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Die Tränen der Hexen, ein historischer Roman von Uwe Grießmann

Die Tränen der Hexen, ein historischer Roman aus dem Harz von Uwe Griessmann

Dieser Roman ist all jenen Menschen gewidmet, die im Namen gleich welchen Gottes gejagt, grausam gefoltert und hingerichtet wurden. In Deutschland forderte die Inquisition in der Zeit von 1550 bis 1650 (der Hoch-Zeit der Verfolgung) etwa 25.000, in Europa geschätzte 40.000 bis 60.000 Todesopfer.
Dieses Thema ist weiterhin hochaktuell! In vielen Kulturen, in Südamerika, Südostasien und vor allem in Afrika werden auch heute noch sogenannte Hexen verfolgt, umgebracht oder hingerichtet.
Seit 1960 sollen es mehr Menschen gewesen sein, als während der gesamten europäischen Verfolgungsperiode. Religiöser (und politischer) Fanatismus haben viel mit dem Thema meines Buches zu tun. Dieser Roman ist als Zeichen dagegen zu verstehen.

Uwe Grießmann


Goslar 1499. In einer Mine am Rammelsberg stürzt ein Stollen ein und begräbt viele Bergarbeiter unter sich. Die Wasserträgerin Gerlinde wird beschuldigt, durch Hexerei für den Einsturz verantwortlich zu sein. Sie wird in den Hexenturm gesperrt, und der Dominikanermönch Henricus Institoris wird zur Aufklärung des Falles nach Goslar bestellt. Er kennt sich aus mit Hexen, hat schon vielen den Prozess gemacht und ein Hexengesetzbuch geschrieben, den Hexenhammer, ein sehr begehrtes Buch.
Der angesehene Goslarer Buchdruckermeister Wilhelm Wehrstett erhält von Henricus Institoris den Auftrag, den Hexenhammer nachzudrucken. Doch Wehrstett hadert, denn dieses Buch bringt nur Tod und Verderben. Wenn er es aber nicht druckt, muss er dann nicht befürchten, dass Institoris sich an Wehr­stetts Frau rächt?
In Goslar findet eine regelrechte Hexenjagd statt. Jede gefolterte »Hexe« beschuldigt andere der Teufelsbuhlschaft. Kann Wehrstett diesen Wahnsinn aufhalten, oder wird seine eigene Frau auf dem Scheiterhaufen hingerichtet?

Produktinformation

  • Taschenbuch: 272 Seiten
  • Verlag: Prolibris; Auflage: 2., Print-Originalausgabe (25. November 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3954751178
  • ISBN-13: 978-3954751174

 

 

Leseprobe aus “Die Tränen der Hexen”

Der 15. Tag des Heilagmanoth im Jahr des Herrn 1499, ein Sonntag
Eingerahmt wurde die Kaiserpfalz von mächtigen Gebäuden. Da waren die beiden Wohnstätten der Weltgeistlichen, die Kurie der Ritter zu Herlinberg und die Kurie der Bruderschaft derer von
Steinberg. Dann standen dort die Kapellen Sankt Ulrich und die Liebfrauenkapelle der Aula Regia, das Kaiserhaus und der Dom. Der Kaiserbleek, der zentrale Platz zwischen all den Bauwerken, war seit geraumer Zeit schon überfüllt. Die Bürger Goslars wollten die angekündigte Predigt des Dominikaners und Inquisitors Doktor Henricus Institoris hören. Doch sie gelangten nicht in den Dom, der schier aus allen Angeln barst. Es dauerte eine Zeitlang, bis die letzten das begriffen, noch etwas länger, bis sie sich damit abgefunden hatten. Murrend und schimpfend drängten sie von der Pfalz Richtung Marktkirche, nach Sankt Jakobi oder zur Stephanikirche. Irgendwo würden sie schon noch ein Plätzchen finden, wo sie die heilige Messe besuchen konnten.

Die Tränen der Hexen von Uwe Grießmann
Die Tränen der Hexen von Uwe Grießmann

Diejenigen, die es in den Dom geschafft hatten, rangen dicht gedrängt nach Luft. Die vielen ungewaschenen Körper verströmten in der Enge einen intensiven säuerlichen Geruch. Kaum ein Geräusch war zu hören, außer dem monotonen Singsang des Gebets, das gerade gesprochen wurde. Abgetrennt vom gemeinen Volk saßen die Kleriker erhöht im Chorgestühl. Nur der Bischofssitz
war leer. Denn Bischof Berthold von Klauenberg stand mit dem Rücken zur Gemeinde vor dem Hauptaltar, mit ausgebreiteten, erhobenen Armen, und betete auf Latein, welches die Sprache für den gesamten Gottesdienst war. Er nuschelte das Glaubensbekenntnis, als sollten auch die Lateinkundigen ihn nicht verstehen.

»Credo in unum Deum,
Patrem omnipotentem,
factorem caeli et terrae,
visibilium omnium et invisibilium.«

Henricus Institoris sah sich um. In dem überfüllten Dom, der Simon und Judas, nicht gerade seinen Lieblingsheiligen, geweiht war, drängten sich die Menschen dicht aneinander, um der Sacra Liturgia, der heiligen Messe beizuwohnen. Er selbst hatte noch keinen Ton gesagt, das Beten überließ er den Priestern. Acht an der Zahl saßen an seiner Seite. Er dachte kurz an die Predigt, die
er nach dem Nicänischen Glaubensbekenntnis halten wollte.

»Et in unum Dominum Iesum Christum,
Filium Dei unigenitum,
et ex Patre natum ante omnia saecula.
Deum de Deo, Lumen de Lumine,
Deum verum de Deo vero,
genitum non factum,
consubstantialem Patri;
per quem omnia facta sunt.«

Institoris bereitete sich nicht besonders gründlich vor. Diese Predigt hatte er schon so oft gehalten, dass er sie im Schlaf hätte vortragen können. So entging seinen Augen nichts. Wachsam ließ er den Blick über die Köpfe wandern, um die Heuchler und Ketzer, die Spione Satans ausfindig zu machen.

»Qui propter nos homines
et propter nostram salutem
descendit de caelis.
Et incarnatus est
de Spiritu Sancto ex Maria Virgine,
et homo factus est.«

So betete der Bischof den monotonen Singsang fort. Nur wenige der Kirchenbesucher sprachen mit, noch weniger verstanden, was sie sagten.

Da, diese Frau dort! Die, die neben dem hochgewachsenen Mann mit der Glatze. Die, da war Institoris sich sicher, die hatte den bösen Blick. Sollte er etwa schon die zweite, wenn man die Wamst mitzählte, sogar die dritte Hexe gefunden haben?

»Crucifixus etiam pro nobis sub Pontio Pilato,
passus et sepultus est,
et resurrexit tertia die,
secundum Scripturas,
et ascendit in caelum,
sedet ad dexteram Patris.
Et iterum venturus est cum gloria,
iudicare vivos et mortuos,
cuius regni non erit finis.«

Institoris fixierte das Weib, bevor er sich an den Priester auf dem Nachbarstuhl wandte. Er flüsterte: »Siehst du den großen Kerl neben der ersten Säule zur Linken? Den mit der Glatze?«
»Das ist der Wollenweber Joseph Kleffer«, antwortete der Gottesmann.
»Ah. Ist die im dunklen Gewand daneben sein Weib?«, fragte
der Inquisitor und lehnte sich zurück.
»Richtig. Das ist Julia Kleffer, des Wollenwebers Frau.«

»Et in Spiritum Sanctum,
Dominum et vivificantem,
qui ex Patre procedit.
Qui cum Patre et Filio
simul adoratur et conglorificatur:
qui locutus est per prophetas.«

Institoris verzog den Mund zu einem säuerlichen Grinsen. Ganz sicher würde er dessen Frau einer genaueren Betrachtung unterziehen. Den fragenden Blick des Nachbarn ließ er unbeantwortet.

»Et unam, sanctam, catholicam
et apostolicam Ecclesiam.
Confiteor unum baptisma
in remissionem peccatorum.«

Und da! Oder die andere? Institoris schauderte. Drei hatte er schon entdeckt. Drei, die infrage kamen, im Pakt mit Satan zu stehen.

Seit wie vielen Jahren machte er jetzt schon Jagd auf die Teufelsbrut? Im Jahr des Herrn 1482 war er zum Prior des Klosters Sylo im elsässischen Schlettstadt berufen worden. Kurz darauf wurde er zu einem Hexenprozess nach Ravensburg gerufen. Dort gelang es ihm, die ersten zwei vermaledeiten Unholdinnen auf den Scheiterhaufen zu bringen. Nach diesem Erfolg beorderte man ihn immer häufiger dorthin, wo es Probleme mit dieser Brut gab. Seit siebzehn langen Jahren reiste er bereits durch die Lande und führte dieses aufreibende Leben, im Kampf gegen Ketzer, Satansanbeter und Hexen.

»Et expecto resurrectionem mortuorum,
et vitam venturi saeculi.«

Das Glaubensbekenntnis war zu Ende. Institoris neigte den Kopf hin zur Gemeinde, holte tief Luft und wartete …
»Amen!«

Bischof Berthold von Klauenberg schlug das Zeichen vor dem kleinen Kreuz, das auf der Kredenz stand. Vor dem großen goldenen, welches höher als zwei Männer war, warf er sich auf die Erde, um den geweihten Boden zu küssen. So lag er eine Weile mit weit ausgestreckten Armen, bis er Hilfe herbeiwinkte. Zwei Priester eilten herbei, um dem alten Mann beim Aufstehen zu helfen.

Institoris wartete darauf, dass der Bischof nach hinten kam, blieb aber auch dann immer noch sitzen. Mit geschlossenen Augen genoss er die gespannte Atmosphäre, die hinter dem Lettner aufkeimte. In dem nur für die Geistlichkeit bestimmten Raum erhob sich Gemurmel. Er konnte die Blicke der Priester und Mönche geradezu auf seinem Rücken spüren. Erst als er die Zeit für gekommen hielt, erhob er sich. Gemessenen Schrittes umging er den Kreuzaltar, auf dem reich geschnitzte Figuren standen. Sie stellten die Passion Christi dar. Er verneigte sich vor der Gruppe, schlug ein Kreuzzeichen und baute sich dann hinter der Kanzel auf. Auch dort ließ Institoris Atemzug um Atemzug verstreichen, ehe er die Kapuze zurückschlug.

Eine Art Aufseufzen ging durch die Reihen, zumindest durch die vorderen. Das war immer so, wenn er sein Antlitz das erste Mal zeigte. Ein schöner Mensch war er nie gewesen und auch im Alter nicht geworden. Gar als Furcht einflößend wurde er beschrieben, aber sein Aussehen war ihm egal. Es war sogar von großem Vorteil, schließlich brachte es die verdammten Hexen dazu, vor Angst zu schlottern, wenn er sie verhörte und ihnen die Lügen austrieb!

Institoris wartete, bis das Geraune unheilige Ausmaße annahm. Erst jetzt hob er beide Arme, verblieb so, bis Totenstille herrschte. »Schaut!« Er redete leise, so dass die Gottesdienstbesucher
stillstehen mussten, um nicht mit ihrer Kleidung zu rascheln. Dennoch hustete irgendwo jemand, andere räusperten sich. »Seht eure Nachbarn an. Die auf der linken und die auf der rechten Seite«, forderte Institoris die Gemeinde auf Deutsch auf. »Schaut auf die vor euch, auf die hinter euch!«

Unverständiges Gemurmel erhob sich. Keiner wusste, was das sollte, doch kamen alle der Aufforderung nach, erkannte der Dominikaner befriedigt. Er wartete ab, bis sich die Unruhe wieder gelegt hatte, bevor er weitersprach: »Ruhe! Also was seht ihr?«

Er sah Köpfe, die verständnislos geschüttelt wurden.

»Ihr seht euer Weib, euren Mann, nicht wahr? Vielleicht einen Bekannten, oder ihr blickt in das Gesicht eines Fremden?« Ja, es herrschte nun Totenstille! Er wandte das Gesicht etwas ab, lächelte so, dass es niemand sehen konnte. Sodann ließ er den Blick über die Menge streifen. Innerlich triumphierte er, denn er hatte sie endgültig in seinen Bann gezogen. »Vielleicht seht ihr auch nur das Antlitz eines Heranwachsenden?«

Bis jetzt hatte er leise gesprochen. Trotzdem war er sicher, dass seine Sätze selbst die hinterste Ecke des Doms erreicht hatten. Nun aber erhob er erstmalig die Stimme: »Jedoch kennt ihr diejenigen, die ihr da seht? Kennt ihr sie wahrhaftig?«

Institoris ließ die Worte wirken.
»Wisst ihr denn, was sie vor euch verbergen? Welche Geheimnisse sie in sich tragen?« Erneut machte er eine bedeutungsvolle Pause. Ein leises Tuscheln kam auf. »Vielleicht dunkle Rätsel? Schreckliche Geheimnisse? Seht in das Antlitz eurer Weiber«, forderte er nun nur die Männer auf und sprach mit ruhiger Stimme weiter. »Ja, ich rede vom Weibe! Ich spreche von Eva! Diejenige, die Gott aus der Rippe Adams erschaffen hat. Eva«, er spuckte den Namen geradezu aus, »sie brachte die Sünde und damit den Tod in unsere Welt!« Institoris sprach so voller Hass, dass die Worte zusammen mit einem Speichelschauer den Mund verließen. »Und warum?« Er wartete, starrte in fassungslose Gesichter.

»Weil sie ein Weib war!«

Zornig hob er den Zeigefinger. »Das Buch Genesis beschreibt, wie Gott der Herr Adam in einen tiefen Schlaf fallen ließ, um ihm die Rippe zu entnehmen, aus der er das erste Weibsbild schuf! Kennt ihr diese Geschichte? So steht es geschrieben: Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und er erschuf die Menschen als Mann und Weib!«

Institoris ließ den dürren Finger sinken. Er beugte sich etwas vor, fixierte die Frau mit der weißen Haube, unter der rotes Haar hervorquoll. Die, die neben dem Druckermeister Wehrstett stand. Offenbar war sein Weib eine Anzahl Jahre jünger als er. Als spräche er sie höchstpersönlich an, sagte er: »Adam und Eva lebten friedlich im Garten Eden, im Paradies. Sie hätten dort bis in alle Ewigkeit leben können, zusammen mit ihren Nachfahren. Uns! Aber das Weib ist schwach!«, donnerte er nun vom Lesepult aus. Er musste sich festhalten, seine Hände krallten sich um das Holz. »Deswegen«, sprach er nun etwas leiser. »Nur deswegen, hat Eva den Verlockungen der Schlange nachgegeben.« Die nächsten Worte schrie er in die Menge. »Diese Schlange aber war der Satan!«

Institoris atmete tief durch, bevor er weiterredete. » Der Apfelbaum, ja von dessen Früchten, ausgerechnet, musste sie kosten. Obwohl es ihnen von Gott dem Herrn strengstens verboten war. Aber damit nicht genug! Sie überredete Adam dazu, dieser Sünde gleichzutun!« Außer Atem brauchte er nun eine kurze Pause, fuhr aber schnell fort: »Oh ja, Malum – das Schlimme, das Böse, das Üble, Schlechte – wurde im Weibe Eva gesät!«

Noch immer schaute er zum Buchdrucker und seiner Frau, die zunehmend nervöser wurden. Wehrstett hatte den Druckauftrag nur sehr widerwillig angenommen, das war ihm klar. Nun aber kannte er sein Eheweib. Ihren Namen werde ich auch herausfinden, dachte er. Falls Wehrstett – aus welchen Gründen auch immer – einmal aufmüpfig wird, habe ich ein gutes Mittel gegen ihn in der Hand. Endlich entließ er die beiden aus dem Blick, er wandte sich der nächsten zu, weiter hinten. Vielleicht ein Marktweib?

»Vom lignum scientiae boni et mali, dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, ausgerechnet davon musste das erste Weib den Apfel pflücken!«, schrie der Institoris von seinem erhabenen Platz aus. »Der erste Sündenfall war begangen, natürlich von einer Frau! Zu Recht beschuldigte Adam daraufhin Eva, als Gott der Herr ihn zur Rede stellte. Doch Eva gab die Schuld an die Schlange weiter, die nichts weniger war als Satan selbst! Nur wegen Evas Verfehlung wurden die Menschen aus dem Paradies vertrieben! Ja, deshalb können die Weiber seit diesem Tag nur noch unter Schmerzen gebären. Nur deshalb ist der Tod in die Welt getreten! Denn Staub bist du und zum Staube kehrst du zurück!«

Institoris kniff die Augen zusammen. »Die Erbsünde, peccatum originale, hervorgerufen durch das Weib Eva! Lapsus Adami, peccatum primorum parentum, primum peccatum! Durch diesen Sündenfall kam es zur Trennung von Gott und den Menschen! Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt, und durch die Sünde kam der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle Menschen fortan sündigten.« Institoris hatte sich in Rage geredet. Ihm war es egal, dass er wiederholt in die lateinische Sprache abgeglitten war, denn ohnehin begriffen nur die wenigsten das eben Gesagte. Ihm kam es nur auf zwei Dinge an, Eindruck zu machen und vor allem Angst zu schüren.

Er setzte abermalig leiser ein. »Das Weib ist also schwach. Das Weib kann Satan nicht widerstehen. Wenn Satan an die Tür des Weibes klopft, lässt sie ihn herein, lässt sie sich von ihm verführen.«

Pause.

Dann der gebrüllte Donnerschlag: »So, wie es bei der Wagner war. Ja! Anna Wagner wurde verhaftet, weil sie sich mit dem Teufel eingelassen hat, weil sie mit Satan eine Buhlschaft eingegangen ist. Weil sie Mitglied einer Hexensekte ist, die vom Leibhaftigen geführt wird. Weil sie einen Schadenszauber auf eine Nachbarin angewandt hat, mit dem bösen Blick.«

Die Leute sahen sich erschüttert an. Manche waren gar zusammengezuckt, als der Institoris den Namen Anna Wagner ausgeschrien hatte. Dies nicht nur wegen der Lautstärke! Anna, die begabte und begehrte Heilkundige. Viele hatten schon ihre Hilfe in Anspruch genommen, sie wollten einfach nicht glauben, was sie da vernahmen, vernehmen mussten.

»Derweil ist sie noch vieler weiterer Verbrechen schuldig!«, donnerte des Inquisitors Stimme durch den Dom. »Ihre teuflischen Zaubersprüche schadeten den Menschen, denen sie zu helfen vorgab!« Institoris sah aufmerksam hinab. Er fluchte innerlich, dass er die Namen der bleichen Leute da unten nicht kannte. Die da, die sich hinter einem großen Mannsbild versteckte, oder die beiden, die den heiligen Gottesdienst verließen, durch die Tore nach draußen eilten. Aber die Hexenbrut würde ihm schon nicht entkommen. Ihm nicht!

»Und ihr?« Drohend ging sein Zeigefinger in die Runde, verweilte hier oder da eine Weile, bevor er weiterwanderte. »Ihr, die ihr heute diese Worte hört, seid gewarnt. Der Satan greift sich nicht nur ein Weib, er bedient sich vieler Weiber. Er tut das zu einem einzigen Ziele! Er will das Ende der Welt herbeiführen! Und in zehn Tagen schon, am fünfundzwanzigsten Tag des Heilagmanoths, könnte es so weit sein. An diesem Tag beginnt ein neues Jahrhundert. Solcherlei Zeitenwechsel sind brandgefährlich! Wir sind in allerhöchster Gefahr!«

Nicht wenige bekreuzigten sich, sahen zu den Nachbarn, schüttelten furchtsam die Köpfe, ob dessen, was sie gerade vernommen hatten.

»Wollt ihr etwa in der Höllenglut schmoren, bis alle Tage der Welt zu Ende gegangen sind? Wollt ihr das?« Institoris ließ seine Worte lange wirken, bevor er weitersprach. »Wenn der Satan über unseren heiligen Herrn siegen sollte, werden auch die Gerechten dem Fegefeuer überantwortet. So wahr ich hier stehe! Ich, Doktor Henricus Institoris, Abgesandter des Papstes, Kämpfer gegen den Teufel, Kämpfer gegen die Hexenplage, Kämpfer gegen das Böse!« Bei jedem Wort knallte der Finger auf das hölzerne Pult. »Ich werde nicht zulassen, dass dies geschieht. Ich werde diejenigen
retten, die reiner Seele sind, aber …«

Viele der Gesichter, die ihn anstarrten, waren nun angsterfüllt, die Leute wurden langsam reif für den finalen Schlag.

»Seid gewarnt! Der Teufel ist überall. Als Incubus getarnt kommt er zum Weibe, als Succubus zum Manne. All diejenigen, die nicht stark genug sind, ihm, dem Satan, zu widerstehen, werden zum Untergang der Welt beitragen, weil Satan über sie gewinnen wird! Weil er bei einigen von euch längst gewonnen hat!«

Diese lautstarken Worte mussten erst einmal verdaut werden, also verharrte der Institoris, bis sich das Raunen gelegt hatte. Er holte die päpstliche Bulle aus dem Ärmel, entrollte sie und las sie vor, um dann ganz sanft und Demut vortäuschend das Fazit zu ziehen. »Das ist der Auftrag, den mir der Heilige Vater, Papst Innozenz der Achte, persönlich überantwortet hat.« Hier sprach  Institoris nicht die Wahrheit. Der Papst hatte sie erst nach einiger Diskussion unterschrieben, ohne zu begreifen, dass Institoris sie so verfasst hatte, dass man sie mehrdeutig auslegen konnte. Aber das war unerheblich. Er war in ihrem Besitz, sie gab ihm die Legitimation, das zu tun, was getan werden musste. Nichts anderes zählte!

»Ich frage euch noch einmal. Wollt ihr im schwefligen Fegefeuer enden oder an der Tafel Gottes sitzen?« Ohne auf eine Reaktion zu warten, redete er zunehmend lauter werdend weiter. »Blickt erneut in die Gesichter, die ihr euch vorhin schon angesehen habt. Was seht ihr nun? Ist es immer noch dasselbe Antlitz? Oder …?« Diesmal ließ er den Satz unvollendet.

»Hexen und Hexenmeister, wie erkennt man dieses teuflische Pack? Achtet auf Hautmale! Vielleicht eine Warze, die vor Kurzem nicht da war, vielleicht eine andere Kennzeichnung, welche der Teufel im Beischlaf hinterlassen hat, vielleicht sogar die Zahl des Teufels, die dreifache Sechs! Es gibt vielerlei solcher geheimen Zeichen«, brüllte er.

»Oh ja, hört mir nur gut zu! Ich zähle euch nun das Teufelswerk auf. Und rede ich von der Gegenwart, ist genauso die Vergangenheit wie auch die Zukunft gemeint. Ich spreche von ungewöhnlichen Erkrankungen, die aus heiterem Himmel kommen, die oftmals tödlich enden. Von Tieren, die ex abrupto eingehen. Von Menschen und Tieren, deren Nachwuchs tot geboren wird.
Von gar seltsamen Wettererscheinungen, vielleicht eine Dürre, vielleicht ein starker Regen, der des einen Ernte vernichtet, die des anderen jedoch verschont. Von Männern, denen der Samen urplötzlich versiegt. Von Milch, die grundlos sauer wird. Und ich rede von befremdlichen Erscheinungen am Himmel, oftmals mit einem unheimlichen Lachen einhergehend. Derlei Dinge, die so absonderlich anmuten, deuten mit Sicherheit darauf hin, dass Hexen ihr grausames Handwerk ausüben!«

Institoris führte nun alle Beispiele auf, die er bisher als Inquisitor erlebt oder von denen er auch nur gehört hatte. Schier endlos war seine Aufzählung der Gräueltaten, die Hexen begangen hatten. Erschöpft, er war auch nicht mehr der Jüngste, kam er langsam zum Ende der Rede, die länger als jede von den Goslarern jemals vernommene Predigt gedauert hatte.

»So erkennt ihr sie also. Und jetzt kommt das Wichtigste. Hört mir gut zu. Hört ja genau hin!« Der knochige Zeigefinger wie auch die wütende Stimme, mit der er sprach, durchschnitten die Luft, während er die nächste Drohung in den Dom entließ. »Ein jeder, der von solchen Vorkommnissen Kenntnis nimmt, sie aber nicht meldet, ist ein Ketzer! Jawohl ein Ketzer«, schrie er. »Und mit Ketzern kenne ich keinerlei Gnade! Habt ihr mich verstanden? Jeder, der etwas sieht oder hört oder auch nur etwas vernimmt, dessen heiligste Pflicht ist es, zu mir zu eilen, um davon zu berichten! Dazu steht meine Tür im Rathaus jederzeit offen. Wehe dem, der dies unterlässt. Wehe den Katharern, den Irrgläubigen, den Häretikern, die vom Glauben an die heilige Mutter Kirche abgefallen sind! Nein, ich werde keine Gnade kennen! Denn das ist Ketzerei. Und Ketzerei wird mit dem Tode durch die Flammen geahndet!«

Schwer atmend beugte Institoris den Oberkörper nach vorne. »Ihr habt es bereits vernommen. Es ist die Wahrheit, so wahr mir Gott der Herr helfe! Satan ist kurz davor, das Ende der Welt herbeizuführen. Er hat sein Ziel fast schon erreicht. Gibt es hier einen, der mir das nicht glaubt?«

Niemand meldete sich.

Befriedigt wusste Henricus Institoris, dass er eine erfolgreiche Predigt gehalten hatte. Er hatte Angst gesät, das las er aus den Gesichtern da unten. Bald schon würde er ernten! Bald schon würden die ersten Hexen brennen! »Betet! Fastet! Hofft! Ihr wisst nun also, was zu tun ist. Amen.«

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Über Uwe Griessmann

Uwe Griessmann
Vita:Uwe Grießmann wurde 1965 in Schweinfurt geboren. Er lebt heute mit seiner Frau in einem kleinen Dorf im südlichen Landkreis Hildesheim und arbeitet als Sachbearbeiter bei der Landes-IT Niedersachsen.In der Freizeit reist er gerne in exotische Gegenden. Ansonsten kocht er mit Vergnügen, spielt Gitarre und schreibt. Dabei entführt er seine Leser/innen in ferne Welten.Werke:• 2014: »Tödliche Idylle« Anthologie mit 3 Kurzgeschichten von Uwe Grießmann; als Taschenbuch verfügbar; Hottenstein Buchverlag.• 2015: »Die Tränen der Hexen« ein historischer Roman aus dem Harz; als Taschenbuch bei jedem Buchkrämer und als Elektrobuch bei allen Elektrobuchverkaufsstationen; Prolibris Verlag Rolf Wagner, Kassel.• 2016: »Drachenflüge« - Fantasy-Anthologie mit 3 Kurzgeschichten von Uwe Grießmann; als Taschenbuch verfügbar; Hottenstein Buchverlag.• 2016: »Meine kleine Rezeptsammlung - Kochen ohne Maggi & Co« - Kochbuch; PDF-Downloadversion auf der Autorenwebseite; Eigenverlag.• Diverse Postkartenkrimis, Spardosenkrimis, Postkartendrachenkurzgeschichten, etc.In Arbeit:• „Sagenhaftes Hildesheim“ Hildesheimer Sagen in Romanform.• „Die Mächtigen“ - Dystopie.

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