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Hexenbälger von Sandra Busch

Um eine Prophezeiung zu verhindern, wurde er ausgeschickt, alle Hexer des Landes zu töten. Voller Hass auf die Zauberkundigen folgt er dem Befehl, denn er wurde von einem der ihren geschaffen: Der Kriecher.

Auf seinem tödlichen Weg stößt der Kriecher auf Sid und Tinkim, die wie Brüder unter den Fittichen der alten Muhme aufwuchsen. Und plötzlich finden sich die beiden Hexenbälger in einem Kampf ums Überleben wieder.

Hexenbälger von Sandra Busch

Hexenbälger von Sandra Busch

Produktinformation

  • Taschenbuch: 268 Seiten
  • Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform (11. Dezember 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 1494459868
  • ISBN-13: 978-1494459864
  • Größe und/oder Gewicht: 22,8 x 15,2 x 2 cm

Leseprobe aus „Hexenbälger“

Mitten im tiefen Wald, stand auf einer Lichtung ein windschiefes Häuschen mit einem kleinen Garten, einem sorgfältig gepflegten Kräuterbeet und einem überdachten Brunnen. Faul und fett lag eine weiße Katze auf der Bank neben der niedrigen Tür des Häuschens und blinzelte mit ihren gelben Augen missmutig in Richtung der beiden Streithähne, die sich wie in einem Duell gegenüberstanden. Die Mienen der beiden Kinder waren ausgesprochen finster und die Luft zwischen ihnen schien vor Spannung zu knistern. Die Katze fauchte gereizt. Sie fühlte sich in ihrer Ruhe gestört, denn die Zauberstäbe der beiden Knirpse waren zum Angriff gezückt.

„Nimm das, du hässliche Gestalt!“

Dicke Warzen erblühten in Tinkims Gesicht, doch schon holte er zum Gegenschlag aus und ließ seinen Zauberstab tanzen.

„Und du nimm das!“

Sids Haut färbte sich dunkelblau.

„Im Feenstaub sollst du ersticken!“

„Die Kobolde sollen dich holen!“

„Die Muhme soll dich in ihren Kessel stecken!“

„Nein, dich soll sie am Spieß braten!“

Erneut wirbelten die Zauberstäbe und gleich darauf hatte Tinkim einen buschigen Schwanz aus seinem angeschmuddelten Kittel ragen und Sids Ohren ähnelten denen des mächtigen Hirschen, den sie gestern erst während eines eher seltenen Waffenstillstandes beobachtet hatten. Tinkim verrenkte sich beinahe den Hals, um seinen Schwanz zu betrachten. Tränen stiegen ihm in die Augen und der Zauberstab fiel ihm aus der Hand. Wie sollte er denn damit am Abendbrottisch sitzen?

„Mach den weg.“

„Heulsuse! Heulsuse!“ Sid lachte und wackelte spöttisch mit seinen langen Ohren.

„Mach den weg!“ Tinkim begann zu weinen, mehr aus Wut, weil er wieder einmal nicht gegen den drei Jahre älteren Jungen ankam, der ihn lautstark auslachte.

„Du flennst wie ein Mädchen.“

Mit einem aufgebrachten Schrei warf sich Tinkim auf seinen Widersacher und hieb mit den geballten Fäusten auf ihn ein. Sein ungestümer Angriff brachte Sid tatsächlich zum Wanken und die wilde Boxattacke warf ihn um.

„Na warte, du kleine warzige Kröte!“ Sid schlug zurück. Angestrengtes Keuchen erklang, Wegerichblätter wurden zerdrückt, nackte, schmutzige Füße rissen Furchen in den Grasboden. Gleich darauf heulte Sid auf, weil Tinkim ihm heftig in die Hand biss.

„Du verdammte Schnappschildkröte!“

„Du hässlicher Waldschrat!“

„Du blödes Wechselbalg!“

„Du stinkendes Stück Trollscheiße!“

Sie traten, prügelten und kratzten sich, bis Sid die Oberhand gewann – ebenfalls wie üblich. Triumphierend hockte er auf Tinkims Brust und starrte auf ihn nieder, seinen Sieg sichtlich auskostend.

„Du Jammerlappen hast …

„… verloren.“ Sids höhnisches Grinsen brachte Tinkim innerlich zum Kochen. Vierzehn Jahre später und nichts hatte sich zwischen ihnen geändert. Sid war hassenswert geblieben, spielte ihm nach wie vor Streiche und lachte ihn regelmäßig bei seinen misslungenen Hexereien aus. Und diese stümperhaften Bemühungen, wie Sid sie bezeichnete, stellten einen wunden, sehr wunden Punkt in Tinkims Leben dar.

„Geh runter von mir, du schleimiger Lurch“, zischte er, stemmte die Hände gegen Sids Brust und versuchte ihn von sich zu schieben. Plötzlich stutzte er, denn sein Gefährte schaute ziemlich seltsam auf ihn herab. Unsicher versuchte er in Sids schwarzen Augen zu lesen, die zwischen dem dichten Fell in seinem Gesicht funkelten. Plante der hinterlistige Mistkerl die nächste Gemeinheit?

„Geh runter“, flüsterte er, von dieser ungewohnt nachdenklichen Miene schlagartig eingeschüchtert und dieses Mal kam Sid der Aufforderung nach.

Plötzlich ging ein ganzer Hagel grauenhafter Flüche auf sie hernieder, sodass sie sich eilig aufrappelten und ihre verdreckten Hemden zu glätten versuchten. Ein kleines, gebeugtes Weib mit einem Buckel unter dem bunten Kleid und einem Triefauge in dem runzligen Gesicht humpelte verärgert auf sie zu. Gleich darauf untermalte sie ihre deftigen Beschimpfungen mit Hieben ihres knorrigen Stocks, auf den sie sich sonst stützte. Schmerzhaft wurde Tinkim mehrmals getroffen und er verbiss sich einen Aufschrei. Die Muhme besaß Riesenkräfte, so hilflos sie auch aussehen mochte.

„Tag für Tag, Jahr für Jahr!“, kreischte sie ungehalten. „Wann werdet ihr jemals Frieden miteinander schließen? Ich hätte euch in den Höllenpfuhl geworfen, wenn ich das geahnt hätte.“

„Du hättest ja in deine Kristallkugel schauen können, Muhme“, murmelte Sid frech. Gleich darauf ruckte sein Kopf zur Seite, als er aus dem Nichts heraus eine deftige Ohrfeige erhielt. Tinkim fixierte betreten seine nackten Zehen, als sich der verärgerte Blick der Muhme auf ihn richtete.

„Es dämmert bereits. Ihr solltet lediglich Wasser holen und nun seht euch an. Der eine hat überall grüne Beulen und der andere hat sich ein Fell anhexen lassen und wird mir mit Sicherheit Flöhe ins Haus bringen. Das sind Kindereien. Dabei solltet ihr euch wie erwachsene Männer benehmen.“ Aus den Falten ihres Kleides zog sie einen fingerdicken Stab hervor und schwenkte ihn in einem eleganten Muster. Fell und Beulen verschwanden und ihre Hemden und Hosen waren von einer Sekunde auf die andere blitzsauber.

„Nun geht euch waschen und holt mir das Wasser, damit wir endlich zu Abend essen können. Und wenn ihr euch heute nicht mehr benehmen könnt, werde ich mit einem Hexenzauber dafür sorgen, dass ihr euer alberndes Verhalten bereuen werdet. Ich bin eure Streitereien allmählich leid.“ Mit dieser Drohung humpelte die Muhme in das Häuschen zurück.

„Rabenaas“, flüsterte Sid in Tinkims Richtung.

„Lumpensack“, murmelte er gewohnheitsmäßig zurück und folgte seinem Hexenbruder zum Brunnen.

Als Sid den Eimer in die dunkle Tiefe ließ, brummte er: „Ich frage mich immer wieder, wieso sie sich das Wasser nicht ins Haus zaubert. Es wäre um vieles leichter und schneller.“

„Damit du ehrliche Arbeit zu würdigen lernst.“ Tinkim konnte sich die Stichelei nicht verkneifen. Er bohrte seine Zehen ins Gras, das sich weich und kühl unter seiner Sohle anfühlte.

„Oder damit du dir nicht dumm vorkommst, weil du als einziger von uns nicht vernünftig hexen kannst.“ Sid grinste und zerrte den gefüllten Eimer in die Höhe, um ihn gegen einen leeren auszutauschen, den er in die Tiefe schickte. Der offene Spott tat Tinkim in der Seele weh. Er gab sich große Mühe, strengte sich wirklich an, aber seine Hexerei funktionierte lediglich, wenn er richtig wütend war. Sid Furunkel und eine lange Nase zu verpassen fiel ihm ausgesprochen leicht. Doch wenn die Muhme ihn unterrichtete oder er alleine übte, gingen seine Zauber ständig schief. Inzwischen hatte er große Angst, ein Unheil anzurichten, das die Muhme nicht mehr beheben konnte. Das Spiel mit den Mächten war gefährlich, das war ihm wohl bewusst. Allerdings ging dieser Gedanke in seinen Auseinandersetzungen mit Sid regelmäßig verloren.

„Oooh, fängt der kleine Tinny gleich zu flennen an?“

Halbherzig schlug er nach Sid, der den zweiten gefüllten Eimer flink vom Haken zog und zum Haus lief.

„Da musst du früher aufstehen“, rief Sid lachend. Tinkim reagierte darauf gar nicht, sondern lehnte sich mit einem leisen Seufzen gegen den Brunnen, der aus hellen Feldsteinen gebaut war. Endlich hatte er eine Minute lang Ruhe vor diesem dem Höllenpfuhl entsprungenen Quälgeist.

Den Kopf in den Nacken gelegt versuchte er die ersten Sterne zu erspähen. Ihr silbriges Glimmen übte eine beruhigende Wirkung auf ihn aus, daher mochte er die Nacht mit ihren Eulenrufen und dem seltsamen Knistern und Kraspeln in der Finsternis. Enttäuscht musste er einsehen, dass es für Sterne noch zu hell war, obwohl es auf ihrer Lichtung stets rasch dunkel wurde. Eine Igelfamilie wanderte an ihm vorbei und hatte bestimmt den Garten zum Ziel. Mit einem Lächeln schaute Tinkim ihnen hinterher.

„Junge, komm zu Tisch!“ Die Stimme der Muhme schreckte ihn schließlich auf. Sie stand wartend in der niedrigen Tür und so riss er sich von dem orangegefärbtem Abendhimmel los.

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Über den Autor : Sandra Busch


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