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Die Midgard-Saga Niflheim von Alexandra Bauer

Niflheim - Die Midgard-Saga, ein Fantasyroman für Jugendliche von Alexandra Bauer

Als Thea eines Tages von einem rotbärtigen Mann verfolgt wird, ahnt sie nicht, dass dies der Beginn von etwas Großem ist. Nach Asgard entführt, dem Wohnsitz der nordischen Götter, bekommt sie von Odin einen Auftrag: Sie soll Kyndill finden, ein Zauberschwert, das in den Händen des Feuergottes Loki die Macht besitzt, alle Götter zu töten. Zusammen mit ihrer Freundin Juli und begleitet von Thor und Wal-Freya, begibt sich Thea nach Niflheim, einer eisigen Welt im tiefen Norden. Hier ging das Schwert einst verloren. Aber auch Loki, der Feuergott der Asen, sucht nach der Waffe. Wie eine düstere Bedrohung lauert er hinter jeder ihrer Handlungen…

 

Produktinformation

  • Taschenbuch: 398 Seiten
  • Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform; Auflage: 1 (5. September 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 1501033824
  • ISBN-13: 978-1501033827
  • erhältlich im: -> BAfmW-Webshop

Leseprobe aus “Niflheim – Die Midgard-Saga”

  1. Kapitel

Dunkelheit und Kälte umgaben Thea. Frostklirrendes Wasser stach unbarmherzig auf ihren Körper ein, lähmte ihre Glieder und umklammerte sie wie eine grausame Faust. Hektisch bewegte sie die Beine. Sie gewann an Höhe und traf unerwartet auf eine dichte Mauer. Panisch riss sie die Augen auf. Sie versuchte etwas zu erblicken, aber die Eisdecke über ihr schluckte jedes Licht. Schreiend hämmerte sie gegen die tödliche Wand und stemmte sich gegen sie – das Wasser ertränkte jedes Geräusch. Noch einmal schickte sie einen stummen Schrei in die Dunkelheit, dann sackte sie zusammen und ließ sich in die Tiefe sinken.

Ertrinken sei ein schöner Tod, hatte sie einmal gehört. Noch während sie sich ihrem Schicksal ergab und in letzten klaren Gedankenfetzen darüber nachdachte, was schief gelaufen war, vernahm sie eine Bewegung neben ihr, die ihren Geist noch einmal aufweckte – war es Juli? Eine kräftige Hand packte sie. Im nächsten Augenblick spürte sie sich im festen Griff eines muskulösen Arms. Ein Lichtblitz durchzuckte die Finsternis und erhellte die Dunkelheit hinter ihren geschlossenen Augenlidern. Dann jagte ein Donnergrollen durch die Stille. Thea spürte, wie sie nach oben trieb.

Die betäubende Kälte oberhalb des Wassers begrüßte sie unbarmherzig, aber füllte ihre Lungen mit lebensspendendem Sauerstoff. Nach einigen Atemzügen drehte sie den Kopf zu ihrem Retter und entdeckte Thor, der ebenso nach Luft japste. Er nickte ihr erleichtert zu, drehte sich auf den Rücken und brachte sie mit kräftigen Beinschlägen ans Ufer. Dort angekommen packte Thor sie unter den Armen und zog Thea das letzte Stück aus dem Wasser. Noch immer umklammerte seine rechte Hand den Hammer, der sie aus der Untiefe befreit hatte. Er ließ Thea für einen Moment unbeachtet, baute sich am Rand des Sees auf und überblickte das Gewässer mit seinen treibenden Eisstücken. Erst dann kniete er zu ihr nieder und bettete ihren Kopf in seine Hände.

„Thea, bist du in Ordnung?“

Sie konnte nicht mehr als nicken, denn die Kälte umfing ihren Körper und brachte jedes ihrer Gliedmaße zum Zittern. Gehetzt sah sich Thor um. Für einen Augenblick eilte er davon, nur um gleich wieder zurückzukommen. Abermals kniete er sich vor sie und nahm ihren Kopf in seine Hände. Besorgte Augenpaare blickten hinter dem Brillenhelm in die ihren.

„Halte durch“, beschwor er sie, bevor er aufstand. Erneut stellte er sich ans Ufer, griff in eine seiner Taschen und faltete Skidbladnir auf. Mit einem einzigen Sprung befand er sich an Deck und wühlte hektisch in den Kisten unter den Ruderbänken. Schließlich vernahm Thea ein Krachen. Thor kehrte mit den Überresten einer Kiste zurück und türmte die Scheite neben Thea auf. Mit einem Blitz aus seinem Hammer entzündete er das Feuer, ging ein weiteres Mal auf das Schiff und brachte ein Bündel, das er ans Feuer legte. Eilig faltete er Skidbladnir wieder zusammen, dann suchte er selbst die rettende Wärme auf. Die gefrorenen Wassertropfen in seinem Bart schmolzen rasch und tropften zur Erde, während er die Hände über das Feuer streckte.

Thea, nicht in der Lage auch nur ein Wort zu sprechen, beobachtete ihn lange, ehe die aufkommende Wärme sie langsamer beben ließ.

„Wo sind Juli und Wal-Freya?“, fragte Thea, als ihr der Kiefer wieder gehorchte.

Thor presste die Lippen aufeinander und seufzte. „Es ist niemand außer uns hier. Irgendetwas ist schief gelaufen.“

„Was?“, rief Thea fassungslos aus. „Was soll das heißen? Sind sie etwa…“

Thor schüttelte den Kopf. „Wal-Freya ging zuerst durch den Brunnen. Sie oder wir sind nicht dort angekommen wo wir es planten. Hier sind sie nicht, es ist ausgeschlossen, dass Wal-Freya das Eis nicht zum Schmelzen gebracht hätte.“

„Dann müssen wir zurück“, japste Thea und erntete wieder ein Kopfschütteln.

„Ich kann die Gewässer nicht beschwören, das schafft nur Freya“, erklärte er, während er eine eigenartige Konstruktion aus Ästen um das Feuer errichtete.

„Und nun?“

„Wir müssen die Kleider ausziehen und sie trocknen, vorher können wir nichts ausrichten.“ Er warf Thea eine Decke zu und legte Stück für Stück seine Rüstung ab. Seine Kleider hängte er auf die Konstruktion, dann hüllte er sich ebenfalls in eine Decke.

„Aber Juli!“, widersprach Thea.

„Wir werden uns den Tod holen, wenn wir jetzt nach ihnen suchen.“ Er deutete auf den Kleiderstapel. Thea gehorchte und hängte ihre Sachen dazu. Ohne die nassen Stoffe am Leib und in die Decke gehüllt, ging es ihr tatsächlich besser.

„Versuche ein wenig zu schlafen. Ich halte das Feuer am Brennen“, sagte Thor sanft.

Thea wollte widersprechen – wie sollte sie schlafen, wenn ihre Freundin vermisst wurde? Doch die Anstrengungen der letzten Stunden und die Kälte raubten ihr die letzten Kräfte. Tatsächlich glitt sie bald in einen traumlosen Schlaf.

 

Sie erwachte, als die Kälte sie erneut frösteln ließ. Thor saß noch immer an der Feuerstelle. Er hatte die Decke gegen seine Kleider getauscht und stocherte nachdenklich mit einem Ast in den Glutresten. Als er Theas Bewegung wahrnahm, lächelte er. Steif streckte sich Thea. Ihr Rücken, der nicht zum Feuer gelegen hatte, war eiskalt. Sie richtete sich in der Decke auf, fühlte nach ihren Kleidern und stellte zufrieden fest, dass sie beinahe trocken waren. An den Stellen, wo das Wasser noch im Stoff steckte, blieb es hart und gefroren zurück. Rasch zog sie sich an.

„Eine Spur von Juli und Wal-Freya?“, fragte Thea dabei und Thor schüttelte den Kopf.

„Nein. Wir werden nach Norden reisen, wie besprochen. Ich bin sicher, Wal-Freya wird das auch tun. Wir werden sie dort treffen.“

„Und wenn nicht?“

„Du trägst ein Teil Brisingamens“, erinnerte Thor und deutete auf Theas Brust. „Fühlst du etwas?“

Thea legte zaghaft die Hand auf das Amulett. „Nein.“

„Es ist wie immer?“, bohrte er nach.

Thea zog eine Grimasse. „Ja, ich denke schon.“

„Du würdest es spüren, wenn ihr etwas passiert wäre“, beruhigte Thor sie. „Jetzt komm! Wenn wir sie nicht finden, wird es ein sehr langer Weg nach Hause werden“, raunte er und Thea wurde klar, was die Trennung von Wal-Freya außerdem bedeutete. Thor führte auf Skidbladnir die Himmelswagen, Wal-Freya besaß die Tiere, die ohne die Wagen keine Hilfe waren. Weder für Juli und Wal-Freya, noch für Thor und sie würde es eine kurze Heimreise werden, wenn sie sich nicht wieder fänden.

„Glaubst du, Frau Holle hat uns absichtlich getrennt?“, fragte Thea.

Thor blickte erstaunt. „Wie kommst du darauf?“

„Nun, sie ist eine Riesin. Du magst Riesen nicht, keiner der Asen mag sie. Loki stammt von Riesen ab. Was, wenn sie mit ihm unter einer Decke steckt?“

„Nicht Frau Holle. Sie ist eine gute Frau“, erwiderte Thor. „Sie hilft den Menschen seit vielen Jahren, das weißt du doch.“

Wieder einmal kramte Thea in den Erinnerungen ihrer vergangenen Leben. Fern der Märchenfigur rankten sich viele Geschichten um Frau Holle. In beiden früheren Leben Theas wurde Frau Holle verehrt und geschätzt, vor allem von den Frauen.

„Ja, du hast Recht“, lenkte Thea ein. Nach einer Pause fragte sie genauer nach: „Stimmt es, dass sie die Seelen der Menschen prüft?“

Thor lächelte vielsagend und zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist sie ja deshalb so streng.“

Sorgfältig zog Thea die Riemen ihrer Armschienen fest. „Ich hoffe, wir müssen ihr nicht noch einmal begegnen.“

Thor warf den Kopf in den Nacken und lachte laut. „Warum? Sag nur, du bist kein gutes Mädchen.“ Er zwinkerte ihr zu. „Ehrlich gesagt, würde ich mir gerade sehr wünschen, ihr noch einmal zu begegnen. Nun komm! Lass uns Nordri finden!“

Er wartete bis Thea den Schwertgurt um ihre Hüften gebunden hatte, nickte zufrieden und stapfte los.

 

Sich an den Sternen orientierend wanderten sie nach Norden. Karg und einsam breitete sich die Landschaft vor ihnen aus. Schnee und Eis, soweit das Auge reichte. Aber anders als zu Beginn ihrer Reise hier in Niflheim war der Schnee fest, so dass sie rasch vorankamen. Nebel stieg über dem Boden auf, der sich von Zeit zu Zeit zu mächtigen Bänken aufbaute und ihnen die Sicht nach allen Richtungen raubte. Breitschultrig und unerschrocken ging Thor voran, sein Umhang wehte schwer um seine Stiefel. Trotz seiner Größe und seiner Kraft bewegte er sich gleichmäßig und ästhetisch. Thea verstand, warum ihn Generationen über Jahrhunderte hinweg bewundert hatten – einschließlich ihrer selbst. Thor, Beschützer der Menschen… Was mochte den Asen einst dazu bewegt haben, sich der Menschen anzunehmen? Sie stimmte Wal-Freya zu: Thor mochte ein Hitzkopf sein, aber stark und mächtig war er doch, ehrlich und unkompliziert, mit einem Herzen so groß wie das eines Riesen.

„Thor?“, fragte Thea nach einer Weile.

„Ja?“

„Warum seid ihr noch da? Ich meine … Ragnarök erzählt davon, dass …“, Thea zögerte es auszusprechen. Ragnarök, das vorherbestimmte Schicksal der Asen, kostete laut Überlieferung nicht nur Thor das Leben, sondern das vieler anderer Asen – auch das Odins. Zur Zeit Fengurs war es eine Zukunftsdeutung, als Thea kannte sie kaum eine der alten Sagen. Sie erinnerte sich aber, dass Ragnarök vom Untergang der Götter erzählte. Wieviel Wahrheit enthielten die Überlieferungen in Sagenform? Wusste Thor davon?

Thor sah Thea erstaunt an, ehe er den Blick wieder nach vorn richtete. Ob er dabei den Weg im Auge behielt oder in Gedanken versank, konnte Thea nicht beurteilen.

„Ich weiß“, sagte er nach einer Weile, als hätte er Theas Gedanken hören können. „Odin hat uns nie eingeweiht, was die Seherin ihm weissagte, aber wir haben die Geschichten gehört, die sich die Menschen erzählten.“

„Laut diesen Geschichten ist Ragnarök, das Schicksal der Götter, doch eingetroffen. Das hieße …“

„Ich wäre tot und Odin und so viele von uns auch. Glaube diesen Geschichten nicht. Zwar ist Balder gestorben und Ragnarök hat tatsächlich begonnen. Doch es ist noch nicht eingetroffen. Die Christen haben die Legende von Ragnarök genutzt, um die Menschen glauben zu machen, Adam und Eva seien Lifthrasier und Lif. Auf diese Weise wollten sie diese dazu bringen, sich an den neuen Glauben zu binden. Wenn Ragnarök eingetroffen wäre, dann hätte es keine Christen gegeben, die den nordischen Stämmen davon hätten berichten können. Alle Menschen wären vernichtet worden, außer Lifthrasier und Lif, die ein neues Menschengeschlecht geschaffen hätten. Ich kenne die Weissagungen der alten Zauberin gut. Ob das alles so eintreffen soll – oder zum Teil schon eingetroffen ist – weil es prophezeit wurde oder weil die Angst vor dieser Geschichte Loki dazu trieb so zu handeln, ist schwer zu sagen. Loki beschwerte sich oft, dass wir ihm immer alles Üble andächten. Das war zum Teil nicht unbegründet. Wahr ist, dass er uns oft aus schier ausweglosen Situationen geholfen hat. Ich vermisse ihn. Er war ein Freund, ein Bruder.“

„Die Geschichten erzählen auch, dass ihr Loki an einen Fels gebunden habt, mit einer giftigen Schlange über seinem Kopf…“

Thor seufzte. „Nachdem er Balder getötet hatte, hätten wir das wohl gerne getan, aber Loki entkam uns immer wieder. Es gelang uns nie, ihn zu fangen, auch wenn eure Schriften so schön davon erzählen. Diese Geschichte gehört tatsächlich ins Reich der Sagen.“ Er zwinkerte Thea zu, strahlte dabei aber gleichzeitig so viel Traurigkeit aus, dass es Thea schwer ums Herz wurde. Erst als Thor eine lange Zeit später nach vorn deutete, änderte sich auch Theas Stimmung wieder. Fröhlich verkündete er: „Wir sind am richtigen Ort gelandet! Dort endet das Himmelsgewölbe!“

Kaum hellte sich Theas Blick auf, zogen sich ihre Augenbrauen abermals zusammen. Fengur mochte an Dinge wie das Ende des Himmelsgewölbes geglaubt haben, doch sie war Thea, aufgewachsen mit dem Bild einer Planetenkugel, die sich um die Sonne dreht. Es gab kein Himmelsgewölbe, das aus einem Riesenschädel geformt und an vier Seiten von Zwergen gestützt wurde. Und doch! Aber da stand er, ein Zwerg, reglos, seine Hände über die Schultern erhoben. Hinter ihm klaffte unendliche Schwärze, die sich als breites Band entlang des Horizonts zog und alle Sterne zu schlucken schien. Der Zwerg stand auf der weißen Erde, den Kopf leicht nach vorn gebeugt. Sein Haar floss ihm lang über die Schulter und reichte bis zum Boden, ebenso wie sein Bart, dessen Spitze sich sogar auf dem Schnee rollte. Er trug einen schweren Mantel, mit eingenähtem Fell. Eine grobe Hose steckte in schwarzen Stiefeln, die ebenso grau war wie das gegürtete Oberteil. Als sich Thor und Thea näherten, hob er den Blick. Tief liegende Augen, über denen sich struppige Brauen wölbten, schauten ablehnend aus einem zerfurchten Gesicht.

„Du traust dich was!“, knurrte er und sein Blick ruhte verächtlich auf Thor.

Thea trat nahe an den Zwerg heran und äugte vorsichtig über den Rand der Landplatte. Immer noch wollte sie ihren Augen nicht trauen. Schwindelig taumelte sie zurück. Dort, wo der Zwerg stand, klaffte ein unendliches Nichts. Im Schwarz dieser Leere versagten ihr beinahe die Beine. Erst dort, wo die Hände des Zwergs begannen, leuchteten die Sterne, funkelten mit ihrem Licht und erhellten die Nacht. Er trug das Himmelsgewölbe!

„Unmöglich!“, stieß Thea verblüfft aus und legte beide Hände über ihren Mund.

Der Zwerg brummte missgelaunt. „Allerdings! Aber so sind die Asen.“

Thea verstand nicht, was Nordri damit sagen wollte. Mit dem nächsten Atemzug klärte er es aber schon auf: „Nur Odin kann auf die Idee kommen, einen unschuldigen Zwerg zu solch einer Aufgabe zu zwingen. Seit Jahrhunderten sind wir verdammt am Ende des Himmelsgewölbes zu stehen. Einsam und unbeachtet. Wenn überhaupt verirrt sich mal ein Nordfuchs hierher, oder es kommen unangenehme Typen, wie dieser Djinn. Es ist dunkel und kalt und niemand dankt uns für den großen Dienst, den wir verrichten. Versucht einer von uns zu fliehen, riskiert er, seine drei anderen Brüder in den bodenlosen Abgrund zu stürzen. Das alles ist Odins Schuld!“

Thor raunte mit einem schiefen Grinsen: „So weit ich gehört habe, waren Hönir und Lodur dabei nicht ganz unbeteiligt.“

„Alles Asen!“ Nordri spuckte aus.

„Keine Sorge, wir bleiben nicht lange“, offenbarte Thor ungerührt. „Wir suchen ein Schwert. Holle meinte, es wäre vor deine Füße geflogen.“

Die Augen des Zwerges blitzten auf. „Das Schwert. Interessant, dass auch du danach fragst. Es scheint euch Asen sehr wichtig zu sein.“

„Was meinst du damit? War Wal-Freya hier?“, fragte Thor sofort, aber Nordri lachte wonnetrunken und verneinte.

Knurrend verschränkte Thor die Hände vor der Brust. „Sondern?“

„Sucht Wal-Freya etwa auch danach? Sie könnte mit mir schlafen, dann erzähle ich ihr, wo es ist. Ich habe gehört das macht sie gerne, wenn sie etwas dafür bekommt.“

Thor machte einen schnellen Schritt auf den Zwerg zu und riss drohend die Hand hoch. Nordri zuckte nicht einmal und hob feindselig den Blick. Wie eine wütende Schlange zischte er: „So erfährst du gar nichts! Biete mir etwas an, dann sehen wir weiter.“

Unsicher ruhte Theas Blick auf Nordri. Nicht nur ihr musste auffallen, dass Thors geballte Fäuste vor aufwallender Wut bebten. Die Haut um seine Knöchel setzte sich weiß ab. Eine dicke Ader blähte sich an seinem Hals auf und sein Kiefer zuckte hektisch. Sichtlich angestrengt antwortete er ruhig: „Vergiss für einen Augenblick deinen Ärger! Wenn wir das Schwert nicht bald finden, geht vielleicht die ganze Welt unter!“

In einem zufriedenen Lächeln funkelten lange, schmale Zähne aus dem Mund des Zwerges. „So wichtig ist es also. Sehe ich aus, als würde es mich scheren, wenn morgen die Welt untergeht? Das Gegenteil ist der Fall! Wenn die Welt untergeht, dann hat dieses trostlose Dasein endlich ein Ende.“ Seine letzten Worte waren nur noch ein Spucken.

„Das kann dir doch nicht egal sein!“, stieß Thor erstarrt aus.

Nordris Brauen sträubten sich jetzt wie der Kamm eines wütenden Hundes. Ebenso knurrend antwortete er: „Und wie es das ist!“

Ehe Thor eine Dummheit begehen konnte, stellte sich Thea zwischen die beiden. Sie kniete sich vor den Zwerg und sah ihn flehend an.

„Bitte, Nordri. Es ist mein Schwert. Du hilfst nicht den Asen, du hilfst mir.“

Der dunkle Schleier um die Augen des Zwerges erhellte sich für einen Moment, als er sagte: „Du scheinst ein liebes Mädchen zu sein, gerne würde ich dir helfen, denn du hast nichts mit meinem Dasein zu schaffen.“ Doch schon verfinsterte sich sein Blick erneut: „Aber du befindest dich in schlechter Gesellschaft. Ich glaube nicht daran, damit nur dir zu helfen. Warum sollte es Thor oder Loki so wichtig sein, dass du dein Schwert zurückerhältst, wenn sie nicht einen Nutzen davon hätten.“

Thea rang schwer nach Luft, als Nordri den Namen des Feuergottes erwähnte. Thor hingegen setzte einen weiteren Schritt vor, packte den Zwerg zeitgleich am Kragen und stieß Thea mit der Bewegung hart zur Seite.

„Loki?“, schrie Thor. „Was ist mit Loki?“

Wieder starr und ungerührt verharrte Nordri in seiner Haltung. Mit einem wütenden Schrei zerrte Thor den Zwerg herum. Zum ersten Mal schien Nordri beeindruckt. Er riss Augen und Mund weit auf und starrte Thor fassungslos an. Ein grollendes Poltern umdröhnte plötzlich die Szenerie. Die Sterne über ihnen begannen wild zu wirbeln. Wie in einer umstürzenden Sanduhr rasten alle Lichtquellen jäh nach Norden. Ohne darüber nachzudenken stolperte Thea vor und fing das Himmelsgewölbe auf. Sieben Dinge geschahen nun auf einmal: Thor hob bremsend die Hand, entließ den Zwerg aus seinem Klammergriff und versuchte Thea mit einem gellenden Schrei von ihrem Vorhaben abzubringen, das Himmelsgewölbe rückte gerade, die Sterne rutschten zurück in ihre Position und Nordri hastete, ein wahnsinniges Lachen ausstoßend, davon. Thors rascher Griff nach ihm ging ins Leere.

Mit einem verzweifelten Schrei sank Thor auf die Knie. Seine Hände schlugen in den Schnee, ehe er zu Thea aufblickte.

„Was hast du getan, Thea?“

„Ich? Du hast ihn doch gepackt!“, schrie Thea zurück, die augenblicklich erkannte, in welche Situation sie sich gebracht hatte. Sie trug jetzt das Himmelsgewölbe im Norden!

Thor warf den Kopf in den Nacken, runzelte die Stirn und drehte den Kopf. Er schien den Sternenhimmel zu prüfen. Wieder zu Thea schauend, wippte er mit der flachen Hand.

„Du musst ein wenig mehr nach unten.“

Ungläubig riss Thea den Mund auf. Thor hieb sich knurrend gegen den Helm. „Entschuldige, natürlich musst du das nicht“, entgegnete er kopfschüttelnd und erhob sich ratlos.

„Hol ihn zurück!“, sagte Thea mit dünner Stimme.

Thor blickte über die Schulter. „Aussichtslos. Der ist schon über alle Berge. Er kann sonst wo sein“, erwiderte er.

„Und jetzt?“, rief Thea atemlos.

„Brauchen wir einen anderen Zwerg. Aber in Niflheim sind die schwer zu finden und ich habe keine Böcke“, grunzte Thor.

„Und jetzt?“, wiederholte Thea ihre Frage.

„Wenn du weggehst, bricht der Himmel über der Erde zusammen“, antwortete Thor arglos.

„Thor!“, rief Thea.

Der Ase hob hilflos die Hände. „Was? Ich bin nicht gut in solchen Sachen.“

„Du willst mich doch nicht etwa hier zurücklassen?“

„Nein! Niemals! Aber ich weiß auch keine Lösung! Loki wüsste eine, der verfluchte Hund!“

„Können wir es nicht mit irgendetwas abstützen?“

„Hier gibt es nichts. Außerdem wüsste ich kein Material, das stark genug dafür wäre, ein Himmelsgewölbe zu tragen.“

Thea hob fassungslos die Brauen. „Aber ich bin es?“

„Wie du siehst.“ Ein Lächeln huschte über Thors Gesicht.

„Das ist nicht lustig!“, entgegnete Thea aufgebracht.

„Stimmt“, lenkte Thor ein. Er winkelte die Arme an und legte die Handballen vor seinem Kinn zusammen. Nachdenklich tippte er die Finger aufeinander.

Eine dritte Stimme mischte sich in die Stille: „Thor! Du verdammter Esel!“

Majestätisch, mit kräftigen Schritten und von einer Aura unendlicher Stärke umgeben, nahte Wal-Freya. Ihr folgte kraftlos und stolpernd Juli, weiter dahinter, ebenso entkräftet, Tanngnjostr und Tanngrisnir. Nur Bygul und Trjegul hüpften begeistert neben der Gruppe her. Ihre Schwänze in einem krummen Bogen auf den Boden gerichtet jagten sie um die Füße der restlichen Gruppe.

„Juli“, flüsterte Thea, froh darüber, dass ihre Freundin noch lebte. Die Last des Himmelsgewölbes lag mit einem Male leichter auf ihren Händen.

Als die Böcke Thor erblickten, blökten sie fröhlich. Mit wiedererweckten Lebensgeistern rannten sie auf den Asen zu. Thor begrüßte sie begeistert, hob sie an seine Brust und kraulte ihr Fell. Auch Julis Schritt wurde schneller, nachdem sie Thea erblickte. Ihr Mund öffnete sich mit jedem Schritt ein Stückchen mehr. Als sie vor Thea stand, tasteten ihre Augen ungläubig die Umgebung ab.

„Was tust du da?“, schnaufte sie.

„Ich stütze das Himmelsgewölbe“, erklärte Thea verlegen.

„Wie das?“ Sie äugte, wie einige Zeit zuvor Thea, vorsichtig in das Schwarz des Schlunds und trat erschrocken zwei Schritte zurück. „Die Erde ist doch gar keine Scheibe!“, rief sie entgeistert.

„Nicht in eurer Wirklichkeit“, erwiderte Thor.

Mit dem ausgestreckten Finger deutete Wal-Freya auf Thea, während sie vor Thor stand. Sie sprach jedes Wort lange und mit einer Pause: „Was hat das zu bedeuten?“

Thor hob die Schultern und zog die Augenbrauen hoch. „Wir brauchen einen neuen Zwerg.“

Schreiend warf Wal-Freya den Kopf zurück und bedeckte die Augen mit der rechten Hand. Dann streckte sie knurrend die Hände und richtete sie beschwörend zum Himmel. „Kann man euch nicht ein paar Stunden alleine lassen, ohne dass ihr gleich die göttliche Ordnung durcheinander bringt? Wie hast du das wieder angestellt?“, fragte sie und bedachte Thor mit einem vernichtenden Blick.

„Wo seid ihr überhaupt gewesen?“, wehrte Thor ab.

„Nicht weit von euch, in einem anderen See. Jedenfalls gelang es uns nicht, euch aus den Augen zu verlieren, so oft wie du Mjölnir geschwungen hast, um schlussendlich den Himmel in Unordnung zu bringen. Spätestens jetzt weiß jeder Idiot, dass hier etwas vor sich geht. Wie in Hels Namen konnte das passieren?“

Thor und Thea berichteten nun abwechselnd. Wal-Freyas Blick wurde dabei immer dunkler und unheilvoller. „Du Narr, Thor! Du solltest das Himmelsgewölbe stützen müssen und nicht Thea!“

„Das wäre alles nicht passiert, wenn du dich an den Plan gehalten hättest“, polterte Thor. Fassungslos holte Wal-Freya Luft, aber Thor fuhr unbeeindruckt fort: „Ohne mich wäre Thea gestorben. Wir sollten doch alle zusammen aus einem See kommen.“

„Etwas ist schief gegangen, oder was glaubst du?“, fauchte Wal-Freya. Ehe der Streit ausarten konnte, ging Juli dazwischen:

„Das ist doch jetzt egal! Was ist mit Thea?“

Wal-Freya schnaubte. „Soll Thor an ihre Stelle treten.“

„Das ist nicht dein Ernst“, schnappte Juli.

Leise vor sich hinfluchend kniete sich Wal-Freya auf den Boden. Sie schob den Schnee auseinander, ließ etwas in der entstandenen Kuhle verschwinden und hob beide Hände darüber. Während sie die Augen schloss und konzentriert einen Spruch murmelte, stieg Rauch aus der Vertiefung auf. Rasch malte sie eine Rune in die Schwaden, die rot aufglühte und rasch größer wurde. Unaufhörlich stieg das Symbol in die Höhe, bis sie sich schließlich zusammen mit dem Rauch auflöste.

Thor sah der Rune eine zeitlang schweigend nach, dann drehte er sich zu Wal-Freya um. „Was nun?“

Auf ihrem Umhang sitzend, beide Katzen in ihrem Schoß, antwortete Wal-Freya zugeknöpft: „Warten!“

„Warten“, wiederholte Thor, stemmte die Hände in die Hüften, nickte mehrmals und sprach dabei das Wort immer wieder, als könne es dadurch schneller gehen oder als wolle er nicht begreifen, was Wal-Freya von ihm forderte. Lange lief er auf und ab, blieb mal vor Juli, mal vor Thea stehen, bedachte sie mit einem Blick und drehte weiter seine Kreise. Bald war der Schnee auf der Fläche vor ihnen glatt gelaufen. Plötzlich hob Wal-Freya den Kopf. Die anderen folgten ihrem Blick. Das Klirren von Stahl, der kontinuierlich aufeinander schlug, erfüllte die Luft. Vor den Sternen hob sich die Silhouette eines Pferdes ab. Mit wehendem Umhang, der einen großen runden Schild an der linken Seite seines Besitzers umspielte, näherte sich der Himmelsreiter. Hinter ihm leuchtete das Nordlicht in grünen Schwaden auf und flackerte so wild, als würde es von den Hufen des Tieres aufgewirbelt. Thea ahnte, wer da auf sie zustürzte. Je näher der Reiter kam, umso deutlicher wurde es. Als das Pferd schließlich mit schweren Tritten auf dem Schnee aufsetzte und vor ihnen zum Stehen kam, nahm der Reiter seinen goldenen Brillenhelm ab und warf den Kopf in den Nacken, um die langen blonden Haare mit einer leichten Bewegung hinter dem Rücken auszubreiten.

Wal-Freya erhob sich. „Skögull, gut, dass du da bist. Kommen noch andere?“

Die Walküre sprang aus dem Sattel. Noch immer trug sie den Schild am linken Arm, unter den sie nun auch ihren Helm packte. „Skalmöld und Sigrún“, antwortete Skögull und hob den Blick. Nun entdeckte auch Thea die beiden anderen Reiterinnen, die sich im wirbelnden Nordlicht näherten.

„Was ist geschehen?“, erkundigte sich Skögull, nachdem sie sich umgesehen hatte. „Wo ist Nordri?“

Wal-Freya antwortete lediglich: „Thor!“

Das schien Skögull als Erklärung zu reichen. Sie nickte verstehend und wartete geduldig bis sich die beiden anderen Walküren näherten. Auch sie nahmen als erste Handlung ihre Helme ab. Die Schildjungfer, die Wal-Freya als Skalmöld begrüßte, trug ihr schwarzes Haar kurz, Sigrún das ihre zu blonden Zöpfen gebunden. Alle drei Frauen waren mit einer Hose bekleidet, über die sich vier geschlitzte Stoffbahnen legten, welche einen Rock andeuteten. Auch Skalmöld und Sigrún hielten einen Schild am linken Arm. An Hüftgürteln mit allerlei verschnörkelten Verzierungen, baumelten wertvolle Schwerter in kunstvollen Scheiden mit edlen Griffen. Unter ihren Brustpanzern wärmte sie ein grober, fellbesetzter Stoff, der an den Unterarmen von goldschimmernden Armschienen zusammengehalten wurde. Ebenso wie zuvor Skögull brauchte Wal-Freya keine Erklärung abzugeben, warum sie gerufen wurden. Erst streifte Sigrúns Blick gleichgültig an Thea vorüber, bevor er gleich wieder auf sie gerichtet wurde.

„Was?“, stieß die Walküre atemlos aus und stellte sofort die gleiche Frage wie wenige Minuten zuvor Skögull: „Wo ist Nordri?“

„Thor“, gab Skögull trocken zur Antwort und beide Walküren nickten im Verstehen. Thor ignorierte die Frauen beflissen. Als ginge ihn die ganze Sache nichts an, legte er die Hände hinter dem Rücken zusammen und äugte mal in den Abgrund hinter Thea, mal zum Himmel hinauf.

„Ich brauche eure Hilfe“, erklärte Wal-Freya. „Skögull, Skalmöld, ihr müsst Nordri finden und ihn zurückbringen, Sigrún wird an Theas statt das Himmelsgewölbe tragen, bis ihr mit Nordri zurück seid.“

„Warum hast du ihn überhaupt von seinem Platz geholt?“, fragte Skögull an Thor gerichtet. Augenscheinlich brauchte auch sie keinerlei Erklärungen, um genau zu wissen, wer an der Situation schuld war.

Abwehrend brummte Thor: „Er wusste etwas über Kyndill, aber er weigerte sich es preis zu geben. Als er Loki erwähnte, verlor ich die Geduld.“

„Welch Seltenheit“, kommentierte Wal-Freya trocken. „Jetzt, wo er über alle sieben Berge verschwunden ist, erfahren wir sicher mehr darüber.“

„Niemand reist bis zum Ende der Welt, um einen alten Zwerg zu besuchen. Wenn Loki hier gewesen ist, dann, weil Nordri tatsächlich etwas über das Schwert weiß“, brummte Sigrún.

„Wir werden uns beeilen und ihn dann ganz genau darüber aushorchen“, sagte Skalmöld.

„Aber er sprach auch von einem Djinn, der vorbeigekommen sei“, erinnerte sich Thea.

Wal-Freya runzelte die Stirn. „Ein Djinn? Wie kommst du darauf?“

Hilfesuchend sah Thea zu Thor, der sie bereits nachdenklich anblickte. „Ja, er sagte etwas über einen Djinn, der bei ihm war“, stimmte er zu.

„Ihr müsst euch verhört haben, oder der Zwerg hat nicht mehr alle Zellen beisammen. Djinns sind Dämonen der Wüste, man wird sie vielleicht in Muspelheim antreffen, aber nicht in Niflheim“, widersprach Skögull.

„So? Ich dachte Djinns findet man in Svartalfheim“, erwiderte Thor herausfordernd.

„Aber er hat ganz sicher von einem Djinn gesprochen“, beharrte Thea.

Juli verschränkte wütend die Arme. „Wenn Thea und Thor es sagen, wird es wohl stimmen“, kam sie ihnen zu Hilfe.

Die Walküren wechselten Blicke, in die sie schließlich auch Thor einschlossen.

„Ingvar“, raunte Sigrún.

„Ingvar“, stimmte Skalmöld zu und Wal-Freya und Skögull nickten einvernehmlich.

Thors Augen wanderten von einer Walküre zur nächsten. „Ingvar, wer soll das sein?“

Sigrún hob die Schultern. „Eine Sage in Midgard erzählt von einem Wikinger, namens Ingvar, der auf seinen Reisen einst einen Djinn fand.“

Skögull nickte zustimmend. „Er soll sich einen prächtigen Palast von ihm gewünscht haben, fern jedoch von Menschen, die ihm seinen Reichtum neideten. Weit und breit sollte sich kein Dieb, kein Feind befinden, der seinen Palast in Gefahr brächte. Ein Fehler, denn nur ein Dummkopf formuliert einen derart offenen Wunsch gegenüber einem Djinn. Ingvar wachte im kalten, dunklen Niflheim auf, fern aller Menschen, so wie er es wünschte.“

„Abwegig. Er hätte sich doch sofort zurückwünschen können“, widersprach Thor.

„Es war der zweite seiner drei Wünsche. Dem Djinn noch einmal in die Falle zu gehen, wagte er nicht.“

Juli rückte die Brille über ihrem Helm zurecht. „Wieso macht ein Djinn so was? Er erfüllt dir einen Wunsch und gleichzeitig schickt er dich ins Verderben.“

„Djinns haben eine dunkle Seele. Sie hassen es zu dienen. Wenn sie mit ihrer Wunscherfüllung einen Schaden herbeiführen können, dann zögern sie nicht. Ingvar bezahlte sein Verlangen nach Reichtum mit einem Dasein in Niflheim.“

„Seid ihr sicher, dass er noch hier wohnt?“, fragte Juli.

Sigrún hob die Brauen und hielt die Hände entschuldigend vor sich. „Es ist nur eine Sage. Kaum einer von uns ist je in Niflheim gewesen.“

„Und wie sollen wir diesen Ingvar dann finden?“

„Was sollen wir überhaupt mit ihm. Nordri ist es, den wir suchen müssen“, erwiderte Thor.

Energisch schüttelte Thea mit dem Kopf. „Wenn Loki das Schwert von ihm bekommen hätte, dann wüsstet ihr sicher schon davon. Nordri kannte es! Als wir ihn darauf angesprochen haben, war er nicht verwundert, im Gegenteil. Er redete so, als wüsste er ganz genau, wovon wir sprechen. Loki ist weg und Nordri auch. Der Djinn ist der einzige, der uns vielleicht etwas über das Schwert sagen kann.“

Thor schien nicht überzeugt, lenkte jedoch auf Theas Worte hin ein: „Also müssen wir Ingvar finden, dann haben wir auch den Djinn. Wen können wir nach Ingvar fragen? Frau Holle?“

„Nicht doch!“, rief Thea und Wal-Freya knurrte ebenso abwehrend. Dennoch stimmte sie Thor zu: „Ehe wir Wochen nach ihm suchen, werden wir sie fragen. Es schmeckt mir ganz und gar nicht, dass Loki bei Nordri gewesen ist. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“

„Und was, wenn wir diesmal noch weiter voneinander getrennt werden?“, rief Thea.

Thor schmunzelte breit. „Noch trägst du ja das Himmelsgewölbe, wir werden also immer wissen, wo du bist.“

Alle lachten, nur Thea und Juli war nicht zum Lachen zumute.

Wal-Freya wandte sich an Skögull und Skalmöld. „Ihr beiden, geht nun und beeilt euch auf der Suche nach Nordri! Lasst uns eine Nachricht zukommen, sobald ihr ihn gefunden habt! Sigrún, befreie du Thea!“

Entschlossen nickten Skögull und Skalmöld. Ohne zu zögern sprang Skögull zurück in den Sattel und setzte ihren Helm auf. Skalmöld tat es ihr gleich. Zusammen lenkten sie die Pferde herum und stoben davon. Sigrún stieg von ihrem Pferd, schlüpfte aus dem Griff ihres Schilds und befestigte ihn am Sattel. Mit einem Klaps auf das Hinterteil ihres Tieres verabschiedete sie sich von ihm. Wiehernd galoppierte es los, stieg rasch in den Himmel auf und verschwand vor den Sternen. Ohne Widerspruch, mit keinem Wort des Vorwurfs oder einer Missbilligung ging Sigrún auf Thea zu. Der wurde unendlich schwer ums Herz.

„Es tut mir leid“, entschuldigte sie sich aufrichtig. Sigrún lächelte.

„Kein Sorge, Thea. Ich vertraue Skögull und Skalmöld. Es wird nicht lange dauern bis sie Nordri finden. Du trägst keine Schuld. Du hast dafür gesorgt, dass die Welt in ihren Fugen bleibt und indem du nach dem Schwert suchst, tust du es weiterhin. Deine Aufgabe bei der Suche ist wichtig, hier wirst du nicht gebraucht.“

Sie trat neben Thea und hob das Himmelsgewölbe an. Erleichtert nahm Thea die Arme herunter. Zögernd blickte sie die Walküre an, die ihr aufmunternd zunickte. „Wir sehen uns in Sessrumnir.“

Thea nickte wortlos und schloss sich ihren Freunden an, die bereits auf sie warteten.

 

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Über Alexandra Bauer

Alexandra Bauer
Alexandra Bauer wurde am 15.11.1974 in München geboren. Hauptberuflich leitet sie ein Kinderzentrum in Frankfurt am Main. Seit 2012 wohnt die Kinder- und Jugendbuchautorin in Eppstein-Niederjosbach. Ihre Fantasy Buchreihe "Die Midgard-Saga" begeistert Leser und Leserinnen aller Altersklassen. Mit einem flüssigen und mitreißenden Schreibstil und viel Humor, schafft es die Autorin, die alten Sagen zu entstauben und sie gut recherchiert in unsere heutige Zeit zu transportieren.

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