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Chroniken der Scherbenkänder II – Die Kiste der Krise von Niels Rudolph

Zwölf Jahre sind nach den Abenteuern um die Weberin der Magie vergangen. Wulfhelm und Harika haben geheiratet und einen Sohn namens Avion, der gerade seinen zehnten Geburtstag gefeiert hat. Bei einem Besuch der Familie bei den alten Freunden Darius und Alandra verschwindet der Junge, als er eine alte Schatulle öffnet, die zuvor vom zwergischen Schatzsucher Falgrim aus dem Dunkelmoor geborgen wurde. Die Spur führt in die Südlande. Begleitet vom Schatzsucher machen sich Harika und Wulfhelm auf, um ihren Sohn zu retten. Dabei reisen sie in die fremden Südlande und treffen auf einige Gestalten aus 1001er Nacht. Nachdem sie die Torsteher Cem & Ali überlistet haben, sehen sie sich schon als Angeklagte in einem „Mordfall“ und müssen sich mit einem Dschinn und 40 Räubern herumschlagen, bevor sie sich ihrem Ziel in der Wüste nähern, der Geisterstadt Tetkepa.

Scherbenländer - Die Kiste der Krise von Niels Rudolph

Scherbenländer – Die Kiste der Krise von Niels Rudolph

Produktinformation
Taschenbuch: 258 Seiten
Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform (1. Juni 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 1477580816
ISBN-13: 978-1477580813
Größe und/oder Gewicht: 22,9 x 15,2 x 1,5 cm

Leseprobe aus Kapitel 9: Ungünstige Umstände

Am Morgen wurden die Freunde zum Galgen geführt. Eine große Menschenmenge hatte sich auf dem Platz vor dem Palast versammelt, um dem Ereignis beizuwohnen. Der Kalif stand auf einem Balkon, flankiert von seinen Vezieren und Wächtern mit riesigen Krummschwertern.
»Diese Ungläubigen werden beschuldigt, den buckligen Straßenmusikanten Ahmed vom Leben in den Tod befördert zu haben. Die Mörder sollen nun für ihre üble Tat hängen. Auge um Auge, Zahn um Zahn, wie es die Tradition gebietet.«
»Tradition«, ging ein Raunen durch die Menge.
»Scharfrichter! Walte deines Amtes!«, beendete der Kalif den kurzen Gerichtsprozess.
Ein Mann mit einer schwarzen Kapuze über dem freien Oberkörper legte den Angeklagten die Schlingen um den Hals, als Bewegung in die Menge geriet.
»Wartet!«, rief ein Mann, der sich nach vorne schob. »Diese Fremden waren es nicht und sollen nicht auch noch durch mein Verschulden den Tod finden.«
»Wer bist Du? Erkläre Dich!«, forderte der Kalif.
»Ich bin Uğurcan, der Aufseher in der Küche des Palastes, Eurer Erhabenheit. Wisset, das in meinem Hause immer wieder Fleisch, Schmalz und andere Vorräte gestohlen wurden, wofür ich Hunde, Katzen und Mäuse in Verdacht hatte, bis ich gestern Abend den Buckligen unter der Dachluke stehen sah. Ich schlug ihn mit einem Hammer, dass er mir tot vor die Füße fiel. Dann trug ich ihn aus dem Haus, hin zum Bazar, wo ich ihn an eine Wand lehnte.«
»So macht denn die Fremden los und hängt den Aufseher auf sein Geständnis hin.«
Harika atmete erleichtert auf, als der Scharfrichter die Schlingen von ihrem Hals zog. Sie lächelte Wulfhelm und Falgrim aufmunternd an, die sich verwirrt umschauten.
»Der Mann hat den Mord gestanden, wir sind unschuldig.«
»Natürlich sind wir das, aber es war nicht besonders clever von dem Kerl, es zuzugeben«, sagte der Zwerg gehässig.
»Besser er als wir.« Wulfhelm fühlte eine schwere Last von sich genommen.
Als nun der Scharfrichter dem Aufseher die Schlinge um den Hals legte, drängte sich ein gepflegter Herr durch die Menge und rief: »Hängt ihn nicht! Er hat niemanden getötet, sondern ich habe diesen Buckligen ums Leben gebracht.«
»Was ist denn jetzt wieder?«, fragte Falgrim.
»Dieser Mann sagt, er war es.«
»Ist das eine Posse aus den Büchern des verborgenen Chronisten?« Der Zwerg sah sich nach einem lachenden Schreiber um.
»Und wer bist Du?«, fragte der Kalif mit einem Anflug von Langeweile in der Stimme.
»Ich bin der Arzt Göksagun, dem gestern der Bucklige als Patient gebracht wurde. Meine Sklavin brachte mir Nachricht, dass der Kranke meiner Hilfe bedurfte und die Boten mir ein großzügiges Entgelt für die Behandlung überlassen hatten. Ich eilte also, um mich den Leiden dieses Mannes anzunehmen, ihm Arzneien und Amulette zu verschreiben. Dabei stolperte ich über seinen Körper, den sie in der Zwischenzeit die Treppe heraufgebracht hatten. Wir stürzten zusammen die Stufen hinunter und ich kam auf dem Unglückseligen zu liegen, der bei dem Unfall sein Leben verlor.«
»Aber wie kam der Bucklige in das Haus des Aufsehers?«
»Um das Unglück zu verbergen trugen meine Frau und ich den Buckligen auf das Dach zu unserem Nachbarn, dem Aufseher, und ließen den Toten durch die Dachluke hinab in die Speisekammer. Obwohl der Bucklige schon tot war, blieb er doch stehen, sodass der Aufseher glauben musste, er wäre bei ihm eingebrochen und ihn mit dem Hammer schlug. Dabei habe ich seinen Tod allein verschuldet. Hängt also nicht ihn, sondern mich an seiner statt.«
»Was für ein schändlicher Plan, die Schuld auf Deinen Nachbarn zu lenken. Allein dafür sollst Du bestraft werden. Scharfrichter, mach den Aufseher los!«, befahl der Kalif.
Der Henker trug zwar eine Kapuze, aber dennoch konnte man ihm ansehen, dass er schon bessere Tage hatte. Mit hängenden Schultern löste er den Strick um den Hals des Aufsehers und schob ihn zu den Fremden, die am Rande der Plattform standen. Der Arzt stellte sich brav unter den Galgen, der Scharfrichter schüttelte verzweifelt den Kopf. Als ein weiteres »Wartet!« aus der Menge erscholl, hieb sich der Henker mit klatschender Handfläche gegen die Stirn. Für einen Moment zog er in Erwägung, der Tradition zu folgen, sich ins Gesicht zu schlagen und seine Kleider zu zerreißen.
»Vezier«, sprach der Kalif, »verschiebe alle Termine für heute um zwei Stunden.«
Der Angesprochene nickte dienstbeflissen und trat ein paar Schritte zurück.
»Wer bist Du?«
»Tezel, der Schneider.« Der Mann kniete vor dem Balkon des Kalifen und berührte mit der Stirn den Boden.
»Und was ist Dein Anteil an der Geschichte?«
»Herr! Ich bin es, der die alleinige Schuld am Tod des Buckligen trägt. Gestern ging ich spazieren, als ich den Musikanten betrunken auf einer Trommel spielen und singen sah. Ich lud ihn in mein Haus ein und kaufte gebackene Fische, die wir essen wollten. Als wir so lachten und scherzten, stopfte ich dem Unglücklichen ein Stück Fisch in den Schlund, an dem er sich verschluckte und verstarb. Aus Angst um den Mann trug ich ihn mit meiner Frau zu dem Arzt. Ich sagte der Dienerin, wir brächten einen Kranken, den der Arzt sich beschauen solle, und gab ihr einen halben Dinar für die Behandlung. Darauf ging sie die Treppe hinauf zur Wohnung und wir folgten ihr und stellten den Buckligen vor der Türe ab. Dann verließen wir das Haus eilig, aber wir hörten noch einen großen Lärm, als wir auf der Straße waren. Doch war der Mann schon tot, als er mit dem Arzt die Treppe hinunter gerollt ist.«
Der Kalif gab einen Wink an die umstehenden Wächter, den Schneider zur Galgenplattform zu geleiteten. Düster vor sich hinmurmelnd löste der Scharfrichter den Knoten der Schlinge und schob den erleichterten Arzt zu den anderen Gefangenen. An seiner Stelle wurde dem Schneider der Strick um den Hals gelegt und ein Trommelwirbel erhob sich, um die Spannung zu erhöhen. Endlich sah sich der Scharfrichter am Ziel, den Hebel umzulegen, der die Falltür im Boden unter dem Schneider öffnete, den Hals verlängerte und ihn am Seil tanzen ließ.
»Wartet!«, rief eine Stimme und der Henker gab ein paar schluchzende Laute von sich.
»Das ist im Augenblick aber ungünstig«, murmelte der Kalif, »Was ist denn noch? Jetzt kommt der amüsante Teil!«
Japsend kam ein Polizeibeamter angelaufen, musste ganz außer Atem erst Luft holen, bevor er rief: »Der Bucklige ist wieder aufgestanden!«
»Was sagst Du da?«
»Herr, es ist wahr! Der Tote hustete kräftig und ein Stück Fisch flog in hohem Bogen aus seinem Hals. Dann setzte er sich verwundert auf und fragte, wo er sei.«
»Gepriesen sei Birtanem, deren Wege unergründlich sind!«, rief jemand aus der Menge. Der Kalif beugte sich zu seinem Vezier herüber und beriet sich flüsternd mit ihm. So eine öffentliche Hinrichtung wäre mal wieder eine willkommene Abwechslung, außerdem hatte man sich jetzt schon die Mühe gemacht, auf den Balkon zu treten und das Volk zu versammeln …
Die Menge sah den Kalifen schweigend an und erwartete seine Entscheidung. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, die Dattel- und Würstchenverkäufer trugen besonders gespannte Mienen zur Schau und hofften nun auf einen Kniff, mit dem sie die Feierlichkeiten fortsetzen konnten.
»So sollen heute all diese Seelen gefeiert werden, die durch Birtanems Weisheit gerettet wurden.«
Es erhob sich ein Jubelgeschrei in der Menge, der Kalif mit seinem Gefolge verschwand im Inneren des Palastes und die Gefangenen wurden ebenfalls hineingeführt.
Dort trennte man die Gruppe und führte Wulfhelm, Harika und Falgrim in luxuriöse Gemächer.
»Was ist denn nun los?«, fragte der Schatzsucher verwirrt, »Wollten die uns nicht eben noch umbringen?«
Die Diener bereiteten ihnen ein Bad und trugen Speisen auf. Harika wechselte einige Worte mit den Sklaven und sah ihre Freunde verunsichert an.
»Sie richten sich nach einer Tradition«, sagte die Kriegerin.
»Welche Tradition?«, entfuhr es Falgrim und Wulf wie aus einem Mund.
»Die Tradition, Gäste für drei Tage zu bewirten, bevor man nach dem Grund des Besuchs fragt.«
»Das ist gleichwohl eine schöne Tradition«, sagte der Zwerg und besah interessiert die aufgetischten Speisen.
»So viel Zeit haben wir aber nicht!«, widersprach Wulf, »Wir müssen zur Bibliothek und weitere Nachforschungen anstellen.«
Wieder wechselte Harika ein paar Worte mit den Sklaven, bevor sie erklärte: »Es wäre eine Beleidigung die Gastfreundschaft auszuschlagen, aber wir können den Palast verlassen und uns frei bewegen. Wir sind nun Gäste des Kalifen.«
Wie um die Worte zu untermauern, brachten einige Sklaven ihr Gepäck herein, das bei ihrer Verhaftung beschlagnahmt wurde.
»Die Traditionen in diesem Land sind wirklich sehr sonderbar«, sagte Falgrim mit vollem Mund. »Wie bei einem Pendel. Entweder die eine oder die andere Seite, aber immer voller Ausschlag.«
Wulfhelm suchte nach dem Übersetzungs-Amulett in seinen Besitztümern und hängte es sich erleichtert um den Hals. »Das lege ich besser nicht mehr ab.«
Nach dem Essen wuschen sie sich die Hände und Harika unterrichtete die Sklaven, dass die Gefährten in die Bibliothek wollten. Diese nickten freudig und schlossen sich der Gruppe an. Mit zehn Sklaven im Schlepptau verließen sie den Palast.
»Irgendwie ist mir das unangenehm«, murmelte Falgrim und warf nervöse Blicke in alle Richtungen, »Die Leute starren uns bestimmt an, oder?«
»Ich wette so ein Anblick ist hierzulande gewöhnlicher, als bei uns in Ardavil. Es ist ja nur über den Platz«, beruhigte Wulf den Zwergen, doch auf diesem Platz sollte auch die Hinrichtung stattfinden und es war noch immer allerlei Volk versammelt.

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Über den Autor : Niels Rudolph


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