Der Hirschkönig, ein historischer Roman von Diandra Linnemann
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Der Hirschkönig von Diandra Linnemann

Der Hirschkönig, ein historischer Roman von Diandra Linnemann

„Die Römer haben beinahe die gesamte bekannte Welt unterjocht. Mit einer Mischung aus Bestechung, Überredung und roher Gewalt ist es ihnen gelungen, die freien Stämme Germaniens an das römische Reich zu binden. Junge Männer werden nach Rom gebracht, um mehr zu lernen über die Errungenschaften der modernen Welt, auf dass sie ihren Herren nacheifern und den Segen der Zivilisation in ihre Dörfer tragen.

Der junge Cherusker Siegfried ist einer von vielen, die als Geiseln in die Stadt am Tiber gebracht werden. Jahre später kehrt er zurück, um am Rhein den Römern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, seine Sippe ins Reich zu holen und zu verhindern, dass Chaos und Gewalt sich in den germanischen Wäldern ausbreiten. Aber schon bald nach seiner Rückkehr fängt er an zu zweifeln.

Mit Hilfe von Freunden und Familie arbeitet er daran, einen selbstmörderischen Plan in die Tat umzusetzen. Sein Gegner: Niemand geringeres als die stärkste Armee der Welt. Und am Ende muss er lernen, dass alle Siege nichts wert sind, wenn die Liebe seines Lebens unerreichbar bleibt.“

Produktinformation

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 1708 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 358 Seiten
  • Gleichzeitige Verwendung von Geräten: Keine Einschränkung
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B00G1JLKUS

Leseprobe aus „Der Hirschkönig“

(…)

Die Nacht brach herein.

Der Hirschkönig von Diandra Linnemann
Der Hirschkönig von Diandra Linnemann

Im unwegsamen Gelände waren sie nur langsam vorangekommen. Die Pferde waren nach dieser langen Reise, die sie über den halben Erdkreis geführt hatte, erschöpft, genau wie ihre Reiter. Die Buchenwälder erstreckten sich schier endlos in diesem Teil der Welt, ab und zu abgelöst von einsamen Mooren.Es war schwer zu sagen, was unheimlicher war, und unwirtlich war beides. Menschliche Behausungen waren selten. Für denjenigen, der sich nicht auskannte, barg das Land etliche Gefahren – Sümpfe, Untiefen in Flüssen, steile Klippen und Wälder, in denen der Wanderer auf Nimmerwiedersehen verschwand. Lediglich weit verstreute kleine Gehöfte und Felder boten eine gastfreundliche Ausnahme. Siedlungen oder gar Dörfer gab es in den Wäldern kaum, zu groß waren die Mühen des Rodens und zu gering der Nutzen, den dieser Ort einem bot.Der Ackerbau war mühsam und brachte geringe Ausbeute, denn der Boden war von dicken Wurzeln durchzogen und die Baumkronen stahlen der Ernte das Licht.

„Bald kannst du ausruhen“, murmelte der weizenblonde Reiter und tätschelte seinem Braunen beruhigend den Rist mit der flachsfarbenen Mähne, während das Tier sich vorsichtig einen Weg durch dichtes Unterholz suchte. Die Römer hatten dem Mann das Bürgerrecht und einen neuen Namen verliehen, aber sein Herz hörte nicht auf Arminius, sondern auf einen anderen Klang. Stumm lauschte er den vertrauten Silben nach, die durch sein Innerstes hallten. Ihm schien, als raunten die Bäume ihm zu.

Unheimliche Schatten lauerten zwischen den Büschen. Dariush, der sich den ganzen Tag über von seiner übermütigen Seite gezeigt hatte, hielt sich jetzt dicht bei seinem Kameraden und war schweigsam geworden – wie in den meisten Nächten, seit sie das zivilisierte römische Reich verlassen hatten. Er gab sich gerne als aufgeklärter Weltbürger und spottete über „die unaufgeklärten Barbaren“ im Norden, aber in seinen Adern tummelten sich die Geister und Dämonen seiner persischen Heimat. Niemand sprach darüber, aber der Blonde wusste, dass sein Freund ein Amulett gegen den bösen Blick um den Hals trug, unter der Kleidung sorgfältig verborgen vor den Augen der anderen, um ihrer Häme zu entgehen.

Er selbst schwieg ebenfalls, denn er konnte die marginalen Veränderungen in der abendlichen Luft wahrnehmen. Herbstlaub, frisches, süßes Wasser aus einem murmelnden Bachlauf, eine leise Spur von Rauch in der kühlen Luft. So roch es also, nach Hause zu kommen. Die Geweihspitze lag warm auf seiner Brust. Vier Jahre lang war er in der Fremde gewesen, hatte von den Römern gelernt und in ihrem Heer gedient, ihre Gebräuche angenommen und ihre Sprache gesprochen. Er erinnerte sich daran, wie es gewesen war, als kleiner Junge durch diesen Wald zu rennen und mit den anderen zu raufen, wenn sie nicht auf den Feldern helfen mussten. Das schien mehr als ein Leben entfernt. Er schnalzte und trieb sein Pferd vorwärts.

Urplötzlich traten die Bäume auf beiden Seiten zurück, und vor den Kriegern breitete sich eine sanfte kleine Anhöhe aus, an deren Flanke sich mehrere Gebäude schmiegten. Rechts neben dem Wohnhaus hoben sich verzerrte, längliche Schatten schwarz gegen die Nacht ab. Siegfried lächelte. Als Kind hatte er immer Angst vor ihnen gehabt, dabei handelte es sich nur um Pfähle, in denen angeblich die Götter von Zeit zu Zeit ihren Wohnsitz nahmen. Seit einiger Zeit zweifelte er stark an der Existenz der Göttern.

Hinter den Gebäuden ragten majestätische Felsen grau in den Abendhimmel. Auf einer Felsnase flackerte etwas – man hatte Wachen aufgestellt. Der Wald machte einen großzügigen Bogen und umarmte die Rückseite des Gehöfts, schützte es so vor neugierigen Späherblicken. Eine fast mannshohe Mauer aus Felsbrocken, von nah und fern herangeschleppt, trennte das Gehöft von der Wildnis. Kühe und Ziegen lagerten im Halbschlaf dicht an ihren Verschlag gedrängt, der im Sommer gegen das Wetter schützte. Im Winter wurden die Herden ausgedünnt und die überlebenden Tiere mit in die Häuser genommen, um Wärme zu spenden. Etwas weiter entfernt konnte man die Schweine grunzen hören. Offenbar waren die ersten Herden bereits von ihrer sommerlichen Wanderung durch die Wälder zurückgekehrt. Der junge Mann erinnerte sich daran, dass er lange Zeit die Hirten jedes Frühjahr ein Stück auf ihrer Wanderung begleitet hatte, zusammen mit seinem jüngeren Bruder und der kleinen Wilden…  wie hieß sie noch gleich? Er hatte sich immer gewünscht, ebenfalls ein Schweinehirte zu sein – frei und ungebunden durch die Wälder zu ziehen, niemandem Gehorsam schuldig. Tagelang im Schatten der Bäume liegen und auf der Flöte spielen, ab und zu ein Bad in einem kühlen See… Nun, es war anders gekommen.

Furchteinflößendes Gebell ertönte, als die Hunde ihr Kommen bemerkten. Die Tür des Haupthauses öffnete sich.Eine imposante Figur erschien auf der Schwelle, von Feuerschein eingerahmt. Auf einmal fühlte er sich wieder in seine Kindheit zurückversetzt. Als hätte er etwas ausgefressen und sei dann zu lange fortgeblieben. Manche Dinge änderten sich nie. Er zügelte sein Pferd, schwang das Bein über den Rücken seines braunen Wallachs und ging zu Fuß auf die Person zu. Sein Herz klopfte wie rasend in seiner Brust. Die übrigen Männer hielten sich im Hintergrund. Als er nur noch wenige Meter vom Haus entfernt war, fing er an zu rennen.

„Mutter!“ Er zögerte einen Herzschlag lang, dann schlang er die Arme um die alte Frau und hob sie mühelos ein paar Handbreit vom Boden. Ihr Haar roch immer noch nach Rauch und Brot und Zuhause, auch wenn es inzwischen von grauen Strähnen durchzogen war.

Gerlind ließ sich die stürmische Begrüßung einen Moment lang gefallen. Dann straffte ihr Körper sich, und sie befahl: „Siegfried! Lass mich gefälligst wieder runter und stell mir deine Begleiter vor, wie es sich gehört!“ Sie bemühte sich, ein entsprechend strenges Gesicht zu machen, aber in ihren Augen schimmerte es verdächtig.

Die Männer kamen langsam näher und begrüßten die Hausherrin mit der ihr zustehenden Ehrerbietung. Eine der Mägde brachte unaufgeforder ein gefülltes Methorn. Gerlind trank einen Schluck, reichte es dann nacheinander den Männern. Zwei Knechte kamen, um die Pferde zu versorgen. Der dunkelhäutige Alara, der in seiner Jugend ein Gelübde abgelegt hatte, das ihm den Genuss von Alkohol verbot, benetzte nur die dunklen Lippen und hielt den Blick dabei gesenkt, als wisse er, dass Gerlind ihn verstohlen musterte.

Die alte Frau – denn alt war sie, auch wenn ihre Augen noch scharf waren und ihre Stimme laut und gebieterisch, wenn sie sprach – war erschrocken. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch keinen einzigen Schwarzen gesehen, und sowohl ihre Blicke als auch ihre Gedanken wanderten während der Begrüssung immer wieder zu ihm zurück. Hatten die Götter den Fremden angemalt, grübelte sie im Stillen, oder war er vielleicht verflucht? War er das Opfer einer Krankheit oder gab es am Ende vielleicht sogar mehrere wie ihn?

Siegfried betrat sein Elternhaus. Er sah sich einen Moment lang um, ließ seine Umgebung auf sich wirken. Alles war fremd und vertraut zugleich. Der Lehmboden war eben und festgestampft und sauber gefegt. Das Herdfeuer in der Mitte des Gebäudes, das nur aus einem einzigen Raum bestand, loderte hell und freundlich, und in den Halterungen an den Wänden brannten Öllichter. Auf einem Gitter über den Flammen garten mehrere große Fleischstücke, und der Saft tropfte zischend ins Feuer. Ein Wohlgeruch schwängerte die Luft, und Siegfrieds Magen begann zu knurren. Das war doch kein gewöhnliches Abendessen. Wieso dieser Aufwand? Störten sie etwa?Waren sie in eine Feier geplatzt?

Die Mägde kauerten sich wieder in eine Ecke, nahmen ihre Wollbündel und Handspindeln auf und unterhielten sich leise.  Hin und wieder sahen sie verstohlen zu ihren stattlichen Gästen herüber und kicherten.

An der Stelle, an der die Familie sich früher immer versammelt hatte, war ein flaches Lager aus Fellen und Decken hergerichtet worden, und dort lag ein alter Mann mit ehemals blondem Haar und Bart, jetzt von weißen Strähnen durchzogen, als hätte der Winter ihn geküsst. Von der hünenhaften Gestalt seiner kriegerischen Jugend schien nicht mehr viel übrig zu sein. Der junge Mann kniete neben ihm nieder und streckte zögernd die Hand aus. „Vater? Vater, ich bin wieder daheim.“

Der Alte schlug die Augen auf, und ein Lächeln erhellte seine von Wind und Wetter gegerbten Gesichtszüge. „Mein Junge! Es ist gut, dass du wieder hier bist.“

„Bist du krank?“

Der Alte schüttelte den Kopf und richtete sich mühsam auf. „Du wirst mich auslachen. Jahrelang haben wir Krieg geführt, und immer bin ich heil geblieben – oder doch relativ unverletzt – und vor ein paar Wochen hat mich beim Viehtrieb ein Ochse auf die Hörner genommen. Auf meine alten Tage bin ich wohl unvorsichtig geworden. Zum Glück hat Valbruna mich wieder zusammengeflickt.“

„Valbruna – sie lebt also immer noch bei euch?“ Jetzt erinnerte er sich – die Gefährtin seiner wilden Kinderspiele, nach dem Unglück, mit verbrannter Haut und einem in Kräutersud getränkten Lappen über dem rohen Fleisch, in dem einst ihre wilden Augen gefunkelt hatten.

Siegmar nickte. „Sie ist eine begabte Heilerin, aus großer Entfernung kommen die Leute, um ihren Rat zu hören. Obwohl es einige zu enttäuschen scheint, dass sie noch so jung ist.“

„Und wo ist sie?“ Siegfried sah sich suchend um, aber er konnte Valbruna nirgends entdecken.

„Sie ist in aller Frühe aus dem Haus gegangen, um Kräuter zu suchen, und müsste bald wieder hier sein. Sie würde das gemeinsame Mahl nicht verpassen wollen.“

Unterdessen hatte Gerlind die Anwesenden zusammenrücken lassen und dafür gesorgt, dass improvisierte Nachtlager für die Neuankömmlinge hergerichtet wurden. Sie gesellte sich zu ihrer kleinen Familie und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du hast uns keine Nachricht geschickt.“

Siegfried lächelte und lehnte sich zurück. „War es keine schöne Überraschung?“

Die alte Frau sah ihn unverwandt an. „Valbruna hatheute morgen gesagt, dass ihr kommen würdet. Wie hätte es ausgesehen, wenn wir euch keinen angemessenen Empfang hätten bereiten können?“ schalt sie. „Du hast dich in all der Zeit kein bisschen verändert. Immer noch derselbe unverantwortliche Lausbube.“

Das Gesicht des jungen Kriegers wurde ernst. Er wusste, dass es nicht stimmte – er HATTE sich verändert. Mehr, als ihm lieb war.

Alle Köpfe wandten sich um, als die Tür sich mit einem leisen Knirschen erneut öffnete. Eine kleine, bucklige Gestalt stand draußen. Das lange braune Haar fiel über ihren Rücken und rahmte ein Gesicht ein, dessen obere Hälfte nur aus Narben und Kratern zu bestehen schien. Sie hielt einen gewaltigen Wanderstab in der linken Hand und stand stockstill, als könne sie wahrnehmen, was sich in ihrer Abwesenheit verändert hatte. Valbruna.

„Es sind mehr Menschen hier als sonst – haben wir Besuch?“ Die Stimme war weich und melodisch, und die fremden Männer, die über ihren frisch aufgebauten Nachtlagern knieten, sahen sie erstaunt an. Es erschien ihnen als kleines Wunder, dass so ein hässliches Wesen eine solch angenehme Stimme haben konnte.

„Siegfried ist heimgekehrt, wie du gesagt hast“, erklärte Gerlind. „Du brauchst nicht zu tun, als seist du überrascht, ich hab die Katze aus dem Sack gelassen.“

Valbrunas Gesicht verzog sich zu etwas, was vielleicht ein Lächeln war. Es war schwer zu deuten. „Dann ist es ja umso besser, dass ich rechtzeitig zuhause bin. Wie peinlich, wenn ich  das gemeinsame Abendessen verpasst hätte.“ Sie bewegte sich ins Haus, ohne inne zu halten und ohne sich zu stoßen. In einigem Abstand zum Feuer blieb sie stehen und legte den grauen Wollumhang ab. Darunter kam eine leere Weidenkiepe zum Vorschein, die sie auf den Boden stellte. Jetzt konnte man erkennen, dass sie keineswegs verwachsen war. Im Gegenteil, ihr Körper schien trotz der geringen Größe überraschend wohlgestalt und kräftig. Ein schlichtes braunes Kleid schmiegte sich an ihren Körper. Sie wandte sich dahin, wo Siegfried saß, und es schien, als sehe sie ihn aus leeren, vernarbten Augenhöhlen an. „Schön, dass du wieder hier bist, Bruder. Willst du mir nicht deine Freunde vorstellen?“

(…)

 

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Über Diandra Linnemann

Diandra Linnemann
Autorin aus Bonn

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