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Drachenfedern, ein Gay Fantasy Roman von Ashan Delon

Drachenfedern, ein Gay Mystic Fantasyroman von Ashan Delon

Können Märchen wahr werden? Das normale Leben von Werbefachmann Jonas gerät aus den Fugen, als er eine mysteriöse, schwarze Feder findet und sich daran verletzt. Fortan befallen ihn merkwürdige, erotische Visionen, die ihm Einblicke in eine andere, geheimnisvolle Welt gewähren. Als ihn eines Nachts ein Falke zu einem leibhaftigen Drachen führt, ist das nur der Beginn einer fantastischen Reise voll andersartiger Gefühle, Liebe und Leidenschaften. Unversehens findet Jonas eine andere Seite seiner Sexualität und muss erkennen, dass auch Fabelwesen nicht das sind, was er bislang geglaubt hatte.

Drachenfedern, ein Gay Mystic Fantasyroman von Ashan Delon
Drachenfedern von Ashan Delon

Endlich Eins!
Diese Ausgabe ist eine Zusammenführung der vormals im Fantasy Welt Zone Verlag veröffentlichten Einzelbände „Schicksalhafte Begegnung“ und „Im Netz der Intrigen“ in überarbeiteter Neuauflage.

Produktinformation

  • Taschenbuch: 424 Seiten
  • Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform (3. März 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 1496119975
  • ISBN-13: 978-1496119971
  • Größe und/oder Gewicht: 20,3 x 12,7 x 2,4 cm
  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 1196 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 426 Seiten
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B00IQEH1W2

Leseprobe aus „Drachenfedern“

Es war einer dieser Tage, die man am liebsten im Freibad oder an einem See verbrachte. Die Klimaanlage im Büro schaffte es kaum, die Luft auf die zum Arbeiten angenehmen zwanzig Grad herunter zu kühlen. Bereits am Mittag klebte jedem Mann das Hemd am Leib und jeder Frau rannen kleine Schweißtröpfchen zwischen ihre Brüste. Jonas verbrachte wie viele andere aus den umliegenden Büro- und Geschäftshäusern seine Mittagspause unter einem Baum im englischen Garten im Herzen von München.

Seit zwei Tagen brütete er über einen Werbeslogan für eine neue Zahnpasta und hoffte hier draußen einen klaren Kopf und neue Eindrücke zu bekommen. Sein Notebook lag aufgeklappt auf seinen Knien, während er per Surf-Stick im Internet nach bereits bekannten Sprüchen für Zahncreme forschte. Unter dem Nachbarbaum saß eine weitere Gruppe von Geschäftsleuten, die angeregt über notwendige Sparmaßnahmen bei irgendwelchen Projekten diskutierten, die Jonas nicht näher erfahren wollte. Es war schwer, nicht zuzuhören, denn die Unterhaltung wurde hin und wieder recht laut und lenkte ihn ein ums andere Mal von seinen eigenen Gedanken ab. Etwa zehn Meter entfernt lag ein junges Pärchen auf einer Decke, innig in einen langen Kuss vertieft. Neben ihnen stand ein tragbares Radio, das nicht gerade leise die neuesten Charts trällerte. Immer wieder ertappte sich Jonas dabei, wie er sie mit belustigtem Interesse beobachtete.

Eben gab der Sprecher die aktuellen Lokalnachrichten durch. Er sprach von einem Zusammenstoß einer Cessna letzte Nacht mit einem großen Vogel über Grünwald. Der Pilot hatte notlanden müssen. Personen waren keine verletzt worden. Beim Sachschaden schaltete Jonas seine Aufmerksamkeit ab. Er musste sich auf Zahnpasta konzentrieren und schloss für einen Moment die Augen, um sich in sein Badezimmer zu versetzen. Dort war es wenigstens kühler als hier, wo der Wind genauso sparsam über die Grünfläche wehte, wie das Budget der Nachbargruppe.

Er fuhr sich mit gespreizten Fingern durch sein kurz geschnittenes, blondes Haar und schnaufte tief durch. In seinem Nacken stand erneut der Schweiß, obwohl er ihn bereits vor wenigen Minuten mit der flachen Hand weggewischt hatte.

Sehnsüchtig wünschte er seinen Urlaub herbei, auf den er allerdings noch fünf Wochen warten musste, oder wenigstens einen Platz im Freibad oder einer Kühlhalle. Blindlings angelte er nach der Wasserflasche neben sich, die inzwischen so warm wie die Umgebung war, und trank einige Schlücke. Dabei fiel sein Blick auf eine Gruppe Jugendlicher, die offensichtlich großen Spaß beim Fußballspielen besaßen. Gedankenverloren beobachtete er den ausgelassenen Haufen eine Weile, ehe er sich an seinen PC zurückrief.

Sein Handy klingelte und er ging seufzend ran. Es war sein Arbeitskollege Hans, der ihn über die Ergebnisse seiner letzten Präsentation informierte. Die Angelegenheit mit dem neuen Schokodrink lief nicht so gut. Der Kunde hatte sich offenbar eine andere Strategie vorgestellt. Daher musste sich Jonas jetzt wirklich auf Zahncreme konzentrieren und hoffen, dass er für die Agentur wenigstens diesen Auftrag an Land ziehen konnte.

Zwei junge Frauen flanierten in ein Gespräch vertieft unweit an ihm vorbei. Beide ungefähr Anfang Mitte zwanzig, wie er selbst. Eine mit schwarzem Jeans-Minirock, engem schwarzen Top und kurzen, schwarzen Haaren, aus denen einige lila Strähnen hervorstachen. Die Andere, mit blonder, langer Barbiemähne, ebensolcher Figur, sinnlichen roten Lippen und strahlenden blauen, adrett geschminkten Augen, in ein geblümtes, bei jedem Schritt leicht flatterndes Sommerkleid gehüllt, das ihre ansehnlichen Formen reizvoll in Szene setzte.

Die könnte ihm gefallen, dachte er bei sich und malte sich in Gedanken bereits aus, wie sie auf seinem Sofa lag und er von ihren üppigen Knospen naschte. Jonas beobachtete die beiden interessiert, bis er bemerkte, dass die Blonde ihrerseits ihn musterte, während ihre Freundin unentwegt weiter plapperte und dabei mit den Händen gestikulierte, als wollte sie ihre Rede noch in Zeichensprache übersetzen.

Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte. Er lächelte zurück.

Ihr Lächeln wurde etwas breiter, seines ebenfalls. Sie hielt jedoch nicht an, als sie in einer Entfernung von weniger als zwei Metern an ihm vorüber spazierten. Stattdessen schob sie den Strohhalm ihres Smoothies zwischen ihre Lippen und drehte den Kopf in Richtung ihrer Freundin.

Seufzend sah ihnen Jonas noch einen Augenblick hinterher, in der Hoffnung, dass sie sich vielleicht noch einmal zu ihm umdrehte. Sie tat ihm diesen Gefallen jedoch nicht und verschwand aus seinem Blickfeld.

Eine kleine Brise ließ die Blätter in den Bäumen rascheln und wirbelte die Papierfetzen und Überreste von Essenspausen über die leicht verwelkte und durch Hitze ausgetrocknete Rasenfläche. Jonas hob den Kopf und genoss den seichten Wind, der den Schweißfilm in seinem Nacken trocknete und ihm einen angenehm kühlen und erfrischenden Schauer verursachte.

Etwas Dunkles flatterte neben trockenen Blättern von dem Ahornbaum über ihm herunter und landete ein paar Meter neben ihm in einem Fleck aus trockenem, blass-grünem Gras. Jonas hatte dem wirbelnden, dunklen Etwas fasziniert hinterher gesehen. Sein Blick verharrte abwartend auf der Stelle, aus welchen Gründen auch immer. Er wusste es selbst nicht. Vielleicht wartete er darauf, dass es sich erhob und davonflog, oder dass der Wind es zu einer anderen Stelle trug. Es blieb jedoch dort liegen. Neugierig geworden, legte Jonas den PC zur Seite, hievte sich auf die Beine und begab sich zu der trockenen Stelle im Gras.

Überrascht entdeckte er dort eine schwarze, glänzende Feder, eine Adlerfeder vielleicht, etwa so lang wie sein Unterarm, mit dickem, hartem, verknöchertem Kiel. Er hob sie hoch und betrachtete sie aufmerksam. Sie war schwerer als Federn normalerweise waren, was vermutlich von dem ungewöhnlich dicken und massiv wirkenden Kiel und den verhältnismäßig dicken, haarigen Federn herrührte.

Jonas drehte die Feder nach allen Richtungen, um sie eingehend und neugierig zu mustern.

Für einen kurzen Moment keimte in seiner Erinnerung die Warnung wegen Vogelgrippe auf, die vor wenigen Monaten durch alle Medienkanäle gingen. Das war zwar schon einige Zeit her, dennoch hatte er es bislang vermieden, irgendetwas anzufassen, was mit lebenden Vögeln zu tun hatte. Diese ungewöhnliche Feder hatte seine Aufmerksamkeit jedoch so sehr gefesselt, dass er gegen seine eigenen Prinzipien verstieß. Welcher Vogel diese Feder auch immer verloren hatte, sie war außergewöhnlich und definitiv ein einzigartiger Fund. Wenn er Zeit hatte, musste er sich im Internet auf die Suche nach der Art des Vogels machen, der sie eingebüßt hatte.

Plötzlich fielen ihm die Nachrichten wieder ein, die von dem Zusammenstoß berichtet hatten. Was für ein großer Vogel musste es gewesen sein, der sich mit derartig langen und schweren Federn schmückte und offenbar damit auch noch fliegen konnte.

Trotz allem entzückt über seinen Fund, legte er die Feder in seine Notizmappe und kehrte zurück zu seinem Computer, um wieder über Zahncreme und dazu passende kluge Sprüche nachzudenken.

Nach dem heißen anstrengenden Freitag Nachmittag im Büro, in welcher die Klimaanlage immer noch nicht erwartungsgemäß arbeitete, freute sich Jonas schon auf ein geruhsames Wochenende, voll Ausruhen, Faulenzen, Fernsehen und Herumlümmeln und vielleicht sogar Schwimmen gehen. Als es am späteren Nachmittag gegen vier Uhr an seiner Wohnungstüre klingelte, dachte er sich nichts dabei und öffnete froh gelaunt. Seine gute Laune verflüchtigte sich jedoch schlagartig, als er seine Mutter im Treppenhaus stehen sah. Sie schob seinen kleinen, leicht rundlichen, ständig nimmersatten Bruder Sebastian, mit seinen strohblonden, stets zerzausten Locken und seinem immerwährenden frechen Grinsen in die Wohnung und eine dicke Reisetasche hinterher.

„Ähm … was soll das?“, fragte Jonas verwirrt und sah beide abwechselnd an.

„Du hast es versprochen“, gab die Mutter etwas genervt von sich und bedachte ihren erwachsenen Sohn mit einer strafenden Musterung.

„Wann soll ich das gemacht haben?“ Jonas erwiderte ihren Blick mit unwissender Verzweiflung und suchte dennoch in seinem Gedächtnis nach etwas Derartigem.

„Als ich dich vor zwei Wochen darum gebeten hatte.“

Wage klingelte etwas in Jonas‘ Hinterkopf und er schnaufte resigniert. „Ach, Mama!“, jammerte er schließlich. „Basti ist schon dreizehn. Er ist alt genug, dass er auch mal ein Wochenende allein zu Hause bleiben kann.“

Seine Mutter verzog ihre Mundwinkel zu einem spöttischen, andererseits auch wissenden Schmunzeln. „Alt genug schon, jedoch nicht vernünftig genug. Viel Spaß ihr beiden. Bis Sonntag um vier.“ Sie wirbelte herum und eilte mit wehenden Haaren und Rock durch das Treppenhaus davon.

Wütend warf Jonas die Wohnungstüre zu, knurrte einen verhaltenen Fluch und drehte sich um – und wäre beinahe auf seinen kleinen Bruder geprallt, der mit einem gewohnten, selbstgefälligen, frechen Grinsen zu ihm aufblickte.

„Hast du Pizza?“, krähte er frech.

Jonas knurrte. „Nein, hab ich nicht. Bestell dir eine.“ Damit dampfte er an ihm vorbei und verzog sich ins Badezimmer.

„Salami mit Knoblauch für dich“, trällerte ihm Sebastian begeistert hinterher.

„Oh-ne!“, blaffte Jonas wutschnaubend zurück und knallte die Badezimmertüre zu, um sich schmollend auf die geschlossene Klobrille fallen zu lassen.

Verdammt noch mal! Er hatte glatt vergessen, dass seine Mutter an diesem Wochenende mit einer Kurfreundin ein Wellness-Wochenende in Bad Füssing verbringen wollte. Notgedrungen hatte er sich als Monsteraufsicht bereit erklären müssen, da sein untreuer Vater zum wiederholten Male keine Zeit oder keine Lust besaß, sich um seinen Nachwuchs zu kümmern. Seine Mutter war nach der Scheidung alleinerziehend, verzichtete jedoch nicht gänzlich darauf, sich hin und wieder einen Luxus zu genehmigen. Jonas gönnte es ihr von Herzen, allerdings nicht an diesem Wochenende, wo er sich so sehr nach Einsamkeit gesehnt hatte.

Es würde ein verdammt langes und anstrengendes Wochenende werden.

Er betätigte die Klospülung, ohne irgendwas hineingesetzt zu haben und kehrte zurück. Sein Bruder hatte es sich indessen auf dem Sofa bequem gemacht und zappte sich durch das Fernsehprogramm. Bei einer Wiederholung von Spongebob blieb er hängen.

Währenddessen angelte sich Jonas ein Bier und eine Limo aus dem Kühlschrank in der Küche und setzte sich zu seinem Bruder, wo er dem kleinen gelben Schwamm nur mäßig folgen konnte und drückte seinem ungewollten Gast die Limo in die Hand. Knapp eine halbe Stunde später erschien der Pizzabote und die beiden Brüder verdrückten ihr Abendessen während einer weiteren Folge der albernen Meerestiere. Zu seiner Erleichterung, Salami ohne Knoblauch, denn die Pizzeria kannte ihn inzwischen gut, oder Sebastian hatte sich vorhin lediglich einer seiner berüchtigten Scherze erlaubt.

Anschließend verzog sich Jonas an seinen Computer. Ihm war auf dem Klo ein genialer Spruch für seine Zahnpasta-Werbung eingefallen. Er wollte ihn aufschreiben, ehe er ihn vergaß. Sein Bruder kicherte über einen lächerlichen Scherz des Schwammes. Jonas stöhnte genervt auf und widmete sich wieder seinen Notizen.

Plötzlich stand Sebastian hinter ihm. Die Folge war vorbei und die Abspannmusik dröhnte aus dem Fernseher.

„Was machst du da?“, wollte sein Bruder neugierig wissen. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um über die Schulter blicken zu können.

Jonas knurrte und schubste den Kleinen mit einem Achselzucken von seinem Rücken weg. Sebastian schob sich zur Seite und wandte sich dem Durcheinander von Datenträgern, Notizen, Broschüren über Zahncremes und Mundhygiene zu und wühlte eine Weile darin herum, bevor er sich umdrehte und seinen Hintern gegen den Schreibtisch lehnte.

„Was machen wir morgen? Gehen wir ins Automobilmuseum?“

Jonas schnaubte leise. „Da waren wir schon zwanzigtausend Mal.“

Sebastian zuckte mit den Schultern. „Na und? Da ist es cool. Ich will mal Rennfahrer werden.“

Mit einem humorlosen Lachen kommentierte Jonas diese Aussage, ohne von seinem Textverarbeitungsprogramm aufzusehen. „Du? Mit deinem Fettbauch kommst du niemals hinter das Lenkrad eines Rennwagens.“

Sebastian ließ sich nicht davon beeindrucken. Er zog abermals unbeeindruckt die Schultern hoch und verschwand in den Hintergrund.

Jonas‘ Aufmerksamkeit wurde von einem Werbespott über Zahnpasta abgelenkt, der nun über den Schirm der Flimmerkiste lief. Er hatte den Spott zwar schon schier unzählige Male gesehen, betrachtete ihn nun jedoch aufgrund der aktuellen Erfordernisse ein weiteres Mal, jedoch diesmal mit den akribischen Argusaugen eines Werbeprofis.

„Boah, cool! Was ist das?“, rief sein Bruder hinter ihm.

Jonas‘ Mundwinkel zuckten leicht. Er machte sich nicht die Mühe, sich umzudrehen und nachzusehen, was seinen Bruder nun schon wieder beeindruckt hatte. Es gab in dieser Wohnung viel, was er cool fand. „Leg es zurück“, gab er mechanisch zurück und widmete sich erneut dem Werbejingle.

„Ist das eine Adlerfeder? Die ist ja ganz hart. Ist sie aus Stahl?“

Ein schmerzhafter Blitz durchzuckte Jonas und er fuhr wutentbrannt herum. Seinen ungewöhnlichen Fund hatte er total vergessen. Sebastians bedenkenlose Neugier musste selbst vor seiner Notizmappe nicht haltgemacht haben.

„Leg das hin! Sofort!“, donnerte er, sprang von seinem Schreibtischstuhl und überwand die Distanz mit wenigen, langen, weit ausholenden Schritten, um seinem Bruder die Feder zu entreißen. Dieser bewies trotz seiner dicklichen Statur erstaunliche Reflexe und entzog ihm die Hand blitzschnell, ehe ihm das Fundstück abgenommen werden konnte. Jonas setzte sofort nach. Abermals zuckte Sebastians Hand rechtzeitig nach hinten, sodass der Griff ins Leere ging.

„Gib es her!“, verlangte Jonas wütend, packte den Jungen, zerrte ihn herum, um an die Feder in dessen Rücken zu kommen und versuchte es ein weiteres Mal, sie ihm zu entreißen. Mit überraschender Geschicklichkeit entwand sich Sebastian und wich breit grinsend zurück, die Feder triumphierend herumwedelnd.

„Du verdammter Bastard. Gib sie her!“ Jonas war kurz vor dem Platzen. Er stürzte sich auf seinen kleinen Bruder. Es entstand ein Gerangel und eine Jagd durch die ganze Wohnung, die irgendwann in der Küche endete, als Jonas ihn in die Lücke zwischen Kühlschrank und Zimmerecke drängte. Er streckte die Hand danach aus. „Gib sie her!“

Sebastian schüttelte breit grinsend den Kopf. „Hast du sie von deiner Süßen?“, rief er provozierend und mit einem schelmischen Blick, zog seine Lippen zu einer Kussschnute zusammen und machte das übertriebene Geknutsche nach, das Erwachsene seiner Meinung nach machten, wenn sie allein waren.

Jonas knurrte wütend und unternahm einen weiteren Versuch, ihm die Feder zu entreißen. Er erwischte den Ärmel des grünen Shirts seines Bruders und zerrte ihn heftig an sich, sodass das Gewebe entsetzt knirschte und höchstwahrscheinlich auch einige Nähte rissen. Erneut entstand ein Gerangel. Diesmal endete es jedoch abrupt, als im allgemeinen Handgemenge die Feder brach und sich die scharfkantigen Splitter am Federkiel tief in Jonas‘ Handgelenk bohrten.

Jonas schrie erschrocken auf. Sebastian ließ die Feder vor Schreck los.

„Verdammt!“, kreischte Jonas und zog den zerbrochenen Federkiel langsam aus seiner Haut, angelte auf der Anrichte nach der Rolle Küchenpapier und riss hektisch einige Blätter davon ab. Die Feder flatterte achtlos auf den Boden.

„Da läuft was raus“, sagte sein Bruder alarmiert.

Jonas sah auf den Boden, wo die Feder lag. Etwas Grünschwarzes, Zähflüssiges floss aus dem defekten Kiel und verteilte sich so langsam und quälend wie Blut auf dem hellen Fliesenboden der Küche.

„Verdammt!“, fluchte Jonas abermals und kämpfte gegen eine rasch aufwallende Panik an. Er drehte den Wasserhahn voll auf, tauchte einige der Tücher unter den harten Strahl und presste es gegen die Wunde. Knapp unterhalb der Einstichstelle drückte er auf den Arm und presste das Blut samt Flüssigkeit heraus, die eventuell eingedrungen sein könnte. Tatsächlich quollen zuerst dunkle, fast schwarze Blutstropfen hervor, die leise auf die weißen Kacheln platschten. Als nach einigen dicken, beängstigend dunklen Tropfen wieder leuchtend rotes Blut aus der Wunde quoll, sog er erleichtert die Luft ein.

„Verflucht noch mal!“, kreischte er, noch immer aufgebracht und rasend vor Wut. Er warf die blutgetränkten Tücher in die Spüle und riss sich hektisch neue von der Rolle, die prompt von der Arbeitsfläche herunterfiel und in die andere Ecke rollte, weitere Tücher entrollend. „Verflucht, Basti!“, fuhr er seinen kleinen Bruder an. „Warum kannst du nicht einer dieser normalen, kleinen Brüder sein, die still dasitzen und ihren großen Bruder anhimmeln?“

Sebastian sah ihn erschrocken an, offenbar entsetzt über die Heftigkeit, mit der sein Bruder die Verletzung getroffen hatte, und blickte schuldbewusst zu Boden.

„Tschuldigung“, gab er kleinlaut von sich.

Selbst wenn ihn sein kleiner Bruder die meiste Zeit nervte und er ihn am liebsten in die Hölle wünschte, wusste er jedoch genau, dass er ihn vermissen würde. Als Kleinkind war sein Bruder schwer an Keuchhusten erkrankt. Jonas hatte sich große Sorgen um ihn gemacht und war sogar in die Kirche gegangen, um eine Kerze für ihn anzuzünden. Abgesehen davon wusste er selbst nicht mehr, warum er wegen dieser blöden Feder einen solchen Aufstand gemacht hatte. Sie war nichts weiter als eine harmlose Vogelfeder.

Er seufzte leise und sein strenger, wütender Blick lockerte sich. „Es ist manchmal verdammt schwer, mit dir auszukommen“, sagte er wesentlich sanfter, warf die blutigen Tücher in die Spüle und wühlte in den Schubladen der Küche nach einem Pflaster. Zwischen Geschirrtüchern und Wischlappen fand er ein einzelnes mit kleinen Kätzchen drauf. Mürrisch knurrend zupfte er dennoch die Schutzfolie mit den Zähnen ab und pappte die Kätzchen auf sein Handgelenk. Anschließend raffte er die blutigen Tücher zusammen, wischte die Tropfen vom Boden auf und warf alles zusammen mit der zerbrochenen Feder in den Mülleimer.

Irgendwann mitten in der Nacht erwachte Jonas und setzte sich verwirrt auf.

Sein Herz schlug schnell, so rasch, dass er die einzelnen Schläge kaum auseinanderzuhalten vermochte, geschweige denn sie zu zählen. Seine Glieder zitterten. Er schwitzte, obwohl ihm ein Kälteschauer nach dem anderen den Rücken hinunter jagte. Seine Hände waren eiskalt und schweißnass. Er keuchte nach Luft. Seine Lungen schrien nach Atem. Frostige Panik stieg in ihm hoch, eisig und brennend, heiß und verzehrend wie Feuer. Ein Feuer, das sich durch seinen gesamten Körper fraß und sich in seinem Unterleib sammelte. Zwischen seinen Beinen begann es prickelnd zu jucken und zu ziehen und sein Penis schwoll an. Eine äußerst seltsame Reaktion, dachte er sich irritiert.

Plötzlich schoss ihm eine Erkenntnis wie ein Blitz durch den Kopf – Blutvergiftung.

Verdammt noch mal!, fluchte er innerlich. Das Zeug aus der Feder hatte ihm vermutlich vielleicht sogar eine Vogelgrippe oder Schlimmeres verpasst. Solange er keine Ahnung hatte, was das für eine Feder gewesen war und in welcher Haut sie vorher gesteckt hatte, konnte alles möglich sein.

Sein Kopf flog zum Schlafsofa herum, dort wo sein kleiner Bruder auf dem Bauch und mit offenem Mund friedlich und leise schnarchte. Das Schlafsofa hatte er sich vor einiger Zeit angeschafft, als sein Bruder öfter einfach bei ihm abgeladen worden war und er wegen des unruhigen Jungen die ganze Nacht nicht hatte schlafen konnte.

Jonas sprang aus dem Bett, wühlte im Müll nach der zerbrochenen Feder, um sie den Ärzten in der Notaufnahme zur Analyse geben zu können, schnappte sich seine Autoschlüssel und eine Jacke, die er sich im Vorübereilen von der Garderobe pflückte und über seinen Pyjama zog und rannte auf die Straße zu seinem Wagen, um auf dem schnellsten Wege in das nächstgelegene Krankenhaus zu fahren. Er hatte Glück, nicht von einem Blitzer oder einer zufällig anwesenden Polizeistreife entdeckt zu werden, als er sämtliche Verkehrsregeln, rote Ampeln und Stoppschilder missachtend durch das nächtliche München raste.

Nachdem er relativ rasch an der Empfangstheke der Notaufnahme erfasst wurde, durfte er dennoch geschlagene zwei Stunden im Warteraum der Notaufnahme verbringen, ehe ein Arzt für ihn Zeit hatte. Dieser untersuchte ihn genauestens, reinigte und desinfizierte die Wunde, verpasste ihm eine Tetanusspritze und ein neues Pflaster – ohne süße Kätzchen – und nahm ihm sogar eine Ampulle Blut ab. Alle Ergebnisse und Untersuchungen, selbst die der Feder, brachten jedoch kein Ergebnis. Der Arzt beruhigte ihn, sprach von einer harmlosen Panikattacke, ausgelöst durch den Schreck, als ihn die Feder stach. Nebenbei belehrte er ihn zudem über Panikattacken, welche in den letzten Jahren häufiger auch bei jüngeren Leuten, bedingt durch Stress und Mobbing vorkamen. Beruhigter kam Jonas gegen sechs Uhr morgens zurück nach Hause und fiel todmüde ins Bett. Diese ganze Aktion hatte ihn nicht nur zehn Euro Notaufnahmegebühr, sondern obendrein auch noch eine ganze Nacht Schlaf gekostet.

Es fiel ihm schwer, seinen kleinen Bruder nicht mit bloßen Händen umzubringen, als dieser gegen neun Uhr in der Früh in sein Bett sprang und ihn jäh und brutal aus dem Schlaf riss.

„Wann gehen wir ins Museum?“, krähte Sebastian munter, hüpfte auf dem breiten Bett herum und machte es unmöglich, dass Jonas wieder einschlafen konnte. Resigniert krabbelte er schließlich aus dem Bett und verbrachte einen dennoch vergnüglichen Tag mit seinem Bruder und jede Menge alter und neuer Autos.

2

König Daräim erhob sich, als sein Sohn den Saal betrat, welcher ihm beim Abendessen Gesellschaft leisten sollte. Er hatte sich nicht von seinem Stuhl erhoben, um dem jungen Prinzen seine Ehrerbietung zu erweisen, sondern weil ihm Gerüchte zu Ohren gekommen waren, die ihn sehr beunruhigt hatten. Er umrundete die Tafel und marschierte an den anderen Gästen vorüber, ohne sie näher zu beachten. Für ihn zählte nur noch sein Sohn.

„Wo bist du gewesen?“, wollte er sogleich wissen und kam dem jungen Prinzen ein paar weitere Schritte näher. „Ich hörte, du hattest in der Menschenwelt einen unglücklichen Zwischenfall.“

Fäiram lächelte freundlich, ließ sich von seinem Vater kurz in den Arm ziehen und abtasten und blickte ihm besänftigend in die Augen. „Es war nicht mehr als das – ein unglücklicher Zwischenfall.“ Gleichzeitig rasten zahlreiche Fragen durch seinen Kopf. Woher konnte sein Vater das wissen? Er war allein unterwegs gewesen, ohne Begleitung und hatte niemandem von seinem Ausflug oder von seinem Erlebnis berichtet. Beinahe im selben Moment, als sein Blick flüchtig über die anderen Anwesenden glitt und dabei eine ganz bestimmte Person entdeckte, kannte er die Antwort bereits.

„Was ist geschehen?“ Der König strich besorgt über die frischen Kratzer im hübschen Gesicht des jungen Mannes und blickte ihm tief in die dunklen Augen.

Fäiram wischte sich die langen, schwarzen Haare, die ihm stets offen über die Schulter fielen, mit einer beiläufigen Bewegung aus dem Gesicht und legte eine Hand auf die seines Vaters. „Es war mein Fehler. Ich habe mich zu sehr verloren und dabei nicht auf den Flugverkehr geachtet. Es war lediglich ein harmloser Zusammenstoß mit einer kleinen Flugmaschine der Menschen. Es kamen keine Menschen zu schaden – wenn Euch das beruhigt.“

„Es ist immer beunruhigend, wenn du dich auf Exkursion in die Menschenwelt begibst“, entgegnete der Vater nicht ohne Besorgnis. „Die Menschen sind gefährlich. Sie haben ganze Generationen von uns ausgelöscht.“

Fäiram lachte kurz auf, eher um die Situation etwas aufzulockern, als um sich über diese Bemerkung lustig zu machen. Die Augen und Ohren der anderen Gäste waren auf sie beide geheftet und würden jede noch so kleine Sensation als brodelnde Gerüchteküche durch das ganze Land schwappen lassen. Beinahe der gesamte enge Stab seines Vaters war versammelt, alle, die etwaige Neuigkeiten rascher nach draußen in den hintersten Winkel von Häälröm tragen konnten, als er zu rennen vermochte.

„Die Zeiten in der Menschenwelt haben sich geändert“, gab er optimistisch zurück. „Die Zeiten, in denen sie uns mit Pfeil und Bogen, mit Schwert, Schild, Armbrust und gar Katapulten verfolgten, sind längst vorbei.“ Er nahm seinen Vater während seiner Rede am Arm und geleitete ihn zu seinem Platz zurück. „Die Menschen erinnern sich kaum noch an uns. Für sie sind wir Wesen aus längst vergessenen Legenden.“ Er schob den Stuhl behutsam in die Knie seines Vaters, als sich dieser setzte.

„Die Welt mag sich geändert haben“, meldete sich einer der Gäste zu Wort. Jene Person, deren Augenmerk ihn bereits vorhin wie magisch angezogen hatte. „Verzeiht mir, wenn ich mich einmische.“ Ein hochgewachsener Mann mit dunkelvioletter, juwelenbesetzter Robe, listigen, schwarz-violetten Augen, einem länglich schmalen Gesicht und blassen, dünnen Lippen beugte sich leicht vor und erregte damit die Aufmerksamkeit aller. „Die Waffen der Menschen haben sich ebenso geändert. Sie nennen sie inzwischen Pistolen, Gewehre, Raketen und Panzer. Die Waffen sind wesentlich effektiver und um ein Vielfaches gefährlicher geworden. Es ist blanker Leichtsinn, sich wieder in die Menschenwelt zu wagen.“

„Cousin Shagäiros“, erkannte Fäiram den Mann und nickte ihm erhaben zu. „Ihr seid erstaunlich gut informiert. Lasst Ihr Euch immer noch von Euren Lakaien unterrichten, die in Gestalt von Krähen die Welt der Menschen durchstreifen?“ Fäiram schalt sich, sich der Zuversicht hingegeben zu haben, dass sein Tun niemanden interessierte. Er hätte es eigentlich besser wissen müssen, denn wenn er in der Menschenwelt weilte, glaubte er hin und wieder beobachtet zu werden und traf nicht minder selten auf eine Schar von Krähen, die ihn neugierig musterten. Wie hatte er da nur annehmen können, dass sein Unglück mit dem Fluggerät der Menschen unentdeckt blieb.

„Ich bin lediglich um die Sicherheit von Häälröm besorgt. Alles, was dazu dient, unsere Welt und die darin lebenden Wesen zu schützen ist es wert.“

„Die Menschen kommen nicht in unsere Welt“, wusste Fäiram lächelnd und setzte sich auf seinen Platz, zur Linken seines Vaters, schräg gegenüber seines Cousins. Zur Rechten des Königs, neben Shagäiros, saß seine Mutter Minäira, die das Gespräch ebenso aufmerksam und besorgt verfolgte, wie alle anderen Anwesenden am Tisch. Ihr langes, schwarzes, glänzendes Haar war kunstvoll um ihren Kopf frisiert. Glitzernde, rotgoldene Edelsteine schmückten ihren Hals und ihre Handgelenke, ein goldenes Diadem steckte in ihrem Haar.

„Es zeugt von schier unendlicher Fahrlässigkeit.“ Ein Raunen ging durch die Tischreihe, als der energische, beinahe herrische Ton in der Stimme des Edelmannes über die Tafel hallte. „Euer unglücklicher Zwischenfall hätte auch mehr werden können. Die Menschen verfügen über äußerst schnelle Fluggeräte, die schneller als ein Laut fliegen können. Da gibt es kein Entkommen mehr. Ihr habt Eurer Leben riskiert, Cousin Fäiram. Ihr habt das Leben von ganz Häälröm riskiert und Eure Eltern diffamiert.“

Ein weiteres Raunen ging durch die Reihe. Die Anschuldigung lastete schwer auf den Schultern des jungen Mannes. Die Augen der Gäste wanderten zwischen ihnen beiden hin und her.

„Verehrter Cousin“, begann Fäiram gnädig und schenkte dem Mann ein aufgesetztes, falsches Lächeln. „Diese Exkursionen in die Menschenwelt geschehen nicht aus Abenteuerlust oder gar Todesmut. Und unter gar keinen Umständen würde ich mein Leben und mein Schicksal leichtsinnig aufs Spiel setzen. Wie auch Ihr beileibe wisst, ist es die Pflicht eines Prinzen sich seine Federn zu verdienen.“

Shagäiros verzog süffisant sein Gesicht und lehnte sich in seinem Stuhl bequem zurück. „Ihr habt Recht, ich weiß um diese Pflicht.“ Ein Ausdruck von Verdrossenheit huschte über sein Gesicht. Ihm selbst war diese Pflicht stets versagt geblieben, denn er war kein Prinz. „Die Federn lassen sich auch anderweitig verdienen, indem Ihr Euch um die Belange Eures Volkes kümmert.“

„Es sind die Belange meines Volkes, darüber Bescheid zu wissen, was sich in der Menschenwelt zuträgt.“

„Soweit ich weiß, obliegt dies mir“, wies ihn der Mann dezent zurecht.

„Dabei handelt es sich allenfalls um eine selbst auferlegte Aufgabe“, entgegnete Fäiram wissend und kontere den Blick des Anderen streng. „Wie die meine. Die Informationen, nach denen es Euch gelüstet, tragen allesamt die schreckliche Handschrift von Krieg, Tod und Verderben. Ihr sorgt Euch lediglich um die Waffen der Menschen, um deren Zerstörungskraft und um deren Gewalt zu studieren. Worum es mir in meinen Ausflügen in die Menschenwelt geht, sind die Menschen selbst. Ich beobachte sie und ich studiere sie, um sie besser kennenzulernen.“

„Menschen sind gefährlich“, schloss Shagäiros ab. „Das waren sie vor Hunderten von Jahren und sind es jetzt mehr denn je. An ihrer Ungläubigkeit und ihren Vorurteilen hat sich nichts geändert. Ganz im Gegenteil.“

„Und deswegen“, schaltete sich der König ein und riss die Aufmerksamkeit aller auf sich zurück, „verbiete ich bis auf Weiteres jegliche weitere Ausflüge.“

Fäirams Kopf flog herum und starrte seinen Vater fassungslos an. Diese Ausflüge waren in letzter Zeit das Einzige gewesen, das ihn neben seinen zahlreichen Pflichten und Aufgaben etwas Zerstreuung gebracht hatte.

„Aber Vater …“, wagte er einen vorsichtigen Protest, dieser winkte ihn jedoch sogleich mit einer beifälligen Handbewegung ab. Der strenge Blick, mit dem er ihn bedachte, erlaubte keine Widerrede. Innerlich brodelnd und mit zusammengebissenen Zähnen, gab Fäiram schließlich nach – zumindest für diesen Augenblick, unter den Augen aller Anwesenden – und benahm sich bis zum Ende des Essens wie der edle Drachenprinz von Häälröm, der er nun mal war.

Später am Abend, als der König die Tafel aufhob, indem er sich von seinem Stuhl erhob, folgte Fäiram seinem Vater aus dem Saal heraus.

Plötzlich knackte etwas in seinem Nacken. Schmerz überflutete ihn. Ihm schwirrten die Sinne. Der Boden unter seinen Füßen schwankte. Er fasste sich in den Nacken, dort wo die Quelle des Schmerzes lag, dort wo sich in Gestalt des Drachen der Kranz aus Federn befand. Er suchte Halt, um nicht zu stürzen, krallte sich in irgendetwas, was seine Finger zu fassen bekamen. Seine Knie drohten nachzugeben. Er keuchte atemlos. Sein Herzschlag beschleunigte sich von einem Moment zum anderen. Sein Herz klopfte so hektisch und hysterisch, dass er glaubte, es wolle aus seiner Brust herausspringen. Wie ein Fisch schnappte er nach Luft. Die Schmerzwelle drohte ihn wieder und immer wieder zermalmen zu wollen, raste wie ein Blitz durch seinen Körper, durch jede Faser, jede Ader und jeden Nerv. Glühend heißes Prickeln rann durch seine Venen, zerfraß ihn, zerriss ihn, sammelte sich in seinem Bauch, in seinem Unterleib, dort wo sich seine männliche Lust zu entladen gedachte.

Er keuchte auf, sank zu Boden und zwang verzweifelt die rasende, wilde Lust nieder, die ihn aus heiterem Himmel befallen hatte.

„Fäiram!“, rief sein Vater besorgt. „Was ist mit dir?“ Er war sogleich neben ihm, strich ihm die langen Haare aus dem Gesicht und betrachtete ihn voller Sorge. „Ein Heiler herbei!“, brüllte er zutiefst bekümmert, als sein Sohn weiterhin nach Luft schnappte und sich immer weiter zusammenkrümmte. „Schnell, ein Heiler!“, herrschte er einige der vor Schreck erstarrten Umstehenden an, die sich augenblicklich aus ihrer Starre lösten und davon eilten.

Fäiram kämpfte verbissen gegen die Willkür an, die so urplötzlich über ihn gekommen war. Der unerklärliche Schmerz in seinem Nacken peinigte ihn, als hätte ihm jemand ein Messer hineingerammt oder ein großes Stück Fleisch herausgerissen. Er presste die Hand in den Nacken, drückte seine Finger in die Stelle, dort wo der Schmerz am schlimmsten wütete, durchdrang mit seinen Nägeln die Haut und spürte heißes Blut über seine Fingerspitzen rinnen. Verzweifelt versuchte er ruhig und gefasst durchzuatmen, um die Kontrolle über seine Beherrschung zurück zu erlangen.

Was auch immer mit ihm los war, es war absolut unpassend, dass dies in diesem Augenblick, vor den Augen aller beim Essen Anwesenden geschehen war, wo er sich kurz zuvor mit seinem Cousin gestritten hatte und von seinem Vater zurechtgewiesen worden war. Dies würde genügend Stoff für Klatsch und Tratsch bieten, auf den er wahrlich verzichten konnte. Was er allerdings überhaupt nicht verstehen konnte, war, dass es ihn derart heftig zwischen die Beine gefahren war, sodass seine prall gespannte Männlichkeit unter seiner engen, schwarzen Hose weithin sichtbar sein musste. Der eigentliche Grund, warum er in sich zusammengesackt war und nun vornüber gebeugt auf Knien lag und sehnsüchtig darum bat, dass dieser seltsame Anfall vorüberging. Diese Peinlichkeit wollte er allen und vor allem sich selbst ersparen.

Ob er sich bei dem Zusammenprall mit dem Flugzeug wohl mehr zugezogen hatte, als er zunächst angenommen hatte?

Der königliche Heiler kam heran geeilt und ließ sich zu Fäiram auf den Boden nieder. Er versuchte, seinen Oberkörper in die Senkrechte zu drücken, damit er ihn besser untersuchen konnte, der Prinz verkrampfte sich jedoch. Es würde mehr als beschämend werden, wenn sie die dicke Erhebung bemerkten.

Fäiram keuchte verhalten und konzentrierte sich darauf, sich zu entspannen und dieses heiße Gefühl niederzuzwingen. An sich hatte er nichts gegen die Hitze, die ihm in den Unterleib gefahren war. Viel zu lange war er nun schon allein und hatte in viel zu vielen einsamen Nächten lediglich sich und seine Fantasie als Partner gehabt. Jedoch waren Heftigkeit und Zeitpunkt derart unpassend, dass er sich eher über den Klatsch Gedanken machte, als über das Warum.

Der Heiler murmelte einige Worte in einer alten Sprache, die Fäiram auch noch nach Jahren intensiven Studiums enorme Schwierigkeiten bereitete. Er verstand jedoch annähernd den Sinn und wartete auf das Einsetzen der Wirkung. Es dauerte auch nicht lange, bis der Schmerz nachließ und sich sein Körper entspannte. Ganz allmählich zog sich auch die unerklärliche Lust zurück und ließ seine beachtliche Beule abschwellen. Als er es nach einiger Zeit wagen konnte, sich wieder aufzurichten, war davon nichts mehr zu sehen.

Er überließ sich der Obhut des Heilers, ließ sich auf sein Zimmer bringen, in Öl salben, mit Kräutern einreiben, mit Beschwörungsformeln kurieren und einen duftenden Heiltee servieren. Es war schon ziemlich spät geworden, als er endlich allein in seinem Zimmer war und Zeit fand, über dieses Erlebnis nachzudenken. Den Schmerz konnte er sich auf eine plausible Weise erklären, immerhin war der Zusammenstoß mit dem Flugzeug so heftig gewesen, dass er arg ins Trudeln geraten war und beinahe abgestürzt wäre. Vielleicht war er sogar benommen oder für einen Moment bewusstlos gewesen, denn er konnte sich nicht mehr genau an jeden einzelnen Augenblick nach diesem Zusammenprall erinnern. Dieses seltsame Gefühl, diese Lust, diese Erregung, war allerdings etwas, was weder durch einen Zusammenprall noch durch einen Schreck hervorgerufen werden konnte. Dies war einzig die natürliche Wirkung einer Sehnsucht, eines umwerfenden Körpers oder einer innigen Liebe. Auf keines davon konnte Fäiram derzeit zurückgreifen. Allenfalls auf die Sehnsucht danach.

Die Wirkung des Tees setzte ein, als er über sein weiteres Leben nachdachte und überlegte, ob er dem Drängen seiner Eltern nachgeben und sich endlich vermählen sollte. Die Augen fielen ihm zu und er glitt in einen dämmrigen Schlummer.

Mitten in der Nacht schreckte er aus seinem Schlaf und fuhr keuchend hoch. Sein Herz hämmerte rasend schnell gegen seinen Brustkorb. Er zitterte am ganzen Leib und er schnappte nach Luft, als sei er eben im Laufschritt durch den ganzen Palast gehetzt.

Abermals machte sich diese merkwürdige Erregung in ihm breit, ließ seine Männlichkeit anschwellen, bis sie schmerzte, und jagte ihm in rasch wechselnden Intervallen heiße und kalte Schauer zugleich über den Rücken. Er schwang seine Beine aus dem Bett und ging einige Male im Zimmer auf und ab, in der Hoffnung, dass ihn dies von dem Verlangen ablenkte, das ihn unversehens befallen hatte. Als dies nichts brachte, öffnete er die Türe zum großen Balkon und trat hinaus.

Kühle Nachtluft hüllte ihn sogleich ein und verschaffte ihm zumindest einen klaren Kopf. Er sog seine Lungen voll erfrischender Luft und hielt sich an der steinernen Brüstung fest, während er seinen Blick in die finstere Ferne schickte.

Irgendwo da draußen befand sich die Welt der Menschen, nicht hinter dem Horizont, den schneebedeckten Bergen oder dem dünnen Wolkenband, das über den mit Sternen übersäten Nachthimmel zog. Die Welt der Menschen befand sich in einer anderen Sphäre, wo genau, vermochten alleinig die Ältesten und Weisesten aus Häälröm zu beantworten. Zu dieser anderen Welt gab es schon lange keinen Zugang mehr, den man mit Händen, sondern lediglich mit der eigenen Vorstellung fassen konnte. Drachenportale, wie sie in alten Legenden erwähnt waren, existierten seit vielen Jahrhunderten nicht mehr. Es gab für alle Wesen aus Häälröm einen einfacheren und effektiveren Weg, um in die andere Welt zu gelangen, die magische Pforte. Er musste sich nur fest genug darauf konzentrieren und war so imstande binnen eines einzigen Lidschlages hinüberzuwechseln. In einem Augenblick stand er noch mit ausgebreiteten Armen an der Balkonbrüstung, im nächsten flog er bereits hoch oben am nächtlichen Firmament über dem Land der Menschen hinweg. Es hatte ihn nie wirklich interessiert, wo genau es sich befand. Für ihn war stets wichtig gewesen, dort auch anzukommen, wenn er aufbrach, um die Menschen zu beobachten.

Dabei war ihm jedoch auch bewusst, dass er sich stets auf eine äußerst gefährliche Exkursion begab, denn seine andere Gestalt gehörte längst nicht mehr zu den gängigen Wesen der Menschenwelt. Würde man ihn entdecken, wäre er des Todes. Daher verließ er Häälröm ausschließlich nachts, wenn sich ein finsteres Zelt über das Land ausgebreitet hatte und die meisten Menschen friedlich in ihren Betten schlummerten. In der Nacht blickte kaum einer nach oben in den schwarzen Himmel. Zudem sorgte seine tiefschwarze Farbe für genügend Tarnung, um ihn selbst bei Vollmond mit dem Nachthimmel verschmelzen zu lassen.

Fäiram schloss die Augen, breitete die Arme aus und konzentrierte sich, und … nichts geschah.

Sein Vater hatte ein Verbot ausgesprochen, was bedeutete, dass er sich noch so viel Mühe geben konnte, er würde es nicht schaffen, Häälröm zu verlassen. Und solange dieses Verbot nicht mündlich aufgehoben wurde, würde es ihm nicht möglich sein, die magische Pforte zur Menschenwelt zu durchschreiten.

Er saß hier fest.

Diese Erkenntnis schaffte es, dass sich seine Erregung legte und sich stattdessen in Wut verwandelte. Er musste seinen Vater davon überzeugen, ihn wieder in die Welt der Menschen zu lassen, damit er weiterhin Forschungen betreiben konnte.

Und seinem Alltag als Königssohn zu entfliehen – doch dies behielt er lieber für sich.

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Über Ashan Delon

Ashan Delon
Ashan Delon, oder eher gesagt die Autorin hinter dem Pseudonym, Baujahr 1965, erblickte das Licht der Welt im tiefsten Bayern, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie am Rande einer Kleinstadt lebt. Geschrieben hat sie schon immer, doch erst vor wenigen Jahren packte es sie richtig, als ein Verlag einen Fantasy Wettbewerb ausschrieb. Ihre Story ‚Drachenfedern‘ wurde so geboren. Seitdem schreibt Ashan in jeder freien Minute und verliebte sich schon bald in homoerotische Geschichten, die mittlerweile ihr Lieblingsspielplatz geworden sind. Ihre Storys sind romantisch, erotisch, ergreifend und haben oft einen ernsten Hintergrund. Was als Hobby begann, ist inzwischen zu einer zeitfressenden Leidenschaft geworden, die sie einfach nicht mehr loslässt. Das Schreiben gleicht einer Zeitreise, in der sie in ihre Welten abtauchen und für wenige Stunden den Alltag vergessen kann. Am Schönsten ist es für sie, wenn sie den Leser mitnehmen kann auf einen dieser Ausflüge. Besonders im Fantasybereich kann sie ihrer blühenden Fantasie freien Lauf lassen. Neben Drachen erblickten auch einige Gestaltwandler, Vampire und mystische Krieger das belletristische Licht der Welt. Den beiden vorliegenden Bänden zu "Drachenfedern" folgt demnächst ein dritter Teil.

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