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Drachenfluch 1: Zauberschmiedekunst von Sandra Gernt

Drachenfluch I Zauberschmiedekunst, ein Gay Fantasyroman von Sandra Gernt

Jiru schlägt sich als kleiner Dieb durchs Leben, bis er eines Tages von Callin, einem berühmt-berüchtigten Zauberschmied, versklavt und auf eine tödliche Mission geschickt wird. Doch statt wie all seine Vorgänger zu scheitern, überlebt er und wird dadurch zum Spielball von Begierden und einander widerstrebenden Interessen. Jeder hat seine eigenen Pläne und selbst jene, die ihm zur Seite stehen, spinnen mehr oder weniger geheime Intrigen.
In dieser ausweglosen Lage ist Ilajas der einzige Lichtblick. Doch wie soll ein Zauberschmied ohne echte magische Fähigkeiten ihm helfen?

Buchinformationen:

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 423 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 159 Seiten
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B00EU903YA

Leseprobe aus “Drachenfluch 1 – Zauberschmiedekunst”

Ein Dieb nimmt deine Habe.

Die Liebe stiehlt dein Herz.

Der Tod stiehlt dein Leben.

Der Zauberschmied stiehlt deine Seele.

Der Schlund nimmt dir alles.

Aus: „Über des Menschseins Qualen“, Verfasser und Datum unbekannt, aufbewahrt im Nahibtempel in Nadur.

Jiru duckte sich im Schatten des Hauseingangs. Er musste warten, bis die beiden Stadtwächter mit dem lallenden Trunkenbold, den sie mit sich schleppten, außer Hörweite verschwunden waren. Erst danach kletterte er langsam, jeden Vorsprung nutzend, die Hausfassade hoch. Die Nächte waren selbst jetzt im Sommer kühl, aber seine Finger konnte er ohne Schwierigkeiten bewegen. Die frische Brise, die durch sein fadenscheiniges Gewand drang, erhöhte die Chance, dass sich möglichst wenige Leute auf den Straßen herumtrieben.

Es war sein Glück, dass Markhalt Narabsohn, der Besitzer dieses großzügigen, geradezu protzigen Anwesens, keine Mühen oder Kosten gescheut hatte, sein Haus mit Stuck und Statuen und Zierrat zu verschönern. Selbst ihm, dem das Klettern nicht als Talent in die Wiege gelegt wurde, fiel es im Dunkeln der mondlosen Nacht leicht, seinen Weg in das zweite Obergeschoss zu finden. Er hatte außerdem das Glück, sowohl das Haus als auch die darin friedlich schlummernde Familie sehr gut zu kennen. Dadurch wusste Jiru, dass das Fenster des Gästezimmers im Südflügel nicht fest verriegelt werden konnte und Markhalt, der heutzutage nicht mehr so viel Geld zum Verschwenden besaß wie in den glorreichen Tagen unter Fürst Antul, auf die Reparatur als überflüssige Ausgabe verzichten musste. Aus diesem Grund wurde das Gästezimmer nur noch belegt, wenn Anamia, die Dame des Hauses, ein großes Fest gab. Da dafür ebenfalls kein Geld da war, brauchte Jiru sich keine Sorgen zu machen, als er vorsichtig die knarrenden Fensterläden öffnete und sich hindurchschob. Zur Sicherheit lauschte er, niedergekauert auf dem mit verstaubten Teppichen ausgelegten Boden hockend. Er bewegte sich erst wieder, als er bis hundert gezählt hatte und alles still geblieben war. Keine Atemgeräusche, nichts regte sich. Unter diesem Gästezimmer schlief Karnt, der alte – und mittlerweile einzige – Diener der Herrschaften. Karnt war nahezu taub und würde nicht einmal aufwachen, sollte Jiru versehentlich im Dunkeln etwas umstoßen. Da er früher häufig in diesem Zimmer genächtigt hatte, kannte er sich genug aus, um unbeschadet alle Möbel und Hindernisse umgehen zu können. Immerhin war Markhalt früher sein Schwiegervater gewesen.

Drachenfluch I Zauberschmiedekunst von Sandra Gernt
Drachenfluch I Zauberschmiedekunst von Sandra Gernt

Jiru presste verkrampft die Kiefer aufeinander, er hasste diese Erinnerungen an sein verlorenes Leben. An den Tod seiner Frau, die er zwar nicht geliebt, aber geachtet hatte. Dem Verlust von allem, was ihm kostbar gewesen war und Sicherheit gegeben hatte. Vor gerade einmal zwei Jahren war er ein ehrbarer Mann gewesen, der einzige Sohn einer angesehenen Händlerfamilie. Dass er jetzt als Dieb Haranstadt unsicher machen musste, daran trug Markhalt einen Teil der Schuld. Da war es vollkommen gerecht, wenn Jiru sich ein wenig von dem nahm, was dieser Unmensch ihm damals als mildtätige Gabe verweigert hatte …

Jirus Familie war in den alten Zeiten durch den Handel mit Luxusgütern wie Seide und Gewürzen aus den Westwindländern reich geworden. Als dieses Geschäft vollständig einbrach, schwand auch das Vermögen mit jedem Jahr dahin. Man hatte versucht, Jiru nach dem Tod seiner Frau – Markhalts Tochter – gewinnbringend neu zu verheiraten, was gescheitert war. Markhalt hätte ihn als seinen Schwiegersohn bei sich unterbringen müssen, als er mittellos vor ihm stand, so wie es der gesellschaftliche Anstand erforderte; er hatte ihm jedoch stattdessen die Tür vor der Nase mit einem: „Bettlern haben wir nichts zu geben!“ zugeschlagen. Wenn Jiru daran dachte, wie Markhalt ihn umsäuselt hatte, als er noch glaubte, das Handelsgeschäft des Vaters würde sich wieder erholen, wurde ihm schlecht.

In den verschiedenen Tempeln wollte man ihn nicht aufnehmen, da es bereits zu viele einfache Gottesdiener gab – sprich, ehemals reiche Bürger, denen die Handelsbeschränkungen alles genommen hatte. Leider besaß er weder außergewöhnliche künstlerische noch mathematische Fähigkeiten, um zur hohen Priesterwürde aufzusteigen. Andernfalls hätte Jiru es im Tempel des Imptu versuchen können, dem Gott des Sturms und der Sterne, wo die Priester mittels komplizierter Himmelskarten den Lauf der Gestirne erforschten. Nicht einmal ein Dasein als Schreiber war möglich, dafür hätte er die Kunst des Illustrierens und der Schönschrift beherrschen müssen.

Vor rund drei Jahren waren seine Eltern an der westwindländischen Angdabargrippe erkrankt, eingeschleppt von Bekannten seines Vaters, die wie er Händler waren. Jiru musste das letzte Geld an Heiler, Betschwestern aus dem Tempel der Nigusa, Göttin der Fruchtbarkeit und Heilkunst, und am Ende an den Totengräber vergeben.

Alle alten Freunde der Familie hatte er um Hilfe gebeten, demütig gebettelt, sogar auf Knien gefleht – sie alle hatten ihn weggejagt, teils mit Schlägen und Androhungen, die Stadtbüttel zu rufen. Wie es schien, hatte Jirus Vater noch vor seiner Erkrankung überall Schulden gemacht, um mit seinen kläglichen Versuchen zu scheitern, wieder irgendwie ins Handelsgeschäft einsteigen zu können. Der Verkauf des Hauses hatte nicht genug eingebracht, um auch nur einen kleinen Teil dieser Schulden zurückzuzahlen. Niemand wollte Jiru durchfüttern, obwohl er bereit war, für seinen Lebensunterhalt hart zu arbeiten. Zu schlecht war der Ruf der Familie geworden. Von da ab war die Straße Jirus Zuhause gewesen …

Er fuhr aus seinen finsteren Gedanken hoch, als er die Wand gegenüber des Fensters berührte.

Zu Jirus Erleichterung öffnete sich die Tür lautlos. Er hatte Sorge gehabt, sie könnte verriegelt sein – er war durchaus geschickt darin geworden, Schlösser zu knacken, doch so etwas kostete Zeit und machte immer Lärm.

Auf dem Flur war alles still. Jiru schlich konzentriert langsam in Richtung Treppe, vorbei an mehreren Schlafräumen. Aus einem erklang markerschütterndes Schnarchen – zweifellos von Markhalt. Auch hier dämpften Teppiche seine Schritte. Dieser sündhaft teure Luxus aus Cha’ari, dem politischen Mittelpunkt der Westwindländer, war leider zu abgewetzt, um ihn noch verkaufen zu können, darum nahm Jiru keinen der kleineren Läufer mit. Er umging die üppigen Palmgewächse, die Anamia an jeder freien Stelle platziert hatte. Sie war geradezu süchtig nach Pflanzen, obwohl sie im kargen Osten von Karsland aufgewachsen war, wo die Winter lang und die Sommer viel zu heiß waren. Vielleicht brauchte sie gerade deswegen all dieses Grün um sich? Haranstadt lag im Norden des Reiches. Hier regnete es viel, das Klima war mild, dementsprechend gediehen Bäume und Sträucher. Selbst die ärmeren Häuser besaßen üppige Gärten und alle paar Schritt fand man einen kleinen Park, deren Blumenpracht im Frühjahr und Sommer vergessen ließ, dass man in der umtriebigen Hauptstadt lebte.

Jiru schaffte es, sich ins Erdgeschoss hinabzuschleichen, ohne die Treppenstufen aus poliertem Kirschholz zum Knarren zu bringen. In der Küche war alles ruhig und die Tür der Vorratskammer ließ sich ohne Schwierigkeiten aufbrechen. Da der Mond sich gerade durch die dichte Wolkendecke gekämpft hatte und ein wenig Licht durch die schweren Fensterläden sandte, konnte er sich notdürftig orientieren; zudem spendete die Glut in der Feuerstelle zusätzliche Helligkeit. Rasch füllte Jiru den mitgebrachten Beutel mit Brot, getrockneten Früchten und Hartwurst. Eine Handvoll geräucherter Forellen verschlang er hastig vor Ort, um den größten Hunger zu stillen. Dazu bediente er sich großzügig am Milchkrug. Den Biervorrat musste er mit Bedauern unbeachtet stehen lassen, es wäre leichtsinnig, sich zu betrinken. Jiru hatte das säuerliche Bier, das Markhalt bevorzugte, nie gern getrunken, dennoch vermisste er den Geschmack, der ihn an glücklichere Zeiten erinnerte.

Zuletzt suchte er seinen Weg in das Esszimmer, wo er sich am Silberbesteck vergriff. Billiges Besteck, dennoch, es war echtes, sorgsam gepflegtes Silber. Das lief gut! Auf demselben Weg, den er gekommen war, schlich er sich wieder aus dem Haus, ohne auf Schwierigkeiten zu stoßen.

Aber erst, als er sich eine Stunde später zurück in seinem sicheren Unterschlupf befand – ein durch Gitter verdeckter Hohlraum unter dem Wehrgang der alten Stadtmauer, die dem Verfall preisgegeben und von hunderten Straßenratten wie ihm bevölkert wurde – erlaubte er sich aufzuatmen. Diesen Platz hatte er sich hart erkämpfen müssen, bis man ihm zugestand, dass er ihm gehörte. Einen Kampf, der regelmäßig neu ausgefochten werden musste, wenn Neuankömmlinge kamen oder Alteingesessene glaubten, ein Zeichen von Schwäche zu wittern. Jiru war weniger skrupellos als die meisten anderen, dafür allerdings bei guter Gesundheit und als Sohn eines Händlers im Nahkampf geschult. Bei den gefährlichen Warentransporten, die regelmäßig von Räubern überfallen wurden, musste sich jeder verteidigen können. Er war häufig von seinem Vater mitgenommen worden, als dieser noch groß im Geschäft gewesen war, hatte viel gesehen und gelernt, was ihm für das Überleben auf der Straße heute nützlich war. Diese Zeiten vermisste er mehr als alle anderen, in den kurzen Augenblicken, wenn er sich Trübsal und Selbstmitleid gestattete.

In seinem Unterschlupf störte ihn niemand ohne Mühe, da Jiru den Zugang mit einer Kette und einem schwerem Schloss gesichert hatte, zu dem nur er den Schlüssel besaß. Natürlich konnten seine Rivalen jederzeit das Schloss aufbrechen, allerdings es würde Spuren hinterlassen beziehungsweise so viel Lärm verursachen, dass man ihn nicht im Schlaf überraschen konnte. Hier fühlte er sich einigermaßen sicher, sofern das in dieser Umgebung überhaupt möglich war.

Jiru zog die Kette durch den Eisenring und verriegelte das Schloss von der Innenseite. Anschließend klemmte er ein Brett unter das Gitter, um Licht, Wind und neugierige Blicke auszusperren. Er hockte nun in völliger Dunkelheit, in einem zugigen kalten Loch, das gerade groß genug war, um aufrecht zu sitzen oder zusammengerollt zu liegen. Rasch aß er noch etwas von seiner Beute, bevor er sich zum Schlafen niederlegte. Gewärmt wurde er lediglich von seinem fadenscheinigen Mantel, den er über sich ausgebreitet hatte. Selbst an heißen Sommertagen verhinderten die dicken Mauern, dass Wärme nach hier unten drang. Ein hartes Leben, das er nach seinem Empfinden bereits viel zu lange fristen musste. Bisher hatte er sich nicht entschieden, ob er die Hoffnung aufgeben sollte, dass es jemals besser werden würde …

„Nesri!“ Callin klatschte laut in die Hände. Einen Augenblick später kniete seine Sklavin demütig zu seinen Füßen nieder. Seine cha’arische Blume. Cha’ari war geographisch die einzige Pforte zu den fruchtbaren Ländern der Westwindreiche – Karsland mochte riesig sein, seine Ausmaße schier endlos, doch ein großer Teil davon war öde Steppe und unwirtliche Berge. Die derzeitige Matriarchin von Cha’ari erlaubte ihnen nach der demütigenden Niederlage im letzten Krieg zumindest den Seehandel mit den Nordländern. Das änderte nichts an der Tatsache, dass die meisten Bewohner im Osten von Karsland bitterarme Bauern und Halbnomaden waren und auch in den wenigen Städten dort Hunger an der Tagesordnung war. Die südlichen Gebiete wiederum litten eher an zu viel als zu wenig Wasser: Hier gab es zahlreiche Sümpfe. Callin hasste es, in Haranstadt ausharren zu müssen, dieser erbärmlichen Ansammlung von Häusern und zu vielen Menschen ohne jede Kultur, doch es war vom Klima am angenehmsten und bot noch den größten Anreiz zum Ausharren. Karsland als solches war erbärmlich, die Sprache abstoßend, das Essen kaum erträglich für jemanden, der umgeben von Luxus, Feinsinnigkeit und kulinarischen Genüssen aufwachsen durfte. Andererseits konnte er in Karsland ein bedeutsamer Zauberschmied sein, während er in Cha’ari ein verachteter Niemand geblieben wäre …

Liebevoll streichelte er über Nesris Kopf. Sie erinnerte Callin daran, was Schönheit wirklich bedeutete. Noch vor wenigen Wochen war Nesri eine freigeborene stolze Frau gewesen, die ihm mit Hass und Abscheu begegnet war. Dank des Rituals der magischen Unterwerfung gehörte sie jetzt mit Leib und Seele ausschließlich ihm.

Ja, es hatte seine Vorteile, wenn man sich die Freundschaft seiner Verbündeten sicherte … Nesri war ein Geschenk von einem befreundeten Priester, der wusste, dass Callin Schönheit sammelte und ihm einen Gefallen schuldig gewesen war. Die junge Frau war von ihrer verarmten Familie an den Tempel des Rhadon, Gott der Händler, verkauft worden.

Callin liebte ihre goldbraune Haut, ihre funkelnden Bernsteinaugen, das lichte Blond ihrer Haare, ihre zierliche Gestalt. Den weichen Singsang in ihrer Stimme zu hören, den Callin sich selbst mühsam abtrainiert hatte, war Balsam für sein heimwehkrankes Herz.

„Nesri, mein Liebes, ich bin müde. Massier mir die Füße, ja?“

Ihr strahlendes Lächeln machte ihn stolz und glücklich. Er wusste, dass ihre Verehrung für ihn nicht natürlich gewachsen war. Hätte sie frei wählen können, wäre sie in ihrer Heimat geblieben und hätte sich ihm niemals hingegeben. Ihm war es gleichgültig, dass sie ihn und sich selbst hasste, sobald sie weit genug von ihm entfernt war, um nicht mehr unter seinem direkten Bann zu stehen. Hauptsache, sie liebte ihn, sobald er ihr nahe war.

„Sing für mich, meine Blume“, murmelte er mit geschlossenen Augen, während er sich ein wenig bequemer auf seinem taranvidischen Eichenholzstuhl zurechtrückte. Es war das teuerste Möbelstück in seinem Haushalt, in dem jedes einzelne Teil – von der Türglocke über die Einrichtung bis hin zu den Schuhen seiner Diener – eine erlesene Kostbarkeit war. Die Intarsien des Stuhls waren von Meisterhand angefertigt worden und nicht weniger als vier Könige der Nordlande hatten auf diesem Stuhl gesessen, bis Callin ihn erworben hatte.

Nesri massierte hingebungsvoll seine Füße und sang dabei eine westwindländische Ballade über unerwiderte Liebe, die Callin von seiner Mutter kannte. Das Leben war so wunderbar … Schon allein weil er die Macht besaß, alles zu bekommen, was er begehrte. – Nun gut, fast alles.

Zauberschmiede sind nun mal von den Göttern gesegnete Glückskinder!, dachte er zufrieden. Er hatte mit ein wenig Magie seiner Blume das Herz gestohlen. Dass er dadurch gezwungen war, ihr das seine zu schenken, war ein geringer Preis, den er gerne zahlte.

Die Dämonenkönigin summte leise vor sich, während sie mit ihren überragenden Sinnen die Oberwelt beobachtete. Es beruhigte sie, die immer gleiche Abfolge von Tönen zu produzieren; auch sie konnte sich nicht vollständig gegen die Instinkte wehren konnte, die sie zwangen, die Sonne zu fürchten. Hier unten im Schlund war das Leben stets heimelig, kein launisches Wetter, kein Wechsel von Tag und Nacht, die Dasein und Gemüt beschwerten. Da es ihre Pflicht war, nach den Kindern zu sehen, die dort oben gestrandet waren, nahm sie diese Mühsal auf sich. Gegenwärtig waren Entwicklungen bei den Zauberschmieden im Gange, die ihr viel versprechend erschienen. Callin von Berken etwa, den hatte sie schon sehr lange im Visier. Die Matriarchin von Cha’ari regte sich ebenfalls und da waren noch einige andere …

Die Dämonenkönigin schnarrte zufrieden. Es gab zu viel Langeweile in ihrem unsterblichen Dasein, da war gut, dass sich die Dinge bald ändern würden.

Hoffentlich nicht wieder bloß ein Strohfeuer, wie vor kurzem, als dieser lächerliche Siebte Magierzirkel gegründet wurde. Nichts als ein paar Jahrzehnte Folterungen und Experimente an Männern, die niemand je vermisst hat, und ein kurzer Krieg. Es soll Chaos, Furcht und Tod regieren, ausschließlich damit lässt sich da oben etwas bewegen!

Um die hundert Jahre war das mit dem Magierzirkel jetzt her, mehr oder weniger. Oder doch schon länger? Zeit bedeutete ihr nichts, zumal sie in der gleichmäßigen Finsternis des Schlundes nicht spürte, ob irgendetwas verging oder nicht. Sie rieb nachdenklich ihre Tentakel gegeneinander, als sich wieder einmal ungerufen das Bild dieses jungen Sterblichen aus Karsland vor ihre Facettenaugen schob: Jiru Hetvursohn. Kein Zauberschmied, einfach nur ein junger Mann ohne besondere Fähigkeiten oder Merkmale. Ein Dieb, der von der Hand in den Mund lebte, obwohl er lediglich seinen gesunden Körper verkaufen müsste, um es besser zu haben. Es gab dutzende Gönner, die sich über einen willigen Sklaven freuen würden, stattdessen hauste dieser Dummkopf lieber im Dreck, hungerte und fror. Ein bedeutungsloser Niemand, der in wenigen Jahren tot sein würde, sollte man meinen. Trotzdem hatte sie ihn bereits drei Mal während ihrer magischen Inspektionen getroffen.

War es nicht dieser Haran, der das erbärmliche Karsland gegründet hat, der sagte, dass weder Herkunft noch Talent eines Menschen darüber entscheiden, welche Taten er begehen kann?

In Harans Fall hatte dies der Wahrheit entsprochen, immerhin war aus dem Matrosenbastard, der als Waise von Priestern aufgezogen wurde, ein großer Herrscher und der erste Zauberschmied geworden.

Konnte ja keiner ahnen, dass er das Erbe der Magie auf dutzende Nachkömmlinge verteilen und damit eine regelrechte Seuche erschaffen würde!

Die Dämonenkönigin betrachtete Jiru noch einen Augenblick, der sich in ruhelosen Albträumen in seinem Mauerloch umherwälzte. So erging es jedem, den sie im Schlaf beobachtete. Irgendetwas war bedeutsam an dem jungen Mann. Sie würde herausfinden, was das war, egal, wie lange das dauern mochte.

Schlaf, Menschenkind, ich lasse dich nun ruhen. Schlaf …

 

Schweißgebadet schreckte Jiru hoch. Schon wieder dieser Traum! Ein Traum von einem Ungeheuer, das ihn verfolgte, bedrohte, ohne sich zu zeigen. Spontan dachte er an seine Kindheit zurück. Seine Mutter hatte ihn früher stets aus den Traumnetzen befreit, wenn er schreiend erwachte …

Netze? Wer, bei Nahibs Weisheit, glaubte denn in seinem Alter noch an die Legende von der Schlundspinne, die nachts ihre Netze über die Menschen warf, um sie in Träumen gefangen zu halten? Dafür war er zu alt.

Fröstelnd legte Jiru sich zurück auf den Boden. In Momenten wie diesen war er tatsächlich bereit, an Schlundspinnen und Traumnetze zu glauben. Es hatte sich so echt angefühlt, diese Nähe von etwas Ungeheuerlichem, dass er immer noch meinte, den Blick aus grausamen Augen auf der Haut zu spüren.

Was du spürst ist Kälte, ermahnte er sich sachlich. Kälte und Einsamkeit. Schlaf weiter, da draußen ist noch Tag.

Wie sehr er sich danach sehnte, wieder im Sonnenlicht leben zu dürfen, frei und ohne Angst über die Straße zu schreiten, eine sinnvolle Aufgabe zu haben …

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Über Sandra Gernt

Sandra Gernt

Sandra Gernt wurde am 17.03.1976 in der Nähe von Düsseldorf geboren, und lebt mit ihrer Familie noch heute in einem Dorf am Niederrhein. Nach Abschluss der Realschule begann sie eine Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitete bis zur Geburt ihrer Kinder mit Begeisterung in diesem Beruf. Leider musste sie ihn aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und arbeitet seit 2009 hauptberuflich als Autorin und Lektorin, sowohl für den Dead Soft Verlag als auch selbständig. Meistens spielt die Handlung in phantastischen Welten und umfasst die Palette von Märchen für Kinder bis Horror. Mit „Die Ehre der Am’churi“ hat sie sich zum ersten Mal in das Reich homoerotischer Phantasien gewagt. Weitere Pseudonyme sind u.a. Sonja Amatis (Gay Crime) und Lea Baldow (Hetero/zeitgenössisch)

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