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Füreinander bestimmt von Ashan Delon

Füreinander bestimmt, Gay Romance von Ashan Delon

Targh, ein mutiger Krieger vom Bergstamm des Welbvolkes, zieht aus, um sich den Traditionen gemäß eine Braut zu suchen. Eine Stimme aus seinen Träumen rät ihm, sich in Richtung Süden aufzumachen. Auf seiner Reise begegnet ihm Birjn, wie er ein Gestaltwandler, der ihn vom ersten Moment an fasziniert. Je näher sie sich kommen, desto mehr zweifelt Targh daran, dass er auf die Suche nach einer Frau geschickt wurde. Zur gleichen Zeit hat der Schamane Oman, aus Birjns Stamm, Visionen, in denen eine unbekannte Macht ihr ganzes Volk auszulöschen droht. Er prophezeit, dass die zwei Männer nur vereint der bevorstehenden Bedrohung trotzen können. Gerade, als sie ihre zarte Liebe zueinander entdecken, brechen auch schon die Horden aus Omans Visionen über sie herein. Homoerotische Gay-Mystic

 

Produktinofmation

  • Taschenbuch: 642 Seiten
  • Verlag: Independently published (25. April 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 1521052905
  • ISBN-13: 978-1521052907
  • Größe und/oder Gewicht: 12,7 x 4,1 x 20,3 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung:
  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 3660 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 644 Seiten
  • ISBN-Quelle für Seitenzahl: 1521052905
  • Gleichzeitige Verwendung von Geräten: Keine Einschränkung
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B071H48TX9

 

Leseprobe aus “Füreinander bestimmt”

  • 1

»Und du bist wirklich fest entschlossen?«

Targh sah hoch und musste sogleich die Augen wieder zu einem schmalen Spalt zusammenkneifen, als er seinem jüngeren Bruder ins Gesicht und damit nahezu in die grelle Sonne blicken wollte. Sie stand knapp über den Zinnen des nahen Berggrades und linste dem jungen Mann, der unbemerkt herangekommen war, geradewegs über die Schulter.

Auch wenn Bartogh seine Frage nicht spezifiziert hatte, so wusste Targh doch genau, was er meinte. Denn dieser Punkt schwebte seit Tagen zwischen ihnen und keimte immer wieder von Neuem auf.

Vor einigen Wochen hatte Targh einen Entschluss gefasst, lange mit sich gehadert, nachgedacht und ihn vor wenigen Tagen schließlich der Familie vorgetragen. Es war eine Entscheidung gewesen, die sein ganzes bisheriges Leben gehörig auf den Kopf stellen würde. Für ihn war es selbstverständlich, sich an Traditionen zu halten. Seit jeher bestimmten sie das Leben in der großen, weitläufigen Talsenke. Wie der Krater eines längst erloschenen Vulkans schmiegte es sich in das Hochgebirge und verbarg sich somit weitgehend vor den Blicken und dem Treiben der übrigen Welt. Sie führten ein abgeschiedenes Leben, der Bergstamm, der zum Welbvolk gehörte, das über den gesamten Erdball verteilt war und dennoch von den Menschen strikt getrennt lebte. In kleinen, in sich geschlossenen Siedlungen verbarg sich dieses Volk vor den Augen der übrigen Menschheit. Beheimatet in den Tiefen von dichten Wäldern, nahezu unzugänglichen Gebirgsschluchten, auf Inseln weit im offenen Meer oder gar in den dunklen, kalten Wirren labyrinthartiger Höhlengänge erhielt es sich seine eigenen Traditionen. Manche der Stämme öffneten sich dem Leben, das auf der Erdkugel pulsierte, mehr, andere weniger. Der Bergstamm gehörte zu jenen, die sich jeglichem Einfluss durch die Menschenwelt, deren Entwicklungen, Fortschritte, Ideen und Denken verschloss, und sich strikt an eigene Überlieferungen und Gepflogenheiten hielt.

Füreinander bestimmt von Ashan Delon
Füreinander bestimmt von Ashan Delon

Ein solches Brauchtum war die Brautsuche.

Eine Tradition, die seit Generationen von den jungen Burschen an ihrem achtzehnten Geburtstag praktiziert wurde. Die meisten heranwachsenden Männer sahen sich aus Bequemlichkeit überwiegend in den umliegenden Dörfern in der Talsenke um, sodass sich deren Brautsuche weitgehend in Grenzen hielt. Targh hingegen weitete diesen uralten Brauch auf eine größere Umgebung aus. Er folgte einem Traum, in dem ihm eine Stimme riet, die Heimat zu verlassen und sich nach Süden aufzumachen, um seine Liebe zu finden.

Dieser Entschluss hatte nicht gerade für Begeisterungsstürme gesorgt. Normalerweise gab es für eine Familie kaum etwas Bedeutenderes, als wenn der Nachwuchs erwachsen wurde und eine eigene Familie gründete. Bei all den anderen Burschen war dies zumindest der Fall, wenn sie bekannt gaben, sich auf Brautsuche zu begeben. Meist gab es ein großes oder auch kleineres Fest – je nach Reichtum der Familie und Länge der Wegstrecke, auf die sich der Werber begeben würde. Ein weiteres wurde abgehalten, wenn er Stunden, Tage oder Wochen später mit einem jungen Mädchen zurückkehrte.

Targh würde länger unterwegs sein. Denn sich in den Süden aufzumachen hieß, das Tal und damit auch das Gebirge zu verlassen, in unbekannte Gefilde einzutreten, sich waghalsigen Abenteuern und vielleicht sogar tödlichen Gefahren zu stellen.

Seine Familie hatte den Entschluss akzeptiert, ohne ihn auch nur im Geringsten anzuzweifeln oder zu versuchen, ihn umzustimmen. Diese Brautsuche war eine feste, unumstrittene Tradition, wie weit der Werber die Suche auch ausdehnen wollte. Es stand ihm vollkommen frei. Der junge Targh war in der Geschichte des Bergstammes auch nicht der Erste, der seine Braut außerhalb des eigenen Stammes oder auch des Tales suchte. Insofern stellte es keine außerordentlich beunruhigende Besonderheit dar, eher eine unbedeutende Besorgnis, ein ungutes Gefühl, eine unangenehme Ungewissheit.

Denn trotz allem verließ selten einer vom Bergstamm das Tal – für was auch immer. Es war auch niemals notwendig gewesen, denn alles, was sie für ihr Überleben brauchten, befand sich innerhalb dieser Senke. Sie versorgten sich selbst, züchteten Tiere und Pflanzen und stellten alles eigenhändig her, was sie für ihre Annehmlichkeiten benötigten.

Doch der Traum hatte Targh nicht mehr losgelassen, seit er ihn zum ersten Mal geträumt hatte. Seitdem kehrte er beinahe jede Nacht zurück. Jedes Mal, wenn er am Morgen erwachte, hatte sich der Entschluss, sich Richtung Süden aufzumachen, noch mehr gefestigt – bis er sich schließlich seiner Familie und den Ältesten offenbarte.

Targh würde in wenigen Tagen, am Tag seines achtzehnten Geburtstages, das Tal für unbekannte Regionen verlassen. Keiner, der derzeit Lebenden, nicht einmal die Ältesten, wussten, was ihn hinter den Bergzinnen erwarten würde. Niemand war imstande ihm einen Rat zu geben, ihm zu sagen, wie er sich verhalten oder worauf er achten solle. Keine einzige Seele konnte ihm einen Reiseplan aufstellen oder ihn auf Gefahren hinweisen. Und kein einziger vermochte ihm wirklich zu beschreiben, wo genau sich die anderen Stämme des Welbvolkes vor den Augen der Menschen verbargen. Sobald Targh die Berggrade überschritt, war er auf sich allein gestellt.

Ein Gedanke, der ihn zwar mit Unbehaglichkeit erfüllte, jedoch auch mit einer gewissen Vorfreude. Sein Leben würde nicht mehr dasselbe sein, doch insgeheim freute er sich bereits auf die Abenteuer und die Dinge, die ihm auf seiner Reise begegnen würden.

»Mach dir doch nicht ins Hemd«, winkte Targh ab und grinste zu dem Jüngeren hoch. Er schob die Fische beiseite, die er soeben aus seinem Netz befreit und grob entschuppt hatte. Dann setzte er sich auf den Felsen neben dem gurgelnden Bach, der von irgendwo weiter oben dem Hang entsprang und sich in Jahrhunderten einen breiten Weg durch das Gestein gebahnt hatte. Dort oben gab es einen kleinen See, den einer seiner Urgroßväter mittels eines künstlichen Dammes angelegt und mit Fischbrut besetzt hatte, sodass man dort bequem fischen konnte. Hin und wieder verirrten sich einige der Fische den Bach hinunter, der über den Deich in den Überlauf floss und in den Bach mündete. Spannte man in den Wasserlauf ein Netz, so wurde man stets mit frischem Fisch versorgt.

»Es könnte auch gut sein, dass ich meiner Braut im Süden, am anderen Ende des Tales, über den Weg laufe und in vier Tagen wieder zurück bin.« Targh versuchte sich in einem besänftigenden Lächeln und wischte sich die schmierigen Finger an der Hose ab. »Das ist doch wirklich kein Beinbruch. Ich bin ja nicht für immer weg.«

»Aber vielleicht doch für sehr lange Zeit«, seufzte Bartogh und setzte sich neben seinen Bruder auf den Felsen, der ihnen ausreichend Platz für zwei bot. »Es gab schon lange niemanden mehr, der das Tal verlassen hat.«

»Dann ist es an der Zeit.«

Targh ließ den Blick über das Tal schweifen, das sich unter ihm ausbreitete, von seiner Position aus, zwei oder drei Handbreit in die eine und ebenso viele in die andere Richtung. Er befand sich in vielen hundert Metern Höhe und genoss von hier aus einen guten Blick über ihre Heimat. Unten angekommen, würde er vier oder fünf Wochen brauchen, um von einem Ende zum anderen zu gelangen – im Laufschritt und ohne Pausen. Um es einmal zu umrunden, wäre er doppelt oder dreimal so lange unterwegs. Eine Strecke, die er noch nie abgegangen war.

Sein Bruder seufzte abermals leise. »Gibt es denn hier kein Mädchen für dich?«, wollte er wissen.

Ein Lachen entkam Targh, obwohl er den absolut ernsten Ton seines Bruders wohl vernommen hatte. Er war der Einzige, der sich aufrichtig Sorgen um ihn machte. Keiner kannte die Gefahren, die ihn auf der Reise erwarten würden, wirklich.

Bartogh war selbst in dem Alter, in welchem er sich für das andere Geschlecht interessierte und auch schon einige Techtelmechtel aufweisen konnte. Ihren Traditionen gemäß blieb es jedoch bei kleinen Zärtlichkeiten, heimlichem Kuscheln oder verstohlenen Küssen. Es war verpönt, sich zu mehr hinzugeben, bevor man miteinander vermählt worden war. Da zeigten sich die Ältesten streng und duldeten keine Verstöße. Gegen harmlose Zärtlichkeiten und sehnsüchtige Blicke hatten sie jedoch nichts, und so wurde Bartogh bereits des Öfteren mit Mädchen erwischt.

Targh hingegen noch nie.

Es interessierte ihn nicht einmal. Tat es noch nie.

Keine einzige der jungen Frauen hatte seine Aufmerksamkeit je so sehr auf sich gelenkt, dass er sich auf mehr als Blicke und ein freundliches Lächeln eingelassen hätte. Dies war einer der Hauptgründe gewesen, warum er dem Traum folgen würde.

Für ihn gab es hier in diesem Tal keine Lebenspartnerin.

Die Sache war todernst, dennoch lachte Targh. Aus Frust oder aus Verunsicherung, oder doch, weil er wieder einmal erkannt hatte, dass er anders war, als all die anderen Jungs des Bergstammes, anders als sein eigener Bruder.

Wo fing er an aufzuzählen, was so anders an ihm war?

Eines war schon erwähnt worden. Ihn interessierten die Mädchen im Tal nicht im Geringsten. Das Zweite war sein magisches Tier.

Mit einem Bergwolf wollte niemand etwas zu tun haben, am allerwenigsten die jungen Frauen.

Jeder vom Welbvolk, ob vom Bergstamm, den Inselvölkern oder den Bewohnern von Höhlen oder Wäldern, besaß ein magisches Tier, in welches er sich zu wandeln vermochte. Welches, durfte man sich nicht selbst aussuchen. Im Allgemeinen kristallisierte es sich zu Beginn der Pubertät allmählich heraus. Dann konnte man sein Schicksal annehmen oder sein Leben lang damit hadern. In der Regel schätzten sich die meisten glücklich über das jeweilige Tier. Nur wenige zeigten sich enttäuscht, wenn sie zur Schlange, einem Vogel oder gar zu einfachen Ratten wurden. Weithin beliebt waren die Klettertiere wie Ziegen oder der Puma mit seinen scharfen Krallen und Fangzähnen. Als Ziegen besaßen sie lange Hörner und kräftige Hufe, mit denen sie sich sehr gut in einem Kampf behaupten konnten.

Sobald sich das magische Tier in einem herauskristallisiert hatte, maßen sich die jungen Leute aneinander in Wettkämpfen, um herauszufinden, welches das mächtigste Tier war.

Der Bergwolf war das Imposanteste und Stärkste unter ihnen. Allein schon deswegen wollte sich keiner der anderen jungen Männer und Frauen mit ihm messen. Ihre Niederlage war vorherbestimmt, noch bevor sie antraten.

Zudem gab es eine Legende über einen Wolf, der sich nicht entscheiden konnte, in der Steppe oder im Gebirge zu leben. Also teilte er sich und lebte fortan in beiden Gegenden. Doch die Hälfte, die in den Bergen lebte, wollte sich eines Tages nicht mehr mit nur einem Teil der Seele und Kraft zufriedengeben. Daher jagte er den Steppenwolf, tötete ihn und vereinigte sich mit der anderen Hälfte wieder zu einem Ganzen. Deswegen galt der Bergwolf als böses Tier. Der Grund, weswegen sich ihm niemand entgegenstellen wollte.

Die anderen Jungen hielten sich von ihm fern. Als Targh begriffen hatte, dass der Bergwolf sein Tier war, hatte er versucht, es so lange wie möglich zu verbergen, weil er wusste, was passieren würde. Doch irgendwann war es unumgänglich, sein magisches Tier vor der Dorfgemeinschaft zu präsentieren – eine weitere Tradition seines Stammes. Spätestens zum sechzehnten Geburtstag wusste jeder um sein Tier und hatte es in einem Ritual bekannt zu machen. Als sich Targh verwandelt hatte, herrschte lange Zeit angespanntes Schweigen. Bis die Ersten einfach aufgestanden waren und die Feierlichkeiten verließen.

Bereits vor diesem Zeitpunkt konnte Targh nicht unbedingt viele der jungen Männer zu seinen Freunden zählen. Aber an jenem Tag verlor er auch den Rest. Niemand wollte mehr etwas mit ihm zu tun haben.

Er hatte sich – zwei Jahre danach – seinem Schicksal gefügt. Ändern konnte er es nicht. Einzig seine Familie stand hinter ihm, obwohl sein Vater lange Zeit geschwiegen und ihn mit traurigem, beinahe leidendem Blick angesehen hatte. Auch er hatte nichts daran ungeschehen machen können. Das Schicksal spielte oft bizarre Spiele und bei Targh schien es sich regelrecht austoben zu wollen.

Nicht nur, dass ihn keines der Mädchen je in irgendeiner Weise erregt hätte, und er durch sein magisches Tier zum Geächteten geworden war, besaß er noch einen anderen Makel, von welchem allerdings nur er etwas wusste. Bei dem er jedoch keine Ahnung hatte, was genau da immer mit ihm passierte. Es beängstigte ihn stets aufs Neue, sodass er unablässig versuchte, es zu verhindern.

Er drehte sich um und blickte den Berghang hinauf. Dort oben war sein geheimer Platz, an den er sich verzog, wenn ihm nach Einsamkeit und Stille war. Dort oben, irgendwo zwischen scharfen Felsen und schmalen Graden, so hoch oben, dass die Vegetation hinter ihm zurückblieb. Wo die Steinadler ihre Nester bauten und er beinahe die Wolken berühren konnte. Dann saß er in seiner bevorzugten Nische, ließ den Blick über das Tal schweifen und seine Seele fand Ruhe.

»Wie lange wirst du weg sein?« Bartoghs Stimme drang in seine Gedanken ein und katapultierte ihn gnadenlos in die Wirklichkeit.

Targh zog die Schultern hoch. »Keine Ahnung. So lange es eben dauert?« Er rutschte ein wenig zur Seite, um sich eine bequemere Position zu suchen, denn der harte Fels drückte sich unangenehm in seinen Hintern. »Ein paar Monate vielleicht … Oder auch ein Jahr … Ich weiß es nicht.« Er seufzte leise. »Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet.«

»Kann ich dich begleiten?«

Wieder lachte Targh und rempelte seinen Bruder mit der Schulter gegen den Arm. »Glaubst du wirklich, deine süße Danne verzichtet ein ganzes Jahr auf die heimlichen Küsse hinter der Scheune?«

Augenblicklich lief Bartogh rot an und senkte den Kopf. Für Targh stand es bereits fest, dass die Brautsuche seines jüngeren Bruders gerade mal im Nachbarhaus enden würde. So oft, wie er die beiden schon dabei beobachtet hatte, wie sie hinter der Scheune zwischen ihren Häusern verschwanden.

»Mach dir keine Sorgen«, gab Targh unbekümmert von sich, obwohl in seinem Inneren das Unbehagen regelrecht wütete. Ihm war selbst nicht wohl dabei, doch der Entschluss stand bereits fest und er würde sich nicht davon abbringen lassen. Auch nicht von seinem Bruder, dem einzigen Verbündeten hier im Tal.

»Mach ich mir aber.« Bartogh schob trotzig den Unterkiefer hervor und stieß sich von dem Felsen ab. »Machen wir ein Wettrennen?«

»Du verlierst doch sowieso immer«, winkte Targh ab, erhob sich ebenfalls vom Felsen und sammelte die Fische vom Boden auf. Er hielt sie kurz hoch. »Außerdem muss ich die erst zu Mutter bringen.«

»Feigling!«, rief Bartogh und hieb ihm scherzend in die Seite.

Targh zuckte zusammen. Aber nicht, weil ihn sein Bruder, der ihm an Statur, Körpergröße und Kraft unterlegen war, so schmerzhaft getroffen hatte. Der Grund hierfür war, dass er sich auf der Stelle in sein magisches Tier verwandelte, um den ein Jahr jüngeren mit dem lauten Brüllen eines Bergwolfes zu erschrecken. Tatsächlich wich der Junge zurück, krümmte sich ebenfalls zusammen und machte wenig später – in Gestalt eines jungen, überschwänglichen Ziegenbocks – einen gewaltigen Sprung zur Seite.

Magische Tiere waren ihren natürlichen Brüdern sehr ähnlich, sodass man sie leicht verwechseln konnte. Sie unterschieden sich jedoch nicht unerheblich in Größe, Kraft und Erscheinung. Die echten Bergziegen, die in großen Gruppen über das Gebirge zogen, waren nur halb so groß wie der Bock, der nun mit sicheren Klauen über das Gestein sprang und dem auf gewaltigen Pfoten hinterher preschenden Bergwolf zu entkommen versuchte.

Würde ein Mensch das Geschehen beobachten, würde er behaupten, dass ein großer Wolf eine Ziege zu reißen beabsichtigte. In Wirklichkeit gedachte Bartogh, sich seinem Bruder in den Weg zu stellen, damit dieser nicht an ihm vorbei kam. Denn er wusste ganz genau, dass der Ältere ihm nicht nur an Stärke und Ausdauer überlegen war, sondern auch, dass er aufgrund seines Tieres nicht die geringste Chance besaß als Erster anzukommen.

 

  • 2

Es war anstrengend, aber auf genau diesen Wettkampf hatten sie sich seit Monaten vorbereitet.

Birjn spulte sein Programm ab, bog den Rücken durch, sodass die Schultern fast den Hintern erreichten, und tauschte den Stand der Füße mit den Händen. Anschließend streckte er die Beine in einen akkurat gestreckten Handstand in die Luft. Dabei balancierte er auf dem Kopf seines Partners, der wiederum auf den Schultern eines anderen stand. Er fühlte das Zittern der angestrengten Muskeln unter sich. Jedoch waren sie ein so eingespieltes Team, dass sie genau wussten, wie weit sie gehen und wie lange sie noch durchhalten konnten.

In quälender Gemächlichkeit sanken seine gestreckten Beine zur Seite, bis er in einem perfekten Spagat verharrte. Dann nahm er eine Hand vom Kopf, reckte sie zur Seite, um den gegrätschten Handstand in vier Metern Höhe einhändig auszuführen. Dabei ließ er die Beine tiefer sinken, links und rechts an dem Arm vorbei, mit welchem er auf dem Kopf des anderen Mannes balancierte. In dieser Figur hielt er einen Moment inne, um die Beine dann wieder langsam zu einer makellosen Waage anzuheben. Nach ein paar weiteren Sekunden, in denen er in dieser Position blieb, kam er in den einhändigen Handstand zurück.

Seine Muskeln zitterten vor Anstrengung, ebenso die der Untermänner. Doch ihr Programm war noch nicht zu Ende. Wenn ihnen in den letzten Minuten ihrer Darbietung nicht noch ein fataler Fehler unterlief, war ihnen der Sieg so gut wie sicher. Es gab nur noch eine Mannschaft, die ihnen die Medaille abspenstig machen konnte. Sie lagen beinahe gleichauf. Daher durfte kein Patzer passieren.

Birjn aktivierte noch einmal seine Kräfte und begann die letzte Übung. Ein weiteres Mal ließ er die Beine nach hinten sinken, stellte sie auf die Schultern des Untermanns ab und richtete sich gerade auf. Dann ging er leicht in die Knie und sprang in einem doppelten Salto auf den Boden. Um den Schwung abzufangen, rollte er sich sofort ab und stand einen Augenblick später bereits wieder auf den Beinen. Beinahe gleichzeitig war auch der nächste Turner abgegangen, jedoch in einem einfachen Salto und kam direkt neben ihm auf. Der dritte schloss mit einem engen Überschlag auf und blieb auf der anderen Seite stehen. Birjn packte die ihm dargebotenen Hände, ging in die Knie und ließ sich vom eigenen Schwung und dem seiner Partner nach oben in die Luft werfen. In luftiger Höhe absolvierte er einen doppelten Salto und landete an gleichen Stelle wieder auf dem Boden.

Anschließend vollführte er sofort einen rückwärts ausgeführten Flick-Flack. Seine Partner folgten ihm mit einem Radschlag und einem gesprungenen Rad und standen wieder neben ihm, um ihn abermals zu packen und in die Luft zu werfen. Diesmal drehte sich Birjn jedoch mehrmals längs um die eigene Achse wie ein wirbelnder Stab und wurde von seinen Partnern in der Waagrechten aufgefangen, um sogleich auf die Beine gestellt zu werden.

Die Sprünge und Würfe beherrschten sie perfekt. Jeder Griff saß. Alles ging federleicht und elegant vonstatten. Obwohl ihre Kräfte wegen der komplizierten Kür und den kräftezehrenden Balanceakten ziemlich aufgebraucht waren, gelang es ihnen, ihre Darbietung ohne einen Patzer, einen Wackler oder einen Fehlgriff zu absolvieren.

Der Beifall setzte ein, unmittelbar nachdem Birjn mit einem weiteren Salto und einer Hechtrolle in seine Schlussposition kam und dort schweratmend verharrte.

Sie hatten es geschafft.

Jetzt kam es auf die Punktrichter an.

Birjn war sich nicht sicher, ob bei einer der ersten Übungen alles glatt gelaufen war. Während der Kür versuchte er, nicht an die zurückliegenden Figuren zu denken, sondern mit seiner Konzentration stets in der Abfolge zu bleiben. Er hatte jedoch ein sehr gutes Gefühl.

Die drei Männer lösten sich aus ihrer Schlussposition und lachten beinahe gleichzeitig auf. Als einen Augenblick später die Punkte auf der großen Anzeigetafel erschienen, brachen sie in denselben Jubel aus, der auch um sie herum lostobte.

Sie waren bereits den ganzen Nachmittag als Favoriten gehandelt worden und enttäuschten die Zuschauer nicht. Ihre Darbietung war einwandfrei und fehlerlos gewesen und sie hatten daher die goldene Medaille zu Recht gewonnen.

~ * ~

Als sich Birjn wenig später von seinen Turnkollegen löste, noch immer im Freudentaumel schwelgend, mit einem Stück glänzenden Metall auf der Brust, stellte er sich in der Umkleidekabine ans Fenster. Gedankenverloren blickte er in den Regen hinaus. Die Tropfen prasselten nun schon den ganzen Tag lang unaufhörlich vom Himmel und verwandelten die Welt da draußen in eine regelrechte Schlammgegend. Er hatte noch nicht viel von dem miesen Wetter mitbekommen. Allerdings begleitete ihn das stetige Prasseln der Regentropfen auf das metallene Dach der Turnhalle bereits seit heute Morgen, als er mit der Mannschaft zum Wettkampf angetreten war.

Dieses permanente Rauschen schadete seiner Konzentration zwar nicht, dennoch fühlte er sich erschöpfter denn je. Sein Kopf war schwer und eine Andeutung von leichtem Kopfschmerz bahnte sich an. Der Wettkampf war wirklich anstrengend gewesen und alle drei hatten ihr Bestes gegeben. Trotz des miesen Wetters und des trüben Neonlichtes, das von der Decke auf die Turner herunterleuchtete und verzweifelt versuchte, den Tag etwas zu erhellen, fühlte er irgendwie Euphorie in sich aufkeimen. Die drückende, von Hunderten von Leuten verbrauchte Luft, die ihm das Atmen zusätzlich erschwerte, konnte nichts daran ändern. Sie hatten den Wettkampf gewonnen, waren nun Landesmeister und würden in ein paar Monaten zur internationalen Meisterschaft antreten. Und nächstes Jahr ging es zur Olympiade. Darauf freute er sich trotz allem ganz besonders.

Sie waren nur eine Hobby-Mannschaft, nahmen ihr Talent eigentlich nie so wirklich ernst, doch irgendwann war in ihnen der Wunsch aufgekommen, mehr aus sich zu machen. Birjn hatte anfangs noch etwas gezögert, denn er wollte ursprünglich nicht so intensiv in die Sportakrobatik einsteigen. Die Regionalmeisterschaften genügten ihm. Höher zu steigen, hieß mehr trainieren, mehr Zeit investieren, bessere Leistungen absolvieren und wiederum mehr Zeit und Kraft in das Training zu stecken.

Für Birjn war es stets ein netter Zeitvertreib gewesen, mit welchem er einigermaßen passable Erfolge erzielen konnte. Denn für Akrobatik besaß er ein ausgeprägtes Talent. Oft genug war er von Leuten angesprochen worden, die ihn für ihren Verein oder ihre Sportgruppe engagieren wollten. Doch Birjn lehnte stets ab. Denn dies hieß auch, dass er dann die volle Aufmerksamkeit auf seine Sportlerkarriere lenken musste.

Doch das konnte er nicht.

Denn er besaß ein Doppelleben.

Niemand, außer ein paar Turnkollegen wussten, wer er wirklich war.

Niemand, außer diesem kleinen, auserlesenen Kreis ahnte, dass er eigentlich kein Mensch war.

Er war ein Welb.

 

Nicht mehr lange und er durfte endlich in seine Welt zurückkehren. Die Zeit, die er zwischen den Wettkämpfen für sich in Anspruch nehmen konnte, war rar. Aber stets verbrachte er sie bei seinen Leuten, in den tiefen Wäldern seiner Heimat, verborgen vor den Blicken der Menschen. Fast verborgen, berichtigte er sich gedanklich.

Nur die Menschen, die am Rande des Waldes wohnten, ahnten von der Siedlung, die sich weit im Inneren befand. Denn einige von Birjns Volk arbeiteten in der großen Stadt und bewegten sich ebenso unerkannt unter ihnen, wie er es tat. Sie wussten jedoch nichts Genaueres über die Eigenbrötler, die dort hausten. Die Menschen kamen selten in den Wald. Ein magischer Schutzwall verhinderte, dass sie tief eindringen und das Dorf entdecken konnten. Die Magie sorgte dafür, dass sie es sich rechtzeitig anders überlegten und umkehrten. Nur Angehörige des Waldstammes vermochten den Wall zu durchdringen und solche, die von ihnen wussten und denen sie vertrauten.

In zwei oder drei Tagen würde er wieder in seinen Wäldern jagen können, dachte er sehnsüchtig und lehnte die Stirn gegen das kalte Glas. Draußen goss es noch immer in Strömen. Bereits als Kind hatte er es genossen, im Regen durch den Wald zu streifen und den Duft des nassen Waldbodens in sich aufzunehmen. Er liebte es, den Bäumen beim Wachsen zuzusehen und ihrem Rascheln zu lauschen, wenn sie sich mit dem Wind unterhielten. Er genoss es, das Knistern und Prickeln am eigenen Leib zu spüren, das von dem pulsierenden Leben unterhalb des Waldbodens kam.

Zwei oder drei Tage noch, je nachdem ob und wann das Flugzeug bei diesem Wetter starten konnte, würde er sich noch gedulden müssen. Dann durfte er in seine Heimat zurückkehren, zurück zu seiner Familie. Zurück zu seinesgleichen.

Obwohl er gerne tat, was er tat und sich auch wie selbstverständlich unter den Menschen bewegte, fühlte er sich bei seinem eigenen Volk wesentlich wohler. Nur sie konnten nachvollziehen, wie ihm zumute war. Nur sie spürten die Magie, die in jedem Mitglied des Welbvolkes pulsierte. Nur sie wussten, dass er eigentlich zwei, nein, drei Leben führte.

Als begabter Akrobat. Als Welbkrieger und als eine Feliskatze.

 

 

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Über Ashan Delon

Ashan Delon

Ashan Delon, oder eher gesagt die Autorin hinter dem Pseudonym, Baujahr 1965, erblickte das Licht der Welt im tiefsten Bayern, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie am Rande einer Kleinstadt lebt. Geschrieben hat sie schon immer, doch erst vor wenigen Jahren packte es sie richtig, als ein Verlag einen Fantasy Wettbewerb ausschrieb. Ihre Story ‚Drachenfedern‘ wurde so geboren. Seitdem schreibt Ashan in jeder freien Minute und verliebte sich schon bald in homoerotische Geschichten, die mittlerweile ihr Lieblingsspielplatz geworden sind. Ihre Storys sind romantisch, erotisch, ergreifend und haben oft einen ernsten Hintergrund.

Was als Hobby begann, ist inzwischen zu einer zeitfressenden Leidenschaft geworden, die sie einfach nicht mehr loslässt. Das Schreiben gleicht einer Zeitreise, in der sie in ihre Welten abtauchen und für wenige Stunden den Alltag vergessen kann. Am Schönsten ist es für sie, wenn sie den Leser mitnehmen kann auf einen dieser Ausflüge.

Besonders im Fantasybereich kann sie ihrer blühenden Fantasie freien Lauf lassen. Neben Drachen erblickten auch einige Gestaltwandler, Vampire und mystische Krieger das belletristische Licht der Welt.

Den beiden vorliegenden Bänden zu “Drachenfedern” folgt demnächst ein dritter Teil.

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