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Drachenfedern Smaragdauge von Ashan Delon

Drachenfedern Smaragdauge von Ashan Delon

Das Bündnis zwischen Fäiram, Tuniäir und dem Menschen Jonas hat in Häälröm einiges verändert. So sieht der Wurmdrache Tröglodes keinen Hinderungsgrund mehr, die Clanoberhäupter um den jungen Moordrachen Miogäir zu bitten. Doch dieser verabscheut die Verbindung zutiefst und sieht seinen einzigen Ausweg in einem Sprung von einem Turm. Allerdings landet er nicht im Reich der Ewigkeit, sondern in der Scheune des Bauern Hagen.
Dies ist eine Sidestory zu den beiden Bänden Drachenfedern und Drachenfedern – Im Bann des Feuers.

Drachenfedern Smaragdauge von Ashan Delon

Drachenfedern Smaragdauge von Ashan Delon

Infos:

  • Taschenbuch: 420 Seiten
  • Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform (7. Dezember 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 1505395003
  • ISBN-13: 978-1505395006
  • Größe und/oder Gewicht: 12,7 x 2,7 x 20,3 cm
  • Format: Kindle Edition
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Dateigröße: 1294 KB
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B00QNIMT02

 

Links:

https://www.amazon.de/Drachenfedern-Smaragdauge-Ashan-Delon/dp/1505395003/

 

Leseprobe aus Drachenfeder Smaragdauge

1

 

Es gibt Personen, bei denen kommt ein Gefühl auf, als fehlten einem fünf Euro im Portemonnaie, allein schon, wenn man an sie denkt. Sie persönlich zu Gesicht zu bekommen, wäre gleichzusetzen mit einem Hagelsturm am eigenen Geburtstag. Eine solche Person war der Mann, der ihm auf der Weide entgegenkam.

Hagen stöhnte hörbar auf, als er die Person erkannte, die mit geschultertem Gewehr, wippendem Gamsbart am Jägerhut und einer Miene, als würde er ihn persönlich für das miese Wetter verantwortlich machen, über die vom Regen aufgeweichte Wiese angestapft kam. Wie so oft musste er ein Lachen unterdrücken, als er ihn sah. Seit Jahren trug Xaver nun schon diesen dicken Schnauzbart, der ihn vermutlich männlicher wirken lassen oder seine Überlegenheit demonstrieren sollte. Hagen fand diese Rotzbremse einfach lächerlich. Zusammen mit dem militärisch praktischen Kurzhaarschnitt und der dunkelgrünen Jägeruniform erschien ihm der Kerl eher als Anwärter für die Army. Tatsächlich war Xaver der für die Region zuständige Wildhüter und nutzte seine Position nur allzu gerne aus, um seine Macht zu demonstrieren. Hagen hatte dies in den letzten Jahren mehr als einmal am eigenen Leib zu spüren bekommen und daher kein Verlangen nach neuerlichen Überraschungen. Er überlegte sich in der Tat, einfach auf der Stelle kehrtzumachen und in die entgegengesetzte Richtung davon zu gehen. Doch er war kein Feigling und vor diesem Kerl, der schon seit vielen Jahren eine hundertprozentige Wahrscheinlichkeit auf Ärger darstellte, noch nie davongelaufen oder hatte gar die Konfrontation mit dem Jäger gescheut.

„Guten Morgen, Xaver“, grüßte Hagen ihn freundlich, dennoch zurückhaltend.

„Na, Hagen, wieder mal zum Einlochen unterwegs?“ Xavers verdrießliches Gesicht war schlagartig gewichen, als er seinen Mund aufgemacht hatte, um zu antworten. Stattdessen machte sich ein Grinsen breit. Während er sprach, deutete er auf das Werkzeug und den dicken Zaunpfosten, den Hagen geschultert hatte, um einen der Weidezäune zu reparieren.

Hagen atmete tief ein, setzte den Pfosten langsam auf dem Boden ab und stützte sich gelangweilt drauf.

„Jetzt weißt du schon seit über zehn Jahren, dass ich schwul bin und dir fällt immer noch keine bessere Beleidigung ein?“ Hagen sah ihn entnervt an. „Vielleicht sollte ich dich mal mit nach München nehmen, wenn ich wieder am Cruisen bin. Da bekommst du ausreichend Ideen.“ Das Angebot war mehr als fragwürdig und alles andere als ernst gemeint. Abgesehen davon wäre Xaver der Letzte, den Hagen mitnehmen würde, um sexuelle Zerstreuung zu suchen. Außerdem war er beim letzten Mal, das war vor knapp einem Jahr gewesen, mit einer gebrochenen Nase zurückgekehrt, weil er in eine Schlägerei geraten war. Dadurch war ihm die Lust vorerst vergangen.

Xavers Gesichtszüge entgleisten sofort. Er zog seine dunklen Augenbrauen mürrisch zusammen und musterte den anderen angewidert. „So was wie du ist nicht einmal als Schlachtvieh zu gebrauchen.“

„Das klingt schon wesentlich besser. Du machst dich“, konterte Hagen mit beißendem Sarkasmus. Auch wenn Xaver daraufhin den Trageriemen seines geschulterten Jagdgewehrs fester in die Hand nahm – eine eindeutige Warnung – ließ sich Hagen nicht davon beeindrucken.

In seinen Augen war der Mann, mit dem er einst die Schulbank gedrückt hatte, lediglich ein armseliges Würstchen, das gefangen war im Wahn von Religion und Traditionen. Als Hagen vor zehn Jahren mit siebzehn den Mut fand, seine Neigung öffentlich zu machen, hatte dies im Dorf für einigen Unmut und Anfeindungen gesorgt. Doch nur Xaver hatte sich als Hand Gottes ausgerufen und den einstigen Klassenkameraden, mit dem er bis zu diesem Zeitpunkt noch kumpelhaft um die Häuser gezogen war, offen mit Hohn, Spott, Drohungen und Beleidigungen überzogen.

Nun waren sie beide erwachsene Männer. Was konnte schon mehr passieren, als dass sie sich prügelnd im Dreck wälzten? Hagen bezweifelte, dass der gelernte Jäger seine Waffe gegen ihn richten würde, um die dreckige Schwuchtel abzuknallen – wie er oft gedroht hatte.

Hagen kannte ihn besser. Xaver war im Grunde ein Feigling, der sich hinter Machogehabe, derben Sprüchen und einer erhobenen Faust versteckte. Eigentlich war der Sohn des Bürgermeisters nur ein Waschlappen, der die Immunität seiner Herkunft als Schutzschild benutzte und dies vollends auskostete. Früher hatte Hagen dieses Privileg selbst genossen, doch mit seinem Outing war er zum Feind Nummer Eins mutiert.

„Ich weiß nicht, warum man euch nicht schon längst den Hof entzogen hat“, fauchte Xaver wütend. „Ihr seid nicht einmal fähig, die einfachsten Dinge zu erledigen. Wie zum Beispiel den Zaun da hinten, an der Weide zum Wald. Der ist schon wieder kaputt. Du solltest endlich dafür sorgen, dass er repariert wird, sonst büxt dir eines deiner Rinder aus, verirrt sich im Wald und ich knalle es ab, weil ich denke, es handelt sich um einen fetten Hirsch.“

Hagen seufzte und deutete mit einem Blick auf den Pfosten, die Drahtseile und den riesigen Hammer. „Wie du siehst, bin ich gerade dorthin unterwegs. Das ist schon wirklich sonderbar. Du als Jäger solltest dich endlich um diese Drecksbestien kümmern, die ständig die Zäune zerreißen. Das war jetzt schon das dritte Mal in diesem Monat. Am Ende reißt es noch eines meiner Tiere und die Leute geraten in Panik, weil sie denken, dass sich wirklich eine gefährliche Kreatur herumtreibt.“ Er sah Xaver unverwandt an, blickte ihm fest in die leicht zusammengekniffenen dunklen Augen, denn er wusste genau, wer ihm regelmäßig den Zaun zum Revier des Jägers zerstörte. Doch beweisen konnte er es nicht. Wenn er seine Vermutung laut werden ließe, würde er wahrscheinlich sofort vom Bürgermeister persönlich mundtot gemacht werden.

Xaver machte einen provozierenden Schritt auf ihn zu. Hagen blieb stehen wie eine Mauer. Vor diesem Mann hatte er alles andere als Angst, was auch immer er anstellte, um ihn zu ärgern oder zu diskriminieren. Nicht einmal Respekt konnte er ihm gegenüber aufbringen, allenfalls Mitleid.

„Treib es nicht zu weit, Schwuchtel“, zischte der Jäger und kam noch näher heran. Sie standen nun nicht einmal mehr einen Schritt auseinander. Xaver beugte sich zudem etwas vor, um seinem Gegenüber die drohenden Worte direkt ins Gesicht zu spucken, Hagen wich jedoch keinen Zentimeter zurück. Stattdessen musste er sich fest auf die Zunge beißen, denn bei dieser Drohung hatte der dunkle Schnauzbart lustig gewackelt und damit zumindest für Hagen die bedrohliche Gebärde zerstört. Er hatte sich gut im Griff und zuckte nur überheblich mit den Mundwinkeln.

„Wenn du noch einmal mit dem Gewehr ruckelst, könnte ich dein Angebot annehmen“, gab Hagen süffisant zurück. „Hab schon lange keinen mehr abgeschossen.“

Ihre Blicke trafen sich und verkeilten sich ineinander. Hagen hielt dem Duell stand. Zehn Jahre Kalter Krieg mit dem Mann hatten ihn darauf geschult. Er wusste, wie weit er gehen konnte, um den ehemaligen Klassenkameraden bis zur Weißglut zu treiben.

Xaver gab einen kehligen Laut von sich. Das Weiße in seinen Augen leuchtete, als er offenbar versuchte, seinen Gegner mit Blicken zu erdolchen. Doch er ließ sich nicht zum letzten Schritt provozieren. „Eines Tages …“, keuchte er. „Eines Tages wird dich das Schicksal treffen. Dann wirst du darum betteln …“

„Worum?“ Hagen blieb unbeeindruckt. „Darum, dass du es mir besorgst?“

„Dass ich dir eine Kugel in den Kopf jage“, erwiderte Xaver scharf. Sein rechtes Augenlid zuckte. Ein Zeichen, dass er kurz davor stand, zu explodieren. „Um dein erbärmliches Dasein zu beenden.“

„Wenn es irgendwann wirklich so weit sein sollte, dann werde ich bestimmt nicht dich darum bitten.“ Hagen lachte einmal kurz auf, voller Spott für den Gedanken, den der andere heraufbeschworen hatte. „Denn du bist nicht mein Typ.“

Xaver knurrte warnend, konnte sich aber trotz der sichtbaren Aufregung beherrschen. Er wich zurück, rückte den Riemen des Gewehrs zurecht und deutete mit dem Kinn in die Richtung, aus der er gekommen war. „Richte den Zaun, sonst werde ich Maßnahmen ergreifen“, grollte er, drehte sich um und marschierte über die Wiese davon.

Hagen blieb noch eine Weile stehen und blickte ihm hinterher. Es hätte ihn gewundert, wenn Xaver auf die Provokation eingegangen wäre. Es war bedauerlich, was dieses Outing mit dem einstigen Kumpel angestellt hatte. Aus engen Freunden waren verbitterte Feinde geworden, nicht, dass Hagen den Bürgermeistersohn vom jetzigen Zeitpunkt aus gesehen noch als besten Freund tituliert hätte. Sie waren jedoch auf dem direkten Weg hierzu gewesen, hatten viel Zeit miteinander verbracht, viel gelacht und Unsinn angestellt. Doch dann hatte Hagen sich dazu entschieden, seine Neigung offen zu machen. Eigentlich verdankte er dem jungen Xaver das Erkennen seiner Homosexualität. Denn durch ihn, dadurch, dass er Hagen zu jedem Date mitgeschleift und sich nächtelang mit ihm herumgetrieben hatte, erkannte er, was er wirklich wollte. Auf keinen Fall Mädchen hinterher steigen oder sich mit ihm über die Vorzüge von potenziellen Kandidatinnen unterhalten. Und vor allem definitiv keine Frauen.

Mit einem Seufzen nahm Hagen die graue Strickmütze ab, die ihn vor den kalten Herbstwinden schützen sollte, strubbelte kurz über seine hellen Locken, strich sie zurück und stülpte sich die Mütze wieder über. Dann schulterte er den Pfosten und den riesigen, schweren Vorschlaghammer und stapfte über die aufgeweichte Wiese zum hinteren Zaun.

Der Draht war eindeutig mit einer Zange durchgeschnitten und der Pfosten sah aus, als wäre er erst mit Tritten aus klobigen Sohlen gelockert worden, ehe die Täter dann zur Axt gegriffen hatten, um den fest im Boden verankerten Pfosten zu fällen. Die Kerben in dem harten Holz wirkten, als hätte jemand seine ganze Wut an dem Teil ausgelassen. Milde lächelnd zerrte Hagen die Reste des Zaunpfahles aus dem Boden, setzte den neuen ein und trieb ihn mit kräftigen Hammerschlägen tief in den weichen Boden.

Vor wenigen Tagen hatte es noch heftig geregnet, sodass die Wiese am Waldrand einem Moor glich. Beinahe mühelos konnte er den Pfahl in den Untergrund rammen, den Draht neu verlegen und die Lücke im Zaun schließen. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, als er fertig war, und besah sich die Umgebung. Eigentlich war der Zaun unnötig. Seine Milchkühe, die auf der angrenzenden Weide grasten, würden den Wald nicht betreten, da es dort kein saftiges Gras gab, das sie anlocken könnte. Zudem säumte ein breites Bankett aus stacheligen Brombeersträuchern den Rand, vor dem die Tiere scheuten. Vor zwei Jahren hatte er die Auflage erhalten, dort einen Zaun zu ziehen, um das Rotwild vor dem Nutzvieh zu schützen. Auf Hagens Einwand, dass dem Rotwild dann eine wichtige Nahrungsquelle genommen wurde, wollte man nicht eingehen. Um weiteren Ärger zu vermeiden, hatte Hagen schließlich den Zaun gezogen. Vor ein paar Monaten hatte sich es offenbar jemand zur Aufgabe gemacht, ihn regelmäßig zu zerstören.

Hagen hätte sein Leben darauf verwettet, dass dieser jemand Xaver Bergmeier hieß, wie auch derjenige, der für die Auflage verantwortlich war. Doch er hielt seinen Mund und amüsierte sich im Stillen. Es hatte keinen Zweck, sich deswegen aufzuregen oder den uneinsichtigen Kerl zur Rede zu stellen. Er würde alles abstreiten und einen weiteren Aspekt finden, um Hagen im ganzen Dorf lächerlich zu machen.

Mit den Überresten des alten Pfostens und dem Hammer kehrte er zum Hof zurück. Die Kühe standen bereits am Tor und wollten auf die Weide gelassen werden, um sich ihre Bäuche mit frischen Gräsern, Kräutern und den letzten Blumen des Jahres zu füllen. Bevor er zur Reparatur aufgebrochen war, hatte er die fünfzehn Milchkühe noch gemolken. Rasch öffnete er das Gatter und lächelte, als sie an ihm vorüber trotteten und sich hin und wieder schon mal ein Maul voll gönnten. Er kannte jedes der Tiere beim Namen. Er war mit ihnen aufgewachsen. Bei einigen von ihnen war er sogar bei der Geburt dabei gewesen, hatte ihr nasses Fell mit Stroh abgerieben und ihnen dabei geholfen, die ersten Schritte zu tun. Er war Bauer aus Leidenschaft. Das war ihm bereits in die Wiege gelegt worden. Für ihn gab es nichts anderes, auch wenn der Profit aus dem Verkauf der Milch und des Fleisches und den Erträgen aus den Feldern immer weniger wurde und der kleine Familienbetrieb immer stärker ums Überleben kämpfen musste.

Nachdem er den Hammer in der Werkstatt verstaut und den Pfosten auf den Haufen mit dem Brennholz für den Winter geworfen hatte, betrat er die Stube. Seine Mutter war gerade damit fertig geworden, den Frühstückstisch zu decken. Eben stellte sie einen Hefekuchen in die Mitte des Tisches, rückte Hagens Tasse zurecht und lächelte glücklich, als sie ihn eintreten sah. Sein Vater hockte in einem Lehnstuhl in der Ecke, studierte die Tageszeitung und brummelte vor sich hin. Seine Eltern gingen beide auf die siebzig zu. Hagen war der Jüngste von vier Brüdern, von denen er als Einziger auf dem elterlichen Hof geblieben war, um ihn zu bewirtschaften und der Einzige, der ihnen keine Schwiegertochter bieten würde.

Hagen setzte sich an den Tisch, goss sich Kaffee ein und schnitt sich ein dickes Stück vom noch warmen Hefekuchen ab, um herzhaft und mit großem Hunger hineinzubeißen.

Sein Vater legte die Zeitung sorgsam zusammen und kam ebenfalls zum Frühstückstisch.

„Vielleicht sollten wir an der Waldweide einen Elektrozaun errichten“, schlug er vor.

Hagen schüttelte den Kopf. „Damit man uns die Schuld an dem verendeten Rotwild zuschiebt, das dort einen Herzinfarkt erleidet …?“ Er schluckte rasch hinunter. „Mach dir keine Gedanken. Das ist bald vorbei.“

„Ja“, pflichtete ihm seine Mutter mit einem Nicken bei, „und derjenige sucht sich etwas anderes. Was war das mit dem Fuchs?“

Hagen verzog sein Gesicht. Im Frühjahr hatte ein Fuchs ein Massaker im Hühnerstall angerichtet. Das Merkwürdige an der Sache war, um in den Hühnerstall hineinzugelangen, hätte der Fuchs das Gartentor und das hölzerne Gatter des Hühnerstalles öffnen und sorgsam wieder hinter sich schließen müssen. Denn es gab keinerlei Beschädigungen am Zaun oder der Stallwand noch ein Loch im Boden, durch das das Wildtier hätte eindringen können. Das Holzgatter zum Hühnerstall war zwar mit einem Vorhängeschloss versehen, doch es war nicht abgeschlossen gewesen und hing genauso nur mit der oberen Schließe eingehakt im Haken, wie am Abend zuvor. Nur dass der Fuchs im Inneren gefangen war. Dies hatte nur durch Menschenhand geschehen können. Die Polizei, der Bürgermeister und der Jäger hatten grinsend danebengestanden, als Hagen die toten Tiere aus dem Hühnerstall herausholte. Nur mit Mühe hatte er seinen Groll zurückhalten können, wusste er doch genau, wer den Fuchs in der Nacht unbemerkt im Hühnerstall ausgesetzt hatte.

„Du solltest ihm endlich mal ordentlich Einhalt gebieten“, riet seine Mutter. „Wenn er keine Grenzen gesetzt bekommt, macht er ewig so weiter.“

„Was bringt das?“, fragte Hagen beinahe schon entnervt. „Ich habe wirklich anderes zu tun, als mich mit ihm auf diesen Kleinkrieg einzulassen. Wenn er meint, solche Kinderspielchen abziehen zu müssen, soll er es tun.“

„Auf unsere Kosten“, warf sein Vater ein. „Ich habe auf meine alten Tage allmählich keine Lust mehr darauf, jeden Tag aufs Neue um jeden Liter Milchkontingent zu kämpfen. Er hat dich auf dem Kieker und wird erst aufhören, wenn du ihm endlich eins aufs Maul gibst.“

„Es ist nicht meine Art, die Probleme anderer mit Fäusten zu lösen“, murrte Hagen und biss in seine Hefekuchenschnitte. Er war die Diskussion leid. Xaver und die ganze Familie Bergmeier hatten ihn wirklich auf dem Kieker. Dennoch war er nicht gewillt, auf dieses Spiel einzugehen. Das war einfach nicht sein Niveau.

„Manchmal muss man sich trotz allem wie ein Mann verhalten“, kam es trocken von seinem Vater.

Hagen vergaß das Kauen, hob den Kopf an und sah seinen Vater ausdruckslos an.

Seine Eltern hatten das Outing ihres Sohnes überraschend vernünftig hingenommen. Entzückt waren sie nicht gerade gewesen, dennoch stolz auf ihn, dass er den Mut gefunden hatte, sich zu offenbaren und seinen eigenen Weg zu gehen. „Du bist schon immer der Weichste von meinen Söhnen gewesen“, hatte seine Mutter damals gesagt, sein Vater ihm nur die Schulter gedrückt und viel Glück gewünscht. Sie waren gläubig, gingen jeden Sonntag in die Kirche und hatten ihn nach seinem Geständnis sicherlich vermehrt in ihre Gebete aufgenommen. Zu keiner Zeit aber hatten sie widersprochen oder versucht, ihn auf den rechten Weg zurück zu locken. Daher war Hagen stolz auf seine Eltern, dass sie es trotz ihrer persönlichen Überzeugung hinnahmen. Doch hin und wieder kam der versteckte Unmut in ihnen zum Vorschein – in Bemerkungen wie diese eben ausgestoßene.

Rasch schluckte Hagen den Bissen herunter. „Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“ Kälte hatte sich in ihm breitgemacht.

Sein Vater antwortete nicht, sondern senkte den Blick und schien plötzlich mehr Interesse an den kleinen Schaumflöckchen in seinem Kaffee zu haben.

Mit einem hörbaren Aufschnaufen stand Hagen auf und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum. Der Hunger war ihm gründlich vergangen. Seine Mutter rief ihm noch nach. Doch wenn er auch nur eine Sekunde länger geblieben wäre, wäre er geplatzt … oder erstickt. So genau wusste er es selbst nicht. Es tat weh und er brauchte dringend frische Luft, um dieses Gefühl in sich loszuwerden, das durch die Worte seines Vaters hervorgerufen worden war. Es kam nicht oft vor, dass ihm sein Vater die Homosexualität vorwarf. Aber wenn er es tat, fühlte sich das an wie eine scharfe Schneide mitten ins Herz.

 

 

2

 

Eiskaltes Grauen erfüllte Miogäir. Er strich mit zitternden Fingern seine braunen Haare aus dem Gesicht und atmete tief ein. Seit Tagen hielt dieses Gefühl in ihm an – diese Hilflosigkeit, diese Aussichtslosigkeit, diese Angst, in einem Käfig zu sitzen und sich nicht daraus befreien zu können.

Sein ganzes Leben war von einem Käfig bestimmt. Nie hatte er frei entscheiden oder sich weigern können, gewisse Dinge zu tun, die man von ihm verlangte. Sein Clan gehörte zu jenen, die eng mit der königlichen Federdrachenlinie verwandt war. Zusammen mit den Langdrachen waren die Moordrachen eine der wenigen, die eine enge Blutlinie zum König nachweisen können. Ihre enge Verwandtschaft ließ sich allein schon wegen des kleinen Flaums im Nacken, den Angehörige seines Clans als Drachen aufwiesen, nicht leugnen. Dennoch beanspruchten sie keinen Sitz am Hof. Sie lebten ihr eigenes Leben fernab des königlichen Einflusses.

Miogäir hatte den königlichen Federflaum noch nie an sich selbst erkennen können, denn ihm war bisher stets versagt gewesen, sich in einen Drachen zu verwandeln. Er hatte davor auch so viel Angst wie vor der Begegnung, die ihm in wenigen Minuten bevorstand. Seit die Diener seines Vaters den Besuch angekündigt hatten, stand kalter Schweiß in seinem Nacken und seine Hände zitterten.

Nicht, dass er sich vor den Pflichten drücken wollte, aber der Mann, der sich für heute zu einem Besuch angemeldet hatte, gehörte zu jenen Personen, die Miogäir am liebsten niemals kennengelernt hätte. Doch es lag nicht an ihm, dieses Treffen zu verhindern oder die weiteren Schritte aufzuhalten, die sein Vater und die anderen Clanoberhäupter in die Wege geleitet hatten.

Auch wenn er guthieß, was König Fäiram und sein menschlicher Geliebter, der Drachenritter Jonas, für Neuerungen nach Häälröm gebracht hatten, so war dies doch eine, die ihm persönlich ganz und gar nicht gefiel. Dabei ging es ihm nicht um diese spezielle Neuerung selbst. Er war froh, dass es nun nicht mehr verpönt war, sich offen dem gleichen Geschlecht zuzuwenden. Eine Last war damit von seinen Schultern gefallen, auch wenn ihm bewusst war, dass er irgendwann eine Liaison mit einer Moordrachenfrau eingehen musste. Ihm als Drittgeborener gebührte zwar nicht unbedingt das Privileg, für die Nachfolge in seiner Familie sorgen zu müssen, doch sein Vater war sehr traditionell und würde eines Tages darauf bestehen.

Miogäir unterdrückte das Schaudern, das seine Gliedern emporwandern wollte. Viel lieber hätte er für die Nachfolge gesorgt, als das, wofür sein Vater und die anderen Oberhäupter ihn auserkoren hatten. Von allen geeigneten Kandidaten und Kandidatinnen hatten sie ausgerechnet einen Mann für ihn ausgesucht, und zwar den widerlichsten und abscheulichsten, den sich Miogäir nur vorstellen konnte.

Er hatte diesen Tröglodes noch nie ausstehen können. Seit frühester Jugend stellte ihm der Erstgeborene einer befreundeten Wurmdrachen-Familie nach, konnte nie seine Finger bei sich behalten und betrachtete ihn, als würde er ihm durch bloße Blicke die Kleider vom Leib reißen wollen. Miogäir war dies höchst unangenehm und er hatte immer versucht, ihm aus dem Weg zu gehen. König Fäirams offene Liebe zu seinen beiden männlichen Geliebten hatte dem Wurmdrachen nun Tür und Tor für sich selbst geöffnet und das Moordrachen-Oberhaupt um den jungen Mann gebeten. Dabei wechselte auch eine beträchtliche Summe den Besitzer, die sein Vater Mitgift nannte. Miogäir hatte dafür jedoch eher einen anderen Namen in Sinn. Denn nichts anderes hatten die beiden einige Tage lang verhandelt: einen Kaufpreis.

Mehrmals hatte Miogäir seinen Vater darum gebeten, das Angebot des Wurmdrachen abzulehnen, doch er hörte ihn nicht einmal an. Miogäirs Schicksal wurde ohne sein Zutun entschieden. Wie so oft in seinem Leben lag es nicht in seiner Hand.

Ein weiteres Mal überkam ihn das hilflose Gefühl, nur eine Figur in einem Spiel zu sein. Jemand anderer hielt die Fäden fest in der Hand und würde ihn auch gegen seinen Willen auf einen Weg zwängen, den er selbst zutiefst verabscheute. Ihm wurde übel bei dem Gedanken, Tröglodes näher als auf Armeslänge an sich heranlassen zu müssen. Sein Innerstes begehrte vor Entsetzen auf, wenn er sich ausmalte, dessen Körper zu berühren. Dabei stellte der Wurmdrache einen stattlichen, hochgewachsenen Mann dar, der bereits viele Taten vollbracht und seinem Clan ein Ansehen verschafft hatte, der selbst am königlichen Hofe respektiert wurde.

Miogäir glaubte aber, in dessen Seele blicken zu können. Was er dort sah, entsetzte ihn abgrundtief. Für ihn besaß der Wurmdrache ein schwarzes, schleimiges Gemüt, das keine Liebe, sondern nur Gier und Härte aufbringen konnte. Der junge Moordrache war extrem feinsinnig. Manchmal glaubte er sogar, dass er den Flaum in seinem Nacken spüren konnte, dass sie sich sträubend aufrichteten, sobald er in die Nähe dieses Manns gelangte. Und immer, wenn ihm dieses Gefühl überkam, wurde ihm ganz anders. Aber auf keine angenehme Art. Ihm schwindelte, als stellte sich sein gesamter Organismus auf Abwehr ein.

Miogäir kannte die Reaktionen seines Körpers und hatte sie bisher stets wohl zu nutzen gewusst. Dass selbst sein Körper es besser wusste als all die hohen Häupter seines Clans, half ihm jedoch nicht viel. Ganz im Gegenteil. Er wusste genau, dass es falsch war. Doch diese Signale galten in den Ohren seines Vaters nichts.

Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Diener in seine Gemächer kam und ihn zu dem Treffen rief. Miogäir überlegte, ob er die Tür verbarrikadieren sollte, um jeden daran zu hindern, seine Räumlichkeiten zu betreten. Er wusste aber, wenn er das täte, würde sein Vater ihn mit einer Strafe belegen, die ihn wünschen ließe, Tröglodes’ Angebot angenommen zu haben. Die Anordnung seines Vaters war unmissverständlich gewesen. Miogäir hatte sich zu fügen.

Einen Bann über sein Gemach zu legen, dazu war Miogäir nicht in der Lage. Ihm war es stets untersagt gewesen, die magischen Formeln zu lernen. Abgesehen davon würde sein Vater bestimmt wissen, wie er eine solche Barriere zu überwinden oder aufzuheben hatte. Das Familienoberhaupt war in diesen Dingen bestens bewandert.

Das Grauen kroch in ihm höher und höher und ließ ihn sogar wanken. Schwindel erfasste ihn erneut, sodass er nach Halt suchen musste. Sein umherschweifender Blick glitt dabei auch kurz aus dem Fenster, wo er die Spitze des Turmes erblickte, von dem aus man über das gesamte Moor sehen konnte. In früheren Zeiten war der Turm als Aussichtsposition genutzt worden, um Angreifer früher zu erhaschen, wobei heute niemand mehr wusste, welche damit gemeint waren.

Angreifer gab es seit Jahrtausenden keine mehr. Menschen wie auch die verfeindeten Feuervögel waren seit geraumer Vorzeit aus Häälröm verbannt. Geschichtenerzähler berichteten davon, dass von diesem Turm aus die Drachen in die Menschenwelt gestartet waren. Moordrachen sollen wegen ihrer schmalen Flügel nicht vom Boden aus starten können und benötigen daher eine Anhöhe, von der sie sich stürzen und von den Luftschichten emporheben lassen konnten, in denen sie sich dann allerdings wie begnadete Segler bewegten. Selbst hatte Miogäir dies noch nie ausprobiert, geschweige denn die Gelegenheit dazu erhalten. Es war ihm stets untersagt gewesen. Er hatte auch noch nie einen Moordrachen fliegen sehen. Nun war der Turm nur noch ein Mahnmal aus vergangenen Zeiten, das zum Bildnis der Region gehörte, wie das Moor selbst.

Der zarte Schimmer eines hoffnungsvollen Gedankens tauchte in Miogäir auf. Wenn er doch nur von dem Turm aus in die Menschenwelt flüchten könnte …

Dass dies unmöglich war, wusste er selbst. Nur König Fäiram und seine engsten Vertrauten durften die Menschenwelt bereisen. Für alle anderen Drachen war es mittlerweile lebensgefährlich und daher ohne ausdrückliche Erlaubnis des Königs bei Strafe verboten. Erst recht für einen so unerfahrenen wie Miogäir. Selbst zu dem Ereignis vor einiger Zeit, bei dem sämtliche Bewohner Häälröms dazu aufgerufen worden waren, sich für eine Schlacht gegen die Feuervögel zu sammeln, hatte er nicht dabei sein dürfen. Sein Vater hatte es ihm und auch seinen anderen Söhnen verweigert.

Gerne hätte er seinen Beitrag dazu geleistet und für seinen verehrten König wenigstens einen Feind vernichtet. Er war jedoch mit einem Bann belegt und hatte seine Gemächer nicht verlassen können. Er hatte den Ruf des Königs gehört, der die Mitglieder aller Staffeln gerufen hatte. Miogäir konnte ihm nicht folgen.

Einen Grund hatte sein Vater nicht genannt. Seine Entscheidung war nicht anfechtbar und musste auch nicht gerechtfertigt werden.

Sein Vater war ein strenger und unerbittlicher Herrscher über die ganze Familie. Sein Wort war Gesetz und konnte nur von einem Befehl des Königs widerlegt werden.

Seufzend sank Miogäir auf einen Stuhl nieder, der am Fenster stand. Noch immer war sein Blick auf den Turm geheftet. Dieser kam ihm plötzlich wie die Lösung seines Problems vor, wie der Lichtstrahl, der ihn aus der finsteren Nacht seiner Verzweiflung herauslotste. Ihm wurde auf einmal ganz warm zumute, wenn er sich vorstellte, dort oben zu stehen, den Wind in seinen Haaren zu spüren und seinen Blick über das Moorland schweifen zu lassen. Wenn die Legenden der alten Geschichtenerzähler stimmten, dann würde ihm der Turm das Leben retten können – oder es nehmen, wenn die alten Lieder nur Lügen und Märchen waren.

Nur wie kam er dorthin?

Und wie sollte er es anstellen, den Turm zu erklimmen?

Er war fest verschlossen. Es gab keine Tür und keine Treppe, um ihn zu betreten und die Spitze erreichen zu können. Irgendwann hatte er einmal davon gelesen, dass sich der Turm nur auf eine magische Formel hin öffnete.

Jeglicher Hoffnung beraubt, sank Miogäir förmlich auf dem Stuhl zusammen. Sein Vater hatte ihm nie erlaubt, die alten Schriften zu studieren und die magische Sprache zu erlernen. Miogäir war extrem wissbegierig und hätte die heimische Bibliothek mit Geschichten aus ganz Häälröm nahezu verschlungen – wenn man ihn gelassen hätte. Doch er durfte den Raum nicht ohne seinen Vater betreten, der sehr sorgsam die Bücher und Bände auswählte, die er seinem Sohn zu studieren erlaubte. Die alten Formeln waren ihm stets verwehrt gewesen, mit der Begründung, dass diese nur magischen Heilern vorbehalten war – eines der wenigen Male, in denen sein Vater eine seiner Entscheidungen begründete.

Miogäir hatte dies nicht angezweifelt und es auch nicht gewagt, dagegen zu verstoßen. Dennoch hatte er alles begierig in sich aufgenommen, was man ihm zu lesen gestattete.

Selbst wenn er Zugang zu der Bibliothek hätte, würde es für ihn nahezu unmöglich sein, die richtige magische Formel dafür zu finden. Er wusste nicht einmal, wonach er suchen sollte.

An der Tür klopfte es.

„Junger Herr“, ertönte es durch die Tür. „Ihr Vater erbittet Ihre Anwesenheit im Salon.“

 

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Über den Autor : Ashan Delon

Ashan Delon, oder eher gesagt die Autorin hinter dem Pseudonym, Baujahr 1965, erblickte das Licht der Welt im tiefsten Bayern, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie am Rande einer Kleinstadt lebt. Geschrieben hat sie schon immer, doch erst vor wenigen Jahren packte es sie richtig, als ein Verlag einen Fantasy Wettbewerb ausschrieb. Ihre Story ‚Drachenfedern‘ wurde so geboren. Seitdem schreibt Ashan in jeder freien Minute und verliebte sich schon bald in homoerotische Geschichten, die mittlerweile ihr Lieblingsspielplatz geworden sind. Ihre Storys sind romantisch, erotisch, ergreifend und haben oft einen ernsten Hintergrund. Was als Hobby begann, ist inzwischen zu einer zeitfressenden Leidenschaft geworden, die sie einfach nicht mehr loslässt. Das Schreiben gleicht einer Zeitreise, in der sie in ihre Welten abtauchen und für wenige Stunden den Alltag vergessen kann. Am Schönsten ist es für sie, wenn sie den Leser mitnehmen kann auf einen dieser Ausflüge. Besonders im Fantasybereich kann sie ihrer blühenden Fantasie freien Lauf lassen. Neben Drachen erblickten auch einige Gestaltwandler, Vampire und mystische Krieger das belletristische Licht der Welt. Den beiden vorliegenden Bänden zu "Drachenfedern" folgt demnächst ein dritter Teil.

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