, denke ich.«

Der Aussage fehlte die Konsistenz.

»Welche Optionen bestehen denn?«

»Kommen wir wieder zu Opa?«, fragte Michael. Er verdrehte sich in Olivers Arm so weit, dass auch er Daniel sehen konnte.

»Das sicher nicht mehr.«

»Bitte?« Oliver neigte sich nach vorn, sodass er sich auf die Rücklehne des Beifahrersitzes stützen konnte.

»Bist du böse deshalb?« Daniel klang überrascht.

»Nein, keineswegs, nur …«

»Olli, der alte Mann ist doch gar nicht mehr in der Lage, sich um Kinder zu kümmern. Micha und Chris sind unterernährt. Sie werden vernachlässigt. Diese Info ans Jugendamt und Walter Markgraf darf Micha und Chris nie wiedersehen.« Er bremste den Wagen an der letzten Ampel vor der Autobahn ab. Als der Wagen stand, wandte er sich um. »Auch wenn es erst mal unschön ist, werdet ihr in ein Heim kommen – Betreutes Wohnen, oder wie das heute heißt.«

Keine schöne Vorstellung, aber wahrscheinlich besser als bei Walter leben zu müssen.

»Werden wir getrennt?«

Daniel legte die Stirn in Falten. »Kann ich dir nicht sagen. Gregor wird aber alles daran setzen, dass ihr drei zusammenbleiben könnt. Er sieht ja, wie sehr ihr drei aneinander …«

Ein aggressives Hupen schnitt ihm das Wort ab. Kurz sah er auf und drehte sich wieder um. Er gab Gas. Der Passat nahm Fahrt auf.

Zusammen in einem Heim – nicht schön, aber eine Perspektive.

»Was geschieht dann mit Opa?«

»Keine Ahnung, Micha.« Daniel hob die Schultern. »Das entscheiden die Untersuchungen. Gegen ihn liegen verschiedene Verdachtsmomente vor, besonders nachdem, was mit Chris passiert ist.«

»Weshalb?«

»Unterlassene Aufsichtspflicht, mögliche Beihilfe, Verschleierung …«

Oliver legte Daniel eine Hand auf die Schulter. »Das versteht Micha noch nicht.«

»Opa hat uns aber nichts getan.«

Daniel bog vor der Autobahn ab.

Etwas bewegte sich in den Enklaven des Dämmerlichts. Es wirkte wie Nebel, der zu einer riesigen Schlange gerann, nur um sich sofort wieder aufzulösen und andernorts zu sammeln.

Drehte er nun vollkommen durch?

Oliver kniff die Lider zusammen. Als er sie wieder öffnete, blickte er nach rechts ins Licht. Er wandte sich um.

Nichts. Einfach nur ein Parkplatz und der Regen.

Langsam drehte er sich wieder in Fahrtrichtung. Die Erich-Ollenhauer-Straße bot etwas mehr Normalität. Lauter kleine Ein- und Mehrfamilienhäuser mit Vorgärten. Der Reiz einer veraltet biederen Fünfzigerjahre-Wohnhaussiedlung haftete der Hauptstraße an. Das war Dotzheim. Hier tickten die Uhren anscheinend anders, langsamer, dörflicher.

Ein Schild – wahrscheinlich das Modernste, was Dotzheim zu bieten hatte – wies auf die städtischen Kliniken hin.

Das ermüdende Bild der grau in grau gehaltenen Gebäude verlief sich in der Ferne.

Oliver konzentrierte sich wieder auf Michael. Was hatte er doch gleich gesagt? Walter habe ihnen nichts angetan?

»Aber ihr seid so dünn wie noch nie … überhaupt …«

Michael hob die Schultern. »Aber wir konnten soviel essen, wie wir wollten.«

Oliver wandte sich Daniel zu. Im Rückspiegel begegnete er seinem Blick – Unglaube lag darin. »Aber wie könnt ihr dann täglich dünner werden?«

Michael biss sich auf die Unterlippe. »Das passiert immer, wenn diese Männer und Frauen durch uns hindurchgehen. Dann sind wir so müde und kalt.«

Daniel trat so heftig auf die Bremse, dass Oliver mit der Wange gegen die Kopfstütze des Beifahrersitzes schlug.

Michaels leiser Schmerzensschrei verriet, dass auch er sich gestoßen hatte. Gleichzeitig kreischten Bremsen. Mehrere Fahrzeuge hupten.

Irritiert sah Oliver durch die Windschutzscheibe. Vor ihnen war nichts, was Daniels Manöver rechtfertigte. Er lenkte den Wagen unsanft in die Parkbucht vor der NASPA.

Oliver sah über die Schulter. Der Verkehr floss weiter. Böse Blicke trafen sie. Der dumpfe Schlag gegen seine Wange ließ die Haut warm werden. Irritiert fuhr er mit den Fingerspitzen darüber.

»Warum hast du gebremst?«

Kreidebleich wandte sich Daniel zu ihnen um. »Micha, du redest tatsächlich von Geistern, nicht wahr?«

Allein, dass Daniel dieses Konzept Geister überhaupt in Betracht zog, fühlte sich eigenartig an. Ein Mann wie er, ein Polizist und Realist, glaubte ganz sicher nicht an Geister. Oder doch?

Was konnte er erlebt haben, das ihn überzeugte?

Zweifelnd betrachtete Oliver seinen Freund, der neben ihm an der modernisierten, hellen Klinik-Rezeption stand.

Punk oder Beamter – Daniel war kein Traumtänzer. Er stand mit beiden Beinen auf dem Boden und liebte das Leben.

In dieses Konzept passte kein Mysterium. Trotz allem gewann sein Gesicht nur langsam Farbe zurück. Sein Augenlid zuckte nervös. In seiner Mimik lagen Schrecken, Ernst und Anspannung. Sein Blick flackerte.

Michaels Finger schlossen sich fester um Olivers. Mit dem Kopf wies er von Daniel fort.

Er wollte etwas unter vier Augen besprechen.

Oliver schüttelte den Kopf. Gerade ging es nicht.

Eine der beiden Rezeptionistinnen wandte sich ihnen zu. Geschäftsmäßig freundlich lächelte sie.

»Wie kann ich helfen?«

Zur Antwort reichte Daniel ihr seinen Dienstausweis.

»Ich bin Kriminalkommissar Daniel Kuhn. Vorhin ist ein Junge eingeliefert worden – Christian Hoffmann.«

Sie straffte sich. »Wenn Sie einen Moment warten, informiere ich Ihren Kollegen, der kommt Sie abholen.«

Daniel nickte. Sie griff nach seinem Ausweis und tippte eine Telefonnummer ein. Daniel lehnte sich gegen den Tresen. Oliver stützte den Ellbogen auf und zog Michael in seinen Arm. »Ganz schön viel Sicherheitsaufwand.«

»Sollte auch so sein. Wenn die Gefahr eines Angriffs besteht, müssen wir so handeln.«

»Herr Kuhn?« Die Dame neigte sich über die Granittheke. Sie reichte ihm seinen Ausweis zurück. »Herr Habicht holt Sie gleich ab. Würden Sie bitte dort drüben warten?«

Sie wies auf einen eleganten Wartebereich, der ungemütlicher kaum sein konnte.

Oliver schob Michael voran, während Daniel sich bedankte.

»Meinst du, Daniel glaubt mir?« Michaels Stimme ging in den Hintergrundgeräuschen und dem Geklapper hoher Absätze auf dem Plattenboden fast unter.

»Sieht so aus, Micha.«

Aber warum? Angeblich war das doch schon einmal passiert. Wieso hatte Daniel beim ersten Mal nicht genauso reagiert?

Eine leise Stimme in seinem Kopf flüsterte: Vielleicht hat er sich damals noch nicht darum gekümmert. Genaues wusste Oliver nicht. Schließlich war er nicht dabei gewesen.

Daniel folgte ihnen. Er ließ sich auf eine der gepolsterten Lederbänke fallen. Michael setzte sich neben ihn, während Oliver stehen blieb.

»Warum bist du vorhin so erschrocken, als Micha von den Geistern sprach?«

»Weil ich nie auf die Idee gekommen wäre, dass es sich um mehr als einen handelt.«

Zweifelnd hob Oliver eine Braue.

»Glaub es oder lass es.« Daniel richtete sich ein Stück weit auf.

Der Ärger in seiner Stimme war echt. Er war sicher, dass es sie gab. Die Erkenntnis erschütterte Oliver. Langsam ließ er sich nieder. Löste das alte Haus solche Eindrücke aus? Das im Keller übertraf schließlich alles, was in der Realität, nicht hinter den Spiegeln, passiert war. Hierbei handelte es sich nicht um einen Geist, sondern um ein Wesen. Er hatte es schon einmal hinter den Spiegeln erlebt. Wozu diente es?

Damals blieb nicht die Zeit, es herauszufinden. Dazu wurde er zu schnell ins Leben zurückgeholt. Was tat ein solches Monster? Hielt es die Geister tatsächlich dort, wohin sie gehörten, wie es sein Alter Ego versuchte, ihm weiszumachen.

Oliver umschlang Michael.

Offenbar war ihm die Nähe momentan zu viel. Er entwand sich rasch. Der leicht trotzige Blick zog eine deutliche Grenze. Besser war es, erst mal die Existenz der Geister zu begründen. Oliver musterte Daniel. »Was löst diese Erscheinungen aus?«

Nachdenklich wiegte Daniel den Kopf. »Schreckliche Ereignisse wie Unfälle und Morde.«

»Aber warum so forciert in Walters Wohnung? Das begreife ich nicht.«

Daniel schwieg. Er dachte offenbar nach.

»Was hat Walter getan?« Oliver legte den Kopf schräg. »Hat es etwas mit den Toten im Keller zu tun?«

Michael nickte heftig.

Oliver fuhr zusammen. »Und was?«

»Er redet manchmal mit einer unheimlich hübschen Frau und einem ganz kleinen Mädchen, so wie Marc.« Er machte eine Handbewegung auf Höhe eines knappen Meters. »Er nennt beide Schatz. Sie kommen auch von da unten.«

Oliver lief ein Schauder über den Rücken. Eine hübsche Frau und ein kleines Kind – zwei der Toten aus dem Keller?

Wurden sie dort ermordet? Wenn ja, von wem? Vielleicht handelte es sich ja um eine von Walters Ehefrauen. Allein die Bezeichnung Schatz deutete darauf hin.

Großer Gott, bis vor Kurzem hätte er diesen Schluss nicht in Betracht gezogen.

Micha war kein Träumer. Er besaß wenig Fantasie. Nachdem was passiert war, was sie beide erlebt hatten, stimmte es mit sehr großer Wahrscheinlichkeit.

Daniel drückte seine Hand. »Vertraue dem Instinkt deines kleinen Bruders, Olli. Micha ist verdammt sensibel für Erscheinungen und gleichzeitig stark genug, dass sie nicht an ihn herankommen, weswegen sie sich auf Chris konzentrieren. Er ist anfälliger und schwächer.«

Olivers Atem stockte.

»Weißt du, was du da sagst?«

Daniel nickte fest. »Zwischen den beiden gibt es eine ganz klare Opfer-Verteilung.«

Das meinte er zwar nicht, aber Daniel hatte recht. Chris, der Träumer, Micha, der Realist. Christian wurde angegriffen, weil er dafür offen war, Michael konnte sich dagegen wehren, aber niemand anderem als sich selbst helfen.

Instinktiv hielt sich Oliver an Micha fest. Plötzlich fühlte er sich hilflos, schwach und klein, im Gegensatz zu dem unterernährten Körper Michas, der sich mächtig über ihn zu erheben schien. Fraglos, Daniel hatte recht.

Der Blick, den Matthias und Daniel miteinander teilten, als sie Christians Zimmer betraten, war wenig dezent. Besonders das bestätigende Nicken wies auf einen stummen Disput hin.

Sie schlossen Micha und ihn aus. Leichter Ärger stieg in ihm auf. Als Matthias zur Seite trat, hob Oliver überrascht die Brauen. Der Raum war leer, abgesehen von einem Rollschrank und dem hässlichen Achtzigerjahre-Ensemble aus zwei Stühlen und einem Tisch, voll abwaschbar und so abgerundet, dass sich niemand daran verletzen konnte. Es roch steril und schwach nach Urin. Eine furchtbare Mischung, die in der Kehle reizte.

»Wo ist Chris?«

Michael sah fragend von Oliver zu Daniel.

»Er wird gerade untersucht.« Schulterzuckend setzte Matthias sich auf die Tischkante. »Kann noch einen Moment dauern.«

Oliver deutete auf Matthias und Daniel. »Vielleicht reicht der Moment, um euer stilles Zwiegespräch in Worte zu fassen?«

»Holla.« Matthias hob abwehrend die Hände.

»Er weiß es«, sagte Daniel schlicht.

Was? Das mit den Geistern?

Oliver legte die Stirn in Falten. Matthias war der Inbegriff des korrekten Bullen und zugleich brutaler Realist. Aber so wie sie einander ansahen, blieb ein eigenartiger Nachhall zurück. Oliver blinzelte. »Befasst ihr euch öfter mit unheimlichen Begebenheiten?«

Der Schuss zielte ins Blaue und traf. Matthias sank in sich zusammen, Daniel hingegen nickte verhalten.

»Normal nicht, aber …« Er brach mit einem Blick zu Matthias ab, der beide Hände in den Hosentaschen vergrub und die Schultern zuckte.

Was bedeutete das? Ein Okay für Daniel?

»Matthias und Bernd sind im letzten Jahr während laufender Mordermittlungen das erste Mal mit extrem eigenartigen Dingen in Berührung gekommen.«

»Wovon redest du?«

Matthias zuckte die Schultern. »Weil ich im Grunde immer noch ein Realist bin und mit dem ganzen X-Files-Müll gar nichts am Hut haben will. Da ist Daniel geeigneter, darüber zu reden. Der ist mit den Horroreffekten groß geworden, glaube ich.«

»Wirklich?«

Daniel schien das Gespräch unangenehm zu sein. Trotz allem nickte er. »Das in Berlin …« Daniel brach ab. Er atmete tief durch. »Es wurde heftig, als zwei meiner Freundinnen während ihres Berlinurlaubs in Matthias’ Ermittlungen hineingezogen wurden. Eine von ihnen, Theresa, starb dabei. Sie wurde eines der Opfer des Sandmanns.«

Hinter Olivers Schläfen pochte leichter Schmerz. Berlin – Opfer? Der Sandmann … war da nicht etwas im letzten Sommer gewesen? Ein Mädchen aus Frankfurt war zum letzten Opfer eines Frauenmörders geworden, der sich Sandmann genannt hatte.

Der Aufmacher der Zeitungen war die von der Polizei verheimlichte Mordserie gewesen, über mehrere Wochen hin sogar. Der Sandmann hatte den armen Dingern bei lebendigem Leib die Augen herausgeschnitten. Und Matthias war einer der Ermittler gewesen?

Oliver schnappte nach Luft.

»Ihr wart an dem Fall?«

Matthias nickte. »Bernd, ein Kollege, der sich während des Falls … umbrachte und ich.«

Das kurze Zögern entging ihm nicht. Was bedeutete es? Oliver kniff die Augen zusammen. Log Matthias oder gab es da ein weiteres Geheimnis, was er nicht ausbreiten wollte?

Er schüttelte die Fragen ab. Sie waren in seinem Fall wohl weniger relevant. »Aber was hat das hiermit zu tun?«

Matthias zuckte mit den Schultern. »An sich nichts, nur das Übersinnliche verbindet die beiden Fälle – und die Tatsache, dass Bernd und ich seitdem die Welt aus einem anderen Blickwinkel sehen.«

Die Worte sickerten nur sehr langsam in Olivers Bewusstsein. Er hörte sie, nahm ihren Inhalt aber im ersten Moment nicht wahr. Benommen strich er sich die nassen Locken aus der Stirn. Plötzlich schien sich ein fester Kokon um ihn zu bilden, der die Welt im Ganzen ausschloss und nur noch eine begrenzt kleine, ausgesuchte Gruppe Menschen hineinließ – Michael, Daniel und Matthias.

Die Realität schrumpfte zu etwas eigenartig Fremden.

Andere Menschen sahen auch, was er sah. Also konnte er nicht durchgedreht sein. Diese Anderswelt vermischte sich mit der Wirklichkeit.

Benommen klammerte er sich an einem Türrahmen fest.

»Also stimmt alles, was ich fühle und sehe?«

Matthias wich seinem Blick aus. Er wandte sich ab und sah aus dem Fenster.

Eng drängte sich Michael an Oliver. »Ich hatte nicht gelogen.«

Behutsam streichelte er Michas Kopf, beobachtete aber Daniel, der Olivers Blick gelassen standhielt.

In den hellen Augen lag erschreckende Gewissheit.

»Gebt mir einen Moment, um darüber nachzudenken.«

Der Himmel schien noch tiefer über der Stadt zu hängen. Von dem erhöht gelegenen Klinikum wirkte es, als berührten die Bäume und Hochhäuser die Wolken. Seltsam. Seit heute früh regnete es ununterbrochen, doch es klarte nicht auf. Draußen schien alles in permanenter Dämmerung zu versinken. Autos fuhren mit Licht, Personen verwischten zu grauen Schemen. Handelte es sich bei ihnen um Menschen?

Oliver schüttelte die Frage ab. In der Nähe einer Klinik sammelten sich sicherlich viele Erscheinungen.

»Olli?«

Er fuhr zusammen. Daniel stand in dem kleinen Aufenthaltsraum. Das Neonlicht tauchte ihn in schattenlose Helligkeit. Mit zusammengekniffenen Augen musterte er seinen Freund.

»Chris ist wieder im Zimmer. Du willst ihn doch sicher sehen.«

Natürlich. Er löste sich vom Fenster. »Wie geht es ihm?«

Daniel legte einen Arm um seine Schultern und drückte ihn kurz. »Er ist erschöpft von den Untersuchungen und Fragen, aber er will dich unbedingt sehen.«

Als Daniel ihn an den uniformierten Beamten vorbei in das Zimmer schob, saß Christian im Bett. Er umklammerte mit beiden Händen eine Tasse. Hektisch trank er. Flüssigkeit rann über sein Kinn auf Hemd und Decke.

Michael kniete neben ihm auf der Kante. Seine Augen leuchteten.

Olivers Herz fühlte sich von einem Moment auf den anderen leicht und unbeschwert an. Es tat unglaublich gut, die beiden so unbeschwert nebeneinander zu sehen.

Fast glaubte er zu schweben – was die weitaus positivere Variante des Bodenverlierens war.

Er setzte sich auf die andere Seite des Bettes und strich Chris durch das strubbelige Haar. Der Kleine setzte ab. Etwas von dem Tee rann über seine Lippen.

Pfui Teufel. Sabber, Tee und Zucker. Egal, viel wichtiger war doch, dass er beiden Jungs wieder hatte. Impulsiv umschlang er Chris und Micha. Die Zwillinge krallten sich in seine Jacke. Chris rieb sich an ihm sein feuchtes Gesicht trocken. Zugleich rann der letzte Rest Tee aus der Tasse über Olivers Rücken. Rasch schob er die beiden von sich. Er fixierte Christians Blick, der gewinnend lächelte, bevor er verlegen zur Seite sah.

»Du bist eklig, Zwerg.« Ärgerlich bleiben konnte er nicht.

»Aber nur ein bisschen.« Christians Stimme war belegt, als wäre er erkältet.

Erst jetzt entdeckte Oliver die ganzen Hämatome an dem dünnen Kinderhals.

Es wirkte, als habe jemand versucht, ihn mit einem Gürtel zu strangulieren. Ein furchtbarer Anblick. Tat das nicht weh? Gerade hatte er ihn gedrückt wie ein Plüschtier, das sich nicht beschweren konnte. Behutsam hob Oliver Chris’ Kinn an.

Unsanft schob der seine Hand fort. »Da haben heute schon zu viele dran herumgemacht.«

Seine Stimme verlor sich endgültig in Heiserkeit.

Michael gab Chris einen Schubs. Nach dem Boxen hatte Oliver auch oft Hämatome, aber nicht so schlimme. Trotzdem hätte er jetzt eher aufgejault. Komisch eigentlich, besonders weil Chris eine ziemliche Sissy sein konnte, wenn er nur wollte.

»Olli macht sich doch bloß Sorgen.«

»Das weiß er vermutlich.«

Oliver zog seine Jacke aus. Er suchte Daniels Blick. Anhand der nachdenklichen, kritischen Mimik schien ihm das auch nicht entgangen zu sein. Sein Freund nahm ihm die Jacke ab. »Ich gehe mal den Tee auswaschen.«

Daniel war hilfsbereit, aber so sehr? Er wollte vermutlich nachdenken, ohne Chris direkt vor Augen zu haben. Oliver nickte. »Danke dir.«

Chris reichte Micha die Tasse.

»Kann ich noch mal?«

Seine Stimmbänder waren deutlich überanstrengt.

Micha nickte und lief auf den Flur.

Oliver folgte Daniel ins Bad und lehnte sich in den Türrahmen. »Weißt du, mit wem ich wegen Chris’ Zustand reden kann?«

Daniel hob den Kopf. Über den Spiegel trafen sich ihre Blicke. Er wirkte noch immer nachdenklich. Bevor er antworten konnte, trat Micha ein.

Oliver wandte sich zu ihm um. Er reichte Chris eine gefüllte Tasse. Der Geruch nach billigem Früchtetee drehte Oliver fast den Magen um. Alles in ihm zog sich zusammen.

Das war wirklich kein guter Tag.

Mit einer Handbewegung winkte Daniel ihn auf den Flur. Vor der Tür lehnte er sich an die gegenüberliegende Wand und verschränkte die Arme vor der Brust.

Oliver blieb dicht vor ihm stehen. »Das sieht ja absolut übel aus.« Instinktiv senkte er seine Stimme zu einem Flüstern. Die beiden uniformierten Beamten mussten nicht alles hören. »Der ganze Hals ist blauviolett. Er muss sicher noch eine ganze Weile zur Beobachtung hier bleiben.«

»Er hat schwere Verletzungen am Kehlkopf. Es kann sein, dass seine Stimme dauerhaft darunter leidet.«

Dafür plapperte der Kleine ganz schön viel. Oliver sah über die Schulter zur Tür. Das flaue Gefühl breitete sich weiter aus. Etwas stimmte nicht.

Oliver verkniff sich den Kommentar. Daniel wusste sicher auch so, was er dachte.

»Die Druckverletzungen auf seinem Brustkorb sind beinahe genauso bedenklich. Einige seiner Rippen sind angebrochen. Das Atmen fällt ihm schwerer. Er hat wohl auch Schmerzen …«

»Aber er reagiert anders als gewohnt, Daniel.« Oliver schüttelte den Kopf. »Chris ist nur dann hart im Nehmen, wenn er etwas damit bezweckt, jemanden beeindrucken will.«

»Und, vor wem spielt er den Coolen?«

»Keine Ahnung. Vor Micha und mir hat er keine Komplexe, sich gehen zu lassen. Vielleicht wegen dir?« Er hob die Schultern.

Gespielt verzweifelt vergrub Daniel das Gesicht in Händen. »Dieser Hornochse.«

Oliver zuckte die Schultern. »Trotzdem seltsam.«

Einen Moment später hob Daniel den Kopf. »Du hast durchaus recht. Er müsste von den Schmerzen vollkommen platt sein.«

»Das meine ich auch.« Oliver vertiefte das Thema nicht weiter. Auf die Schnelle fand er keine Antwort darauf. »Gibt es Neuigkeiten von Herrn Roth?«

»Noch immer nichts.«

»Wie geht es denn dann weiter?«

Daniel hob die Schultern. »Ich denke, dass Markgraf erst mal in U-Haft kommt. Alles weist ja darauf hin, dass er an Chris’ Zustand nicht unschuldig ist.«

»Und die Toten? Was unternehmt ihr in dieser Sache?«

Daniel machte eine Kopfbewegung den Flur hinab.

Mit einem kurzen Blick über die Schulter begriff Oliver, weswegen Daniel ihn allein sprechen wollte. Beide Beamten hörten offensichtlich interessiert zu. Er nickte.

Oliver lehnte sich gegen die kalte Heizung im Aufent-haltsraum. Glücklicherweise waren sie allein. Daniel zog sich einen Stuhl heran und setzte sich rittlings ihm gegenüber nieder. Er verschränkte die Arme auf der Lehne und bettete seinen Kopf darauf. Müde blickte er zu Oliver auf. Er erinnerte wieder an einen treuen Hund. Wie sehr er das doch mochte. Olivers Finger zuckten. Er musste sich mit aller Gewalt zurückhalten, bevor er seine Hand nach Daniel ausstrecken und ihm in vertrauter Geste über das Haar streicheln konnte.

»Was die Toten im Keller betrifft, so muss erst mal geklärt werden, wer sie sind, wie und wann sie starben und wem der Keller gehört. Die Parzelle muss ja in den Mietverträgen aufgenommen worden sein. Erst dann haben wir einen Faden, an dem wir uns entlanghangeln können.«

Das klang nach trockener Recherche. »Ihr wisst aber, dass Walter der Hausbesitzer ist?«

Daniel nickte träge. »Hoffentlich hat er eine gute Ablage, ansonsten suchen wir uns einen Wolf.«

Wie exakt Walter seinen Schriftverkehr verwaltete, wusste Oliver nicht, aber er kannte das Büro hinter der Buchhandlung. Irgendeine Form der Ordnung gab es, aber er verstand sie nicht.

»Was ist mit dieser Erscheinung, die Micha gesehen hat?«

»Die, die Chris so zugerichtet hat?«

»Ich rede von der, die in dem Keller verschwand, wo wir die Toten fanden.«

Hellhörig geworden straffte Daniel sich. »Erzähl weiter.«

Oliver zuckte die Schultern. »Frag am besten Micha dazu. Das kann er beantworten.«

Langsam erhob Daniel sich.

»Warte.«

Der verharrte in der Bewegung, ließ sich dann aber wieder auf den Stuhl sinken.

»Hast du schon jemals was anderes, als diese Geistererscheinungen gesehen?«

Daniel zog die Brauen zusammen. »Was meinst du genau?«

Oliver holte tief Luft, bevor er sich zu seinem Freund neigte.

»Kurz bevor ich die Toten gefunden habe, ist mir ein graues Geschöpf begegnet.«

Daniel fuhr hoch. Sein Gesicht verlor alle Farbe.

Erschrocken beobachtete Oliver ihn. Diese Reaktion machte ihn nervös. »Es … hatte keine Augen, nur ein breites Maul und viele Zahnreihen …«

Daniel presste ihm die flache Hand auf die Lippen.

Sein Adamsapfel sprang, als er schluckte. In seinen Augen flackerte tiefe Angst.

»Nicht weiterreden«, flüsterte er. Sein Blick huschte durch den Raum.

Mit wild schlagendem Herzen starrte Oliver an Daniel vorbei. Fast erwartete er, dass sich in den Schatten unter Tisch und Stühlen die Dunkelheit manifestierte und unsägliche Schrecken ausspie. Sein Mund wurde trocken.

Nichts geschah.

Nach einer Weile schob er Daniels Hand fort.

Jetzt ließ er sich auch noch von ihm nervös machen.

»Was sollte das denn wieder?«

Unsanft packte Daniel ihn am Arm und zerrte ihn herum.

Die Scheibe spiegelte den Raum wider – nein falsch.

Was er sah, war ein schäbiges, grell überblendetes Abbild des Zimmers.

Sie waren nicht mehr allein. Eines dieser grauen Wesen baute sich riesig hinter einer Frau auf, die im Rollstuhl kauerte. Sie wirkte wie ein Geier, der auf seine Beute lauerte. Ihre Mimik bestand aus nichts anderem als verbitterter Wut.

Im gleichen Moment schnappte das graue Wesen zu. Gewaltige Kiefer packten die Frau und rissen sie aus ihrem Rollstuhl. Für einen winzigen Moment spiegelte sich Panik in ihrem Gesicht. Mehrreihige Fänge schnappten erneut zu, fingen den Leib auf Höhe der Taille. Knochen und Fleisch gaben nach.

Die Frau zerfaserte zu stofflichem Dunst, der zu Boden troff und zurückwirbelte. Der Geruch nach Schweiß, Medikamenten und altem Stoff wogte durch den Raum und verging. Olivers Magen hob sich. Er schüttelte Daniel ab, bevor er sich zum dritten Mal an diesem Tag übergab.

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Über Tanja Meurer

Tanja Meurer

Tanja Meurer wurde 1973 in Wiesbaden geboren. Sie ist gelernte Bauzeichnerin aus dem Hochbau, arbeitet allerdings seit 2001 nur noch in bauverwandten Berufen und ist seit 2004 bei einem französischen Großkonzern als Dokumentations-/Projektassistenz beschäftigt. In den für die Baukonjuktur besonders schlechten Jahren nahm sie Stellen als Kurier- und Behindertenbusfahrerin an. Nebenberuflich arbeitet sie seit 1997 bis heute als Autorin und freie Illustratorin für verschiedene Magazine, Internetseiten und Verlage.

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