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Lichtbringer-Vampire: Amnesie von Diantha Stern

Lichtbringer Vampire - Amnesie, ein Urban Fantasy Roman von Diantha Stern

»Haben wir uns gekannt?«, fragte Emma ihn mit leiser Stimme. Sie wusste, er hörte sie sehr gut. Selbst wenn sie hinter der Tür flüsterte, hörte er sie. Trotzdem erhielt sie keine Antwort. »Vor meiner Verwandlung, haben wir uns da gekannt?«, erkundigte sie sich beharrlich. »Ja, wir kannten uns«, antwortete er endlich. … Emma hat durch die Verwandlung in einen Vampir ihre Erinnerungen verloren. Ihr Schöpfer, zu dem sie eine außergewöhnliche Erschaffungsbindung verspürt, will nichts von ihr wissen. Stattdessen wird sie dem mürrischen Vampir Angus als Schützling zugewiesen. Doch als sie auf einen der Anführer eines verfeindeten Vampirstammes trifft, scheint sie durch eine zweite Erschaffungsbindung auch mit ihm verbunden zu sein. Emma muss sich für eine Seite entscheiden. Ein wankelmütiges Vampirmädchen taumelt durch Herzschmerz und Zugehörigkeitskrise zwischen Gut und Böse und hat nur noch ein Ziel: ihre menschlichen Erinnerungen zurück zu erlangen. Manchmal muss man einfach auf die vertrauen, bei denen man sich sicher fühlt. Auch wenn es Vampire sind. Ein abenteuerlich romantischer Vampirroman, in dem es mitten im heutigen Nürnberg nur so von Übernatürlichen wimmelt. Für Vampire Diaries-Fans ein Muss! Kein Stadtführer, aber eine urbane Fantasy Story mit realen Schauplätzen. Jugendliche Vampir-Liebhaber werden sich magisch angezogen fühlen.

***** Leserstimmen: »Angus Angus Angus….ich liebe diesen Vampir und bekomme Herzchen in den Augen, sobald etwas von ihm kommt! Ich finde diese Geschichte echt toll und warte gespannt auf die Fortsetzung der Reihe.« »Ich finde auch beim zweiten Mal lesen noch toll.« »Gefühlvoll, romantisch und absolut spannend! Es gibt auch noch Vampirbücher, die ohne Erotik auskommen!« ***** Lies jetzt den Auftakt der Urban Fantasy-Reihe, die schon als Blog-Roman zahlreiche jugendliche Vampir-Fans verzaubert hat.

 

Produktinformation

  • Taschenbuch: 480 Seiten
  • Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform; Auflage: 1 (16. April 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 1523641878
  • ISBN-13: 978-1523641871
  • Erhältlich bei: -> Amazon

 

 

Leseprobe aus Lichtbringer Vampire – Amnesie

Es war kühl. Luftlos. Die feuchte, lockere Erde umhüllte sie, lag schwer auf ihrem Haar, legte sich in jede Hautfalte und verschloss ihre Nasenlöcher. Nur ihre geschlossenen Lider und Wimpern schützten ihre Augen vor dem Dreck. Kleine Bewohner bewegten sich im dunklen Erdreich. Regenwürmer gruben sich winzige Gänge durch den Boden, machten dabei einen Bogen um sie, als ahnten sie die Gefahr. Ein Käfer verirrte sich bis auf ihr Schienbein, flüchtete dann aber. Es kam ihr vor, als spürte sie die Panik der Insekten. Seit Stunden war sie bei vollem Verstand und sie wusste nicht, wie lange sie hier noch ausharren musste.

Sie hörte Stimmen, hoch oben über der Erde. Dort, wo sie eigentlich sein sollte. Doch die Geräusche waren vorüber gegangen. Seitdem lag sie bewegungslos in der Stille, eingebuddelt in der Erde, mit wachem Geist und toten Körper. Sie wollte atmen, endlich Sauerstoff atmen. Doch dann würden sich ihre Lungen sofort mit dem Staub der Erde füllen. Und so hielt sie die Luft weiter an. So unvorstellbar lange schon. Die Schmerzen waren längst vorbei. Am schmerzvollsten war es, bevor sie das Blut des Lichtbringers getrunken hatte. Sie hatte nur noch auf den Tod gewartet. Er hatte sie  in letzter Sekunde gerettet und vergraben. Jetzt lag sie in einem tiefen Erdloch, wusste nicht wo, spürte aber die Anwesenheit des Todes. Schaufel um Schaufel hatte er die lose Erde auf sie geschippt. Bis ein gewaltiger Druck auf ihrem Körper lastete und das ausgehobene Grab mit ihr darin vollkommen ausgefüllt war.

Doch der Lichtbringer hatte sie nicht allein gelassen. Er war über der Erde, wachte über sie, während sie sich der beängstigenden Verwandlung hingab.

Das Schlimmste war, lebendig begraben zu sein. Ihr Körper befand sich bereits am Rande des Todes, sonst hätte sie dagegen angekämpft. Ihr Herz schlug heftig vor Panik, der Drang nach Luft zu schnappen war übermächtig und sie zitterte am ganzen Körper. Sie wollte atmen, durfte es aber nicht, weil sie sich sicher war, dass sie erstickte, sobald die Erde in ihre Atemwege drang. Bunte Flecken tanzten vor ihren geschlossenen Augen, Schwindel erfasst sie, bis sie es keine Sekunde länger aushielt und den Mund öffnete, um zu atmen. Kalte, feuchte Erde rieselte hinein, auf ihre Zunge, in ihren Hals und schließlich inhalierte sie diese in die Lungen. Das war der Zeitpunkt, als sie erstickte. Nur langsam erwachte sie aus ihrem Totenschlaf. Erneut erfüllte sie Panik und wieder versuchte sie zu atmen. Bis ihr klar wurde, dass sie es nicht mehr musste. Atmen war  eine menschliche Angewohnheit. Sie war kein Mensch  mehr. Der Schmutz in ihren Lungen brannte, alles in ihrem Körper glühte. Ihr Tastsinn war vertausendfacht. Sie spürte jedes Erdkörnchen auf sich, während sie innerlich versengte. Das Blut des Lichtbringers schwelte in ihr, vernichtete den letzten Rest menschlicher DNA und fraß sich durch ihre Blutbahn. Sie spürte den Schmerz unter ihren Nägeln, in ihrem Zahnfleisch, in ihren Eingeweiden, selbst bis in die Spitzen ihrer Haare. Sie wollte schreien. Weinen. Wollte seinen Namen brüllen. Cedrik!

Lichtbringer Vampire - Amnesie, ein Urban Fantasy Roman von Diantha Stern
Lichtbringer Vampire – Amnesie von Diantha Stern

Er sollte sie endlich befreien und sie aus diesem gottverdammten Grab heben. Cedrik war da. Direkt über ihr. Auch wenn er reglos da stand, wusste sie, dass er bei ihr war und mit ihr jede Sekunde ihrer Wandlung zählte. Stück für Stück kam die Kraft zurück in ihren geschwächten Körper. Mit jedem Herzschlag breitete sich sein majestätisches Blut in ihr aus, vermehrte sich wie ein Virus. Doch es war keine Krankheit, die sie in sich spürte. Es war unheilbar, bis in alle Ewigkeit. Irgendwann begriff sie, dass Cedrik sie nicht befreite. Sie musste es von selbst schaffen, sobald sie vollständig verwandelt war. Instinktiv wusste sie, dass sie bis zur Nacht warten musste, Unsterblichkeit hatte ihren Preis. Sie konnte sich nie wieder im Sonnenlicht aufhalten, denn das war tödlich. Nicht für Cedrik, er war ein geborener Lichtbringer und hatte schon vor seinem Übergang in die Unsterblichkeit besondere Fähigkeiten. Ein Lichtbringer war als Vampir sehr viel mächtiger, als ein gewöhnlicher Mensch.  Aber seine mächtigste Eigenschaft war, sich im Sonnenlicht aufhalten zu können. Einem einfachen Vampir war das nicht vergönnt. Er verbrannte auf der Stelle. Schmerzen die viel schlimmer waren, als die der Wandlung. Das alles wusste sie jetzt, weil Cedriks Blut in ihren Adern floss und ihre Vorstellungskraft um so viel mehr gesteigert hatte. Alles war anders. Sie spürte die Veränderung. Ein Energieschub durchfuhr ihre Muskeln und die Kraft breitete sich aus. Das Brennen in ihrem Körper schwand. Die Zeit fühlte sich länger an, so unendlich lang. Sie konnte in einer Sekunde hundert Mal so vielen Gedanken nachgehen, wie zuvor als Mensch. Und noch etwas war anders: Ein kleines stechendes Gefühl in ihrem Herzen. Etwas drückte ihren Brustkorb zusammen und es war längst nicht mehr die Erde. Denn die hatte ihr Gewicht verloren, war leichter, wie ein Leichentuch, das sie sanft umhüllte. Sie musste es nur wegschieben. Nein, das Stechen kam von etwas anderem. Kummer umspannte fest ihr Herz und drückte ihren Brustkorb zusammen. Sie war traurig über ihr verlorenes Leben und sehnte sich nach dem Lichtbringer, der sie erschaffen hatte, dessen Blut sie erweckte. Sie spürte ihn dort oben. Obwohl er sich nicht rührte, wusste sie, dass er die ganze Zeit vor ihrem Grab stand. Sogar wie er sich fühlte wusste sie. Eine merkwürdige Fähigkeit, die die Sehnsucht zu ihrem Schöpfer nur noch verstärkte. Sie war ihm loyal. Gebunden an sein Blut und an ihn. Einen Mann, den sie kaum kannte und den sie mit jeder Sekunde mehr verehrte. Wie einen Anführer, einen Freund, einen Geliebten.

»Emma«, sagte er ruhig. Sie konnte ihn trotz der Erde zwischen ihnen hören. Ihre neuen Sinne waren sehr sensibel.

»Die Sonne ist untergegangen, Zeit aufzustehen«, fügte Cedrik hinzu. Sie hob ihre Arme und schob sie langsam empor. Die Erde perlte von ihrem schmalen Körper ab, als wäre sie ohne Gewicht. Emma spürte kühle Nachtluft auf ihrem Unterarm, als sie immer weiter an die Oberfläche drang. Sie drückte sich mit den Armen vom Boden ab und schob mit den Beinen nach. Sie spürte, wie ihre Lungen sich mit Sauerstoff füllten, doch es war anders als sonst. Nie zuvor hatte sie so frische Luft eingeatmet. Reine, wunderbare Nachtluft. Cedrik streckte ihr seine Hand entgegen, als sie vollständig aus dem Grab gekrochen war und ungraziös vor ihm auf dem Boden lag. Sie ergriff sie und ließ sich von ihm hochziehen. Überrascht stellte Emma fest, wie leicht es ihr fiel sich aufzurichten. Ganz anders wie sonst, als sie noch ein Mensch war. Die Dunkelheit war nicht mehr die Gleiche. Emma sah alles, wie an einem wolkenverhangenen, regnerischen Tag. Sie wollte ihn so vieles fragen, doch aus ihrem Mund kam nur ein kehliger Laut und sie musste husten. Sie hustete so sehr, bis sie würgte. Emma drehte sich von Cedrik weg und übergab sich. Ihr Hals stand in Flammen, nachdem sie den Inhalt ihres Magens zusammen mit der Erde erbrochen hatte. Schließlich drehte sie sich wieder zu ihm um und wischte sich den Dreck und die Tränen aus den Augen.

»Fühlt sich immer noch genauso beschissen an, wie früher«, fand sie.

Er lächelte leicht. Sie blickte wie hypnotisiert in sein Gesicht. Das war das erste Mal, dass sie ihn lächeln sah. Seine türkisfarbenen Augen verengten sich, während er sie betrachtete.

»Danke, dass du mich gerettet hast«, sagte sie.

Cedrik blickte sie ernst an: »Du wirst mich dafür noch verfluchen.«

 

Kapitel 1: Barfuß in die Ewigkeit

Emma blickte sich auf dem dunklen Friedhof um. Mitten zwischen all den Grabsteinen hatte Cedrik das Loch für sie ausgehoben, in dem sie so unendlich lange eingegraben war. »Wie lange war ich da drin?«, fragte sie ihn. Ihr Blick fiel wieder auf den zerwühlten Haufen Erde, aus dem sie kurz zuvor gekrochen war.
»Zwei Tage«, antwortete der Lichtbringer knapp.
Seine Stimme war wie Musik in ihren Ohren. So vertraut, als gehörte er schon immer zu ihr und sie schon immer zu ihm. Sie wagte kaum, sich zu ihm umzudrehen und sich von seiner strahlenden Schönheit betören zu lassen.
»Ein Loch im Wald hätte es auch getan«, flüsterte sie, während ihr Blick über die unzähligen Grabstätten ging.
Doch Cedrik schüttelte den Kopf: »Für die Verwandlung muss man in geweihtem Boden beerdigt werden.«
Emma dachte darüber nach, ob sie diesen Friedhof kannte. Doch es wollte ihr einfach nicht einfallen. Noch vor kurzer Zeit lag sie unter der Erde und war in so vielen Gedanken versunken. Über ihr vergangenes Leben, darüber, was sie erlebt hatte. Nun war ihr Geist absolut leer. Als sie aus dem Grab gestiegen war, waren alle Erinnerungen von ihr abgefallen. Selbst wenn sie sich jetzt anstrengte, wollten sie einfach nicht zurückkommen. Es war wie das Gefühl diese eine Sache vergessen zu haben, die einem auf der Zunge lag und die einem sicher jede Sekunde einfallen würde. Nur hatte sie nicht nur diese eine Sache vergessen, sondern ihr ganzes Leben. Alle Geschehnisse und Menschen darin. Einfach alles. Sie wusste nicht einmal, weshalb sie in einen Vampir verwandelt worden war. Ihr war nur klar, dass Cedrik es getan hatte. Er hatte ihr sein Blut gegeben. Und bevor er sie vergraben hatte, trank er auch von ihr. Sie waren nun vereint. Das spürte sie mit jeder Faser ihres Körpers. Sie würde immer wissen, wo er war, ihn mit Leichtigkeit finden können. Es war wie ein unsichtbares Band zwischen ihnen. Selbst wenn er am anderen Ende der Stadt war, würde sie ihn aufspüren. Sie gehörte jetzt zu ihm und was immer er wollte, wollte sie auch. Sie wollte ihm gehorchen. Sie wollte alles für ihn tun. Doch welche Bedeutung hatte er in ihrem Leben, dass er so wichtig für sie war? Welche Beziehung hatten sie zueinander? Warum hatte er sie zu dem gemacht, zu einem Vampir? Sie versuchte sich zu konzentrieren, sich diese Fragen zu beantworten. Sie suchte nach etwas, was geschehen war, bevor er sie vergraben hatte. Etwas aus ihrer Erinnerung an das Menschsein.
Nichts.
Sie wusste genau, dass sie noch so vielen Gedanken nachgegangen war, während sie unter der Erde lag.
»Ich kann mich an nichts erinnern!« Sie sprach es endlich aus.
»Ich weiß«, antwortete er.
»Warum kann ich mich an nichts erinnern?«, wollte sie wissen und es klang fast etwas zu vorwurfsvoll.
Es tat ihr leid ihn so angesprochen zu haben. Er war doch ihr Ein und Alles. Sie wollte ihn nicht verärgern. Doch er schien nicht böse zu sein.
»Du bist gerade wiedergeboren. Als Vampir. Dein altes Leben existiert nicht mehr.«
Ein Gefühl der Ohnmacht machte sich in ihr breit. Sie hatte nicht alles vergessen wollen. Konnte sie davon gewusst haben und trotzdem mit der Verwandlung einverstanden gewesen sein? Hatte sie akzeptiert alles aufzugeben, was sie ausmachte, wer sie war, wen sie gekannt hatte? Selbst die Erinnerung an Cedrik?
»Aber was soll ich denn jetzt…?!« Emma versuchte ruhig zu bleiben, während die Panik sich in ihr ausbreitete.
Ihr Kopf begann zu schwirren, vor ihren Augen drehte sich alles. Ihre Lungen waren heiß. Eine Hitze, die sich durch ihren ganzen Körper zog. Sie spürte große Kraft durch ihre Adern fließen und hörte den rhythmischen Herzschlag in Cedriks Körper. Sie konnte präzise genau die Stelle ausmachen, in die sie beißen musste, um am schnellsten an sein Blut zu gelangen. Ein Instinkt, der ihr fremd war, doch den sie von nun an zum Überleben benötigte. Ihre Zähne schmerzten. Sie spürte dass sich neben ihren Schneidezähnen Fänge aus dem Zahnfleisch schoben und sich ihrer Unterlippe entgegen drückten.
Hunger.
Ihre Sicht schärfte sich und ihr Gehör wurde sensibler als zuvor. Dieser Hunger – oder war es Durst? Ihre Kehle brannte, als sei sie vollkommen ausgetrocknet. Seine Augen lagen interessiert auf ihrem Gesicht.
»Der Durst ist in den ersten Tagen am schlimmsten. Es sind Schübe. Sie gehen wieder vorbei.«
Emma fühlte sich ertappt. Er musste es ihr nicht sagen, denn sie wusste, dass er als Vampir ihre Gedanken verfolgen konnte. Sie schloss ihre Augen und in ihr heulte etwas auf, als sie mit ihrem neuen scharfen Vampirblick nicht länger seine Schönheit betrachtete. Sie schluckte und versuchte den Hunger in sich zu bekämpfen. Denn offensichtlich war es Cedrik, nach dem es ihr dürstete. Plötzlich spürte sie seine Hand auf ihrer liegen. Ihre Augenlider flogen wieder auf und sie stellte fest, dass er sich ihr unmerklich leise genähert hatte und nun direkt vor ihr stand. Sein Gesicht war ihrem ganz nah, als er sie ansah.
»Deine Gefühle sind natürlich. Ich habe dich erschaffen.« Seine Stimme klang viel zu zärtlich. »Alles an mir wird dich anziehen. Du lernst damit umzugehen. Und ich auch.«
War seine Stimme gar nicht zärtlich? War es nur das, was sie hörte, da sie seine Kreatur war? Ein ungewollter Seufzer entglitt ihrem trockenen Hals. Der Lichtbringervampir strich ihr eine ihrer zerzausten hellblonden Haarsträhnen aus dem schmutzigen Gesicht, etwas Erde fiel von ihrem Scheitel herunter und landete auf ihrem Fuß. Unendlich lange Sekunden sahen sie sich gegenseitig an. Sie vergaß alles andere um sich herum: den Schmerz, den Verlust, die Angst, die Verwirrung. Ihr totes Herz raste, während sie seinem Blick stand hielt. Ihr war, als wollte er sich zu ihr herunter beugen. Er war ihre Welt. Sie wollte nichts mehr als das. Doch dann stand er plötzlich drei Schritte von ihr entfernt. Nur ein seichter Windhauch verriet, dass er sich mit übernatürlicher Geschwindigkeit von ihr gelöst hatte. Bevor sie den Verlust seiner Gegenwart betrauern konnte, wurde sie auf die etwas weiter entfernt wartenden Zuschauer aufmerksam.

Zwei Männer und eine Frau standen am Eingang des Friedhofs und beobachteten sie. Trotz der Distanz konnte Emma ihre Gesichter gut erkennen. Sie kamen ihr bekannt vor und doch waren sie fremd. Cedrik folgte ihrem Blick und drehte sich zu ihnen um. Er nickte ihnen zu und die Personen näherten sich. Die junge Frau mit den langen schwarzen Haaren und den türkisfarbenen Augen betrachtete sie aufmerksam. Sie wollte auf sie zukommen, doch der Lichtbringervampir an ihrer Seite hielt sie am Arm zurück, als wollte er nicht, dass sie Emma zu nahe kam. Emma kannte den Grund. Die Frau war die einzige nicht-Untote weit und breit und Emma hatte schrecklichen Blutdurst. Cedrik stellte sich neben die Frau, als wollte er sie beschützen. Jetzt bemerkte Emma die Ähnlichkeit der beiden. Sie hatten die gleichen Augen.

»Hi Emma«, lächelte sie ihr nun entgegen.
Ihr Blick war so warm und liebevoll, als hätten sie sich einst etwas bedeutet. In einer anderen Welt.
»Emma, das sind Marie, Laurion und Angus«, stellte Cedrik vor.
Emma kämpfte mit sich. Es interessierte sie nicht, wer diese Leute waren. Wenn allerdings dieses Mädchen überleben wollte, sollten sie sie besser weit fort von hier schaffen. Sie spürte ein Jucken an der Stelle am Zahnfleisch, an der ihre Fänge ausgefahren waren. Cedrik und Laurion wechselten einen Blick miteinander.
Nun erhob Laurion das Wort: »Du wirst mit Angus gehen.«
Emma starrte auf Maries Hals. Sie hörte ihr Herz am lautesten von allen schlagen. Der benannte Mann trat zwei Schritte auf Emma zu. Er war groß und hatte breite Schultern, machte einen bedrohlichen Eindruck.
»Aber…« Emma wollte fragen, weshalb sie nicht mit Cedrik gehen konnte.
Er hatte Tag und Nacht an ihrem Grab gewacht. Sie spürte ihn in sich, genauso wie er sie in sich spürte. Sie waren einander verbunden und jetzt sollten sie sich trennen?
»Es ist besser so«, pflichtete Cedrik nun Laurions Entscheidung bei.
Emma starrte diesen Laurion erbost an. Wie konnte er einfach so bestimmen was gut für sie war?
Plötzlich hörte sie Cedriks Stimme in ihrem Kopf: ›Wir sollten nicht zusammen sein!
Er hatte nicht gesprochen, er hatte ihr diese Gedanken einfach so in ihren Geist gesandt. Niemand sonst konnte wissen, was er ihr mitteilte, nur Emma und er.
»Pass gut auf sie auf«, sagte Marie leise an Angus gewandt.

Ihre Stimme klang wehmütig, ihr Blick war traurig. Angus nickte, während er seine Aufmerksamkeit weiter auf Emma lenkte. Er passte auf, dass sie diese Marie nicht angriff. Emma sah Marie kurz an und diese zwang sich zu einem aufmunternden Lächeln. Emma konnte dem nichts abgewinnen. Sie wollte nicht zurück lächeln. Sie hasste sie. Marie würde mit Cedrik gehen, während sie bei diesem Angus bleiben sollte. Emma wollte Cedrik sagen, dass er sie nicht zurück lassen konnte. Sie wollte ihm ebenfalls ihre Gedanken senden, aber so sehr sie sich auch konzentrierte, es klappte nicht. Stattdessen überkam sie ein furchtbarer Krampf, der von ihrem Magen ausging. Ein stechender Schmerz zog sich rauf bis in ihren Hals. Emma zuckte zusammen, dann wurde ihr schwindelig und sie krümmte sich vornüber. Angus ging noch einen Schritt auf sie zu, doch sie riss sich zusammen und erhob sich wieder. Sie wollte vor Cedrik keine Schwäche zeigen. Als sie aufsah, war da nur noch Angus. Cedrik hatte mit Marie und Laurion das Gelände verlassen. Sie waren längst weg.

Verzweifelt sah Emma sich um, von ihnen war keine Spur. Nun spürte sie es in sich, dieses Gefühl, dass ihr Verbündeter sich entfernte. Sie wusste, dass es ihm genau so schwer fiel, wie ihr. Denn auch er wollte sie nicht zurücklassen. Aber warum tat er es dann? Angus betrachtete sie ungeniert, mit kühler Miene. Seine graublauen Augen hafteten auf ihr, als wollte er sie verschlingen. Sein Blick war unbewegt. Er wusste alles über sie. Und sie wusste rein gar nichts. Sie fühlte sich wie nackt vor diesem Mann. Er konnte in ihren Gedanken spazieren gehen, hörte was immer sie dachte. Sie konnte nichts dagegen tun. Er ließ sich nicht anmerken, ob er sich für ihre schlichten Gedankengänge interessierte. Stattdessen strich er sich eine Strähne seines dunkelblonden Zottelhaars mit einer menschlich langsamen Bewegung aus dem markanten Gesicht, um freie Sicht auf sie zu haben.
»Du solltest dich umziehen, so können wir nicht los«, sagte er schließlich.
Emmas Blick glitt an ihrem Körper herunter. Sie trug ein völlig verschmutztes Sommerkleidchen, das vor ihrer Beerdigung weiß gewesen war. Ihr rechter Träger baumelte abgerissen herunter und auf ihrer Brust befand sich vertrocknetes Blut. Ein roter Rinnsal war an ihrer rechten Körperhälfte heruntergelaufen. Als wäre sie von einem Vampir angefallen worden. Als hätte sie jemand töten wollen.
»Was ist mit mir passiert?«, fragte sie Angus und betrachtete ihren schmutzbedeckten Körper.
Ihre Fingernägel waren schwarz vor Dreck, ihre Arme und Beine ebenfalls.
»Eine nette Lagerfeuergeschichte, erzähl ich dir ein anderes Mal. Jetzt lass uns von hier verschwinden!«  Angus sah sie auffordernd an. Er drehte sich um und marschierte den schmalen Weg Richtung Ausgang entlang. Emma beobachtete wie sein muskulöser Körper mit der Dunkelheit nahezu verschmolz. Sie zögerte einen kurzen Moment, dann beschloss sie ihm zu folgen. Doch sie konnte nicht so mühelos mit ihm Schritt halten, wie sie es sich vorgestellt hatte. Ihre Glieder schmerzten bei jeder Bewegung. Sie spürte jeden noch so kleinen Stein unter den Sohlen ihrer flachen Schuhe. Der Krampf in ihrem Magen ging mit einem Schub von vorne los. Er zog sich zusammen und sendete Stiche bis in ihre Kehle, die so trocken war, als wäre sie wochenlang durch die heißeste Wüste gelaufen. Emma musste einen Moment inne halten, damit der Schmerz sie nicht nieder riss. Angus warf einen kurzen Blick über seine Schulter, verlangsamte sein Tempo jedoch nicht. Emma versuchte ihre Wut über seine Gleichgültigkeit und den Schmerz in ihrer Kehle herunter zu schlucken. Mit eisernem Willen richtete sie sich auf und ging weiter hinter ihm her. Nicht weit entfernt befand sich eine Mauer, die den Friedhof umgab. Das gusseiserne Tor war verschlossen. Angus wartete neben dem Tor auf sie. Der Friedhof musste direkt an einer Straße liegen, denn auf der anderen Seite der Mauer fuhr eine Straßenbahn vorbei. Emma überkam der Gedanke in die Straßenbahn einzudringen und jeden einzelnen Menschen darin auszusaugen.
»Du würdest es nicht mal allein über die Mauer schaffen in deinem Zustand und denkst schon an ein Massaker?«, schmunzelte Angus.
Sie wollte etwas gemeines erwidern, doch sie wusste, es war besser die Klappe zu halten. Zumindest vorerst. Feinfühligkeit war jedenfalls nicht seine Stärke. Plötzlich kam er auf sie zu, so dicht an sie heran, dass sie fast einen Schritt zurück gewichen wäre. Sie wollte ihm gegenüber nicht schwach wirken. Er starrte ihr mit ausdrucksloser Miene in die Augen. Ein erneuter Krampf ließ ihren Körper erzittern. Sie kniff für einen kurzen Moment die Augen zusammen und versuchte tief durchzuatmen. Da spürte sie, wie sich sein Arm um ihre Hüfte legte. Überrascht schlug sie die Augen wieder auf und starrte ihn an. Sein Blick lag noch immer auf ihr. Dann verlor sie den Halt unter ihren Füßen. Er hielt sie in seinem Arm, während er sich mit ihr an der Seite in die Luft erhob und sanft über die Friedhofsmauer schwebte. Ängstlich schlang sie die Arme um seinen Hals und hielt sich an ihm fest. Dann war es auch schon wieder vorbei. Angus landete gemächlich auf der anderen Seite der Mauer und ließ sie zu Boden. Emma hielt sich einen Moment länger als nötig an ihm fest. Er räusperte sich und sie erwachte aus ihrer Starre, befreite ihn aus dem Klammergriff. Ihr war, als sähe sie den Anflug eines Lächelns auf seinen Lippen.
»Sorry«, sagte sie und es war ihr etwas peinlich, dass sie sich so sehr an ihm festgekrallt hatte.
»Angsthase«, erwiderte er schmunzelnd und ging auf einen Wagen zu.
Er betätigte mit seinem Schlüssel die Zentralverriegelung eines schwarzen Audi R8 Coupe und öffnete den Kofferraum. Dort holte er eine dunkle Wolldecke heraus und machte die Beifahrertür auf.
Er legte die Decke auf den Sitz und drehte sich dann zu ihr um: »Schuhe aus!«
»Was? Ist das jetzt dein Ernst?« Emma konnte es nicht glauben.
Angus verschränkte die Arme.
»Diese Verbindung, die du zu Cedrik hast – genauso ist es mit meinem Wagen und mir«, erklärte er ihr.
Emma hob ihre Augenbrauen und sah ihn ungläubig an. Dieser Typ hatte eindeutig eine Macke.
»Schuhe aus!«, wiederholte er.
Sie schüttelte den Kopf und tat, was er von ihr verlangte. Sie hielt ihm schließlich ihre verschmutzten Segelschuhe entgegen. Angus blickte auf die Schuhe, die ihr im selben Moment wie von Geisterhand weggerissen wurden. Mit Kraft seines Willens landeten die Schuhe in einer nahegelegenen Mülltonne. Emma sah ihn erstaunt an. Angus bedeutete ihr mit dem Kopf im Wagen Platz zu nehmen. Sie pirschte barfuß über den Gehweg zur Beifahrerseite und glitt auf den, in die Decke eingehüllten, Sitz. Dann schloss Angus die Tür und keine Sekunde später stieg er auf der Fahrerseite ein. Emma dachte an Cedrik, als Angus den Wagen anließ. Sie dachte daran, dass sie sich nun noch weiter von ihm entfernte. In die entgegengesetzte Richtung. Angus trat das Gaspedal durch und das Motorengeräusch dröhnte durch die menschenleeren Straßen der Stadt.
»Vergiss ihn«, knurrte er.
»Kann ich das denn?«, fragte sie mit einem Kloß im Hals zurück.
Sie blinzelte, da das Licht der Straßenlaternen sie blendete.
»Du gewöhnst dich daran«, antwortete er und ihr war nicht ganz klar, ob sie damit Cedrik oder das gleißende Licht meinte.

 

Kapitel 2:
Das Blutrauschproblem

Angus fuhr durch die immer kleiner werdenden Gassen Nürnbergs, bis er den Wagen schließlich auf den Hinterhof eines heruntergekommenen Altbaus lenkte. Dieser war dunkel und verlassen und hatte den Charme eines Abrisshauses.
»Wo sind wir hier?«, fragte sie ihn.
»Hier wohne ich. Du ebenfalls, bis wir dein Blutrauschproblem unter Kontrolle haben.« Angus verließ den Wagen.
Emma stieg ebenfalls aus und sah ihn fragend an: »Welches Problem?«
In dem Moment erfasste sie der Geruch eines Menschen. Unweigerlich nahm sie die Fährte des Mannes auf, der auf der vorderen Seite des Gebäudes die Straße entlang ging. Ihre Sinne schärften sich augenblicklich. Die Zähne verlängerten sich zu Fängen in ihrem Mund. Ein Impuls sagte ihr, dass sie diesem Unbekannten hinterher musste, um sein Blut zu trinken. Angus stand plötzlich neben ihr und umfasste ihren Oberarm mit seiner großen Hand, hielt sie fest im Griff, bevor sie auch nur ansatzweise loslaufen konnte.
»Das Problem! Wenn du die halbe Nachbarschaft ausradierst, werden wir diesen Unterschlupf nicht mehr sehr lange haben.« Er sah sie bedeutungsvoll an und führte sie dann am Arm zur Hintertür des Gebäudes. Sie fühlte sich wie eine Verbrecherin. Ihr Instinkt schrie sie innerlich an sich loszureißen und wegzulaufen. Sie wusste, dass sie nun unglaublich schnell laufen konnte. Doch Angus war genauso schnell und in weitaus besserer Verfassung. Er schloss die ungewöhnliche Hintertür, die sie an einen Tresor erinnerte, auf und bugsierte Emma in den Hausgang. Dann verriegelte er diese von innen doppelt. Emma sah sich um. Sie hatte erwartet, das Haus innen in genau dem gleichen katastrophalen Zustand vorzufinden wie es von außen wirkte. Doch es schien alles neu und gepflegt. Hohe Decken, moderne Einrichtung, keine persönliche Note.
»Ich habe noch ein Haus etwas außerhalb, aber ich bin mehr der Stadt-Typ«, erklärte er und ließ nun endlich ihren Arm los.
Er ging den schmalen Korridor entlang und bog in einen offenen Raum ab. Emma spürte wieder einen Krampf in ihrem Magen aufsteigen. Sie dachte kurz darüber nach, auf die Straße zu laufen und sich diesen Menschen zu schnappen. Doch er hatte die Tür verriegelt und sie war sicher nicht stark genug, um sie mit Gewalt zu öffnen. Es musste einen Grund geben, weshalb er eine so dicke Tür eingelassen hatte, vermutlich würde nicht mal Angus selbst sie mit Gewalt öffnen können.
»Ich habe nicht damit gerechnet, dass du mein Schützling wirst. Sonst hätte ich dir was mitgebracht.« Angus ignorierte ihre Gedanken. Sie versuchte sich zu entspannen, atmete tief durch und folgte ihm dann in die große, offene Wohnküche.
»Was?«, fragte sie und ließ sich seinen Satz noch mal durch den Kopf gehen.
Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren. Angus öffnete den Kühlschrank und holte eine kleine Glasflasche heraus. Emma kniff die Augen zusammen, da das Kühlschranklicht grell in die Dunkelheit schien.
»Dein Willkommensgeschenk«, entgegnete er und warf ihr die Flasche zu.
Emma sah die Flasche im hohen Bogen über die Kücheninsel auf sie zufliegen. Irgendetwas sagte ihr, dass sie als Mensch nicht in der Lage gewesen wäre, schnell genug zu reagieren und diese zu fangen. Jetzt allerdings war es für sie ein Kinderspiel. Sie streckte eine Hand aus und die Flasche landete perfekt darin. Der Inhalt war eine rote Flüssigkeit.
»Ist das Blut?« Emma drehte erstaunt die Flasche in ihrer Hand und sah aufs Etikett.
Es war schwarz und nur die Umrisse einer roten Fledermaus waren darauf zu sehen.
»Traubensaft war aus«, antwortete er.
Emma öffnete den Deckel und roch an der offenen Flasche. Eindeutig, es war Blut. Der Geruch traf sie wie ein Hammerschlag. Ihr war, als würde sich eine Hitze in ihrem Körper von innen nach außen fressen. Plötzlich war ihre Stirn schweißüberzogen. Ihre Atmung wurde hektisch und flach und wieder spürte sie einen Krampf, der sich schmerzhaft durch alle Glieder zog.
»Kalt schmeckt es zwar nicht besonders, aber besser als diese Schübe«, bemerkte er.
Sie war etwas aufgeregt. Ihre erste Mahlzeit sollte also aus einer Flasche kommen. Irgendwie war sie enttäuscht darüber und im gleichen Moment schämte sie sich für diesen Gedanken. Auf der anderen Seite war ihr Hunger so groß und in ihr zog sich alles zusammen, weil sie den Geruch des Blutes unter der Nase hatte. Angus beobachtete sie, als sie die Flasche an ihre Lippen führte und vorsichtig nippte. Es war ihr egal. Sollte er doch glotzen. Das Blut schmeckte würzig süß mit einem bitteren Nachgeschmack, der durch die Kälte kam. Dennoch glitt es ihr sanft über die Zunge und brachte ihrer brennenden Kehle endlich die Erlösung. Sie nahm gleich noch einen Schluck und die süße Note entfaltete sich in ihrem Mund zu einer Köstlichkeit. Dann setzte sie die Flasche an und konnte nicht anders, als alles in einem Zug auszutrinken. Mit jedem Tropfen Blut spürte sie die Kraft in ihren Körper sickern. Ihr verkrampfter Magen entspannte sich und ihr war als fiele eine schwere Last von ihren Schultern. Ihre Sinne schärften sich, ihre Sicht wurde noch deutlicher und das obwohl sie in absoluter Dunkelheit in seiner Wohnung standen. Die Rollläden waren heruntergelassen, es konnte nicht einmal das Licht einer Straßenlaterne hereindringen. Die Flasche war leer, aber ihr Blutdurst war nicht gestillt. Sie wollte mehr. Sie sog an der Flasche, in der Hoffnung noch am Boden verbliebene Reste ergattern zu können.
Angus konnte es nicht mit ansehen und zog ihr die Flasche aus der Hand, stellte sie auf der Kücheninsel ab.
»Ich brauche mehr!«, keuchte Emma.
Sie fühlte sich kribbelig, wollte mehr Blut. Sie konnte an nichts anderes denken, als an Blut. Es machte sie stark, es machte sie lebendig. Es fühlte sich an wie ein Rausch. Als wäre diese dunkle Welt, in der sie sich plötzlich befand, gar nicht so schlecht. Als wäre es ihr gleichgültig, wer oder was sie vorher war. Alles war egal, sie wollte nur noch mehr Blut.
»Mehr habe ich nicht. Das war meine Notfallration. Blut in Flaschen ist verdammt teuer und es wird nicht gerade an jeder Tankstelle verkauft.«
Sie blickte wehmütig an ihm vorbei auf die leere Flasche. Sie wollte sie wieder an ihren Mund führen, als würde noch etwas heraus kommen.
»Geh jetzt duschen, danach gehen wir auf die Jagd«, versprach er ihr.
Nichts war zu ihr vorgedrungen. Nach einigen Sekunden spürte sie seinen Blick auf sich brennen. Er stand direkt vor ihr und sah sie an. Dann hallte sein letzter Satz in ihrem Kopf wider.
»Auf die Jagd?«, wiederholte sie.
»Du brauchst noch mehr. Zum überleben reicht es, aber wenn du nicht satt bist, kann ich dich nicht unter Kontrolle halten.« Er musterte sie einen Moment zu lange. Sie wollte ihn fragen, was er damit meinte, doch seine Autorität schüchterte sie ein. Schließlich bedeutete Angus ihr ihm zu folgen. Er führte sie durch den schmalen Korridor in ein großes Schlafzimmer, in dem sich nur ein King Size Bett mit zerwühlter weißer Bettwäsche und ein Kleiderschrank befanden. Von dort aus führte eine Tür in ein großes Badezimmer. Hier ließ er sie zum Duschen zurück. Emma schloss die Tür hinter sich und tappste über den weißen Fliesenboden zu dem großen Spiegel. Sie fühlte sich fremd, als sie ihr verdrecktes Gesicht dort sah. Es war völlig schwarz von der Erde und wirkte surreal. Ihre Stirn war in Falten gelegt und mit den vom Rausch leicht aufleuchtenden Augen und dem roten Blutrand auf ihren Lippen wirkte sie monsterhaft. Sie öffnete leicht ihren Mund, um ihre Vampirfänge zu betrachten. Es kam ihr so verrückt vor, sich so zu sehen und doch war sie fasziniert von dem Anblick. Neugierig befühlte sie mit ihrem Zeigefinger das Zahnfleisch und betastete die Stelle, an der die Zähne herausgefahren waren. Offenbar taten sie das nur, wenn sie hungrig war. Sie betrachtete sich noch eine ganze Weile, verinnerlichte ihr neues Ich. Dann zog sie ihr zerfetztes Kleid aus und stopfte es in den kleinen Mülleimer, um den Boden nicht zu verschmutzen. Sie stieg in die Duschkabine und drehte den Wasserhahn auf. Ein Gefühl der Entspannung überkam sie, als das lauwarme Wasser auf ihren zierlichen Körper herunter plätscherte. Mit geschlossenen Augen genoss sie die Wärme. Endlich konnte sie wieder klare Gedanken fassen. Sie hatte viele Fragen. Fragen, deren Antworten ihr vielleicht nicht gefallen würden. Zu viele Gedanken schossen ihr gleichzeitig durch den Kopf und überforderten sie. Sie versuchte sich zu beruhigen, atmete tief durch und konzentrierte sich darauf sich zu säubern. Ihre Fänge hatten sich wieder zurück in ihr Zahnfleisch geschoben und drückten ihr nicht mehr drängend gegen die Unterlippe. Sie wusste, dass Angus direkt vor der Badezimmertür stand und auf sie wartete. Sie konnte ihn riechen. Sein Geruch erinnerte sie an das Meer. Und wenn das Wasser der Dusche nicht so laut prasseln würde, hätte sie ihn auch atmen hören können.
Sie musste ihr Haar zwei Mal waschen, um letztendlich auch den letzten Krümel Erde herauszubekommen.

Als sie aus der Dusche kam und sich das Handtuch umlegte, warf sie wieder einen Blick in den beschlagenen Spiegel. Sie fuhr vorsichtig mit der Hand über die Spiegelscheibe und betrachtete ihr hübsches Gesicht mit der Stupsnase und den blauen Augen. An ihrem Hals hatte sie schon mehrfach ein merkwürdiges Kribbeln bemerkt, als hätte sie dort eine Bisswunde. Doch es war nichts zu sehen. Sie sah nicht gefährlich aus. Sie sah aus wie ein ganz normales Mädchen. Keineswegs wie ein eine Kreatur im Blutrausch. Von diesem Anblick war sie weitaus weniger gebannt, als von dem erschreckendem Gesicht, was sie noch vor dem Duschen hatte.
Emma begann ihr hellblondes Haar mit dem Handtuch zu trocknen, als Angus sich vor der Tür räusperte.
»Darf ich reinkommen?«, fragte er.
»Ja«, antwortete sie und überprüfte den Sitz des Badetuchs, das sie um ihren Körper gewickelt hatte.
Er öffnete die Tür und hielt einen Stapel Kleidung in den Händen. Seine Miene war finster und unergründlich. Vermutlich war er alles andere als erfreut über ihren Zwangsbesuch.
»Ich kann dir nur etwas von mir anbieten«, sagte er und legte die Sachen auf die Ablage neben dem Waschbecken.
Emma nahm eines der Kleidungsstücke in die Hände, was sich als schwarzer Longsleeve entpuppte. Der war ihr sicher um einiges zu groß. Zudem hatte er eine schwarze Jeans für sie hingelegt.
»Hmm«, erwiderte sie nur.
Er ließ sich davon nicht beirren und ging wieder aus dem Bad, damit sie sich ungestört anziehen konnte. Vor der Tür nahm er erneut seinen Wachposten ein. Als hätte er Angst, sie würde ihm davonlaufen. Emma trocknete sich ab.
»Haben wir uns gekannt?«, fragte sie ihn mit leiser Stimme.
Sie wusste, er hörte sie sehr gut. Selbst wenn sie hinter der Tür flüsterte, hörte er sie. Trotzdem erhielt sie keine Antwort.
»Vor meiner Verwandlung, haben wir uns da gekannt?«, erkundigte sie sich beharrlich.
»Ja, wir kannten uns«, antwortete er endlich.
Sie öffnete die Tür einen Spalt und steckte nur ihren Kopf hindurch, um ihn anzusehen. Er wirkte etwas unbehaglich, als sie ihn so beäugte.
»Kannten wir uns gut?«, vergewisserte sie sich neugierig.
Er schüttelte den Kopf und wich ihrem Blick aus. Sie sah ihn eindringlich an, weil sie das Gefühl hatte, dass er nicht ehrlich zu ihr war. Doch Angus schwieg.
Sie schloss die Tür wieder und begann sich anzuziehen. Wie erwartet waren seine Klamotten zu groß. Die Jeans war schmal geschnitten, doch um die Hüften viel zu weit, so dass sie einen Gürtel benutzen musste. Auch der Longsleeve war etwas schlabberig, die Arme zu lang. Sie krempelte die Ärmel hoch und knotete den Pullover an der Seite ihrer Taille zusammen, damit er nicht zu sehr schlabberte. Sie nahm den Fön aus dem offenen Regal und trocknete ihr langes Haar damit.

Als sie aus dem Bad heraus kam, stand Angus noch immer unbewegt an der gleichen Stelle. Er deutete auf ein Paar schwarzer Mokassins, die auf dem Boden neben der Badezimmertür standen. Emma vermutete, dass sie viel zu groß sein würden. Als sie hinein schlüpfte, stellte sie überrascht fest, dass sie passten. Immer noch schweigend machte er eine Geste, die sie aufforderte voraus zu gehen. Doch Emma blieb stehen und betrachtete ihn näher. Angus war in voller Kampfmontur. Er trug eine schwarze Jeans, schwarzes Shirt und eine schwarze Lederjacke. Und sie war sicher, dass er unter der Jacke einige Waffen verborgen hielt. Sein Teint war nicht so blass wie ihrer. Aber jeder, der zwei Tage unter der Erde lag, würde wohl etwas blass aussehen. Außerdem war er ein Lichtbringervampir. Sie nicht. Sie würde nicht bei Tageslicht umher wandeln können wie er. Die Sonne war tödlich für sie. Sie wusste das. Sie wusste erstaunlich viel über Vampire und Lichtbringer, dafür dass sie eigentlich nichts wusste.
»Wird meine Erinnerung zurück kehren, irgendwann?«, wollte sie wissen.
Es war ein wehmütiges Gefühl sich selbst nicht zu kennen. Nicht einmal die Person zu kennen, die vor ihr stand.
»Nein«, antwortete er distanziert und wartete noch immer darauf, dass sie sich in Bewegung setzte.
Sie konnte ihre Enttäuschung darüber nicht verbergen. Auch Cedriks Worte klangen in ihren Ohren wider, dass sie nun ein Vampir war und ihr altes Leben nicht mehr existierte. Warum hatte sie in ihrem Menschenleben überhaupt mit Vampiren zu tun gehabt?
»Wollte ich so werden?«, fragte sie ihn und konnte es noch immer nicht glauben, sich solch ein Leben gewünscht zu haben.
Ein Dasein, in dem sie von Blutdurst beherrscht wurde und das Tageslicht fürchten musste.
»Ja, du wolltest es. Du hast sehr lange immer wieder darum gebeten.«
»Warum musste ich denn immer wieder darum bitten?«, erkundigte sie sich genauer.
»Weil wir keine Menschen verwandeln. Vor allen Dingen keine Frauen. Wir verwandeln nur geborene Lichtbringer in Vampire. Es widerspricht den Regeln einen weiblichen Vampir zu erschaffen. Außer dir kenne ich keinen.« Angus legte nachdenklich seine Stirn in Falten.
»Oh«, entfuhr es ihr überrascht.
»Gehen wir!«, forderte er sie auf.
Er drehte er sich abrupt um und lief voraus. Emma folgte ihm und es fiel ihr nun weitaus leichter mit ihm Schritt zu halten. Angus entriegelte wieder die schwere Hintertür und sie gingen in den Hof. Draußen war es etwas heller, als in seiner Wohnung, auch wenn es Nacht war. Über der Stadt funkelte hoch oben ein beeindruckendes Sternenzelt. Die Scheinwerfer einer Disco fluteten den Himmel. Emma stellte erleichtert fest, dass die Lichter sie nicht mehr so sehr störten wie noch zuvor. Als Angus die Tür von außen wieder verschlossen hatte, drehte er sich zu ihr um und blickte sie neugierig an: »Bereit für den Flug?«
Emma schüttelte den Kopf. Sie erinnerte sich noch gut an ihren ersten Flug und der ging bloß über die niedrige Friedhofsmauer. Ihr Herz klopfte viel zu schnell bei dem Gedanken daran. Ihr war unwohl dabei keinen festen Boden unter den Füßen zu haben. Plötzlich spürte sie ein Rauschen in ihrem Blut, ein verlangendes Pochen. Es kribbelte, als würden tausende von Schmetterlingen von ihrem Bauch aus durch ihre ganze Blutbahn flattern.
Cedrik.
Er war irgendwo in der Nähe. Sie spürte ihn. Sie spürte die Verbindung zu ihm. Über Angus´ Meeresgeruch lag ein Hauch von Cedriks Duftnote in der Luft. Er war nicht weit entfernt von ihr und sie wollte von ihm trinken. So wie sie es getan hatte, als er sie durch sein Blut in einen Vampir gewandelt hatte.
»Vergiss ihn«, knurrte Angus, zum zweiten Mal an diesem Abend.
»Das geht dich nichts an! Er hat mich verwandelt, trotz eurer merkwürdigen Regelung. Offensichtlich war ich es ihm wert! Du hast es nicht getan! Also misch dich da nicht ein!« Emma sah ihn gereizt an. Als sie das wütende Knurren hörte, das ihre Aussage wie eine Drohung untermalte, hielt sie einen Augenblick inne. Ihre Zähne waren gebleckt und ihre neues Vampirgebiss kam wieder zum Vorschein. Sie atmete tief durch und zog sich etwas von ihm zurück.
Er nickte und erwiderte mit einem sarkastischen Unterton in der Stimme: »Und dennoch bin ich es, der die Vampirfrau jetzt am Hals hat.«
Sie wollte etwas antworten, doch er hatte Recht.
»Los jetzt!« Angus hielt ihr seine Hand entgegen.
Emma zögerte. Sie konnte sich noch immer nicht damit anfreunden, sich in die Lüfte zu erheben. Er trat wieder einen Schritt näher an sie heran und füllte die Lücke, die sie zwischen ihnen geschaffen hatte. Ohne weiter auf sie zu warten, griff er nach ihrer Hand. Emma atmete noch einmal tief durch, füllte ihre Lungen mit Cedriks Duft, dann nickte sie zustimmend.
»Okay«, sprach sie, faltete ihre Finger zwischen seine und blickte ihn erwartungsvoll an.
Ganz langsam hob Angus vom Boden ab. Er schwebte empor und hielt dabei weiter ihre Hand, bis er so weit oben war, dass sie ihren Arm ganz hoch strecken musste.
»Wie funktioniert das?«, fragte sie, als er von dort oben auf sie herabsah.
»Konzentriere dich darauf. Du musst es wollen. Sobald du dich oben halten kannst, lernst du den Rest von ganz allein.«
Emma schloss ihre Augen und versuchte es. Sie hörte seinen Herzschlag und das Rauschen in ihren Venen. Sie spürte Cedriks machtvolles Blut in sich. Das Kribbeln an ihrem Hals war wieder da.
»Konzentriere dich nicht auf alle deine Sinne. Nur auf das Schweben. Da ist ein kleiner Widerstand unter deinen Füßen. So ähnlich wie ein Magnetfeld. Versuch darauf dein Gleichgewicht zu halten. Es wird dich ganz von allein in die Höhe schieben.« Angus war zwar nicht der Freundlichste, aber geduldig.
Sie wollte ihn am liebsten anschreien, so frustriert war sie. Sie hatte dieses furchtbare Gefühl in sich, diese Wut. Diesen schrecklichen Blutdurst, der in ihr tobte und diese Gefühlsausbrüche. Die nagende Traurigkeit darüber, dass sie Cedrik überhaupt nichts bedeutete. Nun war da dieser Vampir, der verlangte, dass sie mal eben zu schweben begann.
»Willst du es, oder nicht?« Angus zupfte an ihrer Hand und holte sie damit wieder aus ihrem Gedankenstrom.
Emma schluckte ihren Ärger herunter, hörte aber wieder das leise ungesteuerte Aufknurren aus ihrer Kehle. Sie versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was er ihr gesagt hatte. Endlich spürte sie es. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Ein sanfter Druck schob sie ganz leicht hoch. Ihre Füße verloren den Boden. Sie wurde nervös, auch wenn Angus´ Anwesenheit ihr ein Gefühl von Sicherheit vermittelte. Sie waren auf gleicher Höhe, als er seine Hand von ihrer löste und Emma feststellte, dass sie es von allein geschafft hatte. Es war gar nicht so schwer, genau wie er gesagt hatte. Sie lächelte ihn erstaunt, aber auch etwas erschrocken an. Er nickte ihr mit ernster Miene zu. Plötzlich schoss er unangekündigt in den dunkelblauen Nachthimmel hinauf. Emma seufzte, dann versuchte sie sich zu konzentrieren, um es ihm nachzumachen. Sie schaffte es. Die Nacht war kalt und der Wind blies ihnen erbarmungslos entgegen, während sie überschnell durch die Dunkelheit flogen. Endlich verlor sich das pochende Kribbeln in ihrem Blut, sie entfernte sich von Cedrik. Das Gefühl der Freiheit legte sich euphorisierend über alles Negative.

 

 

***

 

 

Sie standen eine Weile auf dem flachen Dach und beobachtete die Menschen, die aus dem gegenüberliegenden Club kamen.
»Also, was tun wir jetzt?«, fragte sie ihn.
Ihr ausgeprägter Geruchssinn nahm die Fährte eines Paares auf, das Hand in Hand die Straße entlang schlenderte. Sie gingen hinunter zu dem Parkplatz, auf der Suche nach ihrem Auto.
»Wir reißen sie im Flug mit. Ich nehme mir den Kerl vor, du dir die Frau. Wenn du getrunken hast, lässt du los und auf dem Weg nach unten entflamme ich ihre Körper. Hinterlässt nichts als Asche, keine Spuren.«  Angus wirkte kühl, während er das Paar nicht aus den Augen ließ. Emma sah ihn an und ihr war nicht ganz klar, ob er es ernst meinte. Er verzog den linken Mundwinkel zu einem arroganten Lächeln, ohne den Blick von der Beute abzuwenden.
»Ich werde niemanden töten!«, sagte sie bestimmt.
»Aber du weißt, du kannst es«, entgegnete er mit einem dunklen Unterton in seiner Stimme.
Er drehte seinen Kopf in ihre Richtung und betrachtete sie interessiert.
»Willst du mich testen?«
»Willst du niemanden töten?«, vergewisserte er sich und schien überrascht.
»Doch, am liebsten dich!«, knurrte sie.
Als er überheblich grinste, stieg sie auf den Dachsims und wollte elegant herunterspringen. Als sie die Höhe sah, begann sich alles vor ihren Augen zu drehen und ein alter Urinstinkt in ihr ließ sie zurück weichen.
»Schiss?«, fragte er und grinste noch immer.
Seine Sticheleien waren nervig. Sie wusste, dass es lächerlich war Angst zu haben. Sie war gerade ohne Hilfe mit ihm über die Dächer der Stadt geflogen. Da sollte es doch kein Problem sein von einem fünfstöckigen Gebäude zu springen. Sie schloss für einen Moment die Augen und versuchte sich zu entspannen.
»Soll ich bis drei zählen?«, grinste er amüsiert.
Am liebsten wollte sie einfach springen und ihm zeigen, dass sie sich vor gar nichts fürchtete. Aber sie konnte einfach nicht. Auf einmal stieß er sie von hinten fest gegen den Rücken und schubste sie damit vom Dach. Emma hätte beinahe vor lauter Schreck einen Schrei ausgestoßen. Doch noch im Flug nach unten verlangsamte sie ihre Geschwindigkeit und landete dann grazil auf dem Gehweg. Sie hörte ihn oben vor sich hin kichern. Sie war wütend, wollte ihn beschimpfen. Doch die Blöße wollte sie sich nicht geben. Emma strich sich ihr Haar aus dem Gesicht und ehe Angus reagieren konnte, marschierte sie über die Straße auf den Eingang des Clubs zu. Sie begrüßte die bedrohlich muskulösen Türsteher mit einem Nicken und ging lässig an ihnen vorbei. Angus war in Sekundenschnelle hinter ihr und holte sie an der Kasse ein.
Als sie sich zu ihm umdrehte, sah er sie fragend an: »Was haben wir denn vor?«
»Ich fürchte ich habe kein Geld eingesteckt. Wärst du so freundlich?« Emma lächelte gespielt und deutete auf die gelangweilte Kassiererin.
Einen Moment zu lange reagierte Angus nicht und sie intensivierte ihren bittenden Blick. Er rollte stöhnend mit den Augen und drehte sich dann der Kassiererin zu.
»Zwei Mal, bitte«, sprach er.
»Macht 20 Euro«, erwiderte sie, ohne von ihrer Zeitschrift aufzusehen.
Angus griff über den Tresen zu ihrer Zeitung und drückte sie sanft herunter. Er legte seine Hand auf ihre und die Kassiererin blickte verdutzt zu ihm auf. Als sie seinen Augen begegnete, verfiel sie gleich seiner Hypnose.
»Zwei Mal, bitte«, wiederholte Angus und hielt ihr die Hand hin.
»Okay«, nickte sie benommen und griff nach dem Stapel Verzehrkarten.
Ohne weiter auf Bezahlung zu bestehen, reichte sie ihm die Karten und Angus bedankte sich höflich.
»So läuft das also«, stellte Emma fest, als er sich mit zufriedenem Gesichtsausdruck wieder zu ihr umdrehte.
Sie zog ihm eine der Karten aus der Hand und ging an ihm vorbei. Angus sah ihr kurz nach, schüttelte den Kopf und folgte ihr dann. In dem belebten Club tanzten  überwiegend junge Leute, tranken Bier, unterhielten sich in Gruppen und drängten sich durch die verschiedenen Areas.
»Willst du jetzt mit mir tanzen oder wieso schleppst du mich hier rein?«, witzelte Angus, während er sich hinter ihr durch die Menschen hindurch schlängelte.
Emma versuchte ihn zu ignorieren und antwortete nicht. Dieser Abend war der totale Reinfall. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, in ihrem menschlichen Dasein? Sie verachtete Cedrik dafür ihr diesen Angus an den Hals gehetzt zu haben. Er war ein Idiot. Angus zog sie zur Seite, denn er hatte ihre Gedanken verfolgt.
»Hey«, sagte er ernst, mit entschuldigendem Blick. »Ich bin kein Idiot, okay? Bis du etwas zu dir genommen hast, halte ich mich fürs Erste zurück.«
Sie verschränkte die Arme und blickte ihn nachdenklich an.
»Wahrscheinlich brauch ich dich gar nicht dazu. Ich hätte es schon längst allein tun können.« Ihr Tonfall war genervt.
»Ja, sicher hättest du das.« Er nickte zustimmend, eher beschwichtigend.
Sie stöhnte, dann drehte sie sich um und ließ ihren Blick durch die Menge schweifen. Sie entdeckte eine Gruppe junger Männer. Sie standen an einer Bar in der Nähe und unterhielten sich miteinander, stießen an.
Emma blickte Angus über ihre Schulter hinweg an: »Dann pass mal schön auf!«
Nun war er es, der die Arme verschränkte. Doch Angus blieb stehen und nahm den Platz des Beobachters ein, als sie in die Richtung der Männer ging. Emma blieb mit einigen Metern Abstand zu ihnen stehen und suchte Blickkontakt zu dem Mann, der ihr am besten gefiel und den ansprechendsten Geruch hatte. Sie war erstaunt darüber überhaupt Gerüche selektieren zu können, bei dem was hier alles auf sie einströmte. Doch es ging wie von selbst. Das Objekt ihrer Begierde war Anfang 20 und hatte Cedriks Frisur. Seine Arme waren tätowiert. Die Bilder waren bei weitem nicht so schön, wie die des Lichtbringervampirs, der sie erschaffen hatte. Doch auch er hatte muskulöse Arme. Seine Augen waren braun. Es würde schwer sein jemanden mit so außergewöhnlich schönen Augen, wie Cedrik sie hatte, zu finden. Es dauerte nur zwei Sekunden, bis ihr Auserwählter den Kopf anhob und in der Menge nach ihr suchte. Als ihre Blicke sich trafen, hatte sie seine volle Aufmerksamkeit. Emma lächelte ihn mit gespielter Schüchternheit an. Sie war ein Wolf im Schafspelz.
Nur einige Sekunden später, stand er vor ihr und lächelte angetan: »Hi!«
»Hi. Wie ist dein Name?«
Sie lächelte ihn an. Seine Freunde beobachteten ihn erstaunt.
»Chris«, sprach er und reichte ihr die Hand zur Begrüßung.
»Sehr erfreut, Chris.« Emmas Blick landete wie von selbst auf der Schlagader an seinem Hals.
Sie hörte sein Blut pulsieren, das Trommeln seines Herzens. Sie hielt seine Hand fest und zog ihn mit sich. Ihr Opfer folgte ihr ohne eine Frage zu stellen. Seine Freunde brachen in johlendes Gelächter aus, als sie gemeinsam verschwanden.
»Oh bitte!«, stöhnte Angus und setzte sich dann in Bewegung, um den Rest des Geschehens zu beobachten.

Emma und Chris zogen sich in einen kleinen Gang zurück, der zu den Toiletten führte. Es war nicht wirklich ein intimer Ort, doch hier kamen nur ab und zu Leute an ihnen vorbei. Sie drückte Chris rücklings gegen die Wand und küsste seine Lippen. Er schmeckte nach Whiskey und Zigaretten. Sein drei Tage Bart fühlte sich genauso an, wie sie es sich mit Cedrik vorstellte. Sie spürte wie ihr Blick sich schärfte und ihr Zahnfleisch drückte, als ihre Fangzähne sich verlängerten. Sie wanderte mit den Lippen seinen Hals herunter und er zog ihren zierlichen Körper noch dichter an sich. Dann ließ sie langsam ihre messerscharfen Vampirzähne in seine Hals gleiten. Er rang erschrocken nach Luft, als sie ihn biss und wollte sie reflexartig von sich stoßen. Doch Emma war stärker. Mit Leichtigkeit hielt sie seinen menschlichen Körper an die Wand gedrückt, bis ihre Zähne seine Vene öffneten. Als sie den ersten Schluck von ihm trank, erschlaffte sein Widerstand. Sein Blut rann ihr leicht und warm ihre Kehle herunter, sie fühlte sich stärker und mächtiger. Zu dem abgestandenen, kalten Flaschenblut war es kein Vergleich. Es war herrlich, warmes Blut von einem lebenden Wirt. Zunächst hatte es einen metallischen Beigeschmack, das Aroma der Angst. Doch dann war es angenehm süß. Mit jedem Schluck von ihm flammte der Durst in ihr stärker auf. Sie wollte ihn völlig aussaugen, bis kein einziger Tropfen mehr von ihm übrig war. Angus stand ganz unerwartet hinter ihr.
»Hör jetzt auf, das ist genug«, flüsterte er ihr ins Ohr.
Aber Emma wollte nicht von ihm lassen. Die Wärme, die sich beim Trinken in ihr ausbreitete, tat so gut.
»Du tötest ihn«, sprach Angus leise.
Sie wollte niemanden töten. Widerwillig riss sie sich von ihrem menschlichen Opfer, welches benommen an die Wand gelehnt stehen blieb. Das Blut sickerte ihm aus der tiefen Wunde, die sie in seinen Hals gebissen hatte. Emma trat einen Schritt zurück und fuhr sich mit der Hand über ihre blutbenetzten Lippen. Angus trat zwischen sie und ihren Blutwirt und berührte die Stelle an seinem Hals. Sofort begann die Wunde zu heilen. Schon bald würde nichts mehr davon zu sehen sein. Dann zog er die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich, indem er ihn leicht ohrfeigte: »Sieh mich an!«
Chris blickte benebelt um sich, dann schaute er Angus in die Augen.
»Du hast das Mädchen auf dem Weg zur Toilette verloren. Geh zurück zu deinen Freunden.« Angus´ Stimme war ruhig.
Chris schien wie hypnotisiert und nickte ihm zu. Er drehte sich um und ging weg. Emma stand schnaubend hinter ihm. Sie war nervös und die Unruhe ließ sie unberechenbar wirken.

»Du bist ziemlich willensstark«, stellte Angus fest, als er sich zu ihr umdrehte.
Sie war nicht in der Lage ihm zu antworten. Das Blut, das sich in ihr ausbreitete, sie nährte und ihr zu neuen Kräften verhalf, war wie ein glücklich machender Rausch. Sie spürte eine wohlige Wärme, eine Sehnsucht nach körperliche Nähe. Warum nur hatte er diesen Chris weggeschickt? Er hätte sie festgehalten, in seinen menschlich starken Armen und ihr einfach etwas Halt gegeben, den sie jetzt so sehr brauchte. Angus grinste sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Wieder hatte er ihre Gedanken mit verfolgt.
»Na, gehen wir zu mir oder zu dir?«, fragte er sie.
»Wenn du nur nicht so ein Arsch wärst!«, erwiderte sie genervt.
»Schon gut. Komm, ich bring dich hier weg!«, lächelte er ergeben und wollte sie mit sich ziehen.
Aber Emma machte sich von ihm los und schüttelte den Kopf. »Nein! Wir sind doch eben erst gekommen. Wir sollten uns amüsieren!«
Angus sah sie eindringlich an. »Emma, übertreib es nicht. Du könntest in deinem Blutrausch jeden Mann mit dem kleinen Finger zerquetschen. Nicht, dass es mich interessieren würde. Aber sicher interessiert es dich, früher oder später.«
Er hatte Recht. Sie hatte ihre übernatürliche Stärke nicht unter Kontrolle. Nicht jetzt. Nicht, wenn sie sich so fühlte. Sie hasste es, dass er Recht hatte. Emma versuchte sich zu beruhigen, zu sich selbst zu finden, in diesem berauschendem Zustand. Die Sehnsucht nach Nähe wuchs. Nur für den Bruchteil einer Sekunde dachte sie an Cedrik. Ihr Schöpfer, der wunderschöne Lichtbringer Cedrik. Dachte an seinen Blick, als er ihr seine Gedanken gesendet hatte, auf dem Friedhof.
Dann bemerkte sie, dass Angus´ graublaue Augen sie betrachteten und sie entdeckte den Anflug von Enttäuschung in seiner Miene. Vermutlich las er jede Sekunde in ihrem Kopf. Verzweifelt versuchte sie sich etwas anderes vorzustellen. Etwas, was ihm ihre Gedanken verbergen würde. Sie dachte an einen ruhigen See. Einen See mit Schwänen, auf dem das von der Sonne angestrahlte Wasser glitzerte. Sie rief sich den Geruch des Wassers ins Gedächtnis.
Angus runzelte die Stirn: »Wieso denkst du an einen See?«
»Wieso hörst du nicht endlich auf meine Gedanken zu stalken?«, antwortete sie mit einem vorwurfsvollen Blick.
Er lächelte knapp: »Tut mir leid.«
Dann deutete er auf ihre Unterlippe: »Du hast da noch etwas.«
Er wollte seine Hand an ihren Mund führen, doch sie wischte schnell den Rest Blut mit ihren Fingern weg.
»Lass uns gehen!«, forderte er sie unberührt auf und ging voraus.
Emma folgte ihm aus dem Club. Auf der Straße gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander her. So sehr sie sich Nähe wünschte, er war der Letzte, bei dem sie sich wohl fühlte. Er war so kühl und distanziert und es war, als würde er sie jede Sekunde verurteilen. Dafür dass sie ein Vampir war. Nur ein einfacher Vampir, kein Lichtbringer. Und dazu noch eine Frau. Denn sie verwandelten schließlich keine Frauen.
»Denk nicht zu viel darüber nach«, sagte er, nachdem er einen Augenblick mit sich gehadert hatte, ob er es aussprechen sollte oder nicht.
Emma streifte ihn mit einem Blick: »Was weißt du denn schon?«
»Ich weiß, wie es dir jetzt geht. Das ist alles. Und als eine Person, die das Gleiche durchgemacht hat, wie du, kann ich dir nur nahelegen – denk nicht zu viel darüber nach.« Angus wirkte diplomatisch, was sie in diesem Moment jedoch nicht beschwichtigte.
Gar nichts wusste er. Lichtbringer verloren ihr Gedächtnis ja schließlich nicht nach der Verwandlung zum Vampir. Wie also konnte er wissen, wie es ihr ging?
Sie dachte an den See mit dem glitzernden Wasser und ließ einen der Schwäne mit den Flügeln aufschlagen. An seinem Blick bemerkte sie, dass er ihre Gedanken nicht mehr verfolgen konnte, sondern nur genau das sah, was sie ihn sehen ließ.
»Ich werde nie wieder sehen, wie die Sonne auf dem See glitzert«, wisperte sie.
»Nein«, war seine Antwort.
Eine unglaubliche Traurigkeit überkam sie, eine düstere, noch nie dagewesene Traurigkeit. Sie wusste nicht, dass sie zu solch einem schrecklichen Gefühl fähig war. Ohne ein Wort zu sagen, schoss Emma in den Himmel und flog davon.
»Emma!«, hörte sie ihn noch rufen.
Doch sie reagierte nicht.

 

 

Kapitel 3:
Erschaffungsbindung

›Blutbad auf Volksfest! 3 Tote!‹
Robin las die Schlagzeile der liegen gelassenen Zeitung auf dem Außentisch des Cafés. Sie schrieben über eine Massenhysterie auf dem Nürnberger Volksfest. Augenzeugen berichteten, dass eine Bande von Vampiren über die Menschen hergefallen seien. Mehrere Menschen waren an dem Abend vor zwei Tagen ums Leben gekommen. Doch es gab keine Tatverdächtigen. Die seien laut Augenzeugen davon geflogen, einer nach dem anderen. Auch einige youtube Videos waren aufgetaucht. Doch darauf war nichts, außer verwackelter Bilder blinkender Partylampen im Dunkeln, zu erkennen. Er war an dem Abend selbst auf dem Volksfest gewesen, hatte dort mit Freunden gefeiert, war Autoscooter gefahren. Von den angeblichen Vampiren hatte er nichts mitbekommen. Er war schon auf dem Weg zur Straßenbahn gewesen, als die Polizei- und Krankenwagen auf das Gelände fuhren. Zu gern hätte er mit eigenen Augen gesehen, was dort passiert war. Auf der anderen Seite hatte er Glück gehabt. Immerhin hätte es ihn auch erwischen können.

Es wurde gerade finster. Er bemerkte, dass die Sonne untergegangen und das rote Leuchten am Himmel längst weg war. Dunkelheit legte sich wie ein unheilvoller Schleier über die laute Innenstadt. Robin betrachtete sein Spiegelbild in der Schaufensterscheibe des Cafés, zog seinen Hemdkragen zurecht und strich sich über seine kurze schwarze Haartolle. Sie musste jeden Augenblick raus kommen. Ein paar Minuten darauf öffnete sich endlich die Glastür und Jennifer tauchte auf. Sie trug ein Poloshirt mit dem Firmenlogo und hatte ihr Handy am Ohr, telefonierte mit irgendjemanden. Robin wollte sie vor dem Café abfangen und begrüßen, doch jetzt war sie abgelenkt. Ihr braunes, leicht lockiges Haar wippte auf und ab, während sie die Stufen des Eingangs hinunter kam. Er hielt vor Faszination den Atem an, als sie an ihm vorbeiging. Seine Hand war halb zum Gruß gehoben, Jennifer hatte ihn nicht bemerkt. Er war wie hypnotisiert von ihrem süßen Duft, während sie schon längst einige Meter voraus lief. Langsam setzte er sich in Bewegung, um ihr zu folgen. Er sah, dass sie das Handy in ihre Umhängetasche steckte und wollte sie einholen. Es fiel ihm schwer, all seinen Mut zusammen zu nehmen. Doch dann legte er entschlossen einen Schritt zu und drängte sich durch den Menschenstrom der Fußgängerzone. Fast hatte er sie erreicht, da sah er diesen Typen aus der Klasse über ihnen – Justin. Er war zwei Köpfe größer als Robin und mit seiner blonden Heldenfrisur war er der Mädchenschwarm schlechthin. Robin konnte ihn nicht leiden, weil er sich ihm gegenüber meistens wie ein Kotzbrocken aufführte. Justin hielt Jennifer auf, als sie auch an ihm vorbei gehen wollte.

»Hey Jennifer, warte mal!«, rief er laut genug, dass es unhöflich wäre, ihn zu ignorieren.
»Hey, wie geht´s?«, fragte sie und blieb stehen.
Doch sie schien nicht wirklich begeistert zu sein, blickte auffällig auf ihre Armbanduhr.
»Sag mal, die Kleine, die mit dir immer Schicht zusammen hat. Ist die noch im Café?« Justin deutete mit den Kopf in die Richtung des Eingangs.
Robin erreichte die beiden und musste sich nun entscheiden entweder vorbeizugehen oder stehenzubleiben. Er entschied sich für Letzteres.
»Hi!«, strahlte er Jennifer an.
Jennifer blickte irritiert zwischen Justin und Robin hin und her.

Justin nickte ihm desinteressiert zu, so dass sie die Begrüßung auf sich bezog und ihn schließlich zurück grüßte: »Hi Robin.«
Sein Lächeln wurde größer, als sie seinen Namen aussprach.
»Also was ist jetzt? Ist sie noch da?« Justin blickte Jennifer fragend an.
»Sie will nichts von dir«, erklärte Jennifer nun.
»Das lass mal meine Sorge sein«, Justin zwinkerte ihr überheblich mit einem Auge zu.

»Okay«, erwiderte sie nur und wandte sich dem Gehen zu.
»Bis morgen!«, verabschiedete Justin sich und ging Richtung Café.

Robin blieb einen Augenblick zu lange verdutzt stehen, lief ihr dann aber wieder nach und holte sie ein zweites Mal ein.

»Hey«, lächelte er Jennifer an, während er neben ihr herging.

»Hey.« Sie lächelte gezwungen zurück, verlangsamte ihren Gang aber nicht und sah erneut auf die Armbanduhr.

»Ich wollte dich was fragen…«, sagte er zögernd.

»Hm?«, sie sah ihn nur minder interessiert an und ihr Gang wurde noch einen Schritt schneller.

»Hast du Lust mit mir auszugehen? Ich meine… mal einen Kaffee trinken oder so was. Wir könnten auch ins Kino gehen, oder was essen. Ganz egal. Ich wollte dich das schon lange fragen, aber in der Schule ergibt sich das immer nicht und dann arbeitest du ja meistens noch und….« Robin redete plötzlich wie ein Wasserfall.

Jennifer unterbrach ihn. »Das geht leider nicht. Ich darf mich nicht verabreden. Hab ziemlich strenge Eltern.«

Er sah sie überrascht an. Sie blieb auf einmal stehen und er wäre fast weiter gelaufen.

»Das ist keine Ausrede. Es stimmt wirklich. Du bist ein süßer Typ und ich würde sofort ja sagen. Aber es geht einfach nicht.« Sie schaute ihn bedauernd an.

Robin versank einen Moment zu lange in ihren rehbraunen Augen. Dann küsste sie ihn ganz unerwartet auf die Wange und lächelte noch einmal, bevor sie weiter ging. Sie bog um die nächste Ecke, wo ein kleiner Durchgang zwischen den Häusern zur nächsten Straße führte. Robin ging langsam zwei Schritte voran, um ihr nachsehen zu können. An der Straße stand der Wagen ihres Vaters. Er wartete immer auf sie. Ob nach der Schule oder nach der Arbeit, stets war sie in Begleitung. Als Jennifer eingestiegen war, sah sie noch mal zu ihm und hob ihre Hand, um ihm zu winken. Robin tat es ihr gleich, doch der Wagen fuhr schon los. Enttäuscht sah er ihr hinterher. Mit so einer freundlichen Abfuhr hatte er nicht gerechnet. Eigentlich hatte er nicht mal damit gerechnet, dass sie mit ihm reden würde. Seine Wange kitzelte an der Stelle, an der ihre Lippen seine Haut berührt hatten. Robin lächelte. Sie fand ihn süß. Vielleicht würde er sie morgen mal allein auf dem Schulhof erwischen. Ihre Eltern konnten ja nicht überall dabei sein. Trotz ihrer Absage, hob sich seine Laune und er war guter Dinge. Er drehte sich um und ging zur Bushaltestelle, um mit dem Bus nach Hause zu fahren. Er hatte die Haltestelle fast erreicht, als ihm Justin wieder über den Weg lief. Erneut nickte er Robin kurz zu. Robin hatte nicht erwartet, dass er mit ihm reden würde.

Justin kam auf ihn zu. »Die blonde Schnecke war schon weg. So ein Mist. Hast du Jennifer noch klar gemacht?«

»Was? Nein… wir haben nur kurz geredet.«

Er hoffte, dass der Bus jeden Augenblick die Haltestelle anfahren würde und er diesem unangenehmen Gespräch entkommen konnte.

»Jennifer ist schwer zu knacken. Hab ich selbst schon oft versucht. Die hat immer ihre Alten hintendran. Die sind bestimmt bei irgend einer Sekte oder so was.« Justin grinste über seine Aussage.

Er holte eine Zigarettenschachtel aus der Hosentasche seiner Jeans und zündete sich eine an.

»Auch eine?«, fragte er Robin.

»Nein, danke – Nichtraucher«, lehnte er ab.

»Hast du Feuer?«, fragte plötzlich eine tiefe Stimme.

Robin und Justin wurden auf den bedrohlich wirkenden Mann aufmerksam, der hinter Justin aufgetaucht war. Er hatte dunkles zurückgekämmtes Haar und geschwungene Augenbrauen, die sich gefährlich über seinem Blick zusammen zogen. Robin empfand seinen Geruch irgendwie unangenehm. Die Hände des Mannes waren in die Taschen seiner schwarzen Lederjacke gesteckt und die Zigarette hielt er mit den Zähnen.

»Klar«, Justin kramte wieder sein Feuerzeug hervor.

Endlich kam der Bus und Justin war abgelenkt, eine gute Gelegenheit für Robin sich von dem Unruhestifter zu verabschieden.

»Also man sieht sich«, sagte er und verschwand in der Menschentraube, die in den Linienbus einsteigen wollte.

»Bis morgen, Alter«, erwidere Justin, ohne ihn anzusehen.

Er holte sein Feuerzeug heraus und wollte dem Mann die Zigarette anzünden, doch sie befand sich nicht mehr in seinem Mund. Justin zündete das Feuerzeug und blickte dem Mann erwartungsvoll in die Augen. Plötzlich legte dieser die Hand auf seine Schulter.

Justin zuckte zurück: »Was soll das, Mann?«

Bevor er noch weiter sprechen oder sich zurück ziehen konnte, war er gefangen in dem Blick des Fremden. Seine braunen Augen zogen ihn magisch an und Justin war nicht mehr in der Lage sich zu bewegen. Er konnte nicht einmal mehr wegsehen. Durch die Berührung an der Schulter spürte er ein Prickeln, als stellte der Fremde dadurch eine Verbindung zu ihm her.

»Stell keine Fragen und folge mir!«, forderte der Mann ihn auf. Obwohl er seine Lippen nur ganz leicht bewegte, verlieh sein Blick der Aussage Nachdruck.

Dann ließ er Justin los, drehte sich um und ging. Justin wollte es nicht, doch er hatte den Drang sich in Bewegung zu setzen und ihm einfach nachzugehen. Er hatte keine Ahnung, wohin er ging. Er wusste nur, dass er den Mann unter keinen Umständen aus den Augen verlieren durfte. Er hatte Angst ihn zu verlieren.
Justin folgte dem Fremden eine ganze Weile lang durch die Einkaufsstraße. Der Mann drehte sich nicht einmal nach ihm um. Dennoch war da diese Verbindung zwischen ihnen, wie unter Hypnose wollte Justin nur eines – in der Nähe dieses Mannes bleiben. Er hatte den Drang ihm weiter zu folgen, egal was auch passierte. Es machte ihm Angst, dass er selbst nicht mehr entscheiden konnte, was er tat. Er wollte es definitiv nicht, er musste es aber tun. Der Mann steuerte direkt auf die U-Bahnstation zu und Justin betrat hinter ihm willenlos die Rolltreppe, die hinunter ins Untergeschoss führte. Er wollte jedoch auf die U-Bahn Plattform, sondern steuerte im Zwischengeschoss die öffentlichen Toiletten an. Justin ging dort niemals hin. Die Räumlichkeiten waren dreckig und stanken. Der Mann stieß die Tür zu den Herrentoiletten auf und wartete, bis Justin hinein kam, dann ließ er die Tür zufallen.

Der Geruch war kaum auszuhalten. Er vermischte sich mit dem üblen Ausdünstungen seines Entführers. Dieser packte ihn plötzlich bei den Schultern. Noch bevor Justin die langen Fangzähne aus seinem Mund aufblitzen sah, ahnte er bereits, welches Schicksal ihm blühte. Eine panische Angst überkam ihn. Er war durch die vorangegangene Hypnose in einer Starre gefangen. So sehr er es auch wollte, es war ihm unmöglich sich zu wehren.

Als der Vampir seine Zähne in Justins Hals schlug und begann das Blut aus ihm zu trinken, fühlte Justin sich schwach. Er wollte weinen, wie ein kleines Kind. Doch selbst dazu war er nicht fähig. Er hing schlapp in den Armen dieses schrecklichen Mannes, der einfach nicht aufhören wollte ihn auszusaugen. Justin hatte das furchtbare Gefühl, dass dies sein Ende sei. Der Vampir würde ihn nicht wieder gehen lassen. Er würde nie wieder lebend hier raus kommen.

Symar, der Vampir, erschuf aus Justin einen Ghul. Er hatte für ihn einen besonderen Plan. Während er das Leben aus ihm sog, spürte Justin mehr und mehr, dass er seinem Entführer ergeben war. Mit jeder weiteren Sekunde, in der das Blut aus ihm floss, wusste er immer weniger was geschah und wer er eigentlich war.

Justin war blass und fühlte sich elend, als der Vampir endlich von ihm ließ. Sein Herz klopfte nur noch schwach, er konnte kaum atmen. Alles war verschwommen. Es fiel ihm schwer, sich auf den Beinen zu halten. Seine Knie waren weich vor Erschöpfung. Schließlich taumelte er, suchte Halt an der Wand und lehnte sich seitlich an die verschmutzen Fliesen. Langsam rutschte Justin an den Kacheln herunter, bis er es sich in einer Pfütze aus Urin und Toilettenpapier auf den Boden setzte.

Symar zog sich den Ärmel seiner dunklen Jacke rauf, dann öffnete er sich mit seinen messerscharfen Vampirzähnen die Vene am Handgelenk. Blut sickerte heraus, tropfte auf den Boden. Justin beachtete es nicht, er hatte das Gefühl zu sterben. Ihm drehte sich alles, jeden Augenblick würde er das Bewusstsein verlieren. Nun ging Symar vor ihm in die Hocke. Er presste Justin sein Handgelenk an die Lippen. Justin starrte ihn erschrocken an.

»Trink!«, befahl Symar.

Ohne dass Justin es wollte, öffnete sich sein Mund und er ließ das Blut des Vampirs hinein. Es war warm und es kostete ihn keine Anstrengung es herunter zu schlucken. Sein Schwindel ging zurück, das Atmen fiel ihm wieder leichter. Ihm war klar, dass es an dem Blut des Vampirs lag. Irgendetwas darin verhalf ihm wieder zu neuem Leben. Justin sog stärker an dem Handgelenk, er wollte sich besser fühlen. Sein Herzschlag stabilisierte sich und die Kraft kam in seinen Körper zurück. Er hob die Hände, um das Handgelenk des Vampirs noch fester an seinen Mund zu drücken, er wollte das kostbare Blut herausdrücken.

Aber Symar zog seinen Arm von ihm zurück: »Das ist genug!«

Justin sah ihn enttäuscht an, gehorchte ihm aber. Denn das war alles, was er von nun an tun würde – seinem Meister gehorchen.

Symar stand auf und zog Justin unsanft hoch, bis auch er wieder auf seinen Beinen stand. Allerdings fiel es ihm nun nicht mehr schwer. Er wollte ihn fragen, weshalb er das getan hatte, was er aus ihm gemacht hatte. Doch noch immer konnte er es nicht. So sehr Justin es sich wünschte, er konnte einfach keine Frage über seine Lippen bringen. Symars Willen zwang ihn dazu.

»Du bist jetzt ein Ghul. Ich habe dich erschaffen, um mir zu dienen. Und du wirst gleich eine sehr wichtige Aufgabe von mir erhalten. Du erzählst niemanden, was mit dir passiert ist. Hast du verstanden?« Die Stimme des Vampirs war hart.

»Ja«, hörte Justin sich wie von selbst sagen.

»Ja, Meister«, verbesserte Symar ihn.

»Ja, Meister«, wiederholte Justin.

Symar tätschelte ihm mit einem zufriedenen Grinsen die Wange.

 

 

***

 

 

Emma stand am Eingangsportal der gotischen Frauenkirche mit dem Rücken an der Wand. Sie hatte die ganze Nacht auf dem Hauptmarkt vor der Kirche verbracht. Sie wusste nicht, warum es sie hierher gezogen hatte. Lange hatte sie sich gefragt, ob sie verbrennen würde, wenn sie die Kirche betrat. Nichts dergleichen war geschehen, als sie die Stufen der Eingangstür hinaufgestiegen war. Alles war normal. Sie fühlte sich nicht mal anders. Als die Sonne aufging, stand sie noch immer im schattigen Eingangsbereich. Doch ihr Herz klopfte. Früher oder später würde die Sonne so hoch stehen, dass sie erbarmungslos auf die Türen der Kirche schien. Doch das dauerte noch bis zum Mittag. Niemand hatte ihr gesagt, wie furchtbar sie sich nach ihrem Schöpfer verzehren würde. Und wie qualvoll es für sie war, wenn sie seine Nähe spürte, aber nicht von ihm beachtet wurde. Niemand hatte sie darauf vorbereitet, dass ihr Herz in tausend Scherben zerspringen würde und jede einzelner Splitter sich millimeterweise in ihr vorwärts bewegte, ohne Ziel. Dieser furchtbare Schmerz. Es war kaum auszuhalten überall diese klopfenden, frohlockenden Herzen der Menschen, die über den Marktplatz gingen. Jedes Pulsieren verursachte diese Gier in ihr. Dieses Begehren danach wieder ihre Fänge in butterweiche Haut zu stoßen, um an den warmen, berauschenden Lebenssaft zu kommen. Mit jedem Anfall, der sich wie ein bösartiger Krampf durch ihren gesamten Körper zog, legte sich auch eine immer schlimmer werdenden Melancholie auf sie. Die Tränen, die ihre Wangen herunterliefen, fühlten sich unecht an. Wie eine Maske, geschaffen um Menschen zu täuschen. Um leichter an ihre Beute zu kommen. Doch die erhoffte Erleichterung schafften sie nicht. Sie waren genauso gefühllos, wie der Rest ihres Körpers. Sie war ein Stein, der stundenlang reglos an dieser Wand stehen konnte, als wäre ihre Gestalt dort hinein gemeißelt. Ihre Tränen waren eine Lüge.

Es war genau 8 Uhr, als ein Mann mittleren Alters erschien, um die Türen der Kirche zu öffnen. Er hatte kurzes braunes Haar, das mit einigen grauen Strähnen durchzogen war. Er nickte ihr zu und betrachtete sie einen Moment, während sie sich über die feuchten Wangen wischte.

»Möchtest du herein kommen?«, fragte er sie, als Emma sich nicht bewegte.

Sie schüttelte den Kopf. Er sollte einfach nur weggehen. Sie spürte den Blutdurst, hörte seinen Herzschlag. Doch sie wollte ihm nichts antun. Sie hatte genug getrunken letzte Nacht. Auch wenn der Blutdurst vorherrschend in ihren Gedanken war, wollte sie sich nicht unnötig damit betäuben, ihre Gefühle und Gedanken damit ausschalten. Sie wollte spüren, was sie jetzt war. Sie musste begreifen, in was sie sich verwandelt hatte.

Sie bemerkte, dass der Mann sie etwas länger als nötig betrachtete, ihr in die Augen sah. Emma wich seinem Blick aus und kniff die Augen noch etwas enger zusammen. Das Tageslicht war kaum auszuhalten. Es war, als würde sie in einen riesigen Scheinwerfer blicken. Sie hielt die Luft an, während sein Blick noch immer auf ihr ruhte, so dass sie seinen menschlichen Geruch nicht einatmen musste. Der Duft, der ihr zuflüsterte, sie solle ihn aussaugen. Endlich ging er hinein und ließ sie in Ruhe. Sie atmete erleichtert durch.

Emma hatte die Sonne sehen wollen. Ein wunderschöner roter Morgenhimmel hatte sich ihr präsentiert, bevor es hell geworden war. Doch nun hielt sie es hier draußen kaum noch aus. Die Sonne schien unerbittlich auf den Hauptmarkt herunter, hielt sie im Schatten der Kirche gefangen. Selbst wenn sie es wollte, vor Einbruch der Dunkelheit konnte sie die Kirche nicht wieder verlassen. Früher oder später würde sie hineingehen müssen. Schon jetzt hatte sie den Drang durch die Tür in das erlösende Halbdunkel zu fliehen. Dennoch konnte sie nicht widerstehen, das zu tun, was sie tun wollte. Sie trat einen Schritt nach vorn, zum Rande des Schattens.

»Tu das nicht!«, hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich.

Erschrocken fuhr sie herum. Es war Angus. Er stand verborgen hinter der Ecke des Eingangs, kam nun einen Schritt näher auf sie zu.  Hatte er die ganze Zeit unbemerkt dort gestanden? War sie so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen?

Und dennoch, wie konnte er verstehen, was in ihr vorging? Selbst wenn er jeden ihrer Gedanken mitverfolgt hatte. Er war ein Lichtbringer, er kannte den Schmerz nicht, den sie durchmachte. Er konnte gehen wohin er wollte, wann immer er es wollte. Er war kein Gefangener der Nacht.

Sie war keine von ihnen. Sie gehörte nicht dazu.

»Was weißt du denn schon?«, erwiderte sie traurig.

Dann streckte sie ihren linken Arm aus und hielt ihn ins Licht. Sofort verbrannte ihre Haut. Ein quälender Schmerz überkam sie. Sie sah, wie ihr Arm erst zu dampfen begann und sich in Sekundenschnelle unzählige Brandblasen darauf bildeten. Ihre Haut brannte wie Feuer. Sie war starr vor Schock, betrachtete ihren Arm und stieß einen verzweifelten Schmerzensschrei aus. Dann stand Angus plötzlich bei ihr, umfasste ihren Arm und zog ihn aus dem Licht, nahm sie mit sich weiter in den Schatten zurück.

Ein schmerzhaftes Stechen zog sich von ihrer versengten Hand und dem Unterarm bis hin zu ihrer Schulter hinauf. Es war, als würde sie von dem Licht aufgefressen. Selbst nachdem er sie zurück in den Schatten gedrängt hatte, spürte sie die Brandverletzung sich weiter den  Arm hinauf fressen und sie auflösen. Sie sah die Blasen auf ihrem Arm immer größer werden. Ihre Haut war knallrot. Panik überkam sie. Was, wenn sie jetzt sterben würde? Wenn sie nun einfach weiter verbrannte? Sie rang nach Luft. Selbst ihre Lungen brannten. Dann war es vorbei. Der heftige Schmerz ließ nach. Ihr Vampirkörper kämpfte gegen die Verletzung an und begann sich selbst zu heilen. Ihr Herz raste noch vor Schreck über den fürchterlichen Schmerz, der nun langsam zurück ging. Sie betrachtete ihre Hand und sah, wie sich die Brandblasen langsam verkleinerten, die Haut regenerierte sich und die geröteten Stellen verblassten. Diese unfassbare Melancholie ergriff sie wieder. Das Licht hatte sie so zugerichtet. Ihr geliebtes Tageslicht. Sie war verdammt dazu sich im Schatten aufzuhalten, für immer im Dunkeln zu leben.

»Ich sagte doch, tu es nicht«, raunte Angus und blickte auf seine eigene Hand.

Jetzt sah sie es. Auch er hatte sich eine Verletzung zugezogen, als er sie aus der Sonne gezerrt hatte. Seine Hand war genauso verbrannt wie ihre. Sie wollte etwas sagen, doch er griff ihren rechten Arm und zog sie durch den Tür in die dunkle und kühle Eingangshalle der Kirche. Endlich Erlösung.

»Du bist wie ich!«, sagte sie und es klang mehr nach einem Vorwurf, als nach einer Feststellung.

Warum hatte er ihr das nicht gesagt? Sie wartete auf eine Erklärung, doch seine Lider senkten sich und er betrachtete wieder seine verletzte Hand. Offenbar hatte er nicht vor ihr irgendetwas zu erklären. Sie entdeckte das Wasserbecken neben der Tür. Erleichtert eilte sie darauf zu und  wollte ihren verbrannten Arm darin abkühlen.

»Das würde ich nicht machen«, warnte er sie.

Emma konnte dem Wasser nur schwer widerstehen.

»Das ist Weihwasser. Wenn du es berührst, wird es noch schlimmer.«

Sie zog ihre Hand zurück. Angus sah sie mit unergründlicher Miene an. Plötzlich wurde sie ganz unruhig. Ihr Blut pulsierte, ihre Atmung wurde flach. Zunächst begriff sie den Grund dafür nicht. Dann hörte sie, wie direkt vor der Kirche ein Auto eine Vollbremsung machte. Angus´ Miene wirkte angespannt. Emma erkannte, worauf ihr Körper reagierte. Cedrik. Das Summen in ihrem Blut hatte ihn angekündigt. Sein rauchiger Duft, der einen Hauch von Zimt enthielt, eilte ihm voran. Die Schritte, die sie aus so vielen anderen erkennen würde. Cedrik, der Lichtbringervampir, ihr Schöpfer, der Mann den sie verehrte, nach dem ihr Körper sich sehnte.

Die Tür wurde aufgestoßen und er kam eilig herein, ging ohne Umwege direkt auf sie zu. Sie spürte unvermittelt Wut, Unfassbarkeit, Sorge. Doch es waren nicht ihre eigenen Gefühle. Es waren Cedriks.

»Was hast du getan?!«, fragte er sie vorwurfsvoll.

Emma zuckte vor ihm zurück, als er nach ihrem Arm griff.

»Was? Glaubst du ich wüsste es nicht längst? Ich spüre alles, was du auch spürst. Es war, als würdest du meinen eigenen Arm verbrennen. Wir sind miteinander verbunden, Emma!« Cedriks Stimme zischte vor Wut.

Er griff ihr Handgelenk und zog ihren Arm an sich heran, um ihn betrachten zu können. Sein fester Griff schmerzte auf ihrer noch verwundeten Haut. Sie betrachtete ihre Hand, die bereits viel besser aussah, als noch vor einigen Sekunden. Dann sah sie in seine türkisfarbenen Augen. Ihr Herz pochte wie verrückt. Trotz der Schmerzen wollte sie, dass er ihr Handgelenk nie wieder los ließ. Cedrik öffnete seine Hand und nahm sie langsam von ihr zurück. Dann wich er ihrem Blick aus.

»Wo ist Angus?«, fragte er und drehte sich von ihr weg.

»Ich bin hier.« Angus kam zu ihnen.

Emma wurde klar, dass Angus die ganze Nacht in ihrer Nähe gewesen war, bis jetzt. Er hatte ihr den Freiraum gegeben, den sie benötigte, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen. Und dabei hatte er sich selbst in Gefahr gebracht.

Cedrik sah Angus prüfend an und Emma war froh, als er ihm keine weiteren Vorwürfe machte. Wozu er durchaus im Recht war. Schließlich hatte er den Auftrag sich um den Jungvampir zu kümmern. Was solche Verletzungen ausschließen sollte. Und trotzdem hatte Angus es zugelassen.

Sie konnte sich vorstellen, wie es aussah.

»Es war ein Unfall«, sagte Emma kleinlaut.

Sie fühlte sich scheußlich weil sie Cedrik enttäuscht hatte. Noch schlimmer, sie fühlte sich verantwortlich dafür, dass Angus Cedrik enttäuscht hatte. Dabei war es ihre Schuld.

»Bring sie zum Seitenausgang der Kapelle. Ich fahre euch nach Hause. Sie soll sich nur noch im Haus aufhalten oder draußen auf der Jagd. Ich will nicht, dass noch irgendwelche Unfälle passieren.« Cedriks schaute Angus bestimmt an.

»Ja«, antwortete er.

Cedrik lächelte Emma kurz distanziert zu, bevor er sich umdrehte und wieder hinaus ging. Sie beneidete ihn dafür, einfach so hinaus ins Licht spazieren zu können. Sein Geruch vermischte sich mit dem von Angus´ Duft zu einer verwirrenden Komposition. Angus stand plötzlich vor ihr. Ihre Sinne waren so abwesend, dass sie nicht wahrnahm, wie schnell er sich auf sie zu bewegte. Jetzt war er da. Fast zu nah. In seinem Blick lag keine Wut. Sie las nur Verständnis darin.

»Komm«, sagte er ruhig und fasste nach ihrem gesunden Arm.

Er zog sie durch eine weitere Tür in die Kapelle. Ihre Schritte hallten in dem beeindruckend großen Kirchenschiff. An der Seitentür befand sich ein hohes Fenster, durch das ein bunter Lichtpegel hinein flutete. Angus ging seitlich daran vorbei und zog sie vorsichtig mit sich. Sie warteten neben der Tür auf Cedrik.

»Ich hab dir den Freiraum gegeben, den du verlangt hast. Ich werde dir nie wieder dabei zu sehen, wie du dich verletzt. Es gibt auch keinen Grund mehr dazu, jetzt, wo du weißt wie es sich anfühlt.«

Sie spürte Angus´ bohrenden Blick und, doch sie antwortete nicht. Sie schwebte in einem schmerzverzerrten Gefühlszustand, der keine Diskussionen zuließ.

Cedrik parkte seinen silbernen Jeep so dicht wie möglich neben dem Seiteneingang der Kathedrale. Er atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen. Emmas Blut in ihm summte. Er hatte vor der Verwandlungsprozedur genauso von ihr getrunken, wie sie von ihm. Und bis sein Körper ihr Blut vollständig abgebaut hatte, würde es noch einige Zeit dauern. Dann war er von den Qualen, die er mit ihr teilte, endlich erlöst. Die starke körperliche Anziehung, die sie für ihm empfand, die Liebe, die sie sich einredete, spürte auch er. Solange sie miteinander verbunden waren.

Er hatte bisher erst einmal eine Erschaffungsbindung durchlebt, das war als er selbst in einen Vampir verwandelt wurde. Aber die Bindung war nicht so stark. Bei weitem nicht. Er wusste von keiner so gewaltigen Erschaffungsbindung, wie er sie jetzt erlebte. Vielleicht lag es daran, dass sie eine Frau war. Ein Grund mehr, keine Frauen in einen Vampir zu verwandeln. Denn es war eine nahezu unlösbare Aufgabe, sich ständig von ihr fern zu halten, wo ihn doch alles an ihr anzog. Sobald sich ihr unsichtbares Band löste, würde es vergehen. Ihr unschuldig wirkender Blick und das engelhafte hellblonde Haar, das immer perfekt ihr schönes Gesicht umspielte, brachten ihn noch um den Verstand. Doch sie war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Seine Zukunft sah anders aus. Da war keine depressive Vampirfrau an seiner Seite geplant, die alles nur durcheinander brachte.

Er stieß einen leisen Fluch aus und atmete einmal tief durch. Dann stieg er aus dem Auto und ging zum Kofferraum. Dort holte er zwei Decken heraus und betrat durch den Seiteneingang  das Gotteshaus. Emma trat erschrocken einen Schritt zurück, als zusammen mit Cedrik noch etwas Sonnenlicht durch die Tür herein brach. Das Licht drang jedoch nicht bis zu ihr vor. Cedrik warf Angus eine der Decken zu und Angus legte sie sich um. Die andere Decke legte Cedrik Emma über den Kopf, bedeckte ihre Schultern, ihr Gesicht und auch ihre Arme darunter.

»Bleib unter der Decke, bis ihr im Haus seid!«, sagte er und es sollte wie ein Befehl klingen.

Es klang jedoch eher besorgt. Sie nickte. Dann schob er sie mit sich hinaus in die Sonne.

Emma hatte panische Angst. Sie wollte keinen Fuß vor die Tür setzen, doch er schob sie erbarmungslos vorwärts. Dann waren sie im Licht. Sie spürte, dass es unangenehm heiß wurde unter der Decke. Die befürchtete Verbrennung blieb aber aus. Schnell öffnete Cedrik die hintere Tür des Wagens und Emma setzte sich auf die Rückbank. Dann war auch schon Angus neben ihr und sie rutschte durch, so dass er Platz  nehmen konnte.

Die Scheiben des Wagens waren verdunkelt, hier war es nicht so heiß wie im direkten Sonnenlicht. Durch die Frontscheibe schien die Sonne unerbittlich hinein und so tat Emma, wie ihr geheißen wurde.

Erst nachdem Cedrik sie gemeinsam mit Angus ins Haus geführt hatte, nahm er die Decke von ihr herunter und sah sie prüfend an.

»Alles in Ordnung?«, fragte er.

Sie nickte und wagte kaum ihn anzusehen. Cedrik griff erneut ihr Handgelenk, um ihre Verletzung zu betrachten. Emmas Herz raste vor Aufregung. Es war so unbeschreiblich, wenn er sie berührte. Sie starrte auf seine Hand, die sie umfasste. Die Verbrennung bildete sich langsam zurück. In Kürze würde sie wieder die Alte sein.

»Okay«, sagte er und hielt ihr Handgelenk weiterhin fest.

Ihr war, als spürte sie seinen Daumen, der leicht über ihre Haut strich.

Angus räusperte sich und hielt Cedrik seine Decke entgegen. Nun löste er sich von ihr und Emma verfluchte Angus innerlich dafür, dass er sie unterbrochen hatte. Sie sah Angus´ Mundwinkel leicht zucken, als verkniff er sich ein Lächeln. Cedrik nahm die Decke entgegen und wandte er sich dem Gehen zu.

»Sie wird wieder. Ich schicke jemanden, der ihr was zum anziehen bringt.«

Angus nickte. Emma hoffte darauf, dass Cedrik ihr wieder seine Aufmerksamkeit schenkte. Doch er sah sie nicht einmal mehr an, er ging einfach.

 

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Über Diantha Stern

Ursprünglich 1977 mitten im Ruhrpott geboren, lebt Diantha Stern seit einigen Jahren in ihrer Wahlheimat Nürnberg, die sie zum Handlungsort ihrer aktuellen Vampirreihe ernennt.
Angefangen im Jugendalter, verfasst sie Geschichten und Gedichte, die sich anhaltend um zwei elementare Themen drehen: Liebe und Tod. Die Faszination für fantastische Wesen setzt sie in ihrer Urban-Fantasy Buchreihe um.
Während ihrer wiederholten Aufenthalte in Indien haben viele mystische Legenden und Aberglauben sie für ihre Werke inspiriert.
Alles Wissenswerte rund um die Blutsauger erfahren die Leser in der kleinen Vampir-Schule, einem Online-Kurs auf Dianthas Homepage. Außerdem erscheinen hier wöchentlich Artikel über die Sagengestalten.
Das romantische Abenteuer »Lichtbringer Vampire: Amnesie« präsentierte Diantha vor der Veröffentlichung im Handel als Blog-Roman auf ihrer Seite. Die Folgebücher sind dort vor dem Release ebenfalls in der Rohfassung zu finden. Die Follower haben damit die Möglichkeit im Vorfeld einzelne Kapitel zu diskutieren und die Autorin bei der Fertigstellung des Buches zu begleiten.

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