Leseprobe aus „Krieg der Vampire“ von Hagen Ulrich

Eigentlich sollte der vierte Band über Vampire in Bonn und Plauen ja schon im Oktober erscheinen, aber aufgrund der umfangreichen Bauarbeiten im Amt und einem Einbruch im Betrieb mußte das Erscheinen des Buches auf das Frühjahr verschoben werden.

Zum Trost gibt es ein paar Auszüge aus dem Buch von Hagen Ulrich.

Der Umzug

Etwas wehmütig betrachtete Sebastian seine gepackten Sachen, die sich in der Wohnung am Sterntor stapelten. Es war so weit, heute war der Tag des endgültigen Umzuges nach Bad Godesberg in den Turmhof. Er zog eine Grimasse, als er daran dachte, was das ausgerechnet für ein Gebäude war, in dem Malte, er, Cosmin und Lurchi – Reuven, verbesserte er sich – künftig wohnen würden.
Er kam immer noch nicht so ganz darüber hinweg, dass es sich dabei ausgerechnet um die ehemalige Apostolische Nuntiatur handelte. Ausgerechnet die frühere Botschaft des Papstes! Cosmin hatte Fotos von dem Gebäude vorgelegt und in den höchsten Tönen davon geschwärmt. Es gab neben der klassizistischen Villa einen Büroanbau, den er und Malte für ihre Gameprojekte nutzen konnte, und wo auch Cosmin sein Büro unterzubringen gedachte.
Als sein Freund davon angefangen hatte, dass der Kauf quasi ein Schnäppchen gewesen war, war Sebastian langsam misstrauisch geworden. Sehr beiläufig hatte Cosmin dann erwähnt, dass der Turmhof eine Zeit lang als Botschaft genutzt worden war und war dann auf die mögliche Zimmeraufteilung im Hauptgebäude eingegangen.

Krieg der Vampire - Urban Fantasy von Hagen Ulrich ist jetzt auch im Webshop des Bundesamtes für magische Wesen erhältlich.

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So weit, so gut. Dann hatte Malte gefragt, welches Land den Turmhof als Botschaft genutzt hatte. Cosmin hatte die Frage überhört, und als Malte nachgefragt hatte, hatte er das angeblich vergessen. Und spätestens da war Sebastian sehr misstrauisch geworden. Cosmin hatte ein hervorragendes Gedächtnis. Flugs hatte er sein Tablet gezückt und den Turmhof gegoogelt.
Als er das Ergebnis sah, verschlug es ihm fast die Sprache.
„Das meinst du jetzt nicht ernst? Wir ziehen beim Papst ein? Ausgerechnet da? War der Kölner Dom etwa nicht mehr zu haben?“
„Hase, das war früher die Botschaft des Vatikans. Jetzt ist es unser Haus. Es ist nur ein Haus, mehr nicht“, beschwichtigte Cosmin.
„Und wenn es da spukt?“, gab Sebastian zu bedenken.
Malte prustete los. „Basti, das ist lächerlich. Was soll denn da spuken? Wenn du und Cosmin dort wohnen, kommt das einem Spuk noch am nächsten. Ein Vampir und ein Magier in einer früheren Botschaft des Papstes, ich finde ja, das hat was.“
Sebastian hatte einen abgrundtiefen Seufzer ausgestoßen und dazu eine Miene aufgesetzt, die an Dramatik nichts zu wünschen ließ.
„Vermutlich werden ab Mitternacht Prozessionen fahlgesichtiger Geistermönche oder Nonnen durch das Gebäude schweben und ihre Litaneien singen“, prognostizierte er mit düsterer Miene. „Das ist immer so, wenn irgendwo Schreckliches passiert. Und hier saß zig Jahre lang die deutsche Zentrale von Resident Evil. Ich will gar nicht wissen, was da alles passiert ist. Fortbildungsseminare für Mossad und CIA, darunter Waterboarding mit Weihwasser für Anfänger und Fortgeschrittene.“
Zu Sebastians Empörung hatte Cosmin nur gelacht und seine Bedenken ignoriert.
„Basti, ich wette, dass auch Geistermönche mit der Zeit gehen“, überlegte Malte. „Aber das ist ein gute Idee für eine Szene in einem Game. Keine gregorianischen Choräle, sondern Helene Fischer oder Xavier Naidoo, natürlich ein bisschen abgewandelt.“
„Ich zieh sofort aus, wenn so ein Geplärre durch die Gänge zieht“, drohte Sebastian.
„Basti, lass mir aber meinen Bach, ja?“, hatte Cosmin erheitert gebeten.
„Bach ist okay. Ich habe ja nichts gegen deinen Musikgeschmack, und Bach ist wirklich genial, aber der Gedanke, in eine Kirche zu ziehen … bah! Da ist bestimmt eine Hauskapelle in der Villa. Und jede Menge Kruzifixe.“
„Das lasse ich alles herausreißen“, hatte Cosmin ihn unterbrochen. „Jetzt übertreib nicht, das ist keine Kirche.“
„Du lässt das alles herausreißen? Wirklich?“
„Ja, versprochen, die Handwerker sind schon dabei“, sagte Cosmin und grinste, als er dann einen Vorschlag machte. „Wir können ja Mickey und Ali bitten, uns beim Umdekorieren der Kapelle zu helfen.“
„Das könnte mir gefallen“, gab Sebastian mit blitzenden Augen zu.
„Oh nein“, hatte Malte protestierend gelacht, „mir schwant schon, was ihr da vorhabt. Soll das womöglich so ein Raum werden wie der, von dem ihr erzählt habt? Als ihr bei den beiden zu Besuch wart?“
„Ja, das war so in etwa mein Gedanke“, hatte Cosmin zugegeben.
Zuguterletzt hatte Sebastian sich mit dem Gedanken abgefunden, künftig Nachmieter vom Papst zu sein. Er sah ja ein, dass der große Park und die Gebäude für ihre Zwecke ideal waren, das schon, und auf die Schnelle hatte sich auch nichts anderes finden lassen, was für einen Drachen geeignet war.
Zumal sie damit rechnen mussten, dass weitere magische Wesen bei ihnen ankommen würden, wie Cosmin vor längerer Zeit schon gemeint hatte. Aber dennoch war es ein skurriler Wohnort für eine schwule WG mit Drache.
Cosmin trat zu ihm, legte ihm von hinten die Arme um den Körper und pustete ihm sanft ins Haar.
„Na, fällt der Abschied schwer, Hase?“
„Schon ein bisschen“, räumte Sebastian ein. „Ich bin ja bisher noch nicht so häufig umgezogen. Wie ist es für dich?“
„Mir fällt es nicht so schwer, weißt du. Und ich habe hier mit Unterbrechungen fast dreihundert Jahre zugebracht. Es war eine Rückzugsbasis, wo ich mich Ioans Kontrollen entziehen konnte. Aber alles, was wichtig ist, nehme ich mit. Dich, Malte, meine Musik, meine Möbel. Es bleibt nur die nackte Wohnung und die werde ich verkaufen.“
Sie wurden von mehreren Mitarbeitern der Möbelspedition unterbrochen, die nach den letzten von Sebastian gepackten Kartons griffen. Und dann war das Zimmer leer. Sebastian zuckte zusammen.
„Muß das sein?“, fragte er leise. „Kannst du sie nicht noch behalten? Wir wissen doch nicht, wie sich alles entwickelt. Und wenn es schief geht, dann hätten wir wieder ein Zuhause, wo wir hinkönnten.“
„Basti, wir werden immer ein Zuhause haben. Ob hier, ob in der Kasbah, ob bei Jan und Elias oder auf Burg Radulescu – ich kann uns jeden Ort der Welt in ein behagliches Zuhause verwandeln.“
„Es wäre trotzdem schön, wenn du die Wohnung behalten könntest“, beharrte Sebastian.
„Also gut, ich muss sie ja nicht sofort verkaufen“, willigte Cosmin ein und wurde mit einem dankbaren Lächeln belohnt.
„Na, ob ich nach Rumänien ziehen will, das möchte ich doch schwer bezweifeln“, sagte Sebastian und schüttelte sich. „In der Nähe von Ioan will ich ganz bestimmt nicht leben.“
„Das musst du auch nicht“, sagte Cosmin. „Den halte ich uns vom Leib. Darauf kannst du dich verlassen.“
Malte steckte den Kopf zur Tür rein.
„Wollt ihr noch schnell eine Nummer in der alten Wohnung schieben? Ansonsten wären wir nämlich so weit. Die Möbelwagen sind schon abgefahren.“
„Nein, wir kommen jetzt auch“, sagte Sebastian und verließ zusammen mit Cosmin und Malte ihre ehemalige Wohnung. So lange hatten sie hier gar nicht gewohnt, aber es verbanden sich dennoch jede Menge schöner Erinnerungen mit dieser Zeit. Er ließ sie Revue passieren, während sie in Cosmins Wagen nach Bad Godesberg in ihr neues Domizil fuhren.

Im Turmhof wurden sie bereits erwartet. Die Spediteure wollten wissen, welche Möbel in welche Räume gebracht werden sollten. In anderen Räumen werkelten noch Handwerker und passten die riesige alte Villa Cosmins Wünschen an. Jan und Elias waren bereits vor Ort und hatten vor allem ein Auge darauf, dass der Raum, in dem sich Reuven aufhielt, verschlossen blieb, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden.
Erfreulicherweise verfügten die meisten Räume über Flügeltüren und die Deckenhöhe war die einer klassischen Villa, das heißt mehr als drei Meter fünfzig hoch. Der Drache würde sich problemlos durch das Haus bewegen können.

….
Eine Woche nach dem Aufeinandertreffen der beiden Radulescus und der Feier im Garten der Villa Meyer-Frankenforst hatte Jens sich in die bekannten Informationen über die Vampire eingearbeitet und wähnte sich ziemlich genau im Bilde. Bis zum Schichtbeginn hatte er noch Zeit. Er fuhr auf seinem Motorrad durch Bad Godesberg und war dabei, einen Besuch zu machen, als er von der mit alten Linden gesäumten Ubierstraße im Stadtteil Plittersdorf in Richtung Rhein abbog.
Als Jens in die Einfahrt zum Turmhof einbog und vor dem Tor anhielt, glitt das große schmiedeeiserne Rolltor vor ihm auch schon auf. Natürlich, schließlich wurde er erwartet. Jens Nicolay fuhr den Kiesweg hoch, ließ seine schwere Maschine ausrollen und drehte den Zündschlüssel rum. Mit einem satten Blubbern erstarb der Motor und er bockte die Maschine auf.
„Na, dann wollen wir mal“, sagte er leise, nachdem er den schwarzen Motorradhelm abgesetzt hatte. Er war sich etwas unsicher, wie er mit der Situation umgehen sollte. Sein Chef hatte ihm in den Ohren gelegen, den Kontakt zu Reuven zu suchen, da der junge Drache sich entschuldigen wollte. Und sein Chef hatte einen Narren an ihm gefressen. Er sollte sich mit den Vampiren und dem Thema Magie vertraut machen, war ihm aufgetragen worden, denn Lux hatte ihn in sein Team aufgenommen.
Er stieg die paar Stufen zum Eingang der Villa hoch und wollte grad den großen Türklopfer betätigen, als sich die Tür auch schon öffnete. Zwei bunte Augen unter einem Schopf schwarzer Haare strahlten ihn freundlich und übermütig an. Sebastian Harrach stand vor ihm, dieser verrückte kleine angehende Magier.
Den muss man einfach gern haben, dachte Jens, dieses verrückte kleine Huhn. Da kommen Beschützerinstinkte hoch, obwohl wir ungefähr gleich alt sein dürften. Beinahe hätte er ihn erschossen, wenn dieser brutale Vampir Ioan Radulescu, den Lux verfolgte, ihn vollends unter seine Gewalt gebracht hätte. Der Kleine sah so harmlos aus und dennoch sollte sehr viel mehr in ihm stecken.
„Huhu Jens“, schallte es ihm munter entgegen und er musste unwillkürlich grinsen. Anscheinend hatte man schon beschlossen, ihn zu adoptieren.
„Schickes Motorrad“, meinte Sebastian bewundernd, nachdem er an ihm vorbeigesehen und das Motorrad entdeckt hatte. „Sehr schnell?“
„Ja, wenn ich Zeit habe, drehe ich auf dem Nürburgring ganz gern ein paar Runden im Sommer. Das ist mein Hobby, da treffe ich mich mit ein paar anderen Bikern.“
„Ui, so richtig mit Kutten und so?“, sagte Sebastian und lachte. Jens nahm ihm das nicht krumm, denn er merkte, dass der Junge es amüsant fand, aber nicht lächerlich machen wollte.
„Klar, wir zelten manchmal, machen ein Lagerfeuer, dann kreist das Bier und wir grillen.“
„Nix für dich, Basti, Lagerfeuer, Zelten und grillen bedeutet auch Mücken“, tönte es aus dem Haus und dann tauchte der andere Kommilitone aus dieser seltsamen Studenten-WG auf.
„Es gibt Begleitumstände, da könnte ich mir vorstellen, das zu ertragen. Hängt ganz von der Gesellschaft ab“, sagte Sebastian und ließ seinen Blick demonstrativ an der in schwarzes Leder gekleideten Figur entlanggleiten. „Also Jungs in Leder fand ich schon immer spannend.“
Jens grinste gutmütig. „Spiel lieber nicht mit dem Feuer, Sebastian, dann verbrennst du dich wenigstens nicht.“
Er fand Sebastian auch nicht unattraktiv, aber da war noch dieser Vampir im Hintergrund und mit dem wollte er sich nun wirklich nicht anlegen und ihm den Freund ausspannen.
Malte Kasten kam auf ihm zu und reichte ihm zur Begrüßung die Hand. Der blonde Freund von Sebastian hatte einen festen Händedruck, wie Jens feststellte und einen sympathischen Auftritt.
„Ich habe hier etwas für dich, solange du bei Reuven bist. Als Drache versteht er, was du sagst. Aber seine Sprache … naja, vergessen wir das, denn das Brüllen und Zischen versteht vielleicht ein anderer Drache. Dieser Stein hilft, ihn zu verstehen.“
„Was ist das denn?“
„Ein magisches Artefakt aus den Ruinen des Turms zu Babel, der alle Sprachen übersetzt. Wir haben von Bilal, das ist der Große Wächter des Reiches der Dschinnen, mehrere bekommen. Es funktioniert tatsächlich, man glaubt es kaum. Aber wir können uns mit ihm auf diese Art mühelos verständigen.“
„Verrückt!“, staunte Jens und drehte den unauffälligen Stein in der Hand herum. „Und das funktioniert wirklich?“
„Einwandfrei“, bestätigte Sebastian. „Komm mit, ich bringe dich zu ihm. Er wartet schon ungeduldig.“
Zusammen betraten sie das große Foyer des Anwesens, von dem aus mehrere Korridore abzweigten. „Momentan stehen die allermeisten Räume leer, und wir vier benutzen die paar Zimmer auf der Südseite, die zum Park raus gehen. Im Ostflügel richten wir unsere Büros ein. Und fast im ganzen Haus sind immer noch Handwerker zugange. Die Telekom verlegt noch weitere Leitungen. Seltsamerweise funktioniert das WLAN nicht überall“, erzählte Malte.
„Telekom? Viel Spaß“, grinste Jens. „Ich kenne da Geschichten …“
„Wir jetzt auch“, seufzte Sebastian, als sie zusammen durch die Flure gingen. „Die Techniker waren schon vor einer Woche da. Hatten sich für die Zeit zwischen 9 und 15 Uhr angekündigt. Cosmin ist bald durchgedreht, als … ach, vergiss es. Gestern kamen sie erneut und bohren weitere Löcher durch die Wände.“
„Irgendwann werden sie fertig sein“, tröstete Jens.
„So, da wären wir. Das ist Lurchis Zimmer. Klopf einfach an und geh dann rein“, sagte Sebastian. „Ich bin in meinem Zimmer. Muss noch ein bisschen was für die Uni tun.“
Damit ließ er Jens vor der Tür stehen. und sprang fröhlich den Gang entlang. Jens sah ihm belustigt hinterher. Kann der eigentlich nicht halbwegs normal gehen? Vermutlich nicht.
Etwas unschlüssig drehte er sich zur Tür, die in Reuvens Zimmer führte und klopfte an. „Na dann, betreten wir die Höhle des Drachen.“
„Kommen Sie bitte herein“, kam es durch die Tür. Die Stimme klang etwas grollend, mit einem zischenden Unterton. Aber es klang doch menschlich und Jens drückte die beiden Türhälften auseinander.
Der Raum, in dem Reuven sich aufhielt, war etwas abgedunkelt, allerdings stand ein Monitor an der Wand, auf dem irgendein Film lief. Davor stand ein großes Bett, auf dem der Drache lag.
Erwartungsvoll blickte Reuven ihm entgegen und Jens trat ein. Er zog hinter sich die Türen zu.
„Da bin ich“, sagte er und trat ein paar Schritte auf Reuven zu.
„Danke, dass Sie gekommen sind“, sagte Reuven und versuchte, Jens genau zu betrachten. Der Blick aus den kalten gelben Reptilienaugen war schwer interpretierbar.
„Ich habe Sie damals verletzt, als Sie versuchten, mich in der Horionstraße aufzuhalten. Es tut mir leid. Ich wusste damals überhaupt nicht, was mit mir los ist. Habe ich Sie schwer verletzt?“
„Nein, es war nicht so schlimm. Und mittlerweile ist alles verheilt. Es bleiben keine Narben zurück.“
„Da bin ich froh. Ich hatte immer große Angst, dass meine Anziehungskraft auf Feuer Leute verletzen könnte. Ich konnte damit nicht umgehen.“
„Und wie ist es jetzt?“
„Ich lerne noch, aber ich habe es soweit im Griff, dass jetzt nichts mehr passiert. Es sei denn, ich hab Schluckauf. Da kann dann schon noch ein bisschen was daneben gehen“, gab Reuven zu. „Sebastian übt mit mir und Malte hilft auch.“
Jens sah dem jungen Drachen ins Gesicht und stellte fest, dass Reuven doch etwas entspannter im Vergleich zu ihrem Treffen in der U-Bahn wirkte. Aber sein Gesichtsausdruck wirkte auch sehr verletzlich, eine unterschwellige Ängstlichkeit trat hervor.
Mit einem Mal spürte Jens großes Mitgefühl mit Reuven. Das ist immer noch ein Jugendlicher, dem etwas sehr Ungewöhnliches passiert ist. Obwohl er Glück gehabt hatte, als er diesem seltsamen Vampir und seinen Freunden in die Hände fiel, dachte Jens und blickte sich in dem geräumigen Zimmer um. Zwei gemütlich wirkende Sessel standen in seiner Reichweite, einer davon neben dem Bett.
„Darf ich?“, fragte er und zeigte auf den Sessel.
„Ja, nehmen Sie bitte Platz“, antwortete Reuven und Jens ließ sich in den Sessel fallen. Er streckte die Beine aus.
„Hm, sehr bequem“, stellte er fest.
„Ja, Malte und Sebastian sagen das auch immer.“
Jens wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Über was redet man mit einem Drachen? Über Jungfrauen? Goldschätze?
„Was ist das für ein Film?“, fragte er schließlich, in erster Linie, um das Gespräch am Laufen zu halten.
„Godzilla. Jean Reno ist ein toller Schauspieler“, antwortete Reuven. „Malte hat eine gigantische Sammlung von DVDs und hat mir ein paar Filme rausgesucht.“
„Darf ich dich was fragen?“
„Ja?“
„Wie schaffst du es, die DVDs zu wechseln?“, entfuhr es Jens. „Mit den Klauen?“
„Gar nicht“, gab Reuven zu. „Malte hat die Filme auf eine Festplatte kopiert, und die Entertaste kann ich benutzen. In den Klauen habe ich kein Fingerspitzengefühl und beim ersten Mal habe ich einen DVD-Player aufgespießt.“
Jens musste schmunzeln. Es zuckte in seinen Mundwinkeln, als er sich vorstellte, wie Reuven mit dem DVD-Player zugange war. Reuven schien seine Gedanken zu ahnen.
„So witzig ist das gar nicht“, sagte Reuven vorwurfsvoll, doch Jens kicherte trotzdem.
„Na, ein Drache, der sich Godzilla ansieht und einen DVD-Player massakriert …“
„Naja, vielleicht ein bisschen“, räumte Reuven ein. „Aber immer nur DVDs gucken hängt mir langsam zum Hals raus. Ich hoffe bloß, dass das kein Dauerzustand bleibt. Das mit dem Dasein als Drache.“
Jens streckte die Hand aus und klopfte ihm mitfühlend auf die Schulter. „Hey, du bist ja wirklich heiß“, stellte er überrascht fest.
„Ja, meine Körpertemperatur ist höher als die eines Menschen und wenn ich will, kann ich die Hitze steigern. Bis Flammen ausbrechen.“
„Wie geht es denn mit dir weiter?“
„Wenn ich Glück habe, findet Sebastian eine Lösung, um mich zurückzuverwandeln. Das wäre das Beste, denn ich möchte natürlich nicht als Drache leben.“
„Na, schlecht siehst du als Drache nicht aus“, versuchte Jens zu trösten. „Aber ich verstehe schon, was du meinst. Auf die Dauer ist das kein Leben, vor allem, wenn du deine Verwandlungen nicht kontrollieren kannst.“
„Ich würde gern mal wieder unter Leute gehen. Vielleicht ins Kino. Oder einfach mal ein Eis essen“, seufzte Reuven und Jens spürte die Sehnsucht in den Worten. „Meine alten Freunde treffen und meine Schule beenden.“
„Kannst du eigentlich fliegen?“, fragte Jens neugierig. „Das sind doch Flügel auf deinem Rücken?“
„Ich habe es noch nicht ausprobiert. Aber ich weiß nicht, da gibt es diese Prophezeiung“, sagte Reuven etwas unbehaglich und erzählte von den Worten des Bal Schem.
„Das hört sich wirklich nicht gerade beruhigend an, aber andererseits neigen Priester immer dazu, möglichst dramatisch und düster zu predigen. Ich würde das nicht überbewerten.“
„Aber er hat doch recht gehabt“, wandte Reuven ein. „Ein Dibbuk muss mich befallen haben.“
„So kann man das natürlich sehen, aber vielleicht ist es einfach nur ein normaler Teil von dir? Was meinst du?“, überlegte Jens. „Versuch doch mal, es etwas positiver zu sehen.“
„Es soll normal sein, sich in einen Drachen zu verwandeln?“, fragte Reuven ungläubig. „Das meinen Sie nicht ernst.“
„Okay, vielleicht ist normal das falsche Wort. Was für alle gilt, muss nicht zwangsläufig für jeden gelten. Aber es muss ja nichts Schlimmes sein. Was ist mit dem Vampir, bei dem du lebst? Der ist doch auch kein Ungeheuer. Mein Chef meint, dass Cosmin Radulescu ganz in Ordnung ist.“
„Cosmin ist wirklich hilfsbereit und Basti bemüht sich, einen Weg zu finden, mich zurückzuverwandeln. Vielleicht müssen wir nach Marokko zu den Dschinnen“, sagte Reuven und puffte ein kleines Rauchwölkchen durch die Nüstern. Dann richtete er sich auf und musterte Jens in seiner Motorradkombi.
„Sie fahren Motorrad?“
„Ja“, bestätigte Jens, „das ist eines meiner Hobbys. Wenn ich frei habe, dann schraube ich ganz gern an meiner Maschine herum. Ich habe Sebastian schon erzählt, dass ich am Wochenende gern bike.“
„Allein?“
„Nein, ich bin mit Freunden unterwegs.“
„Das muss schön sein“, entfuhr es Reuven sehnsüchtig. Jens spürte, wie Reuven unauffällig seine Hände musterte. Was hat er denn mit meinen Händen?, fragte sich Jens etwas verwirrt.

Reuven war glücklich, dass Jens ihm den Zwischenfall nicht weiter krumm nahm. Und vor allem, dass er keine große Verletzungen davongetragen hatte. Das hatte ihm schwer auf dem Gewissen gelegen und auch deswegen hatte er immer wieder darauf gedrungen, sich bei Jens entschuldigen zu können.
Jens ist auch ein verdammt attraktiver Mann, stellte Reuven fest. Breitschultrig und schmalhüftig, was von dem Schnitt der körperbetonenden Motorradkleidung noch hervorgehoben wurde. Und dann diese kurz geschnittenen dunklen Haare. Außerdem strömte Jens einen herb-maskulinen Duft aus, ein Mix aus dem Geruch nach Leder, einem Aftershave und sein persönlicher Geruch. Reuven war hin und weg.
Und Jens trug keine Ringe an den Fingern. Also hatte er keine Freundin. Dafür trug er am rechten Ohr einen Ohrstecker mit einem ziemlich auffälligen Stein, der im Sonnenlicht funkelte. Kein echter, wie Reuven sofort sah.
Jens stand auf, nachdem er auf die Uhr gesehen hatte.
„Ich muss zum Dienst.“
„Schon?“, entfuhr es Reuven und am liebsten hätte er sich auf die Zunge gebissen. Was soll der Typ von mir denken?
„Ja, meine Schicht beginnt gleich. Ich bin noch nicht so lange dabei und der Chef schätzt es nicht, wenn ich zu spät komme.“
„Stimmt, das wäre nicht gut“, musste Reuven einsehen und ein paar peinliche Momente herrschte Schweigen.
„Aber ich kann ja wiederkommen“, sagte Jens endlich und Reuven konnte nicht verhindern, dass ein freudiges Strahlen über sein Gesicht zog, das wohl auch Jens auffiel. Jedenfalls lächelte er.
„Mein Chef hat mir aufgetragen, dass ich mich mit den Vampiren und der Magie vertraut mache. Und Cosmin Radulescu, dein Quasi-Pfleger, ist ein Vampir.“
„Jan und Elias sind auch Vampire und kommen öfters vorbei. Außerdem ist da noch ein großer Clan, von denen immer wieder mal einige vorbeischauen wollen“, sagte Reuven. „Wollen Sie die nicht kennenlernen?“
„Dann verabschiede ich mich jetzt und sage mal bis demnächst“, sagte Jens.
„Ja, bis bald“, sagte der siebzehnjährige Reuven mit einem Unterton in der Stimme, den er nicht unterdrücken konnte.

Jens verließ Reuvens Zimmer. Auf dem Flur traf er Malte, dem er den Stein zurückgab, mit dessen Hilfe er sich mit Reuven hatte unterhalten können.
„Na, alles mit Reuven geklärt?“, fragte Malte freundlich.
„Ach, da war ja nicht viel zu klären. Mir war nicht viel passiert, bis auf etwas, was man wohl mit einem starken Sonnenbrand vergleichen konnte. Also nichts Schlimmes. Es ist jedenfalls nicht vergleichbar mit der Situation, in der Reuven sich befindet.“
„Schön, dass Sie das so sehen, Herr Nicolay“, erscholl eine kräftige Stimme, die Jens als die des Vampirs Cosmin Radulescu erkannte. Eine Tür auf dem Flur stand offen und sie führte in einen Raum, in dem neben alten Fauteuils einige unausgepackte Umzugskisten stand. Cosmin kramte in einer der Kisten und packte aus.
„Ja, es sieht noch ein bisschen chaotisch bei uns aus. Wir haben noch nicht alles eingeräumt“, sagte er gut gelaunt. „Aber es wird langsam.“
„Das ist schon ein riesiger Bau, den Sie sich zugelegt haben“, meinte Jens. „Es sieht nach viel Arbeit aus. Für den Garten brauchen Sie ja allein schon eine eigene Firma. Sechzehn Hektar Park, dafür kann man mehrere Gärtner einstellen.“
„Vielleicht mache ich das sogar. Sebastian kann ich mir nämlich nicht beim Unkrautzupfen und Heckenschneiden vorstellen“, meinte Cosmin leichthin und Jens starrte ihn überrascht an. „Oder ich vermiete ein paar Zimmer an interessierte Personen. Diese alte Villa hat sehr viele Zimmer, aber ich vergesse immer wie viele es sind. Und dann ist da noch der Anbau mit den Büros.“
Jens dachte an sein eigenes kleines Appartement, welches er sich mit Mühe und Not von seinem schmalen Beamtensalär leisten konnte. Viel blieb ihm nicht zum Leben, und sein geliebtes Motorrad sowie sein zweites Hobby Kampfsport waren auch nicht gerade billig.
Erneut sah er auf die Uhr und fluchte lautlos.
„Ich muss mich sputen, ich komme sonst zu spät zum Dienst“, sagte er, verabschiedete sich etwas überstürzt und lief zu seinem Motorrad. Nachdem er den Helm aufgesetzt hatte, gab er Gas und jagte die Maschine über die kiesbestreute Auffahrt. Das Tor schwang auf, doch er wartete nicht, bis es völlig geöffnet war.
Und dann hörte man nur noch ein Aufheulen der schweren Maschine und Jens Nicolay war weg.

….

Sebastian saß mit seinen Freunden beim Frühstück, auch Reuvens Mutter war bei ihnen. Sie trank Tee und durch die gläserne Teekanne fiel das Licht der Morgensonne. Es projizierte ein Muster seltsam changierender Farbspiele zwischen Marmelade und Honigglas.
Sebastians linke Hand verharrte über der Erdbeermarmelade und plötzlich fiel ihm die Kaffeetasse aus der anderen Hand. Mit einem seltsam entrückten und abwesenden Gesichtsausdruck starrte er Cosmin an.
„Hase? Alles in Ordnung?“, fragte Cosmin. Er war schon dabei, den Kaffeefleck wegzuwischen.
„Jaaaaa, ich habe bloß eine Idee“, sagte Sebastian aufgeregt. „Ich kann doch mit dem Ring diese Portale in das Reich der Dschinnen öffnen. Wo steht eigentlich geschrieben, dass ich dafür in die Kasbah muss? Kann ich das nicht von hier aus?“
„Und was soll das bringen?“, fragte Malte verständnislos. Dann hellte sich seine Miene auf. „Hey, wenn das klappt, dann könntest du Reuven durch so ein Tor schicken, welches die Magie aufhebt und er ist wieder normal.“
„Das muss ich direkt ausprobieren“, sagte Sebastian und flitzte aus dem Esszimmer. „Bin gleich wieder da.“
„Von was für einem Ring spricht er?“, wollte Leah wissen. „Was hat das mit Reuven zu tun?“
„Basti ist ein Magier, und von Lalla Sara hat er einen der magischen Ringe des Sulaiman erhalten. Damit kann er Magie wirken und Tore öffnen zu den Königreichen der Dschinnen“, erklärte Cosmin. „Notfalls können wir Reuven mit dem Hubschrauber der Bucharis in die Kasbah fliegen, aber wenn es so geht, dann ist es natürlich einfacher.“
„Sulaiman? Meinen Sie etwa König Salomo?“, fragte Leah und Cosmin nickte.
Sebastian tauchte wieder auf und wedelte triumphierend mit dem Ring, den er zwischen zwei Fingern hielt. Dann steckte er den Ring auf den Finger.
„Halt Basti, nicht hier“, bremste Cosmin. „Im Foyer ist genug Platz, da kannst du das Portal auf die rückwärtige Wand setzen. Weißt du überhaupt, wie du vorgehen musst?
„Ja, das hat mir Bilal erklärt. Ohne Ring kann ich nur ein bestehendes Portal öffnen, aber mit dem Ring kann ich auch ein neues Portal bauen. Ich muss mir dabei nur vorstellen, wo es hinführen soll. Ist das aufregend!“, strahlte Sebastian. „Dass ich nicht schon längst dran gedacht habe
Reuven richtete sich auf und öffnete sein beeindruckendes Maul. Er zitterte vor Aufregung, als er Sebastian ansah.
„Kann das wirklich klappen?“, fragte der junge Drache.
„Probieren geht über studieren“, meinte Malte gut gelaunt.
Cosmin griff nach dem Telefon. „Ich gebe mal in der Kasbah Bescheid.“
„Kurzwahl Lalla Sara?“, fragte Malte und Cosmin nickte, während er auf eine Verbindung wartete.
„Lalla Sara?“ … „Cosmin hier. Basti will ein Experiment versuchen und mit dem Ring ein Portal öffnen. Er hofft, Reuven damit helfen zu können.“ … Cosmin lauschte und nickte. „Ich werde es ihm ausrichten.“
Cosmin legte sein Handy beiseite.
„Lalla Sara ist der Ansicht, dass es klappen kann. Du musst der Ringmagie jedoch genaue Anweisungen geben, was sie bewirken soll. Denk vorher genau darüber nach, denn wenn die Magie einmal fließt, kannst du sie nicht mehr aufhalten, nur noch lenken.“
Sebastian nickte. „Ich habe mir schon eine Skizze zurechtgelegt und will noch ein paar Minuten darüber nachdenken.“
„Lass dir alle Zeit, die du brauchst, Hase“, sagte Cosmin sanft. „Das ist große Magie, keine Spielerei. Also sei vorsichtig.“
„Das bin ich“, versprach Sebastian. „Ich will doch nur dem Lurch helfen.“

Sebastian stand auf und verließ das Esszimmer. Es war zwar nicht so gemütlich wie die Küche in ihrer alten Wohnung, und Sebastian vermisste die alte Wohnung wie verrückt, aber das Esszimmer war schon okay.
Er setzt sich im Schneidersitz auf den Boden des Foyers und überlegte eine Weile. Dann konzentrierte er sich auf seine Idee und hob die Hand.
Malte und die anderen Hausbewohner waren mittlerweile aus dem Esszimmer gekommen. Gespannt verfolgten sie Sebastians Vorbereitungen.
Sebastians Hand mit dem Ring fing an zu leuchten. Das violette Leuchten ging von dem Ring aus und es schnitt vor ihnen in die Luft wie eine Schere in ein Stück Papier. Die Luft waberte an der Stelle wie an einem heißen Tag über dem Asphalt.
Der Junge keuchte vor Anstrengung und auf seiner Stirn traten pulsierende Adern zutage. Bastis Augen verfärbten sich schwarz und er zuckte am ganzen Körper. Seine Lippen bewegten sich und sprachen unhörbare Worte.
Leuchtende Muster und filigrane Ornamente entstanden und schließlich bildete sich Stück für Stück ein großer Torbogen mit zwei Flügeln. Als sie aufschwangen, bot sich ihnen der Blick auf den See, an dessen Ufer und der Insel das Königreich der Dschinnen lag.
Cosmin betrachtete Sebastian mit gerunzelter Stirn. Noch immer murmelte sein Freund vor sich hin und noch immer zuckten die Strahlen des Ringes und arbeiteten an dem Tor.
Mit einem Aufschrei brach Sebastian zusammen und knallte auf den Boden, wo er regungslos liegen blieb. Das Leuchten des Ringes wurde schwächer und hörte schließlich auf.
Cosmin machte einen großen Satz und kniete neben Sebastian nieder. Besorgt fühlte er nach dem Puls seines Freundes. Sebastian war eiskalt und atmete sehr flach.
„Malte, ruf Jan oder Elias an und sag ihnen, dass sie Dr. Schäfer vorbeibringen sollen“, ordnete Cosmin besorgt an. „Mach schnell!“
„Was soll ich ihm denn sagen?“, fragte Malte ängstlich. „Was ist mit Basti los?“
„Dass Basti zusammengebrochen und bewusstlos ist. Er muss sich überanstrengt haben.“
Leah und Reuven kamen näher und der junge Drache beugte sich über Sebastian, dessen weit aufgerissene Augen blicklos ins Leere starrten. Kalter Schweiß stand auf Sebastians Stirn.
„Er ist eiskalt“, murmelte Reuven. „Da kann ich helfen. Geht beiseite!“
„Was hast du vor?“, fragte Cosmin stirnrunzelnd.
„Keine Zeit für Erklärungen. Basti stirbt sonst“, stieß Reuven zwischen seinen Zähnen hervor und fegte Cosmin mit seinem Schwanz beiseite. Mit einem Krachen knallte Cosmin an die Wand und rutschte herunter.
Dann baute Reuven sich über Sebastian auf und sein bunter Körper fing an zu vibrieren. Wellen liefen über seine Haut und ein tiefes Summen kam zwischen seinen Zähnen hervor. Reuven schloss die Augen und ließ seinen Instinkten freien Lauf. Sein Brustkorb pumpte sich auf und zwischen den Pfauenzeichnungen liefen plötzlich kleine flackernde Flammen über seinen Körper.
Das Summen wurde immer tiefer und Reuven pumpte immer noch mehr Luft in seinen Brustkorb, zwischen dessen Rippen es immer mehr zu glühen begann.
Malte und die anderen Umstehenden beobachteten das Schauspiel gebannt. Cosmin war leichenblass geworden, als Reuven sagte, dass Sebastian im Sterben läge.
Mit einem Rauschen entfalteten sich Reuvens Flügel und Malte dachte unwillkürlich, dass es doch gut sei, dass das Foyer des Turmhofes so groß war. Jeder der Flügel Reuvens war so groß wie ein mittlerer Kleinwagen.
Sebastian lag zwischen Reuvens Vorderbeinen und bewegte sich nicht. Blut lief ihm aus Mund und Nase und nur sein sich schwach hebender und senkender Brustkorb verriet, dass er atmete.

Als Maltes Notruf bei Elias in der Villa eintraf, ließ der sich kurz die Symptome beschreiben, und versuchte, den panischen Malte zu beruhigen. „Wir sind gleich da, es hört sich nach einem Kollaps aufgrund von Überanstrengung an.“
„Mach schnell, Basti sieht so seltsam aus und Reuven dreht irgendwie durch. Hier geht was Seltsames vor“, drängte Malte. „Ich hab Angst um Basti.“
„Wir sind gleich da“, versprach Elias und legte auf. Jan war in der Uni und die Autoschlüssel lagen auf dem Schreibtisch. Schnell lief er zu Dr. Schäfer und wiederholte Maltes Angaben.
„Du hast recht, der kleine Irre wird sich überanstrengt haben“, bestätigte Dr. Schäfer und griff seine altertümliche Tasche. „Traubenzucker und Kochsalzinfusion bitte, sie liegen in dem Schrank da und dann fahren wir sofort los.“
Elias griff nach den gewünschten Utensilien und dann traute er seinen Augen nicht. Der über achtzigjährige Arzt lief aus der Praxis, als ob er mindestens vierzig Jahre jünger wäre. Es musste dringend sein.
„Beeil dich, wir haben nicht viel Zeit“, rief er über die Schulter und Elias folgte ihm zu Jans alten Mercedes, der in der Auffahrt stand. Sie stiegen ein, Elias startete den Motor und dann fuhr er los. Dr. Schäfer griff in seine Tasche und stöpselte das Notarzt-Signal ein, das er durch das Fenster aufs Dach schob. Blinkend und laut forderte es Sonderrechte ein und gehorsam machten die anderen Fahrzeuge ihm Platz.
„Schneller, Elias, du bist doch schon oft Notfalleinsätze gefahren.“
„Aber nicht mit einem über vierzig Jahre alten Mercedes-Oldtimer“, quetschte Elias mühsam zwischen den Zähnen hervor, während er von der Kronprinzenstraße mit quietschenden Reifen in die Ubierstraße einbog.
„Auto ist Auto“, brummte Dr. Schäfer und sah auf die Uhr. „Schneller, Elias, Lalla Sara hat mir einmal erklärt, wie diese magischen Ringe funktionieren. Sie entziehen die Energie, die sie brauchen, ihrer unmittelbaren Umgebung, und wenn Sebastian nicht vorsichtig genug war, dann hat er dem Ring die Energie gegeben. Es ist wie bei einem Marathonlauf, und wenn Sebastian sich zu sehr verausgabt hat, dann …“
Dr. Schäfer beendete den Satz nicht, aber Elias merkte, wie besorgt er war. Er drückte das Gaspedal durch und der schwere Wagen schoss vorwärts, als der Kickdown einsetzte. Jans liebevoll restaurierter Mercdes mit der gigantischen 6,3 Liter Maschine hatte einst Porsche das Fürchten gelehrt und jetzt rasten sie hupend über die Mittelstraße. Elias betätigte die Lichthupe und drängte den Verkehr beiseite.
Sie erreichten die Plittersdorfer Straße und bogen ab. Die Straße wurde schmaler und nach wenigen Sekunden kamen sie am Turmhof an. Das Tor stand schon offen und Elias steuerte den Wagen über die Auffahrt. Der Kies spritzte beiseite.
Schließlich stoppte er den Wagen und kaum, dass sie hielten, riss Dr. Schäfer schon die Tür auf und eilte zum Haus. Die Tür stand offen und ein seltsames Leuchten fiel aus der Tür.
Elias folgte und blieb wie angewurzelt stehen. An der Wand zuckte ein Portal, wie eine Art Spiegel, und davor lag Sebastian auf dem Boden. Über ihm hockte Reuven und jetzt packte er Sebastian mit den Pranken und mit ein, zwei Sätzen war er mit dem Körper des kleinen Studenten zur Tür hinaus. Dabei mussten Elias und der Doktor zur Seite springen, um nicht von dem Drachen überrannt zu werden.
Reuven legte Sebastians Körper vorsichtig ab und er blickte sie wild an. „Bleibt weg“, rief er warnend und seine Augen glühten in einem unirdischen Licht.
Dann schwang er sich in die Luft, mit zwei, drei Flügelschlägen stand er mehrere Meter über Sebastian und brüllte laut. „Ich bin der Drache, der auf dem Feuer reitet. Ich bin der Drache, dessen Flamme Verderben bringt. Mein Atem ist flammender Tod und mein Atem ist flammendes Leben.“
Erneut griff er nach Sebastian und warf den bewusstlosen Körper des jungen Magiers hoch in die Luft. Sebastians Körper stieg und stieg, bis er den Punkt erreicht, wo die Schwerkraft wieder die Oberhand gewann. Sebastian fiel und raste dem Erdboden entgegen.
Malte und Cosmin standen wie festgenagelt in der Tür. Reuvens Mutter lehnte bleich an Cosmin und dann schrie Cosmin entsetzt auf.
Reuven riss das Maul auf und badete Basti in einer alles verzehrenden Flamme, so schien es, denn der Junge verschwand in der glühenden Lohe, die sich Reuvens Maul entrang.

Blaulicht zuckte über den Platz, ein Polizeifahrzeug traf ein und ein schweres Motorrad stoppte neben Jans altem Mercedes. Jens Nicolay stellte seine Maschine ab und dann fielen ihm fast die Augen aus dem Kopf, als er die Situation erfasste. Sein Chef und auch Lars Wilhelm standen ebenfalls wie vom Donner gerührt auf dem Platz vor dem Haus.
Reuven handelte rein instinktiv und triebgesteuert. Er wusste nicht, was er tat. Er hatte gespürt, dass Sebastian in Lebensgefahr geraten war. Die Magie, die Sebastian gerufen hatte, um das Portal zu schaffen, hatte ihm fast alle Energie geraubt. Auch jene Energie, die der Körper zum Funktionieren braucht, jene entscheidenden letzten Reserven, die man zwar mobilisieren kann, aber nur, wenn man sie sofort wieder auffüllt.
Der junge Drache wusste, dass er mehr als genug Energie mobilisieren konnte. In seiner Brust schlummerte ein Organ, mit dem die Drachen ihr Feuer erzeugten. Aber Feuer war nicht einfach Feuer, es konnte verbrennen, wärmen, Leben schaffen und Leben vernichten. Reuven ahnte, dass er das Feuer beherrschte. Er hatte lange gebraucht, um das zu akzeptieren, aber Sebastian hatte ihm geholfen, mit dem Feuer umzugehen und ihm die Angst vor dem Feuer genommen.
Er konnte es nicht erklären, und Zeit für Erklärungen war sowieso nicht. Deswegen zwang er Cosmin beiseitezutreten.
Als Sebastians Körper in der Flamme verhielt, lenkte Reuven sein Feuer in Sebastian. Er zwang die Flammen durch Mund, Nase und jede noch so kleine Pore in Sebastians Körper, um ihm die Wärme zu geben, die der Junge brauchte.
Sebastians Herz schlug unregelmäßig, denn der Muskel fand keine Energie, die kleinen Kraftwerke in den Muskelzellen stotterten und kamen nicht auf Leistung. Doch jetzt kam die Magie des Drachenfeuers und das Feuer bahnte sich seinen Weg in jede noch so kleine Zelle, wärmte sie auf und schmiss den zellulären Prozess in Sebastians Mitochondrien wieder an.
Heiß brannte Reuvens Feuer in Sebastian und der Junge kam wieder zu Bewusstsein. Langsam erwachte er und erschrak, als er sich in der warmen Säule von Reuvens Drachenfeuer wiederfand. Langsam sank er in der Flamme zu Boden und schließlich versiegte die Flamme. Er fand sich zwischen Reuvens Vorderbeinen wieder.
Cosmin stürzte auf ihn zu und riss ihn vom Boden direkt in seine Arme.
„Was ist denn los?“, murmelte Sebastian benommen, der noch nicht so ganz bei sich war und jetzt kamen auch Elias und Dr. Schäfer heran, um ihn zu untersuchen.
„Das war knapp“, sagte Dr. Schäfer nach einer Weile. „Äußerst knapp!“
„Ich bin müde“, sagte Sebastian erschöpft. „Kann ich etwas trinken?“
„Wir bringen ihn am besten ins Bett“, entschied Elias. „Kannst du aufstehen?“
Sebastian versuchte, auf die Beine zu kommen, doch es drehte sich alles um ihn und seine Beine knickten ein. Kurz entschlossen nahm Cosmin ihn auf die Arme und verfrachtete ihn ins Haus. Elias und Dr. Schäfer folgten ihm, Malte im Schlepptau.

Jens war zu Reuven gegangen und lauschte zusammen mit seinem Chef Reuvens Erklärungen. Nach einer Weile kam Dr. Schäfer zurück, und sagte, dass es wohl Reuven zu verdanken sei, wenn Sebastian noch am Leben sei. Der alte Arzt berührte Reuven kurz an der Schulter.
„Was auch immer du da getan hast, es war gut!“, sagte er knapp und Elias, der daneben stand, grinste über das ganze Gesicht, als Reuven sich etwas verlegen wand.
„Ich habe nicht lange überlegt, irgendwie wusste ich, was zu tun war“, sagte er. „Und ich konnte doch nicht zusehen, schließlich hat Sebastian mir auch sehr geholfen.“
Jens betrachtete den jungen Reuven mit Respekt.
„Reife Leistung! Das hast du wirklich gut gemacht“, sagte er mit Bewunderung in der Stimme und jetzt wurde Reuven wirklich verlegen, denn auch die beiden anderen Polizisten nickten anerkennend.
„Wieso sind Sie überhaupt hier?“, fragte Elias. „Wir haben Sie doch gar nicht gerufen?“
„Als ein Notruf in der Zentrale einging, dass ein Notarzteinsatz mit einem etwas ungewöhnlichen Fahrzeug lief, der zum Turmhof unterwegs war, wurde ich informiert und wir beschlossen, nach dem Rechten zu sehen“, sagte Lux. „Jens hatte zwar frei, war aber in der Nähe.“
Jens Nicolay war im Bikeroutfit unterwegs. Er trug schwere Stiefel, schwarze Lederhose und eine Lederjacke, die er nicht ganz zugeknöpft hatte, sodass Reuvens Blick auf die gebräunte und muskulöse Brust fiel.
„Also gut, dann beenden wir den Einsatz“, meinte Lars Wilhelm. „Chef, was meinen Sie?“
„Denke ich auch. Es ist ja erfreulicherweise nichts passiert, was uns betrifft“, stellte Hauptkommissar Lux fest und bestieg wieder den Einsatzwagen, mit dem sie gekommen waren. Zusammen mit seinem jüngeren Kollegen verließ er den Turmhof.
„Bleiben Sie noch?“, wurde Jens von Reuven gefragt und Jens merkte, dass Reuven auf ein Ja als Antwort hoffte.
„Ich hab eigentlich frei heute“, sagte er zögernd, „und wollte mich mit ein paar Kumpels treffen.“
„Ach so, ja, dann vielleicht ein anderes Mal“. sagte Reuven etwas enttäuscht.
Leah kam zu ihnen. Reuvens Mutter war etwas blass um die Nase, aber auch sie war stolz auf das, was Reuven vollbracht hatte. Jens betrachtete die beiden und fand den Anblick des jungen Drachen faszinierend.
Die halb ausgebreiteten Flügel, die pfauenartigen Zeichnungen, die immer noch hier und da von kleinen Flammen umlaufen wurden und das stolze Gesicht des Drachen mit den leuchtenden Augen, das war sehr beeindruckend. Und es strahlte eine überwältigende Macht aus.
Er zog seine kleine Kamera hervor.
„Darf ich von dir ein Foto machen?“, fragte er.
„Oh! Ein Foto?“, sagte Reuven etwas verlegen. „Aber weshalb denn?“
„Weil du der schönste Drache bist, den ich je gesehen habe“, antwortete Jens direkt und jetzt wurde Reuven dunkelrot unter seiner schuppigen Haut. Er schnappte nach Luft und eine kleine Flamme puffte mit einem leisen Knall aus seinem Maul.
„Ups“, sagte er verlegen.
„Schon in Ordnung, Reuven“, sagte Jens. „Darf ich denn nun ein Foto machen?“
„Ja natürlich dürfen Sie das!“, stammelte Reuven. Leah ging beiseite und beobachtet lächelnd die Szene zwischen den beiden. Jens machte aus mehreren Blickwinkeln eine Serie von Fotos.
Sie war nun schon seit einigen Tagen bei ihrem Sohn und sie hatte ihm verziehen, dass er mit seiner Flucht die Familie in solche Ängste gestürzt hatte. Soweit sie es überblicken konnte, ging es ihm gut und diese seltsame WG mit dem schwulen Vampir, dessen Freund und dem etwas tollpatschigen Mitbewohner Malte sowie dem Buchari-Vampirclan war wohl das Beste, was ihm hatte passieren können.
Nach Amsterdam konnte sie Reuven unmöglich mitnehmen, das stand fest, denn so lange wie er im Körper eines Drachens gefangen war, würde er nicht endenwollendes Aufsehen erregen.
Sie war nüchterne Geschäftsfrau genug, seit Jahren für ihren Vater, den alten Edelsteinhändler und -schleifer unterwegs, um nicht auch die Gefahren zu erkennen, die sich hier boten. Man konnte Reuven auch als gefährlich einschätzen. Sie konnte ihm nicht helfen, die einzigen, die ihm würden helfen können, waren dieser junge Magier und dessen Freunde.
Sebastians Zusammenbruch hatte sie schwer getroffen, denn der junge Magier war zwar etwas schräg, das hatte sie schnell festgestellt, aber liebenswert und hilfsbereit.
Außerdem würde ihr Sohn noch aus einem anderen Grund nicht nach Amsterdam zurückkehren wollen. In Amsterdam gab es keinen Jens. Reuven hatte sich zum ersten Mal verliebt.

Schließlich wurde es Reuven zu viel mit den Fotos. Eigentlich waren es auch nicht die Fotos, sondern die bewundernden Blicke von Jens, mit denen er bombardiert wurde. Er flüchtete ins Haus, raste durch die Gänge, bis er in seinem Zimmer angelangt war, wo er sich heftig atmend auf sein großes Bett schmiss.
Etwas überrascht blieb Jens mit Reuvens Mutter zurück.
„Was hat er denn?“, fragte er und seine Stimme klang etwas ratlos. „Habe ich ihn beleidigt? War ich zu aufdringlich?“
Leah lachte. Der junge Beamte vor ihr merkte anscheinend gar nicht, was los war.
„Nein, ich denke, für Reuven war es auch etwas viel heute. Er wird sich ausruhen wollen.“
„Stimmt, das war ja auch ganz außergewöhnlich, was er gemacht hat. Er hat Sebastian das Leben gerettet, das war ganz großes Kino“, bekräftigte Jens.
„Ich habe mit Reuven viel gesprochen in den letzten Tagen und er redet auch viel von Ihnen.“
„Von mir?“, fragte Jens verwundert und schob sich seine Sonnenbrille in die Stirn.
„Ja, von Ihnen. Darf ich Sie etwas fragen?“
Jens nickte.
„Sie duzen meinen Sohn, aber er siezt sie. Wie alt sind Sie?
„Ich bin dreiundzwanzig“, sagte Jens. „Aber ich verstehe nicht, was das damit zu tun hat?“
„Und warum siezt er Sie dann? Selbst Sebastian duzt Sie, und der ist nicht viel älter als Reuven.“
„Vielleicht, weil wir uns zuerst dienstlich kennengelernt haben, zuerst bei dem Zwischenfall mit dem ausgebrannten Auto in Bad Godesberg und dann damals in der U-Bahn.“
„Aber jetzt haben Sie doch nicht mehr unbedingt dienstlich mit ihm zu tun. Meinen Sie, sie könnten ihm gestatten, dass er Sie ebenfalls duzt und beim Vornamen nennt?“
Jens schwieg, denn er hatte gar nicht daran gedacht, wie verwirrend und distanzierend das auf Reuven wirken musste.
„Ich denke schon“, sagte er vorsichtig. „Warum nicht?“
„Reuven würde es sehr glücklich machen“, sagte Leah. „Er glaubt nämlich immer noch, dass Sie ihm etwas gram sind wegen des Unfalls mit dem brennenden Auto, wo er sie aus Versehen verletzt hat. Und dass Sie ihn deshalb auf Distanz halten.“
„Hoppla“, entfuhr es Jens. „Das ist wirklich Quatsch. Ich weiß doch, dass er nichts dafür konnte. Das habe ich ihm gesagt.“
„Sagen ist das eine, Worte sagen sich leicht, aber Taten sind etwas anderes“, sagte sie. „Sie glauben gar nicht, wie wichtig es ihm ist, dass Sie ihn vorhin so gelobt haben.“
„Häh?“
Leah lachte und schüttelte den Kopf.
„Versetzen Sie sich doch einmal in seine Lage. Er hatte bisher Angst vor dem Feuer, das er entfesseln kann. Nicht zu Unrecht, denn er hat Sie ja damit verletzt. Er lebt im Körper eines Drachen, trägt eine schwierige Prophezeiung mit sich, die ihm noch mehr Angst macht und konnte jetzt zum ersten Mal sein Feuer für etwas Gutes einsetzen. Und Sie haben das gesehen und ihn dafür gelobt. Das hat ihn sehr glücklich gemacht.“
„Ja, wenn man es so sieht“, sagte Jens langsam.
„Ihre Meinung ist ihm sehr wichtig. Ich werde mir bestimmt nachher zehnmal anhören können, das Jens gesagt hat, dass er das gut gemacht hat. Und dass er der schönste Drache ist, den Sie je gesehen haben“, sagte Leah. „Sie sollten gegenüber einem Teenager vorsichtig sein mit solchen Worten.“
„Aber ich meine das doch auch so“, sagte Jens verwirrt.
„Dann ist es ja gut“, sagte Leah. „Das beruhigt mich. Es ist für eine Mutter sehr schwer, ihrem Kind nicht helfen zu können und hierbei – ich meine diese Drachengeschichte – kann ich ihm nicht helfen. Ich kann nur hoffen, dass seine Freunde es schaffen, ihm zu helfen. Aber Reuven würde sicher lieber ein Drache bleiben, als erneut zusehen zu müssen, wie Sebastian sich in Lebensgefahr bringt.“
„Reuven ist ein anständiger Junge“, sagte Jens. „Wir haben über seinen Fall gesprochen, und ich kenne die Akte. Er hat sich immer bemüht, sich während seiner feurigen Phasen zu isolieren, um andere nicht zu gefährden.“
„Mein Sohn hat eine Akte?“, sagte Leah stirnrunzelnd. „Er kann nichts dafür, was mit ihm passiert ist.“
„Nein, das kann er nicht und das wirft ihm auch niemand vor. Aber in unserer Abteilung liegt die Zuständigkeit für Fälle, die abseits dessen passieren, was normale polizeiliche Arbeit ist. Wir sammeln die Informationen natürlich, weil es nichts Vergleichbares gibt. Reuven ist ein ganz interessanter Fall …“, sagte Jens und verstummte, als Leah empört schnaufte.
„Sie tun es immer noch! Verdammt, Herr Nicolay, mein Sohn ist kein Fall, er ist ein junger Mann, der nur versucht, mit dem zurechtzukommen, was ihm passiert ist“, fuhr Leah ihn wütend an. „Reuven ist kein Fall, haben Sie verstanden?“
„Aber so meine ich das doch gar nicht“, versuchte Jens sich zu rechtfertigen.
„Und wofür haben Sie die Fotos von Reuven gemacht? Für ihre Akte?“, fragte sie beißend.
Jens fühlte sich ertappt.
„Herr Nicolay, Reuven hat Ihnen erlaubt, Fotos zu machen, weil er glaubt, dass Sie die Fotos für sich haben wollten. Und als seine Mutter verlange ich, dass Sie die Bilder löschen, haben Sie verstanden? Reuven ist minderjährig und ich bin seine Mutter“, fauchte Leah. „Sie Super-Polizist!“
Jens wich zurück vor der wütenden Leah und hatte einen Augenblick die Vision einer Tigermutter, die sich schützend vor ihr Junges stellte.
„Also gut, ich werde die Bilder nicht dienstlich verwenden. Ich verspreche es Ihnen und werde ihm die Bilder geben. Und ich verspreche auch, Reuven künftig nicht mehr als Fall zu betrachten.“
Leah sah nicht überzeugt aus.
„Was machen Sie so?“
„Ich arbeite sehr viel. Ich bin noch recht neu in der Abteilung und muss noch Erfahrungen sammeln und auch lernen. Viel zu tun“, sagte er verwundert. „Was wollen Sie eigentlich von mir?“

„Apropos“, sagte Jens langsam und blickte Richtung Haus. „Mir fällt da etwas ein. Hat eigentlich mal jemand überprüft, ob Sebastian erfolgreich war?“
Langsam ging er die Treppe zum Eingang des Turmhofs hoch und betrat das Foyer.
Wie von selbst und von nichts getragen, schwebte in der Luft vor der Wand des Foyers ein Portal. Zwei Flügel waren nach links und rechts aufgeklappt und Jens blickte auf eine ihm fremde Landschaft.
„Donnerwetter!“, sagte er zu Leah, die ihm gefolgt war. „Anscheinend war Sebastian doch erfolgreich mit seinem Versuch.“
„Ja, aber ob es auch funktioniert?“, fragte Reuvens Mutter.
„Keine Ahnung“, sagte Jens und kramte in seiner Hosentasche. Er förderte ein Stück Papier zutage und zerknüllte es. Dann warf er den Papierball durch das Portal. Es fiel ganz normal auf der anderen Seite auf den Boden.
„Scheint zu funktionieren“, meinte Jens. „Aber ich würde ganz gern erst mit den anderen reden, um zu erfahren, wo die andere Seite ist.“
Er lauschte und hörte schwach ein paar Stimmen aus dem Innern des Hauses.
„Sie sind in einem der Wohnzimmer, vermute ich mal“, sagte Leah. „Kommen Sie, leisten wir den anderen Gesellschaft.“

Als sie den Stimmen näher kamen, hörten sie, dass es heftige Wortwechsel gab und überrascht schauten sie sich an. Cosmins Stimme war wütend und er grollte, dass die Wände zitterten. Das hörte man durch die geschlossene Tür.
„Was ist denn hier los?“, fragte Jens, als er den Raum betrat. Auf einem großen Monitor erblickte er das Gesicht der alten Matriarchin des Buchari-Clans, die eine sehr besorgte, aber auch etwas verärgerte Miene zur Schau trug.
Cosmin ignorierte ihn, aber dass er so wütend aussehen konnte, hätte Jens nicht gedacht. Cosmin war selten so eindeutig als Vampir zu erkennen gewesen und unwillkürlich fröstelte es Jens.
Die Augen des Vampirs glühten, sein Gesicht war verzerrt und seine langen Fänge ragten aus dem halb geöffneten Mund.
„Sebastian hätte sterben können! Wenn Reuven nicht gewesen wäre, dann hätte es ihm das Licht ausgeblasen, Lalla Sara! Wie konnten Sie das zulassen! Der Junge hat gar nicht gewusst, was er tut. Ein Tor zu öffnen, das eine Verbindung schafft über eine Distanz von mehreren Tausend Kilometern zu Ihnen in die Kasbah, da hätte Ihnen doch klar sein müssen, dass das etwas anderes ist als nur ein paar Feuerkugeln tanzen zu lassen“, brüllte Cosmin wütend.
„Noch einmal, Cosmin, ich habe es nicht gewusst. Ich ging davon aus, dass Sebastian ein Portal schaffen wollte, dass wie jenes zu den Dschinnen die Magie aufhebt. Sebastian muss gedacht haben, das ginge nur im Reich der Dschinnen. Er hätte nicht soweit kommen dürfen, dafür reicht die Kraft des Ringes gar nicht aus“, sagte Lalla Sara. „Ich würde den Jungen doch nicht einer solchen Gefahr aussetzen.“
„Ja, jetzt wissen wir ja, wo sich der Ring dann wieder auftankt. Mit Super E 10 gibt er sich nicht zufrieden, er tankt Lebensenergie, und zwar die desjenigen, der ihn trägt“, bellte Cosmin. „Ohne Rücksicht auf Verluste!“
„Cosmin, es ist ein ehernes Gesetz der Magie, dass sie nichts aus dem Nichts erschafft, sondern nur umwandelt. Und Sebastian weiß das auch.“
„Ein falsches Wort noch, wenn ich jetzt höre, dass Sie Sebastian die Schuld geben, dann lernen Sie mich aber kennen!“, knirschte Cosmin außer sich. „Er hat in bester Absicht gehandelt.“
Die alte Dame atmete scharf ein, als Cosmin sie so unverhohlen bedrohte.
„Cosmin“, sagte sie und bemühte sich offensichtlich um eine ruhige Stimme, „auch ich mag den Jungen und würde ihn niemals bewusst in eine solche Gefahr bringen. Ich habe es nicht gewusst, glauben Sie mir das bitte!“
Jens bewunderte Cosmin für seinen Mut, sich der alten Matriarchin entgegenzustellen. Er sah sich um, alle anderen waren verschreckt zurückgewichen, als Cosmin so tobte. Auch der alte Doktor und Elias, dieser andere Vampir aus dem Buchari-Clan, hielten vorsichtigen Abstand.
Cosmin muss sich beruhigen, dachte Jens. Ich kann ihn ja verstehen, wenn mein Freund beinahe gestorben wäre, würde ich auch ausrasten. Aber es bringt nichts.
Jens war Kampfsportler und brachte bei seinen 1,85 m neunzig  muskulöse Kilogramm auf die Waage. Er traute sich durchaus zu, es mit einem außer Rand und Band geratenen Vampir aufzunehmen.
Ruhig ging er auf Cosmin zu und blickte ihn in die wütenden Augen.
„Wollen Sie sich jetzt bitte beruhigen, Herr Radulescu?“, forderte er zur Verblüffung aller Cosmin auf. „Sebastian geht es gut, Reuven hat ihn gerettet und er wird es überstehen. Nicht wahr, Herr Doktor?“
„Ja, er ist nur erschöpft“, bestätigte Elias an des Arztes Stelle. „Beruhige dich, Cosmin!“
Cosmin knurrte immer noch außer sich und Jens dachte, dass hier jemand dringend Dampf ablassen musste. In Ordnung, wenn es nicht anders ging, würde er Cosmin beruhigen müssen – auf die eine oder andere Art.
Er zog seine Jacke aus und ließ sie achtlos zu Boden fallen.
Dann holte er blitzschnell aus und versetzte Cosmin einen rechten Haken und tänzelte im gleichen Augenblick zur Seite, als der wütende Vampir sich brüllend auf ihn stürzte.
Die Faust des Vampirs raste heran, doch Jens fing sie mühelos auf, nutzte das Bewegungsmoment aus und riss Cosmin zu sich heran. Gleichzeitig drehte er sich und dadurch flog Cosmin über seine Schulter. Krachend landete er auf dem Wohnzimmertisch, der in tausend Stücke zerbrach.
Aus dem Augenwinkel sah er, dass Leah und der alte Arzt sich fluchtartig in Sicherheit brachten. Nur Elias und Malte blieben im Wohnzimmer.
Jens stand leicht vorgebeugt und hielt die Fäuste vor die Brust. Cosmin fauchte und raste wieder auf ihn zu. Jens sprang hoch und versetzte Cosmin einen brutalen Tritt auf den Solarplexus, der Cosmin nach Luft japsen ließ. Er ging zu Boden und Jens gab ihm einen Tritt in die Seite.
Dann riss er ihn hoch und verpasste ihm einen linken Haken. Cosmins Lippe platzte auf und eine mörderische Wut stand in seinen Augen.
„Bei allen guten Geistern“, rief Lalla Sara aus dem Monitor, „hört ihr wohl auf!“
„Ich muss hier noch jemanden beruhigen“, rief Jens keuchend. „Den habe ich gleich im Griff, das schwule Weichei hat nicht mehr drauf, als einer dieser halbseidenen Hütchenspieler, der in der Fußgängerzone den Leuten das Geld aus der Tasche zieht.“
Cosmin brüllte wegen der Beleidigung wütend los.
„Na komm doch her, Schmalspurdracula“, lockte Jens. „Hängst du eigentlich in der Nacht kopfüber von der Decke und pinkelst dir selber in die Fresse, wenn du Durst hast?“
Cosmin kam. Und Cosmin kam mit voller Wucht auf Jens zu, wie eine Dampframme.
Doch Jens vollzog einen kleinen Schritt zur Seite und Cosmins Griff ging ins Leere. Stattdessen trat Jens ihm in die Kniekehle und Cosmin knickte ein. Jens gab ihm einen Stoß und Cosmin landete auf dem Boden. Blitzschnell warf Jens sich auf den überraschten Vampir.
Und dann umfasste Jens ihn mit seinen Armen und drückte ihn zu Boden. Die Muskeln seiner Oberarme traten hervor und beide Männer keuchten vor Anstrengung.
Als der Vampir begann, um sich zu treten, schlang Jens seine Beine um ihn und nahm alle Kraft zu Hilfe, die er aufbieten konnte.
Cosmin blieb die Luft weg und Millimeter um Millimeter zog sich der stählerne Griff von Jens zu.
„Okay, Cosmin, ich hab dich im Griff“, keuchte Jens mühsam. „Ich will dir nicht weh tun, wirklich nicht. Aber wenn es sein muss, geht hier einer von uns beiden k. o. Und ich bin es nicht, damit das klar ist.“
„Du Arsch!“, quetschte Cosmin zwischen den Lippen hervor.
„Cosmin, Basti braucht dich, aber er braucht seinen Freund und nicht einen durchgedrehten Irren!“, flüsterte Jens. „Jetzt beruhig dich endlich.“
Mit einem Mal spürte Jens, wie sich der unter ihm liegende Vampir entspannte und er wusste, dass er gewonnen hatte.
„Du kannst mich jetzt loslassen“, erklang eine müde Stimme unter ihm und Jens lockerte seinen Griff etwas, jederzeit bereit, den Griff wieder zu festigen, falls Cosmin doch noch Hintergedanken hegte. Als Cosmin mühsam den Kopf drehte, merkte Jens, dass die Wut aus seinem Gesicht verschwunden war. Er sah wieder normal aus.
Jens rollte sich von Cosmin herunter, der noch heftig atmend etwas liegen blieb. Er hockte sich hin und musste auch erst einmal zu Kräften kommen. Sein Shirt hing ihm in Fetzen vom Körper.
Dann stand er auf und hielt Cosmin die Hand hin, um ihm aufzuhelfen. Verwundert blickte Cosmin Jens an und Jens lächelte etwas mühsam.
„Du musstest etwas Dampf ablassen“, sagte er freundlich.
„Wenn du das sagst“, sagte Cosmin müde. Dann blickte er ihn etwas finster an. „Schmalspurdracula, was?“
Jens zuckte mit den Schultern.
„Ich wollte mich nicht ewig herumprügeln, und die einfachste Lösung war dich zu provozieren. Hat gut geklappt. Außerdem schlägst du zu wie ein Mädchen“, sagte Jens, lächelte aber, um den Worten die Schärfe zu nehmen.
„Haben die Herren ihre … Diskussion jetzt beendet?“, ertönte Lalla Saras Stimme etwas frostig. Allerdings ruhte ihr Blick sehr neugierig auf ihm, wie er feststellte.
„Muss ich jemanden verarzten?“, fragte Hubert Schäfer etwas besorgt, als er den Kopf zur Tür reinsteckte.
„Nein, es ist alles in Ordnung“, sagten Jens und Cosmin mit einer Stimme.
„Dann schaue ich jetzt noch einmal nach Sebastian und würde dann wieder gern in meine kleine friedliche Praxis zurückkehren“, brummte Hubert Schäfer. „Wo es keine durchgeknallten Drachen, irren Vampire und Möchtegernhelden gibt, die ein Riesenbohei um einen Hobbyzauberer machen. Elias?“
„Ja?“
„Monika hatte mich vorhin zum Essen eingeladen, und ich würde ungern zu spät kommen“, sagte Hubert Schäfer. „Wenn jetzt hier alles wieder in Ordnung ist und sich euer Testosteronniveau wieder auf ein erträgliches Maß gesenkt habt, komm bitte mit zu Sebastian.“
Zusammen mit Elias verließ er das Wohnzimmer.
„Ich bin dann bei Reuven. Er wird wissen wollen, was der Lärm zu bedeuten hat“, sagte Leah und Malte schloss sich ihr an.

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