Start / Buchveröffentlichung / Bücher für Jugendliche / Elfenstress, eine Fantasy-Satire von Alpha O’Droma

Elfenstress, eine Fantasy-Satire von Alpha O’Droma

Elfenstress von Alpha ODroma

Alpha O’Droma, Kreuzbergs Antwort auf Terry Pratchett, übertrifft sich hier selbst in dieser Fantasysatire, welche so authentisch im Genre wandert, dass die Grenzen zwischen epischer Fantasy-Saga und bitterböser Satire zu verschwimmen scheinen.

Der Held, ein tugendhafter junger Elf ist umringt von einer Gruppe Antihelden, seinem Meister, einem 6.000 Jahre alten misanthropischen Zauberer, einem depressiven Halbork, Königen, Rittern und dem Ich-Erzähler der Saga, dem stets betrunkenen Barden Amor. Es wird gesoffen, gehurt und gemetzelt, was in einer der gewaltigsten Schlachten der Literaturgeschichte gipfelt, die den Leser allein schon mehr als 200 Seiten fesselt wie auch der Rest dieser unglaublichen Saga, die einem in einem bunten Kaleidoskop aus Staunen, Spannung und hysterischen Lachanfällen den Atem raubt.

O’Dromas Meisterwerk!

Produktinformation

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 834 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 579 Seiten
  • Verlag: BookRix GmbH & Co. KG (4. Mai 2012)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B007MK0XL2

Leseprobe aus Elfenstress

 Der Lebensweg mancher Männer erscheint so geradlinig wie der eines Armbrustbolzens auf seiner Reise ins Herz des Feindes. Andere wiederum taumeln suchend durch die Welt wie ein Zecher in der Nacht der Lenzfeier, ohne je ihre Heimstatt zu finden.

Das Leben mancher Menschen ergibt einen perfekten Kreis. Das Leben anderer gleicht in seiner Form allenfalls Erbrochenem auf dem rauen Bretterboden einer zwielichtigen Spelunke.

Gar fadisierend kommen die Legenden großer Heroen daher: Drache raubt Jungfrau. Held tötet Drache. Hochzeit. Vorhang fällt. Wie lächerlich!

Heutzutage sind die Drachen ausgestorben, zumindest in Ravendien, und das Publikum kapriziert sich auf derart romantische Vorstellungen, um sich für eine Silberkrone beim Dult vor staubigen Jahrmarktbühnen daran zu ergötzen. Hochgebildete Herrschaften wie die geneigten Leser meiner Chroniken wissen natürlich, dass dies Ammenmärchen sind, da Jungfrauen bei Drachen völlig andere Begehrlichkeiten wecken. In meiner Jugend begab es sich, dass einer der letzten noch lebenden Drachen eine Jungfrau raubte. Ritterkönig Kamrau von Prack höchstselbst jagte und erlegte die Bestie. Eigentlich verlief es wie immer: Drache raubt Jungfrau. Held tötet Drache. Begräbnis. Kein Vorhang. Alles, was man im Magen des Ungeheuers noch fand, war ein Keuschheitsgürtel aus glänzendem Zwergenstahl, den wir in Ermangelung einer Jungfrau feierlich beisetzten.

Das Heldenepos, das ich Ihnen, werter Leser, fürderhin schildern mag, kommt keineswegs derart schablonenhaft daher. Selbstverständlich erblicken wir einen jungen Helden, wie er die Bretterbühne der Vorsehung betritt, seine Bestimmung erfährt und ihr geradlinig wie erwähnter Bolzen folgt. Ohne Frage triumphiert am Ende das Gute über das Böse und irgendjemand heiratet, bevor der Vorhang fällt. Hier künstlich einen Spannungsbogen erzeugen zu wollen, deucht mir heuchlerisch, zumal Sie sich selbst ausmalen können, dass ich schwerlich all jene Ereignisse beim Genuss guten Weines einem kurzsichtigen Mönch diktieren könnte, hätte ich die epische Schlacht nicht überlebt. Ich behaupte, es steht auch außer Frage, dass das Leben unseres Helden einen perfekten Kreisbogen schlägt, der die Katharsis der letzten Jahrtausende darstellt – sollten sich Jahrtausende derartige Leidenschaften überhaupt gönnen.

Bevor Sie mir Euphemismen vorwerfen, sollten Sie sich am besten zuerst ihr eigenes Urteil bilden. Völlig wesensfremd wäre es mir, meine Chronik mit besagten Klischees zu überfrachten, die Figuren zu überhöhen, oder gar faktisch zu übertreiben.

Ich, Amor do Ahpla, König von Zond, Chronist, Weltenbummler, Geschichtenerzähler und ein schlechter Mensch, schwöre hiermit feierlich, dass folgender Bericht die reine unausgeschmückte Wahrheit darstellt, wie ich sie selbst erlebt habe.

Sollte ich zum Beispiel beschreiben, wie der Zwergenkönig mit einem einzigen Streich seiner Streitaxt sieben Orks enthauptete, dann hat sich das auch exakt so abgespielt.

Vielleicht waren es bloß fünf, halte er den Mund! Stupider Mönch! Oder auch nur zwei, bei den Göttern, es herrschte verdammt noch mal tiefste Nacht! Und wie oft habe ich ihm schon erklärt, dass er nicht jedes Wort mitschreiben soll? Närrischer Kuttenträger! Die Religion hat ihm wohl das Hirn zersetzt, den letzten Absatz streiche er gefälligst, was wirft das denn für ein Licht auf… Na warte! Auch noch frech werden, dich werde ich Mores lehren, du…

Wirklich faszinierend ist weder die Saga per se, noch der große Held, da beide archetypischen Zwängen folgen. Warum kennen wir in den über 200 Bänden unserer Weltliteratur kein einziges großes Heldenepos, das am Ende nicht gut ausgegangen wäre?

Weil es dann unsere Antagonisten verfasst hätten und nicht wir!

Wirklich faszinierend erscheint aus meiner bescheidenen Sicht, wie das Schicksal einen am Nacken packen kann wie einen Welpen, wie großartige Männer aus allen Teilen der Welt zusammenkommen, um der Prophezeiung zu dienen, wie die Macht der Freundschaft den Tod zu überdauern vermag, die Macht der Liebe die Ewigkeit und wie…

…wie, der Wein ist aus? Dann schicke er nach einem neuen Krug, oder bringe er mir Absinth und unterlasse er endlich, jedes verflixte Wort zu notieren, das überhaupt nichts zur Sache tut! Ob ich flunkere?

Ich bin Barde und Geschichtenerzähler, was erwartet er denn? Obgleich ich nur dann flunkere, wenn es der Dramatik dient, und überhaupt ist er mein Schreiberling und hat mich hier nicht zu hinterfragen, das steht ihm nicht an!

Und wo bleibt der vermaledeite Wein?

In welch ein zweitklassiges Kloster bin ich hier nur geraten?

Gar überflüssig mutet mittlerweile die bornierte Idee an, aus banalen ästhetischen Gründen der ikonografischen Formvollendung unbedingt einen Prolog diktieren zu müssen.

Ich gehe am besten gleich in medias res.

I

Shandor atmete ruhig und gleichmäßig, als der Pfeil heranraste. Jetzt zu denken, wäre tödlich. Er vertraute sein Schicksal der Meditation an und überließ seinen Körper den in jahrelangem Training geschulten Instinkten. Seine mandelförmigen Augen hielt er geschlossen, spürte die Bewegungsenergie des Pfeiles, der genau auf seine Brust zuflog. Auf diese kurze Entfernung fühlte sie sich fast linear an. Sie war nicht nur geradlinig, sie war auch unbeirrbar zielgerichtet. Obschon dumm, weil berechenbar. Shandor lächelte, als sein Körper sich um die eigene Achse drehte und er fing den Pfeil mit der linken Hand, nur um sich selbst sofort wegen seiner Arroganz zu verfluchen. Dennoch gelang es ihm, die lineare Energie des Pfeiles seinem eigenen Schwung hinzuzufügen und das Geschoss aus der Drehung heraus zum Absender zurück zu schleudern. Der Mann legte den Kopf schief und betrachtete amüsiert den verschmähten Liebesgruß, der zitternd einen Fingerbreit neben seinem rechten Ohr im Torpfosten stecken blieb, dort, wo sich eben noch sein rechtes Auge befunden hatte. Gönnerhaft grinste er: „Gar nicht so übel!“

Shandor zuckte ostentativ mit den Schultern und versuchte, den Schmerz der Brandwunde in seiner linken Handfläche zu ignorieren. Es ist effektiver, vor allem jedoch angenehmer, Pfeilen einfach auszuweichen, schalt er sich. Sein Gegenüber nickte, als hätte er diesen Gedanken erraten, stellte den Elfenbogen behutsam, fast liebevoll am Scheunentor ab und zog sein Schwert. Dies war keine gewöhnliche Klinge, welche der Bergelf führte. Sie schien zu vibrieren, kaum dass sie das Gefängnis ihrer Scheide verlassen hatte. Etwas Lebendiges ging von ihr aus, irgendeine elementare Entität, die, einer Katze auf dem Sprung gleich, nur darauf lauerte, dass es endlich losging.

Shandor knöpfte seinen ärmellosen Umhang auf, wobei er unauffällig den Gürtel löste, an dem das eigene Schwert hing. Sein Gegner erhob die Waffe, die dabei böse summte, und räusperte sich, als wolle er Shandors ungeteilte Aufmerksamkeit erbitten. Ihre Blicke trafen sich. Dann griff der Elf an. Shandor packte den Schwertgriff und wirbelte herum. Sein Umhang diente als Sichtschutz, und so sah der heranstürmende Elf Shandors geschleuderte Schwertscheide erst im letzten Moment. Unfähig auszuweichen, gelang es ihm gerade noch, den Kopf zu neigen und sie mit der Stirn abzuwehren. Das schepperte ganz formidabel, doch wurde lediglich sein silberner Stirnreif leicht verbeult. Immer noch besser als eine gebrochene Nase. Dieser kleine Bastard!

Shandor schmunzelte, hielt sein Schwert in der rechten und wedelte mit der linken Hand seinen Umhang herum. Der Elf fintierte in Brusthöhe und ließ seine Zauberklinge auf Shandors Knie niedersausen. Der Hieb hätte ihn sein Lieblingsbein gekostet. Shandor schleuderte seinen Umhang mit einer leichten Drehung seines Handgelenks, so dass dieser sich wie ein Seil verdrehte und sich um Waffe und Schwertarm schlang. Gleichzeitig stieß er zu. Der Elf war schon in die Jahre gekommen, doch seine Reaktionen muteten an wie die eines Jünglings. Sofort riss er seinen rechten Ellbogen hoch und drückte in eine verborgene Vertiefung seines Schwertgriffs, an dessen Unterseite ein ellenlanger Dolch hervorschnellte. Dieser Dolch lenkte den Hieb ab, der seiner Schulter gegolten hatte. Blitzschnell drehte er sich im Uhrzeigersinn, wobei seine Klinge den Stoff des Umhangs wie Butter durchtrennte, sein Ellbogen auf Shandors Brustbein krachte und sein Schwert nach vollendeter Drehung danach dürstete, den Gegner in der Mitte zu halbieren. Dieser hatte keine Zeit, die Eleganz dieser flüssigen Bewegung zu würdigen. Er hatte die Energie des Ellbogenstoßes genutzt, um einen Salto rückwärts zu vollführen. Im letzten Moment. Er befand sich gerade kopfüber im Flug, als die Klinge waagerecht unter ihm hinweg sirrte, nicht jedoch, ohne die Spitzen seiner schulterlangen Haare zu trimmen. Er schloss die Drehung mit einer Körperstreckung ab, die sein Schwertarm für einen runden Aufwärtsschwung nutzte. Sein Gegner sah das Übel kommen und rettete sich mit einem Überschlag nach hinten. Jetzt war es an Shandor, amüsiert zu lächeln: „Gar nicht so übel!“

Der Elf trat einen Schritt vor, hob das weißblonde Büschel Haare mit seiner Schwertspitze auf und wedelte feixend damit herum: „Ihr habt nur Glück“

Shandor deutete auf die Kinnspitze des Elfen, von der Blut auf seine Weste tropfte, die der Länge nach aufgeschlitzt war. Ungläubig betrachtete dieser das ruinierte Kleidungsstück, aus dem das weiße Futter quoll. Dann verfinsterte sich seine Miene: „Mein bestes Wams! Ihr Hund seid des Todes!“

Wild schreiend griff er an. Immer bösartiger schien seine Klinge im Verlaufe des Kampfes zu summen. Wie ein Schwarm wütender Hornissen fuhr sie auf Shandor nieder. Immer und immer wieder. Quart – Parade – Riposte – Tritt in die Weichteile – Terz – Handkantenschlag mit der Linken – Vorwärtsstoß – Schienbein in die Nieren und so weiter und so weiter …

Dieser Elf war ihm ebenbürtig. Was Shandor ihm an Geschmeidigkeit und Reflexen voraus hatte, machte er durch Technik und Erfahrung wett. Der Kampf schien nun schon eine Ewigkeit zu dauern. Shandors Handgelenke schmerzten von den vielen Paraden und auch sein Gegner wurde langsam müde. Mal schien der eine die Oberhand zu gewinnen, dann der andere. Quer durch die alte Scheune ging der Todestanz und sogleich wieder zurück. Shandor wich einer Serie von Hieben aus, bis er einen Holzpfosten in seinem Rücken spürte. Der Elf ließ die Zauberklinge mit einer Wucht auf sein Schlüsselbein niederfahren, dass ihm nichts übrig blieb, als sich am Pfosten vorbei nach hinten abzurollen. Doch der schräg geführte Hieb hatte nicht ihm gegolten, sondern dem Holzbalken. Der Alte fällte ihn mit einem Schlag.

Krachend gab der Zwischenboden der Tenne nach und begrub Shandor unter herabfallenden Brettern und Strohballen. Er wühlte sich gerade noch rechtzeitig heraus, um das schaurige Summen des Schwertes zu hören, das sich mit voller Wucht anschickte, seinen Schädel zu spalten. Irgendwie schaffte er es, seine Klinge dazwischen zu bringen. Funken stoben und sein Schwert brach direkt über dem Griff. Mist! Sein Stiefel traf den Elfen dort, wo es auch Elfen weh tut, was ihm Gelegenheit gab, aufzuspringen und den Schwertarm des Alten zu packen, bevor der nächste Hieb folgte. Ihre schweißglänzenden Gesichter berührten sich, als sie um die Waffe kämpften. Der Elf drehte sich ruckartig und ein sengender Schmerz durchfuhr Shandors Unterarm, als der im Griff verborgene Dolch abermals heraussprang und in sein Fleisch schnitt. Doch er machte die Bewegung mit, schlang dabei seinen Fuß um das Standbein des Alten und riss ihn zu Boden. Der Elf landete auf ihm, versuchte, die Klinge mit beiden Händen gegen seine Kehle zu drücken, doch Shandor hielt dem Druck stand. Nur einen Augenblick. Dann gab er nach und rollte schnell nach links, woraufhin sich der tückische Dolch in die rechte Schulter seines Besitzers bohrte. Shandor rammte ihm den Ellbogen gegen die Schläfe, wand sich unter ihm hervor und griff nach einer Heugabel, die unschuldig an der Scheunenwand lehnte. Mit letzter Kraft erhob der alte Elf sein Schwert zum Schutze. Shandor ließ die Forke um sein Handgelenk rotieren, schlug die Zauberklinge mit dem Stiel weg und setzte ihm die Gabel an den faltigen Hals. Vor Anstrengung keuchend fixierte er ihn: „Gebt Ihr Euch geschlagen?“

Der Alte lachte, was klang wie das Meckern einer Ziege, und streckte seine Hand aus. Shandor half ihm hoch. Erschöpft pumpte der greise Bergelf, so wie ein Ochsenfrosch bei Schlagregen. Als er sich etwas erholt hatte, packte er Shandor bei den Schultern und sah ihm tief in die Augen: „Es gibt nichts mehr, was ich dich noch lehren könnte, mein Junge. Deine Ausbildung ist beendet.“

Shandor kniete nieder: „Danke für alles, Meister Elrind!“

Der lachte verlegen und tätschelte den Kopf seines Schülers: „Komm und lass uns deine Wunden versorgen!“

„Halb so schlimm, Meister. Aber Eure Schulter blutet stark.“

„Ist nur ein Kratzer. Dein Arm sieht bös aus.“

„Aber…“

„Schweig jetzt!“

Sie verließen die Scheune und gingen ins Haus.

 

***

 

Meister Elrind stopfte seine Meerschaumpfeife, entzündete sie mit einem Scheit aus dem Kamin und ging hinaus auf die Veranda, um den Sonnenuntergang zu genießen. Eine leichte Wolldecke genügte ihm, denn der Frühling hielt Einzug.

Die Bergelfen waren im letzten Krieg fast vernichtet worden und hatten vier Fünftel ihres Territoriums an die Dunklen Horden verloren. Meister Elrinds gesamte Familie, darunter drei tapfere Söhne, waren in der großen Schlacht am Stierhornpass gefallen. Er selbst war so schwer verletzt gewesen, dass man ihn im Schlachtgetümmel für tot gehalten und übersehen hatte – ausgerechnet ihn. Waldelfen fanden den bewusstlosen Kämpfer und pflegten ihn gesund. Seitdem lebte er hier. Im Silberwald am Fuße der Berge. Bergelfen und Waldelfen hatten ihre alte Feindschaft begraben und Frieden geschlossen. Jede andere Politik wäre angesichts des mächtigen Feindes im Norden wohl auch Selbstmord gewesen.

Shandor brachte das Essen. Zur Feier des Tages hatte er zwei Kaninchen geschossen, mit Kräutern, Zwiebeln und Süßkartoffeln gefüllt und auf kleiner Flamme geröstet. Meister Elrinds Lieblingsgericht. Der jedoch wirkte mürrisch und bemängelte den verwundeten Vorderlauf seiner Mahlzeit: „Kein sauberer Schuss!“

„Meister, es waren mehr als 50 Schritt. Und das Karnickel saß nicht gelangweilt herum“

„Ist es etwa weggelaufen?“

Shandor stöhnte.

„Das hab ich ja noch nie gehört“

Shandor seufzte.

„Hat es etwa Haken geschlagen? Ich habe mal von einem Kaninchen gehört, das Haken schlug…“

„Meister!“

„Ja, mein Kind?“

„Wollt ihr lieber den Bohneneintopf von gestern? Ich kann ihn schnell aufwärmen. Es macht überhaupt keine Mühe“

„Gib schon her!“

Shandor rollte mit den Augen und stellte ihm den Teller hin.

„Kein sauberer Schuss“, murmelte der Alte und machte sich grinsend über die Delikatesse her, während sein Schüler schmollte.

Nach dem Mahl gab sich Meister Elrind ungewohnt schweigsam. Er starrte in die Ferne, als sähe er etwas vor seinem geistigen Auge. Shandor wagte lange nicht, die Stille zu stören, doch als die Sonne schon seit Stunden untergegangen war, fasste er sich ein Herz: „Meister?“

Elrind schien aus einem Traum zu erwachen: „Ja?“

„Ich will euch nicht drängen, aber tausende Male habe ich Euch nach meinen Eltern gefragt und Tausende Male sagtet ihr, ihr würdet mir die Geschichte erzählen, wenn ich alt genug wäre und meine Ausbildung beendet“

„Ja“

„Nun, ich habe 16 Lenze gesehen und heute in der Scheune da meintet ihr…“

„Was?“

„…meine Ausbildung sei beendet“

„Nicht ganz, mein Kind“

„Aber …“

„Schweig jetzt! Geh hol uns einen Krug Wein und bring zwei Becher mit!“

„Zwei Becher?“

„Du bist alt genug. Oder etwa nicht?“

„Ja, Meister“, erwiderte Shandor freudestrahlend und eilte in die Küche, um den Wein zu holen.

Der erste Becher war geleert, der zweite eingeschänkt, die Meerschaumpfeife gestopft, der Tabak entzündet und Meister Elrind begann zu berichten, was sich vor nunmehr 16 Jahren zugetragen hatte: „Es geschah etwa zwei Wochen nach der großen Schlacht am Stierhornpass. Viele meiner Wunden waren bereits verheilt, und ich konnte auch schon wieder gehen, wenn auch mühevoll auf eine Krücke gestützt. Ich erinnere mich noch, als wär es gestern gewesen. Ich saß genau hier auf der Veranda und machte Dehnungsübungen, um meine alte Flexibilität wiederzugewinnen. Merke dir: Heilzauber vermögen aufgeschlitzte Muskeln und verletzte Gefäße wiederherzustellen, doch es sind Sehnen und Bänder, die sehr lange brauchen, sind sie erst einmal durchtrennt. Also ich dehnte gerade meine geschundenen Glieder, als ich Hufschlag von Norden vernahm. Ich griff nach meinem Bogen, als ein riesiges schwarzes Schlachtross aus dem Wald preschte und auf dem Ross…“

Meister Elrind sog genüsslich an seiner Pfeife, um seinen Schüler auf die Folter zu spannen. Der hielt es auch prompt nicht mehr aus: „…und auf dem Ross?“

Der Alte lächelte: „…ritt ein Zwerg.“

„Ein Zwerg?“

Das war höchst ungewöhnlich. Zwerge verabscheuten Reittiere, was meist auch auf Gegenseitigkeit beruhte, und verließen mit ihren riesigen Füßen nur sehr ungern die große Mutter Erde. Außerdem lief ein Zwerg in Shindagar ständig Gefahr, von Pfeilen gespickt zu werden.

„Ich war genauso erstaunt wie du, mein Junge. Der Zwerg zügelte sein Pferd und kümmerte sich überhaupt nicht um meinen Pfeil, der auf seinen Hals zielte. Merke Dir: Ziele bei Zwergen nur auf Hals oder Augenhöhle. Sie tragen fast immer starke Rüstung und stecken Körpertreffer erstaunlich gut weg. Wo war ich? Ach sein Hals. Eigentlich hatte er gar keinen Hals, ich zielte also auf den schmalen Spalt zwischen seinem gewaltigen Brustkorb und seinem bärtigen Kinn. Er fragte mich, ob ich Meister Elrind sei. Ich fragte ihn, wer das wissen wolle. Er lachte nur und nahm ein Bündel von seiner Schulter. Ich muss ziemlich dumm dreingeschaut haben, als ich sah, was das Bündel enthielt.“

Elrind trank einen Schluck Wein und paffte blaue Wölkchen in den schwarzen Nachthimmel.

Shandor kannte das Spiel und hielt sich an die Regeln: „Was enthielt das Bündel?“

„Dich.“

Shandor griff jetzt ebenfalls nach seinem Becher und gönnte sich einen ordentlichen Schluck. Sein Meister fuhr fort: „Der Zwerg legte dich behutsam auf diesen Tisch hier. Du schliefst ganz friedlich und ich fragte ihn, was bei allen Dryaden des Waldes ein Zwerg mit einem Elfenbaby zu schaffen habe. Er antwortete, er hätte einen Eid geschworen, dich zu beschützen und zu mir zu bringen. Ich ließ den Bogen sinken und bot ihm Wein an, in der Hoffnung, mehr zu erfahren. Merke Dir: Zwerge sind zwar resistent gegen die meisten Zaubersprüche, aber sie vertragen keinen Elfenwein. Trotzdem trank dieser Zwerg, der sich als Zantor Granitschädel vorstellte, zwei Krüge mit mir ohne zu wanken. Leider erlaubte ihm sein Eid nicht, mir die ganze Geschichte zu erzählen. Nur so viel: Du solltest zum Kriegsmagier ausgebildet werden. Sobald deine Ausbildung in den Kampfeskünsten vollendet sei, sollte ich dir die Wahrheit erzählen und dich fort schicken. Dein Schicksal ist es, zum kaiserlichen Hof in Aquilaneum zu reisen und den Zauberer An Togarot von Duinne aufzusuchen. Er wird deine Ausbildung zum Kriegsmagier vollenden. Die Sache sei vorherbestimmt, ich solle keine weiteren Fragen stellen. Dann gab er mir einen Beutel mit Gold für meine Unannehmlichkeiten. Einen ziemlich prallen Beutel. Zudem händigte mir der Zwerg einen Ring aus, und nahm mir das Versprechen ab, dich zu einem ehrenhaften Krieger zu erziehen – bis zu dem Tag, an dem der Ring dir passen würde. Sein Schwur war erst erfüllt, nachdem ich meinen geleistet hatte, diese Pflicht zu übernehmen, dich mit meinem Leben zu beschützen und vor allem niemandem ein Sterbenswörtchen von dieser Übereinkunft zu verraten. Du weißt, was ich von Zwergen halte. Sie sind dumme, ungewaschene, grobschlächtige Geschöpfe. Keine Manieren – keine Kultur. Doch dieser Zantor Granitschädel war etwas Besonderes. Ein Mann von Ehre. Ich versuchte, in ihn zu dringen, wollte mehr über das Geheimnis deiner Herkunft erfahren, doch er hüllte sich in Schweigen. Dann übergab er mir Schlachtlied, stieg auf sein Ross und verschwand nach Nordosten, von wo er gekommen war.“

„Schlachtlied, Euer Schwert?“

„Es ist dein Schwert, mein Junge. Es hatte deinem Vater gehört, der vor 16 Jahren gestorben ist, wie so viele gute Elfenkrieger. Mehr vermag auch ich nicht zu berichten.“

Tränen rannen über Shandors Wangen, doch er bemerkte sie nicht. Er spürte nur das bleischwere Gewicht seines Schicksals auf ihm lasten. Es war ihm bestimmt, ein Kriegsmagier zu werden. Wie extraordinär! Wollte er das überhaupt? Gewiss nicht! Er war glücklich hier im Silberwald, hier bei seinem Meister, den er liebte und verehrte. Meister Elrind legte die Hand auf seine Schulter und sprach beruhigend auf ihn ein: „Mich hat auch niemand gefragt. Merke dir: Es gibt Männer, die ohne jede Bestimmung geboren werden. Sie werden Bauer, Jäger oder Schmied und leben fröhlich in den Tag hinein. Oft ist ihr Dasein glücklich und zufrieden. Doch es ist ohne Bedeutung. Dann gibt es Männer, die mit einer Bestimmung geboren werden, Krieger, Zauberer, Könige. Ihr Weg ist selten leicht, doch sie folgen ihm ohne zu klagen, denn sie wissen, dass, sollten sie sich ihrem Schicksal verweigern, ihr Leben unehrenhaft wäre – und somit vertan. Ich weiß nicht, was die Götter dir vorherbestimmt haben, mein Junge. Aber ich weiß, du musst ihnen folgen oder die Strafe wird fürchterlich sein.“

Meister Elrind kramte in seinem Wams und fand einen kleinen Lederbeutel, den er Shandor überreichte: „Steck ihn an! Es ist der Ring deines Vaters.“

Der junge Elf öffnete das Band und sah etwas glitzern, einen goldenen Ring, der kunstvoll in Form eines Lindwurms geschmiedet war – ein exquisites Stück. Als Augen des Drachen funkelten zwei herrliche Rubine. Zögerlich steckte er ihn auf den Mittelfinger seiner rechten Hand. Der Ring saß zwar noch ein wenig locker, doch nicht so sehr, als dass er ihn hätte verlieren können. Eine gewisse Wärme schien von ihm auszugehen und seinen Schwertarm zu durchströmen, doch das war sicher nur sentimentale Einbildung.

„Trag ihn anders herum!“, riet ihm sein Lehrer, „Oder du musst dich mit jedem Dieb von hier bis Aquilaneum herumschlagen. Nun lass uns schlafen gehen! Du musst morgen in aller Frühe aufbrechen.“

„Morgen schon? Aber Meister, ich bin verwirrt. Ich will kein Kriegsmagier werden, Ihr wisst, ich traue der Magie nicht. Ich bin so voller Zweifel.“

„Merke dir: Zweifel sind der erste Schritt zur Weisheit“

„Aber…“

„Schweig jetzt!“

***

Drohend erhob sich der Schatten des Stierhornpasses über die Gipfel des Blutgebirges. Das gewaltige Schlachtross preschte in gestrecktem Galopp um eine Biegung, den steilen Bergpfad hinab. Gerade noch rechtzeitig, um einem Hagel vergifteter Pfeile zu entgehen, der jetzt nutzlos gegen die Felsen prasselte. Berittene Krieger verfolgten sie. Einer der seltsamen Ritter schien ein besonders gutes Pferd zu reiten. Er kam näher. Man konnte ein unnatürliches Leuchten erblicken, dort wo bei sterblichen Wesen die Augen sitzen. Eine düstere Wolke, die den Himmel verdunkelt hatte, verzog sich und der Vollmond erhellte das Gesicht des Verfolgers. Nur – da war kein Gesicht. Er erblickte voller Grauen den elfenbeinfarbenen Schädel eines Skeletts, das höhnisch grinste und seinem Pferd die Sporen gab.

Schweißgebadet wachte Shandor auf.

Die Nacht war kurz gewesen. Er erhob sich von seinem zerwühlten Lager und ging ans Fenster. Noch war es nahezu finster, doch ein dunkelblauer Streifen am östlichen Horizont kündigte den nahenden Sonnenaufgang an. Draußen war Meister Elrind zu hören, der Feuerholz hackte. Sofort schossen Shandor Tränen in die Augen, denn dies war seine Aufgabe gewesen, seit er alt genug war, um eine Axt zu schwingen. Die Bedeutung dessen war ihm klar.

Er zog sich an und ging nach draußen. Trotz des Tränenschleiers bemerkte er eine schnelle Bewegung von rechts, die von einem Zischen begleitet wurde. Sofort ließ der junge Elf sich fallen, wich der Axt aus und rollte über die Schulter ab. Meister Elrind lachte keckernd und ließ ein Messer folgen, das Shandor – plötzlich hellwach – gelangweilt fing.

„Merke dir: Gefühle verlangsamen deine Reflexe.“

„Ich war trotzdem schnell genug.“

„Soso“, lachte sein Lehrer und deutete auf Shandors spitzes Elfenohr, dessen Muschel sich langsam mit Blut füllte, „Und wie bist du dann zu dieser netten kleinen Kerbe gekommen?“

Shandor hatte nur den Luftzug der Axt gespürt und den Ritzer bisher noch nicht bemerkt. Er grinste: „Meine Lehrzeit ist wohl doch noch nicht beendet.“

„Papperlapapp! Jedem anderen hätte dieser Wurf den Schädel gespalten. Es bleibt dabei. Geh und bereite uns ein Frühstück! Merke dir: Man sollte eine Reise nie mit leerem Magen beginnen. Und pack dein Bündel!“

„Aber…“

„Schweig jetzt!“

Wie ihm geheißen, kehrte Shandor ins Haus zurück. Das war dem mürrischen Alten nur recht. Er wollte nicht, dass sein scheidender Schüler bemerkte, wie auch seine Augen immer feuchter wurden. Er wurde wohl alt.

„An Togarot von Duinne war der Hofmagier von Mullock II., dem III. und dem IV.“, begann Elrind und spülte die letzten Krumen des frischen Fladenbrotes mit Ziegenmilch runter. „Seit vier Wintern ist Mullock V. Herrscher von Aquilaneum. Ich bin sicher, Großmeister An wird auch ihn überleben.“

„Wie alt ist er denn?“, begehrte Shandor zu erfahren.

Elrind kicherte. Dann deutete er auf eine uralte Eiche: „Siehst du diesen Baum?“

Shandor nickte.

„Als dieser Baum ein Setzling war, hatte Großmeister An längst das ganze Land bereist. Niemand weiß genau, wie alt er ist. Wie alt ist ein Stein?“

„Und wenn er doch schon tot ist?“

„Er ist nicht tot, mein Sohn. Merke dir: Ein Mensch, der seiner Bestimmung folgt, lebt so lange, bis er sie erfüllt hat. Teil seiner Bestimmung ist es, dich auszubilden. Der alte Dickschädel wird nicht eher ins Gras beißen, bis das erledigt ist.“

„Ihr kennt ihn?“

„Ich bin ihm mal begegnet.“

„Wie ist er so?“

„Das wirst du nie rausfinden, wenn du nicht bald dein Bündel schnappst und dich auf den Weg machst!“ Mit diesen Worten stand er auf und begab sich in seine Kammer. Kurz darauf kehrte er mit Schlachtlied und einem Ledergurt zurück. Schweigend ließ sich Shandor zeigen, wie man sich das magische Schwert am besten auf den Rücken schnallte, denn am Gürtel behinderte es einen bei längeren Reisen. Fladenbrote, Ziegenkäse, Bogensehnen, Heilkräuter, ein Seil und eine kleine doppelschneidige Wurfaxt komplettierten sein Bündel. Zum Abschied überreichte Meister Elrind seinem Protegé noch einen Beutel: „Dies ist das Gold, das mir Zantor Granitschädel damals gab. Ich hatte keine Verwendung dafür. Ich glaube, der Zwerg wusste das. Nutze es weise!“

Shandor wog den Beutel in der Hand: „Meister, das ist ja ein kleines Vermögen!“

„Merke dir: Vermögen kommt nur von dem, der es vermag, auch damit umzugehen. Die Ausbildung zum Magier ist nicht billig. Doch genug. Verschwinde endlich!“

„Aber…“

„Schweig jetzt!“

Meister Elrind umarmte Shandor herzlich und nutzte dessen Abschiedsschmerz, um ihm zum letzten Mal ein Bein zu stellen und ihn rückwärts auf die Veranda zu stoßen. Der verdutzte Adept landete auf dem Hosenboden, sah die Tür vor sich zuknallen und dachte an die morgendliche Lektion. Gefühle verlangsamen die Reflexe. Er betastete sein blutverkrustetes Ohr und musste seiner schwermütigen Stimmung zum Trotz lächeln. Das würde er sich hinter die Ohren schreiben.

Elrind beobachte durch ein Fenster, wie sein Schüler sich aufrappelte, den Blick noch einmal schweifen ließ und schließlich Richtung Südosten aufbrach. Das Bild verschwamm ein bisschen, und der alte Kämpe wandte sich ab. Ihm war wohl etwas ins Auge geraten.

Ja. Das musste es wohl sein.

II

 

Der junge Elf benötigte zwei Tagesmärsche bis zur Straße, die von Shalmira nach Elfenfurt führt. Ohne Zwischenfälle erreichte Shandor diesen viel benutzten Handelsweg, dort wo der grüne und der schwarze Lin sich vereinigen. Lin bedeutet „Fluss“. Und weil auf der ganzen Welt nur ein Fluss existierte, der diesen Namen verdiente, hieß der Lin Lin. Oder war es umgekehrt?

Auf dieser Straße sah Shandor auch den ersten Menschen. Es handelte sich dabei nicht wirklich um den ersten Menschen, doch als Shandor seinen ersten Menschen sah, zeigte er sich doch bass erstaunt. Der Körperbau schien noch viel plumper, als Meister Elrind ihn beschrieben hatte, die Haut viel zu dunkel und erst diese lächerlichen runden Ohren!

Der Mensch saß auf einem Pferd und ritt nach Norden, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Auch Shandor hätte sich ein Pferd leisten können, doch es war Frühjahr, der Lin stand hoch und floss so schnell ins Ostmeer, dass dieser Luxus überflüssig war. Er schlug sein Lager an einer Buche auf, die für seine Zwecke geeignet schien, baute einen Bogen, schoss sich ein Karnickel, verspeiste es und fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen meditierte er lange unter der Buche. Er sprach zum Geist des Waldes, bat ihn und die Buche demütig um Verzeihung. Dann liebkoste er die Rinde des Baumes, dessen Stamm zu mächtig war, als dass er ihn hätte umfassen können. Als das Ritual beendet war, suchte er sich einen kräftigen Eichenzweig, verlängerte den Stiel seiner Wurfaxt und machte sich wässrigen Auges ans Werk.

Mancher meiner hochverehrten Leser wird sich jetzt die berechtigte Frage stellen, ob Elfen Heulsusen sind, die bei jeder Gelegenheit anfangen zu flennen. Dem ist durchaus nicht so. Elfen sind eigentlich ziemlich zähe kleine Burschen. Sie werden nicht ganz so groß wie Menschen, ihr Körperbau ist vergleichsweise grazil, ihre Ohren lächerlich spitz und sie sind sehr sensibel, doch ich habe noch nie einen Elfen getroffen, der ein Weichling war. Sie etwa?

Aber Elfen lieben nun einmal den Wald. Die spirituelle Verbindung der Waldelfen mit ihren Bäumen ist zwar stärker ausgeprägt als die der Bergelfen, doch selbst ein Bergelf wie Shandor kann unmöglich einen Baum fällen, ohne ihn angemessen zu betrauern.

Zwei Stunden und drei schmerzhafte Blasen später fiel die Buche und landete direkt am Linufer, dort wo Shandor sie brauchte. Er kappte einige dicke Äste, um sich Hebel und Rollen zu bauen. Die Rollen legte er unter einen besonders gleichmäßig gewachsenen Teil des Stammes und durchtrennte ihn links wie rechts, was ein acht Fuß langes Stück ergab. Es wurde bereits wieder dunkel und Shandors Hände bluteten. Mittlerweile waren seine Finger und Handinnenflächen von aufgeplatzten Blasen übersäht, doch Shandor kümmerte sich nicht darum und erjagte sich lieber ein Abendessen. Elfen sind schließlich keine Weichlinge, aber das erwähnte ich schon, oder?

Es dauerte zwei Tage, den Stamm derart auszuhöhlen, dass sich auf seiner ganzen Länge zwei mannsdicke Schlitze bildeten, die in der Mitte durch eine hölzerne Wand getrennt waren. Schließlich hackte Shandor diese Wand an beiden Enden durch und brach eine Art dickes Brett heraus, aus dem Ruder und Kielschwert werden sollten. Normalerweise kam ein Einbaum ohne ein solches Kielschwert aus, doch im Frühjahr war der Lin teilweise ziemlich wild und Shandor musste bis zu seiner Mündung fahren, was fast 400 Meilen oder etwa 25 Tagesmärschen entsprach. Ein langer Weg. Außerdem enthielt der Lin zurzeit viel Schmelzwasser. Zu kentern konnte in dem eiskalten Fluss den Tod bedeuten. Dementsprechend sorgsam setzte er das Kielschwert ein. Es wurde zweifach verzapft und gewässert. Einmal gequollen, saß es fest wie ein Dieb im Kerker Aquilaneums.

Am dritten Tag waren auch die beiden Doppelruder fertig. Zwei waren nötig, denn sollte das Ruder verloren gehen, war man dem Lin hilflos ausgeliefert, und wenn es auf dem Lin etwas gab, das man besser vermied, dann war es, sich ihm hilflos auszuliefern.

Am Morgen des vierten Tages brach Shandor auf. Er hatte den Rest des vorherigen Tages genutzt, um seine Vorräte aufzufüllen, denn er wollte von nun an möglichst nur noch zur Nachtruhe an Land gehen. Auf den Rollen schob er den Einbaum die Uferböschung hinab, drehte den Kiel nach unten, als der Baum genug Auftrieb hatte, und sprang hinein. Sein Gefährt war halb voller Eiswasser und er fühlte seine Füße kaum noch, als er es endlich herausgeschöpft hatte, wobei sich seine Speiseschale als ziemlich dürftiges Werkzeug erwies. Er überprüfte die Eigenschaften seines Gefährts, das stromabwärts schießen wollte, jedoch durch sein Seil, das an einem Felsen vertäut war, daran gehindert wurde. Die Balance schien gut.

Shandor trocknete seine Sachen, löschte das Feuer, schnürte sein Bündel und verneigte sich ein letztes Mal dankbar vor dem Stumpf der Buche. Dann löste er das Seil und sprang in sein Boot, das kräftig schaukelte. Unser Held setzte sich, ruderte zur Flussmitte und ließ sich nach Süden treiben, einem ungewissen Schicksal entgegen.

***

Seine geschundenen Hände kamen ihm fürderhin zugute, denn aus den unzähligen Blasen bildete sich Hornhaut, die mit jedem Ruderschlag dicker wurde. Er musste nicht viel rudern – im eigentlichen Sinne – doch die tückischen Strömungen des Lin erforderten regelmäßig Korrekturen und auch die eine oder andere Stromschnelle harrte seiner.

Die nächste Woche verlief ebenfalls recht ereignislos. Er sah lediglich eine Bande marodierender Goblins am Ostufer, die wild ihre Kurzschwerter schwenkten, als sie ihn bemerkten, doch sie waren der wenigen Pfeile, die er mit sich führte, nicht wert.

Zwei Tage später lauerten ihm an einer Flussbiegung zwei Diebe auf. Sie standen hoch oben auf einem Felsen am Flussufer und schossen mit Langbogen auf ihn. Shandor empfand das als lustige Abwechslung und balancierte auf einem Bein, während er laut einen Elfengesang anstimmte und die Pfeile lässig mit seinem Schwert abwehrte. Diesmal waren es Menschen, ein langer Dünner und ein kleiner Dicker, lächerliche Gestalten. Der Dünne war harmlos. Seine Pfeile trafen meist nicht einmal den Einbaum. Der Dicke hingegen schien ein guter Schütze zu sein. Lange nicht so gut wie ein Elf, aber immerhin ein ordentlicher Sparringspartner. Fünf von sechs seiner Pfeile hätten Shandor getroffen, jeder zweite wäre tödlich gewesen. Eine ordentliche Quote für ein bewegliches Ziel und – einen Menschen. Doch Shandor befand sich nie in Gefahr, zumal die beiden Diebe sich auch noch sehr dumm anstellten. Sie kamen nicht auf die Idee, ihre Pfeile gleichzeitig auf die Reise zu schicken. Bei zwei guten Schüssen wäre das selbst für ihn eine harte Nuss gewesen. Er hatte sein Lied noch nicht beendet – ein Spottlied über Menschen, Zwerge und Stinktiere – als er außer Reichweite geriet und die beiden Tölpel frustriert den Beschuss einstellten. Er sah noch, wie sie zu ihren mageren Gäulen gingen. Sie hatten wohl gehofft, ihn zu erledigen und seine Habe dann flussabwärts zu kassieren. Doch sie hatten ihr Versagen eingesehen, denn sie nahmen nicht einmal die Verfolgung auf. Diebe. Nur Menschen oder Goblins, die so genannten Flöhe des Krieges, werden zu Dieben. Die beiden schwächsten Rassen der Welt. Selbst hoch gebildete Persönlichkeiten wie meine werten Leser haben gewiss noch nie von einem diebischen Werwolf oder Riesen gehört. Sogar Zwerge sind relativ ehrlich. Sie sind dumm, kulturlos und sie stinken, aber wenn sie dir den Schädel mit einer Axt spalten oder mit einem Brabagbengel pürieren, dann ist das immer ehrlich gemeint. Klauende Elfen? Undenkbar! Selbst der gemeine, grüne, geifernde, schleimige Ork, der durchaus zum Marodieren neigt, nimmt sich nur den Nachlass derer, die er zuvor gemetzelt hat. Einem Ungemetzelten etwas zu stehlen, ist ein sogar den primitiven Orks fremdes Konzept.

Shandor zog die Pfeile der Menschendiebe aus seinem Gefährt und betrachtete sie: eine lieblose Arbeit. Er wusste nicht viel über die Menschen. Meister Elrind hatte ihn zur Toleranz erzogen, aber was er bisher über Menschen gelernt hatte, bot keinen Anlass, sonderlich beeindruckt von dieser Rasse zu sein. Und sein neuer Meister – es fiel ihm immer noch schwer, das zu akzeptieren – würde so ein erbärmlicher Mensch sein. Diese und ähnliche Gedanken bewegten unseren jungen Helden, als der Wald plötzlich zurückblieb und sich eine weite grüne Ebene vor ihm auftat. Ihm wurde bewusst, dass er im Begriff war, Shindagar, das Reich des Elfenvolkes, zu verlassen. Morgen würde er Elfenfurt erreichen. Shandor lief ein Schauer über den Rücken. Bei dem Gedanken, in das Land dieser merkwürdigen Menschen zu reisen, war ihm gar nicht wohl.

Elfenfurt ist eine Menschenstadt. Früher lag sie am Waldrand und Elfen benutzten sie, um den Lin zu überqueren. Vor 543 Jahren fand hier eine große Schlacht statt. Das Menschenvolk war den Elfen zahlenmäßig achtfach überlegen gewesen, und dennoch hatte die Schlacht drei Tage getobt. Schließlich mussten die stark dezimierten Elfen nach Norden zurückweichen, obwohl auf jeden gefallenen Elfenkrieger fünf tote Menschen kamen – grausame Mathematik. Die Menschen strömten in Scharen herbei und begannen, den Silberwald abzuholzen, um ihre vielen hässlichen Häuser zu bauen. So kam es, dass sich die Südgrenze des Silberwaldes im nächsten Jahrhundert um etwa fünf Tagesmärsche nach Norden verschob und die von den Elfen benutzte Elfenfurt zu einer Menschenstadt namens Elfenfurt heranwuchs. Welch ein Zynismus der Geschichte!

Ständige Rückzugsgefechte hatten ihren Tribut gefordert, und so dauerte es 144 Jahre, bis das Elfenvolk sich so weit erholt hatte, dass es einen Gegenangriff starten konnte. Unter der Führung von König Belishanur III. gelang die beinahe völlige Vernichtung der menschlichen Heere und die Eroberung ihrer Stadt. Doch gerade dann, als der Gegner am Boden lag, zeigte der Elfenkönig wahre Größe. Jeder andere Eroberer hätte die Stadt niedergebrannt, oder sie wenigstens geplündert und ihre Einwohner versklavt, doch Belishanur III. bot dem Menschenkaiser, Maulfaul I. von Aquilaneum, einen Waffenstillstand und Verhandlungen an. Er arrangierte ein Treffen – mitten auf dem Schlachtfeld – und trug Maulfaul I. seine Bedingungen vor. Er bot Frieden an und dass die Grenze zwischen Ravendien, dem Reich der Menschen, und Shindagar für immer am Waldrand verlaufen möge. Dass jeder Mensch, der einen weiteren Baum fällte, von den Elfen hingerichtet werden würde. Dass Elfen das Reich der Menschen bereisen dürften und Menschen das Reich der Elfen, jedoch nie in Gruppen von mehr als zwanzig Personen, es sei denn, dies wäre vom Herrscher genehmigt. Damit gab Belishanur III. zwar das von den Menschen eroberte Land für immer preis, doch ein Land ohne Bäume war für Waldelfen ohnehin ein totes Land, und so war der Verlust zu verkraften. Die Verhandlung dieser beiden Herrscher ist bis ins kleinste Detail überliefert. Abschriften der Vereinbarung findet der geschichtsinteressierte Leser in jedem besseren Kloster.

Zitat: „Und soll ich denn dein Geschlecht ausrotten und seine Gebeine mit dieser eurer Stadt verbrennen, oder soll dieser Bund für alle Zeiten gelten? Soll beiden Völkern diese Grenze auf ewig heilig sein, und soll nie wieder Krieg zwischen Elfen und Menschen herrschen?“

Der Menschenkaiser soll kurz um sich geblickt haben, auf die sterblichen Überreste seiner von Pfeilen gespickten Armee. Dann soll Kaiser Maulfaul I. genickt haben. Dieses beredte Nicken leitete einen Frieden zwischen Ravendien und Shindagar ein, der bis zu dem Tage gilt, an dem ich dies niederschreibe.

Shandor war jung, Shandor war neugierig und Shandor sprach Humaneud. Meister Elrind hatte ihn die kehlige Sprache der Menschen gelehrt. Der Tatsache nicht gewahr, dass dies eine gefährliche Mischung darstellen konnte, entschloss sich Shandor, die Menschenstadt zu erkunden. Er täute seinen Einbaum am Hafen fest, schnürte sein Bündel und begab sich an Land.

Die Menschen blickten ihn merkwürdig von der Seite an und begannen zu tuscheln, als sie ihn sahen. Manch einer stierte verstohlen auf den kunstvoll verzierten Griff von Schlachtlied, das er am Rücken trug. Noch nie war Shandor in einer Stadt gewesen und die vielen Leute verwirrten ihn. Wie konnten so viele Wesen auf so engem Raum leben? Die Vorstellung erschreckte ihn. Er erwarb Dörrfleisch am Marktplatz, denn auf den offenen Ebenen der Menschen gab es wenig zu jagen. Außerdem „gehörte“ jedes Stück Land irgendwem, und er wollte unnötigen Ärger vermeiden. Shandor konnte nicht verstehen, wie jemand ein Stück Land „besitzen“ konnte. Elfen war dieses Konzept unbegreiflich. Einige Elfen bauten Behausungen – vorwiegend die älteren – und diese Behausungen „gehörten“ dann ihnen – und jedem anderen Elfen, der zufällig vorbei kam. Doch wie konnte man Land besitzen? Konnte man den Himmel besitzen oder das Meer?

Er fühlte sich unwohl in dieser Stadt. Schnell kehrte er zum Hafen zurück. Sein Einbaum war erstaunlicherweise nicht gestohlen worden und so setzte er seine Reise fort. Zwischen Elfenfurt und Aquilaneum herrschte reger Schiffsverkehr. Das war sehr hilfreich, denn jede Nacht konnte sich Shandor an ein Handelsschiff anhängen. Alle paar Stunden überholten ihn die dickbauchigen Segler. Er brauchte nur sein Seil etwas aufzudröseln, schon hatte er eine Leine, die leicht genug war, damit ein Pfeil sie trug. Er schoss den Pfeil in das Heck eines Schiffes und band die an ihm befestigte Leine am Bug seines Einbaums fest. So konnte er selbst im Schlaf noch zwei Tagesreisen zurücklegen. Im Morgengrauen holte er die Leine ein und entfernte den Pfeil, um Ärger aus dem Weg zu gehen, wie es ihm Meister Elrind immer eingebläut hatte: „Merke dir: Geh Ärger immer aus dem Weg! Wenn du kannst“

Shandor kam schnell voran. Selbstverständlich hätte er sich für nur eine einzige seiner Goldmünzen eine luxuriöse Kabine auf jedem dieser Schiffe leisten können, doch erstens wusste er das nicht und zweitens wäre ihm nie die Idee gekommen, für Übernachtung oder Transport zu bezahlen. Oder kennt einer meiner verehrten Leser einen Elfen, der jemals für Übernachtung oder Transport bezahlt hätte? Sicherlich nicht. Zahlen Vögel für Äste oder für die Luft?

Nach zwei weiteren und insgesamt 18 Tagen erreichte der junge Elf Aquilaneum, die größte Stadt der Welt.

III

 

Die Hauptstadt des ravendischen Kaiserreiches ragte wehrhaft in den Himmel. Derart hoch standen ihre Mauern, dass selbst ein elfischer Langbogen keinen Pfeil hinüber gebracht hätte, und so massiv, dass Vierspänner auf ihrer Krone fahren konnten. Die gewaltigen Befestigungen befanden sich am Nordufer des Lin. Am Südufer erstreckte sich Neu-Aquilaneum bis zum Horizont. Kleine und mittelgroße Steinhäuser säumten schnurgerade Straßen, die in einem rechtwinkligen Gittermuster angeordnet waren. Man sah auf den ersten Blick, dass diese Stadt nicht im Laufe der Jahrhunderte gewachsen, sondern genau geplant worden war. Eine breite Brücke, die wohl eine halbe Meile lang sein musste, verband Neu-Aquilaneum mit der befestigten Altstadt, Shandors eigentlichen Ziel. In der Mitte des Lin lag eine kleine Insel, unwesentlich größer als der massive Brückenpfeiler, der auf ihr ruhte. Hier zog Shandor seinen Einbaum an Land, warf sich sein Bündel über die Schulter und begann, den wuchtigen Pfeiler zu erklimmen. Die Fugen zwischen den riesigen Steinquadern, aus denen er bestand, boten gerade genug Platz für Elfenhände und -füße. Oben angekommen, sah er sich von vier exzellent gerüsteten Stadtwachen umringt, die seine Kletterpartie interessiert beobachtet hatten und ihn jetzt mit panzerbehandschuhten Händen an griffbereiten Schwertern empfingen: „Hey, Elfenjunge! Was treibst du da?“

Shandors Wangen röteten sich. Ob vor Scham oder Zorn, hatte er noch nicht entschieden. „Ich will zum kaiserlichen Hof. Dort erwartet mich mein Meister, der berühmte Zauberer, Großmeister An Togarot von Duinne.“

Er sah das Erstaunen in ihren Gesichtern und gewann augenblicklich seine Selbstsicherheit wieder: „Ich bin sicher, er wäre verärgert, wenn ich aufgehalten würde. Wenn ihr so freundlich wärt und mir den Weg zum Palast beschriebet?“

Ihre Augen wurden noch größer, dann klatschten sie sich auf die Schenkel, dass ihre Rüstungen nur so schepperten, und brachen in hysterisches Gelächter aus. Shandors frisch gewonnene Selbstsicherheit schwand. Ihr Anführer, ein alter Soldat mit vernarbtem Gesicht, äffte ihn in einem Tonfall nach, der ihm gar nicht gefiel: „…mein Meister, der berühmte Zauberer, Großmeister An Togarot von Duinne. Har har har!“ Dann schlenderten er und seine Kameraden zurück zum südlichen Stadttor, wo vier weitere Wachen in Habachtstellung standen. Worte wurden gewechselt und auch diese Wachen schütteten sich vor Lachen aus. Shandor schluckte und betrat die Stadt. Niemand hielt ihn auf, doch Feixen, Gekichere und hämische Blicke begleiteten diesen historischen Moment.

Eine breite gepflasterte Straße führte schnurstracks zum kaiserlichen Palast von Mullock V., Kaiser von Ravendien, Großkönig von Prack und Finegrind und Herrscher der Welt.

Auch innerhalb der Stadtmauern dominierte der rechte Winkel. Aquilaneum war ohne Zweifel von größenwahnsinnigen Stadtplanern auf einem Reißbrett entworfen worden. Der Palast, eine Burg in der Burg, befand sich im Zentrum, umgeben von einem Wassergraben, in dem irgendetwas gefährlich zu brodeln schien. Eine hölzerne, metallbeschlagene Zugbrücke wurde auf beiden Seiten von einem Trupp kaiserlicher Elitetruppen bewacht, die man, wie wohl jeder meiner gebildeten Leser weiß, an den goldenen Rüstungen und den roten Federbüscheln auf ihrem Spitzhelm erkennt. Shandor wandte sich an den Soldaten mit dem größten Federbüschel und verbeugte sich leicht: „Ich wünsche, meinen Meister, den berühmten Zauberer, Großmeister An Togarot von Duinne zu sprechen.“

Der Soldat schaute etwas verdutzt, verkniff sich jedoch das aufkommende Grinsen. Sein Ausdruck erschien eher mitleidig, als er Shandor ins Bild setzte: „Ich fürchte, Ihr werdet Großmeister An nicht mehr antreffen, junger Mann. Er hat den Palast seit vielen Jahren nicht mehr betreten.“

Shandor war verwirrt: „Aber er ist doch der Hofzauberer des Kaisers?“

„War, junger Mann, war. Er ist in Ungnade gefallen und seine kaiserliche Hoheit hat ihn aus Aquilaneum verbannt.“

„Uh, und wo finde ich ihn jetzt?“

„Das weiß niemand. Man hat nie wieder etwas von ihm gehört.“

Niedergeschlagen und mit hängenden Schultern bedankte sich Shandor für die Auskunft und schlich von dannen. Was sollte er jetzt tun? Wie sollte er aufregende Abenteuer erleben, das Mysterium seiner Herkunft ergründen, der Held dieser Erzählung werden und seine Bestimmung erfüllen, wenn es ihm nicht einmal gelang, seinen neuen Meister zu finden?

Was, wenn Meister An längst tot war?

Diesen schwermütigen Gedanken hing er nach, als ihm ein elegant gekleideter, extrem gut aussehender Edelmann entgegen kam, ihn erstaunt musterte und mit wohlklingender Stimme zu ihm sprach: „Warum so traurig, junger Elf? Gestatten, Amor do Ahpla, König von Zond, Chronist, Weltenbummler, Geschichtenerzähler und ein schlechter Mensch. Doch mich dünkt, ich sei nicht so schlecht, als dass ich einem jungen Mann, der fern der Heimat in Not zu sein scheint, nicht meinen hilfreichen Arm anböte. So sagt mir denn, junger Krieger, wie kann ich Euch zu Diensten sein?“

Dabei vollführte ich eine vollendete Verbeugung, die mir erlaubte, zu prüfen, wie der pralle Goldbeutel am Gürtel dieses Jünglings befestigt war. Ein unbemerkter Schnitt und…

Shandor sah mich an wie ein Weltwunder. Der Hosenscheißer war offensichtlich fremd hier und würde eine leichte Beute sein. „Amor“, sagte ich zu mir, „das wird ein Riesenspaß!“

Mein feines Gehör hatte am satten Klicken der Münzen in diesem Beutel erkannt, dass es sich um zaragonische Goldmünzen handeln musste. Kupferpfennige klingeln, Silbermünzen scheppern und Goldmünzen klicken bei jedem Schritt. Doch nur der Experte kann zaragonische von ravendischen Goldmünzen unterscheiden oder shindagarisches Silber von finegrindischem. Ich, der ich in meinem Leben noch nie gelogen habe und Ihnen versichere, dass jedes Wort dieser Geschichte der reinen, unausgeschmückten Wahrheit entspricht, übertreibe keinesfalls, wenn ich behaupte, dass ich das gemischte Wechselgeld eines Prackburger Fischverkäufers nach weniger als zehn Schritten abzuzählen vermag – selbstverständlich ohne einen Blick darauf zu werfen. Der Beutel war sehr prall gefüllt, was eine genaue Schätzung erschwerte, doch es mussten zwischen 147 und 152 zaragonische Goldmünzen sein. Das wiederum warf natürlich die Frage auf, wie ein Elfenknirps an so viel Zwergengold gekommen war. So jung er auch sein mochte, das mächtige Schwert, das an seinem Rücken baumelte und das ihn eine Handbreit überragte, ließ meine Alarmglocken hektisch bimmeln und riet mir, ihn keinesfalls zu unterschätzen.

Shandor versuchte ungelenk, meine Verbeugung zu erwidern, wobei mir sein Schwertgriff auffiel, der auf eine kostbare Waffe hindeutete. Dann stellte er sich mir vor: „Meine Name ist Shandor und ich suche meinen Meister, den berühmten Zauberer Großmeister An Togarot von Duinne.“

Das war ein Ding. Dieser Wicht wollte Adept bei Großmeister An werden? Niemand wusste, wohin der alte Trunkenbold verschwunden war, seit Kaiser Mullock ihn vom Hof gejagt hatte. Doch das ließ sich herausfinden. Kurzerhand lud ich den Elfen in eine Schänke ein. Wir gingen zum „Gescheckten Ochsen“, einem dubiosen Etablissement, dem man seinen schlechten Ruf nicht sofort ansah – jedenfalls solang man keins der Hinterzimmer betrat. Ich bestellte einen Krug Wein, Brot und Käse, setzte mich auf eine Bank am Kamin und erklärte Shandor das Geschäft: „Als Chronist, Geschichtenerzähler und fahrender Gaukler komme ich viel herum und kann Euch gewiss helfen. Doch ist das Erzählen mein Beruf und daher seht Ihr sicher ein, dass ich nicht umsonst arbeiten kann. Für nur eine Münze aus Eurem Beutel werde ich all mein Wissen mit Euch teilen.“

Der Tölpel erklärte sich einverstanden und bezahlte sogar noch die Rechnung, als der Wirt Wein und Brot brachte. Ich schänkte uns ein, wir stießen an und leerten unsere Becher in einem Zug. Der Wein schmeckte passabel und verlieh meiner Zunge die nötige Elastizität. Ich setzte mich auf den Tisch, genehmigte mir noch einen Becher, um dann die Stimme zu erheben: „Wohlan, ihr braven Leute, so höret denn die tragische Geschichte von dem berühmten Zauberer, Großmeister An Togarot von Duinne, der erst sein Herz verlor und dann seine Stellung!“

Die braven Leute, ein wilder Haufen Strauchdiebe und Halsabschneider, sahen von ihren Weinkrügen auf und wandten sich mir zu. Meine Stimme schwoll zu einem Dröhnen an, um sich sogleich in ein Flüstern zu verwandeln. Spieler aus den Hinterzimmern und sogar die eine oder andere Dirne setzten sich in die Nähe des flackernden Kamins und lauschten gebannt, als meine Erzählkunst sie zu verzaubern begann.

„Im ersten Jahrtausend, schon kurz nach der Zeit, da die Götter die Welt erschufen, wurden auf der sagenumwobenen Insel Duinne zwei Knaben mit schwarzem Haar und schlohweißer Locke geboren. Es war die Zeit, bevor der Mensch sich als Krönung der göttlichen Schöpfung sah, die Zeit, als alle Wesen noch im Schoße der Natur lebten und ein jedes Geschöpf Zauberkräfte besaß. Die Zwillinge wurden An und Un genannt, was soviel bedeutete wie An und Un. Schon im Kindesalter offenbarte sich der völlig gegensätzliche Charakter der beiden. Während der sensible An mit den Tieren des Waldes sprach und sich der Magie widmete, wandte sich Un den weltlichen Dingen zu. Er bereiste die Lande, erfand den Handel und gründete die erste Stadt auf dem Kontinent. Er rodete die Wälder, versklavte die Tiere, und krönte sich selbst zum König der Welt. Immer größer wurde sein Reich, bis es an das der Elfen stieß. Un verlangte, dass sie sich ihm unterwürfen, schließlich war er ja der König der Welt. Doch die Elfen wollten lieber frei sein und verweigerten sich ihm. Un, der König der Welt, hatte bereits das Schwert erfunden, und er erhob es gegen die Elfen. Doch ein Elf namens Shelm hatte den Bogen erfunden, und da der König der Welt die Rüstung zu erfinden übersah, spickten ihn die Elfen mit Pfeilen und die Welt war ohne König. Sie sollte gut 3.000 Jahre hervorragend ohne König auskommen. In dieser friedlichen Zeit widmete sich An seinen Studien, bereiste die Lande, sprach mit Tieren, Pflanzen und Dingen. Im 5. Jahrtausend nach der Erschaffung der Welt lernte Meister An seine Gefährtin kennen, Idara von Finegrind, eine wunderschöne Zauberin, die sich in einen Adler verwandeln konnte. Manche Chronisten behaupten, es sei umgekehrt gewesen, doch das halte ich für ausgeschlossen, denn wer hätte je von einem Adler gehört, der sich in eine wunderschöne Zauberin zu verwandeln vermochte.“

Ich genoss das Gejohle, leerte den Krug, sah flehentlich zum Wirt und krächzte: „Zu gerne würde ich fortfahren, doch meine Kehle ist so trocken.“ Der Wirt verstand den Wink, entschied, dass mein Vortrag gut für sein Geschäft war, und begab sich hinter seinen Tresen, um einen neuen Krug herbei zu schaffen. „Am besten wär’ ravendischer, vom Wein aus Prack belegt sich meine Stimme immer so“, ergänzte ich hilfreich, um ihm die Wahl zu erleichtern. Er reichte mir missmutig einen Krug ravendischen Rotweins der mir tatsächlich besser bekommt, vor allem aber fast doppelt so teuer ist. Ich genoss den guten Tropfen, trank auf das Wohl des edlen Spenders und fuhr fort.

„Doch das Glück der beiden währte nicht lange. Die dunklen Horden fielen aus dem Norden ein und überzogen unser Land mit Krieg, einer weiteren unnötigen Erfindung. Meister An und die Zauberin Idara setzten all ihre Macht und Zauberkraft ein und schlugen die dunklen Horden bei der Schlacht in die Flucht. Es folgten 1.200 Jahre Frieden, in denen die Völker wuchsen. Das führte zu den vielen Kriegen Mitte des 6. Jahrtausends. Elfen, Zwerge, Titanen, Orks, Dryaden und das riesige Menschenvolk begannen, sich ihre Territorien streitig zu machen. Meister An und die Zauberin Idara hielten sich aus allem heraus und lebten als Adler in den höchsten Gipfeln des Blutgebirges. Sie waren der Menschheit überdrüssig. Doch dann sammelten sich die dunklen Horden erneut und begannen Anno 7.114 den zweiten Weltkrieg. Unterstützt durch von Schwarzmagie beschworene Skelettkrieger, begannen sie eine Invasion, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. Meister An sah, dass die Welt verloren war, wenn er nicht einschritt, und so überzeugte er seine Geliebte, dass sie abermals in Menschengestalt erscheinen müssten, um die Macht des Dunklen Lords zu bekämpfen. Sie einigten die Völker der Welt, denen angesichts der übermächtigen Bedrohung auch nichts anderes übrig blieb. Es kam zur entscheidenden Schlacht am Stierhornpass.* Und wieder war die weiße Magie das Zünglein an der Waage und es gelang ihnen erneut, die Welt zu retten.“

Ich schwieg einen Moment, um meine Zuhörer auf die Folter zu spannen und den herrlichen Wein zu genießen. Dann schilderte ich die gewaltige Schlacht in allen grausamen Einzelheiten, beschrieb, wie die Elfen beinahe geschlagen und die kaiserlichen Truppen fast vernichtet waren, bis das Zaubererpaar schließlich die Wende herbeiführte.

Kurz vor dem Höhepunkt des Gemetzels leerte ich den Krug und blickte den Wirt vorwurfsvoll an. Diesmal beeilte er sich etwas mehr.

„Meister An wurde von der Zauberergilde Duinnes zum Großmeister ernannt und vom Volk als Friedensbringer und Halbgott verehrt. Seine geliebte Gefährtin, Idara von Finegrind, jedoch, die viel zum vernichtenden Sieg über das Böse beigetragen hatte, kam am Stierhornpass ums Leben.“

 
 
*Demnächst erhältlich. Fragen Sie nach einer Abschrift von „Die große Schlacht am Stierhornpass“ in einem Kloster Ihrer Wahl oder bei amazon.de.
*Demnächst erhältlich. Fragen Sie nach einer Abschrift von „Die große Schlacht am Stierhornpass“ in einem Kloster Ihrer Wahl oder bei amazon.de.

Ich flocht theatralisch die tragischen Umstände ihres Todes ein, jammerte, wisperte, schrie, beschwor und stellte mit professioneller Befriedigung fest, wie selbst abgebrühte Huren und hartgesottene Meuchelmörder die Tränen aus den Augenwinkeln wischten.

„All die Ehrungen und selbst der Weltfriede konnten Großmeister An nicht über diesen Verlust hinwegtrösten. Er selbst war schwer verwundet worden. Seine Majestät, der Kaiser, schaffte ihn an den Hof hier nach Aquilaneum und wachte persönlich an seinem Krankenbett. Doch seine verwundete Seele vermochte er nicht zu heilen. Mit Großmeister An ging es bergab. Er sprach zunehmend dem Wein zu und auch härteren Getränken. Er wurde nie wieder derselbe. Kaiser Mullock hielt ihm dennoch die Treue. Er stellte ihn als Hofzauberer an und zahlte ihm eine erkleckliche Pension. Doch nach 14 Jahren wurde es sogar dem geduldigen Kaiser zu viel. Es kam zur Katastrophe bei der großen Lenzfeier Anno 7.128 nach Erschaffung der Welt, also vor knapp zwei Jahren. Interessiert euch diese Geschichte, oder langweile ich euch?“

Dies wurde beherzt verneint und die Anwesenden sammelten Kupfermünzen für einen weiteren Krug Wein. Ich hielt mit meiner Erzählung inne, um die Herrschaften dabei nicht zu unterbrechen, und fuhr fort, nachdem ich von dem neuen Krug probiert hatte. Aus einem unerfindlichen Grund wurde ich immer lockerer und die Worte sprudelten aus meinem Mund wie der Lin ins Ostmeer.

„Wie ihr alle wisst, huldigen wir bei der großen Lenzfeier Ariostane, der großen Göttin der Fruchtbarkeit. Es ist seit jeher Brauch, dass jede Familie ein Schwein schlachtet und somit sicherstellt, dass zu Frühlingsbeginn von Shalmira bis Ravendia, von Zaragon bis zur Knochenwüste allerorten die Luft vom lieblichen Duft gegrillter Säue, Eber und Ferkel erfüllt ist.“

Diese Sitte war Shandor bekannt. Auch wenn die Elfen dazu Wildschweine bevorzugen und der Lenzfeier deshalb in Shindagar eine allgemeine Treibjagd voraus geht, war das abendliche Grillen seit Ewigkeiten Tradition. Doch er hätte nicht gedacht, dass die anderen Völker denselben Brauch pflegten.

„Es begab sich an jenem Tage, dass Marklinde, die Tochter seiner Majestät des Kaisers, Großmeister An in seinem Gemach aufsuchte. Es war um die Mittagszeit und der große Zauberer bereits dementsprechend betrunken. Doch Prinzessin Marklinde ließ sich davon nicht abschrecken, denn sie meinte, dringend seine Assistenz zu benötigen.

„Großmeister An, lieber An, bitte helft mir!“, flehte sie. „Heute ist Lenzfeier.“

„Ja und, Eure Hoheit?“, grunzte Großmeister An.

„Ihr wisst doch, dass Fürsten und Könige aus allen Ecken des Reiches heute bei Hof zu Gast sind. Ich bin schon 16 und es ist Zeit, dass mich ein Mann erwählt.“

„Ja und, Eure Hoheit?“, grunzte Großmeister An, durch diese Information nicht sonderlich erhellt.

„Ja und ich bin lang und dünn, eine richtige Bohnenstange. Meine Haut ist viel zu blass, ich habe einen kümmerlichen Busen, keiner der Prinzen wird mich auch nur eines Blickes würdigen, buhuhuhuhuuu!“

„Und was soll ich dabei tun? Ihr wisst, dass es mir unmöglich ist, zu bewirken, dass sich zwei Menschen ineinander verlieben.“

Das stimmte zwar nicht so ganz, doch Großmeister An hielt sich an den Kodex von Duinne – jedenfalls wenn es nicht zu viele Umstände machte. „Aber Ihr seid ein Meister in der Kunst der Verwandlung. Ich bin sicher, Ihr könnt meinem mangelhaften Äußeren etwas nachhelfen.“

„Das ist gefährlich, Eure Hoheit, man spielt damit nicht herum.“

„Buhuhu, ich werde mich vom Turm stürzen, ich will nicht mehr leben, buhuhuhuhuuuu!“ Das Geheule und Gejammere verursachte Großmeister An Kopfschmerzen und nach endlosen Versuchen, ihr die Dummheit auszureden, diversen Weinkrämpfen und hysterischen Anfällen willigte er schließlich entnervt ein. Prinzessin Marklinde war hocherfreut, ließ noch mehr Wein holen – vom besten – und erklärte ihm ihre Wünsche: „Ich bin viel zu lang für viele Männer und wäre gerne kleiner. Auch wär ich gern etwas draller, hier und hier, ihr versteht schon, die Rundungen an den richtigen Stellen. Gegen meinen blassen Teint müsste etwas unternommen werden und die Füße kleiner sein, aber dafür hätte ich gern schöne, lange Wimpern.“

Großmeister An hörte sich diese Wünsche an, während er sich dem Wein hingab, dann konzentrierte er seinen Willen auf die geforderten Attribute. Es ertönte ein lauter Knall und milchiger Rauch erschien. Er öffnete die Tür, um sein Gemach zu lüften. Als der Rauch sich verzog, betrachtete er die Veränderungen an Prinzessin Marklinde. Im Prinzip war es ihm gelungen, ihre Wünsche umzusetzen: Sie war kleiner, mit zierlichen Füßen, langen Wimpern, einem rosigen Teint und ordentlichen Rundungen an den richtigen Stellen. Das fiel wirklich positiv auf. Negativ hingegen erschien ihm die Tatsache, dass er Prinzessin Marklinde in ein Schwein verwandelt hatte. Als er sich hinunterbeugte, um sie zu untersuchen, quiekte sie erschreckt und rannte aus der offenen Tür die Treppe hinab. Nun ist die Lebenserwartung einer Sau an diesem speziellen Tag im Jahr extrem niedrig, und Gerüchten zufolge soll Prinzessin Marklinde in ihrer Panik geradewegs in die kaiserliche Großküche gerannt sein. Jedenfalls sind die genaueren Umstände ihres bedauernswerten Ablebens bis heute nicht vollends geklärt.“

Ich erfreute mich am herzlichen Gelächter meiner Kundschaft, nur der junge Elf blickte etwas bestürzt drein. Es dauerte ein wenig, bis das Grölen und Schenkelklopfen nachließ und ich meinen Bericht beenden konnte.

„Als seine Majestät, unser Kaiser, davon erfuhr, wollte er An hinrichten lassen, doch in Anerkennung seiner Verdienste – böse Zungen behaupten, aus Furcht vor seiner Magie – widerrief er das Todesurteil und begnadigte ihn. Doch er wurde für immer aus Aquilaneum verbannt. Und so begab es sich, dass der berühmte Zauberer, Großmeister An Togarot von Duinne, erst sein Herz verlor und dann seine Stellung!“

Es gab adäquaten Beifall und irgendeine gute Seele spendierte mir noch einen Krug Wein. Mit Bechern hielt ich mich schon lang nicht mehr auf. Nur mein elfisches Gegenüber schien unzufrieden: „War das alles? Ich wollte nicht wissen, was mein Meister die letzten 6.000 Jahre getrieben hat, ich will wissen, wohin er gegangen ist, und wo ich ihn finde.“

„Nun, junger Recke, wo Ihr ihn findet, weiß auch ich nicht.“

Der Elf zog die Stirn kraus und kramte in seinem Geldbeutel. Dann gab er mir ein ravendisches Silberstück, das offensichtlich vom Wechselgeld des Wirtes stammte. Ganz so dumm schien er doch nicht zu sein. Aber ich würde sein Gold schon noch in meine Finger bekommen, das hatte ich mir fest vorgenommen. Also schluckte ich meinen Ärger herunter und unterbreitete ihm meinen nächsten Vorschlag: „Für ein Goldstück führe ich Euch zu jemandem, der euch gewiss weiterhelfen kann.“

„Wo lebt dieser ominöse Jemand?“

„Hier in Aquilaneum, mein Freund.“

„Dann erscheint mir ein Goldstück doch etwas viel für solch einen simplen Dienst.“

„Ganz im Gegenteil!“, erwiderte ich, „Es ist ungewöhnlich preiswert, denn wir würden uns in nicht geringe Gefahr begeben.“

„Was soll schon gefährlich an einem Besuch sein?“

„Das kommt immer darauf an, wen man zu besuchen gedenkt, junger Elf, und wo.“

„Sprecht weiter, Amor!“

„Ich schlage vor, wir nehmen uns ein Zimmer, denn unser Besuch wird spät in der Nacht stattfinden. Wir sollten ausgeruht sein.“

„Wohin müssen wir uns begeben, warum in der Nacht, und wen besuchen wir?“

„Ich wäre bereit, diese nicht unbedeutende Information mit euch zu teilen. Für die Miete des Zimmers und einen Krug Wein.“

„Habt ihr nicht langsam genug?“

Ich rülpste zur Antwort und begann, Brot und Käse zu vernichten: „Ich habe noch nicht einmal gefrühstückt. Außerdem ist dieses Brot sehr trocken.“

Unser Elf seufzte, bestellte Wein und eine Kammer. Mit übertriebener Höflichkeit schänkte er mir einen Becher ein. Ich schob ihm den Becher hin und trank aus dem Krug. Dann ließ ich fröhlich einen fahren, was sehr zu meiner Entspannung beitrug, und erklärte ihm die Lage: „Frage 1: Wir begeben uns in die Kanalisation. Frage 2: Wir tun das nachts, weil ich einen guten Ruf zu verlieren habe. Frage 3: Wir suchen die einzige Person auf, die mit Sicherheit weiß, wo irgendwer zu finden ist. Falls er es nicht weiß, weiß es niemand.“

„Aber wer ist er?“, begehrte Shandor zu wissen.

Ich leerte den Krug und blickte trübsinnig in die tönerne Leere. Mein Kunde verstand und winkte den Wirt heran. Wir würden gut miteinander auskommen. Ich hatte ihn am Haken. Also konnte ich ihm ruhig etwas Leine geben. Gegen jede Gewohnheit entschloss ich mich, mit offenen Karten zu spielen: „Wir besuchen den König der Diebe.“

Bewerten Sie diesen Artikel

User Rating: 4.25 ( 1 votes)

Über Alpha ODroma

Alpha ODroma
Alpha O’Droma, geboren 18.06.1963 in Berlin. Nach Abitur Studium BWL/Marketing, Abbruch, Arbeit als City Boy (Warentermingeschäfte), dann Berufsspieler, schließlich Billardsalon in Kreuzberg eröffnet. Nach Mauerfall 1990 alles verkauft, ausgewandert. Die schamanistische Lehre eines Sadhus in Rajastan eröffnete ihm völlig neue Sichtweisen des Universums und lehrte den elitären Schnösel dereinst Demut, denn sie entlarvte seine arrogante Rationalitätsbesessenheit als das was sie war: Angst vor der Wahrheit, die man lauthals vorgab zu suchen! Der folgende Sinneswandel trieb seine Blüten in einer langen Reise durch Asien und sich selbst. Ob als Pferdeknecht für den Maharaja von Udaipur, als Komparse in Hong Kong Filmen, als Orangenpflücker in Australien oder als schrulliger Umweltapostel im Thai-TV, immer folgte er der Maxime seines Gurus, stets zu werden und nie zu sein. Dennoch blieb ein Restzweifel im dichten Netz seines Intellekts haften: Wenn das Selbst eine Illusion ist, warum muss ich es dann so oft rasieren? Schließlich ließ er sich auf einer Insel im Golf von Siam nieder, um dort eine Schule zu bauen und Paviane zu studieren. Macht seitdem einen auf Sendungsbewusstsein, ist aber in Wahrheit nur ein bekennender Klugscheißer. Pleite gegangen 1998 mit Asienkrise. Seit 2000 wieder in Europa. Taugt zu nichts außer Schriftsteller ...

Vielleicht interessiert Sie das hier auch?

Der Lesesaal der Library of Congress

Bücher von Alexa Lor im Webshop des Bundesamtes für magische Wesen

Diese Titel von Alexa Lor sind im Webshop verfügbar und zwar genau hier: -> Webshop …

Niflheim - Die Midgard-Saga, ein Fantasyroman für Jugendliche von Alexandra Bauer

Die Midgard-Saga Niflheim von Alexandra Bauer

Als Thea eines Tages von einem rotbärtigen Mann verfolgt wird, ahnt sie nicht, dass dies …

Die Tränen der Hexen, ein historischer Roman aus dem Harz von Uwe Griessmann

Die Tränen der Hexen, ein historischer Roman von Uwe Grießmann

Dieser Roman ist all jenen Menschen gewidmet, die im Namen gleich welchen Gottes gejagt, grausam …

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: