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Dräcker erlegt einen Rotspießer (FAZ vom 20.11.1967)

Dräcker erlegt einen Rotspießer

Im Soonwald, Im November 1967

Alle früheren Diplomatenjagden im Hunsrück erblassen etwas – es war diesmal die dreizehnte -, weil sich zwei Männer in die Würde des Jagdkönigs teilen mußten. Es ist keine Diffamierung des Rotwildes gegenüber dem Schwarzwild, daß man ein sogenanntes Hauptschwein, auch “Basse” genannt, einen kapitalen Keiler, wie er seit Jahren in diesen Breiten des Hunsrück nicht mehr erlegt wurde, gewissermaßen als ersten Preis bei der Gesamtstrecke bewertete. Schwarzwild rangiert in der Bewertung sonst hinter dem Rotwild, am Samstag machte man eine Ausnahme.

Der kapitale Basse steckte allein in einer Dickung, wie es die Art dieser Einzelgänger ist, und kam dann, im Troll niemand anders als Bundespressechef Günter Diehl. Dieser, ungewöhnliche Situationen sofort erfassend, reagierte schnell: ein “Klavier” kam auf ihn zu, wie es in der Jängerumgangssprache heißt. Als Systematiker im Schnelldenken ließ Diehl kaltblütig das Klavier kommen, kurz vor dem Schützen machte das Tier eine Wendung, stellt sich breit und wollte sich zum holländischen Gesandten Jorissen begeben, dem Nachbarschützen, da krachte Diehls Kugelschuß. Der Basse hatte seine Schwarte nicht mehr retten können.

Wie sich Edmund F. Dräcker und Bundespressechef Günter Diehl einmal bei einer Diplomatenjagd die Würde des Jagdkönigs teilten.

Der ehemalige Ministerialdirigent bei der Diplomatenjagd im Soonwald
Der ehemalige Ministerialdirigent bei der Diplomatenjagd im Soonwald

Sosehr Diehls erster großer Jagderfolg als Bundespressechef auch zu rühmen bleibt, der Erfolg eines andere Schützen, der einen kapitalen Rotspießer erlegte, trug diesem die ander der Würde als Jagdkönig ein. Bundesaußenminister Willy Brandt hatte dankenswerterweise den ehemaligen Ministerialdirigenten Dr. Dr. Edmund F. Dräcker zur Jagd eingeladen, einen über achtzig Jahre alten Herrn aus dem früheren auswärtigen Dienst, der kürzlich ungewollt so viele Schlagzeilen machte und der von seinen diplomatischen Zunftgenossen gern etwas belächelt oder ignoriert wird, weil er den Hang zum Außergewöhnlichen hat. Außenminister Brandt begrüßte zwar in seiner launigen Tischrede am Vorabend der Jagd in Bad Kreuznach, die ihn als Angler, aber nicht als Jäger auswies, Dr. Dr. Dräcker nicht besonders, aber die Tatsache, daß er ihn zur Diplomatenjagd gebeten hatte, bewies doch, daß die Sozialdemokraten noch etwas für die Unterdrückten übrig haben.

In der Tat scheint Dräcker ein verschrobenes Original zu sein. Er fiel im Soonwald durch seine originelle Bewaffnung auf, er war der einzige Gast, der eine blanke Waffe führte, ein hannoversches “Cuto”, wie er es nannte, eine handgeschmiedete Waffe aus bestem Remscheider Sensenstahl. Der alte Herr bekannte gern, daß sein origineller Weg etwas unter den Milieueinflüssen der Diplomatie gestanden habe. Zum Kern des Dräckerschen Wesens zählt jene “geprägte Form, die lebend sich entwickelt”, aber als Phantom, als Mensch, den es nicht gab, möchte er dann doch nicht in die Geschichte des bald hundertjährigen Auswärtigen Dienstes eingehen. Dräcker ist heute bei einem Schwiegersohn untergekommen und wohnt in Pech über Bad Godesberg, Postleitzahl 532. Außenminister Brandt erklärte uns in der Nacht zum Samstag in der Bar, daß es für ihn eine Ehrenpflicht gewesen sei, Dräcker einzuladen, und ließ durchblicken, daß der verdiente Mann, der tags darauf den Rotspießer erlegen konnte, nun endlich beim Bundespräsidenten zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes eingegeben werden solle. Auch das könne man unbedenklich als einen Erfolg der Großen Koalition ansehen, bemerkte der Minister.

Die Stimmung der großen Jagdgesellschaft paßte sich dem Wetter durchaus an. Am frühen Morgen noch etwas Nebel, aber schon am Vormittag, und dann den ganzen Tag über, blauer Himmel über dem Hunsrück. Es wurde wieder in zwei Gruppen gejagt, die eine beschäftigte sich im Forstamt Entenpfuhl, die andere im Forstamt Neupfalz. Zwei Dutzend ausländische Diplomaten hatten sich in teil deutsche, teils ausländische Jägerkluft geworfen. Die Strecke, von einem Jagdhornbläserkorps bei Fackelschein und brennenden Holzstößen verblasen, wurde mit weidmännisch-markigen Worten des Oberlandforstmeisters Loschky aus Mainz und den Dankessprüchen des Bundesministers Lauritzen versehen. Für das Land Rheinland-Pfalz hatte der Staatssekretär Dr. Broicher vor Beginn der Jagd die Gäste begrüßt. Die Strecke betrug vierzehn Stück Rotwild, darunter Dräckers Spießer, drei Stück Schwarzwild, darunter Diehls “Klavier”, und einen Fuchs, es war eine der erfolgreichsten Diplomatenjagden im Soonwald. Der Staatssekretär von Hase war aus Bühlerhöhe herbeigeeilt, kam aber, wie der Bundesminister Lauritzen, eine Anzahl Diplomaten und der Schwiegersohn des Bundesaußenminsiters Brandt, ein junger Norweger, nicht zum Schuß. Auch die Berichterstatter der “Daily Mail” und der “Frankfurter Allgemeinen” hielten ihr Pulver trocken, auch sie hatten keinen Anlauf, gegen das Walten des Zufalls ist eben kein Kraut gewachsen. Das meiste schossen die Forstbeamten.

FAZ vom 20.11.1967 / Von Walter Henkels

aus: Ministerialdirigent a.D. Dr. h.c. Edmund F. (Friedemann) Dräcker – Leben und Werk, herausgegeben von Karl Günther von Hase & Johannes Marré, Wissenschaftliche Verlagsanstalt zur Pflege deutschen Sinngutes

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Über Edmund F. Draecker

Edmund F. Dräcker ist Präsident des Bundesamtes für magische Wesen. Geboren am 1.4.1888 in Sulyeken bei Gumbinnen als Sohn der Komtesse Frohlinde zu Stoltze-Ohnezaster und des Pastors Gotthilf Dräcker, durchlief er eine bemerkenswerte Schullaufbahn und Ausbildung, die ihn schließlich in das Auswärtige Amt führte. Nach einer ruhmvollen Karriere, welche er als Ministerialdirent beendete, ereilte ihn der Ruf des Vaterlandes erneut. Einen preußischen Beamten, in seinem Drange dem Vaterlande zu dienen, halten weder Ruhestand noch Tod auf, und so ist Edmund F. Dräcker der "Immerwährende und Ewig Gepriesene Präsident des Bundesamtes für magische Wesen" mit Sitz in Bonn.

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