Lovisa - Der Riss im Universum von Marita Sydow Hamann
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Lovisa – Der Riss im Universum von Marita Sydow Hamann

Header Lovisa - Der Riss im Universum, Ein Fantasyroman für Jugendliche von Marita Sydow Hamann

Lovisa ist 17, selbstsicher, sarkastisch und schreibt Geschichten, die ihr in Tagträumen einfach zufliegen. Doch es nagen Zweifel an ihr, als sie erfährt, dass ihre Tagträume eigentlich Visionen sind – Visionen, die sie zu ihrer leiblichen Mutter in die Psychiatrie führen.
Lovisa fühlt sich zunehmend verfolgt. Wer ist der junge Mann aus ihrer Vision, der ihr das Gefühl eines leidenschaftlichen Kusses auf den Lippen hinterlässt? Ozeanblaue Augen verfolgen sie, ihr Weltbild wird erschüttert, und die Realität ist viel unglaublicher, als sie es sich je erträumt hätte …

Lovisa - Der Riss im Universum von Marita Sydow Hamann
Lovisa – Der Riss im Universum von Marita Sydow Hamann

Produktinformation

  • Taschenbuch: 256 Seiten
  • Verlag: Books on Demand;  (27. Januar 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3734740991
  • ISBN-13: 978-3734740992
  • Größe und/oder Gewicht: 12,7 x 1,4 x 20,3 cm
  • Preis Euro 0,99 ebook
  • Preis Euro 9,99 Taschenbuch

In allen Buchhandlungen erhältlich!

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Leseprobe aus “Lovisa – Der Riss im Universum”

Ein heller Blitz.

Es entstand aus dem Nichts und wurde mit den Jahren größer. Ein Jahr – solch kleine Einheit. Was ist schon ein Jahr in der Ewigkeit der Universen?

Es bestand aus reiner Energie – körperlos, strahlend, leuchtend existierte Es im Übergang von einem Universum zum nächsten.

Mit den Jahren entwickelte Es das Bewusstsein, zu sein.

»Ich bin hier, also existiere ich.«

Solche Gedanken beschäftigten Es, während Es an Stärke gewann. Nach weiteren Jahren erkannte Es, es war nicht allein. Es gab mehrere von ihnen – männliche und weibliche. Es war ein Er!

Er konnte die Gedanken der anderen hören! Doch, als er begann, sie zu verstehen, erschrak er so sehr, dass seine Energie sich als roter Blitz am Rande seines Universums entlud: Überall herrschte Panik! Seine Art wurde vernichtet!

Er konnte ihre Schreie hören, kurz bevor sie für immer verstummten. Schreie, hervorgerufen durch entsetzliche Qualen, Schreie, die von Existenzangst und Verzweiflung erzählten. Schreie, die er nie vergessen würde …

Und in seiner Verzweiflung begann er, weiterzuwachsen. Nicht wie zuvor, als er lediglich erwachsen wurde – nein, er wuchs nun, um stark zu werden. So stark, dass er sich vielleicht würde wehren können. Vielleicht … Wehren! Gegen einen unsichtbaren Gegner, der die Existenz seiner Art bedrohte … Vernichtete … Jagte. Und so wuchs er. Mit all seiner Kraft. Von nur einem Gedanken getrieben: überleben!

Ulrika legte den Stift weg. Ein Schauer überlief ihren Körper. Sie starrte auf das Geschriebene. Hörte die Schreie des Universums. Fühlte die Panik, als wäre es ihre eigene. Lichter überfluteten ihr Gehirn, tanzten immer schneller. Verzerrten den Raum um sie herum. Versuchten, sie mit sich fortzuziehen.

»Nein! Wehre dich! Lass es nicht geschehen!«

Schritte auf der Auffahrt. Kurze Ruhe. Es klopfte. Ulrikas Herz machte einen Sprung. Sie versuchte, die Wahrheit zu fassen. In der Realität zu bleiben. Sie fasste sich an ihren schwangeren Bauch. Fühlte das Leben darin. Hielt sich daran fest. Zog sich mit aller Kraft zurück in die Realität. Ihr Blick wurde wieder klarer. Sie sah das Geschriebene vor sich liegen.

Er!

Es klopfte wieder. Dieses Mal energischer. Härter. Fordernd. Befehlend!

Sie kommen!

Ulrika ergriff das Blatt Papier, sprang vom Stuhl auf und fiel wenige Schritte weiter auf die Knie. Alte Dielen. Eine war lose. Ihr Versteck!

Ulrika presste das Blatt zu den anderen. Hörte, wie die Haustür aufbrach.

Sie lag auf dem Rücken. Bilder, Lichter zuckten. Hatte sie es geschafft?

Starke Arme erfassten sie. Hoben sie hoch. Jemand sprach Worte, die nicht zu ihr durchdrangen. Ein Mann.

Das Papier! Hatte sie es geschafft? War es sicher?

Ulrika wand sich in den Armen des Mannes. Er hielt sie fest, doch sie vergewisserte sich noch einmal. Nichts deutete darauf hin, dass es eine lose Diele gab. Sie hatte es getan. Konnte sich nicht erinnern. Doch das Versteck würde ihr Geheimnis bleiben. Ein Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als der Mann sie ins Freie führte.

Kapitel 1

Ich stand bei ICA – einer schwedischen Lebensmittelkette – an einem Süßigkeitenstand und konnte mich nicht entscheiden.Das Schild sagte eindeutig drei für zehn Kronen, aber es gab fünf Sorten zur Auswahl.

Da werden einem aber auch schwierige Entscheidungen abverlangt! Gemein.

Ich wippte vor und zurück, starrte auf das Sortiment und auf die bereits gewählten Riegel in meiner Hand.

Mein Blick verschwamm. Alles um mich herum wurde auf einmal undeutlich. Die Farben der Verpackungen begannen zu verwischen, lustige Muster bildeten sich, der Raum vor mir fing an, sich unnatürlich zu dehnen. Es kribbelte in meinen Händen. Die Muster verwandelten sich in beängstigende Gebilde. Ich zog scharf die Luft ein, blinzelte erschrocken die verzerrten Bilder fort und starrte ins Leere.

Was war denn das? Geträumt? Oder …

Ein elektrisierender Impuls eilte durch meinen Körper, so einer, den man siedend heiß spürt, wenn es einen eiskalt erwischt. Hm, siedend heiß und eiskalt. Nettes Wortspiel. Ich grinste, schaute mich verlegen um – niemand sah mich an – und widmete mich dann wieder der Auswahl an süßen Leckereien. Ich zitterte leicht. Ich schob das Gefühl von Unzulänglichkeit, das sich auf einmal breitgemacht hatte, energisch zur Seite.

Es war nur ein Tagtraum, schimpfte ich mich und griff aufs Geratewohl nach noch einem Schokoriegel. Entschlossen drehte ich mich zu den Kassen und suchte mir die am wenigsten bevölkerte aus. Das leichte Kribbeln blieb in meinen Händen. Ich quetschte die Riegel, sodass ich es knirschen hörte und seufzte.

Na toll. Jetzt ist der Keks im Riegel zerbröselt.

Den Riegel kann man sowieso kaum essen, ohne zum Krümelmonster zu werden. Der Anflug von Ärger vertrieb zum Glück die unwillkommenen Gedanken, die mich seit diesem überraschenden Farbspielerlebnis irritierten. Wenigstens etwas!

Erleichtert schaute ich mich um.

Ich war in einem typischen ICA Maxi-Laden mit einer unglaublichen Artikelvielfalt, Pfannen, Klamotten, Gartenzubehör – zum Glück verkauften die auch immer noch Lebensmittel. Wobei es mich wunderte, dass dort für so einfache Dinge wie Brot auch noch Platz war. Um ehrlich zu sein, ging ich lieber bei City Gross einkaufen, dort war es geräumiger, und übersichtlicher war es auch.

Bei ICA Maxi brauchte man Kondition. Ich war nicht die Einzige, die Probleme hatte, dort auf Anhieb etwas zu finden. Ob das Taktik war? Je mehr der Kunde rumläuft, desto hungriger wird er? Wie zur Bestätigung knurrte mein Magen.

Ich blickte auf meine Beute. Was hatte ich eigentlich als Letztes gegriffen? Oh, wunderbar … Ein Geisha, gerade den mochte ich aus der Fünferauswahl am wenigsten. Ich wollte losgehen, um den Riegel auszutauschen, als ich mitten in der Bewegung anhielt. Hinter mir ringelte sich die Warteschlange bis weit in eine Regalreihe. An den anderen Kassen das gleiche Bild. Ich seufzte – diesmal laut hörbar – und fügte mich dem Schicksal. Also gut, dann eben ein Geisha. Ich würde es überleben.

Langsam rückte die Schlange vorwärts. Als ich unter ein Reklameschild trat, tropfte mir irgendetwas auf den Kopf. Ich strich mir hastig über die Haare und schaute nach oben. Da war nichts. Zumindest nichts Sichtbares. Meine Finger tasteten meine Locken ab. Aber ich konnte nichts Nasses ausmachen. Ich schaute nochmal nach oben – dann trat ich vorsichtshalber etwas zur Seite. Wer weiß, dachte ich, sicher ist sicher.

Diese Bilder … Der verzerrte Raum …

Ich atmete tief durch und fixierte den Zeitschriftenständer, der direkt vor der Kasse auf die Kunden wartete. Prinzessin Madeleine lachte mir von einer Titelseite entgegen. »Alles rund um Madeleines großes Babyglück«, war die Schlagzeile. Hinter ihr lachte Kronprinzessin Victoria in die Kamera. Sie war offenbar auf dem Weg zu einer Hochzeit. Es war seltsam, sie auf einem Foto ohne Prinzessin Estelle im Arm zu sehen. Nun ja, jetzt war wohl Madeleine dran. Hier wurde man vom Königshaus verfolgt, wohin man auch sah.

Ich konzentrierte mich auf die Überschriften. Las sie noch einmal und stellte verärgert fest, dass ich immer noch nicht wusste, was dort stand. Mein Unterbewusstsein drängelte sich faszinierend penetrant in den Vordergrund: verzerrte Bilder, ein Raum, der sich dehnte …

Ich quetschte wieder meinen Riegel und las zum dritten Mal: »Nachdem Madde ihre Schwangerschaft bekannt gab: Carl-Philip und Sofia in freudiger Erwartung?« Nicht zu fassen! Nur, weil die Schwestern jetzt anfingen, sich zu reproduzieren, musste er es auch? Hatten die nichts anderes zu berichten?

Mein Blick huschte weiter: »Mitten im Babyboom. Der König will die Krone an Victoria abgeben.«

Ich stutzte, dann grinste ich breit. Ich brauchte nicht einmal den Artikel aufzuschlagen, um zu wissen, dass das garantiert nur ein Köder für die Leser war. Als junge Mutter hatte Victoria sicher anderes zu tun, als gerade jetzt das Amt zu übernehmen! Immerhin repräsentierte die Kronprinzessin auch jetzt schon unser Land. Jeder wusste, dass sie einmal Königin werden würde. Wozu also die Eile?

Ich musterte die Abkömmlinge von Königin Silvia kritisch: attraktive Repräsentanten. Vor allem Madeleine. Obwohl ich fand, dass mir die Gesichter der Königsfamilie viel zu häufig entgegenlächelten, gehörte ich doch zu jenen Bürgern, die das Königshaus als eine Bereicherung ansahen und nicht als ein Relikt vergangener Zeiten.

Ich hatte keine Ahnung, wie viel die Unterhaltung des Königshauses tatsächlich kostete. Aber andere Staatsrepräsentanten kosteten ebenfalls. So ein Königshaus brachte zumindest auch touristisch gesehen Geld ins Land. Ich fand, das sollte man nicht vergessen. Gegenüber gewählten Staatspräsidenten hatten sie auch den großen Vorteil, lange da zu sein.

Frage jemanden in der Welt, wer Schweden oder Norwegen nach außen hin vertritt, und sie werden sicher nicht Carl Bildt sagen oder Börge Brende. Die kannte doch kein Mensch! Victoria, Madeleine oder Håkon mit Mette-Marit – Fotos von ihnen fand man auch auf Titelblättern in anderen Ländern. Man kannte sie eben. Mal ehrlich: So eine Victoria war doch wesentlich hübscher anzusehen als beispielsweise ein Herr … Ja, wer war denn eigentlich Deutschlands Repräsentant? Ich runzelte die Stirn und überlegte intensiv. Der Einzige, der mir einfiel, war Weizsäcker, und das war wohl ewig her …

Mitten in meiner Feststellung, gerade bewiesen zu haben, dass meine Theorie von Königshäusern als Bereicherung eines Landes stimmte, bohrte sich mein Name in mein Ohr.

»Isa! Lovisa!«, rief jemand so laut, dass sich die lange Warteschlange komplett umdrehte, um der Quelle des Rufs empört, aber auch neugierig auf den Grund zu gehen – Menschen können laut einer anderen Theorie von mir gar nicht nicht neugierig sein.

»Isa!«

Meine Freundin Amanda drängelte sich von rechts durch die Nachbarschlange und erntete verärgerte, aber weitaus mehr bewundernde Blicke. Sie gehörte zu den gut aussehenden Mädchen dieser Welt: lange blonde Haare, groß, schlank – und zwar modellschlank, also fast ohne Busen und mit Hosengröße 34 – und mit den funkelblausten Augen, die ich jemals gesehen hatte.

Offenbar fiel dies auch einem in zerrissener Jogginghose gekleideten Mann mit fettigen Haaren auf.

»Hey, Blauäuglein! Engel … vom Himmel gefallen?«

Gerade dieser abgegriffene Spruch! Ich grinste breit.

Amanda senkte für eine Sekunde die Lider mit den langen geschwungenen Wimpern, dann warf sie dem Kerl einen vernichtenden Blick zu. Worte waren da nicht nötig. Ich wunderte mich, dass der Typ nicht auf der Stelle in Flammen aufging, anstatt nur rot anzulaufen und blöd zu grinsen. Allerdings erstaunte mich noch mehr, dass Amanda ihn nicht verbal zur Schnecke machte.

Ich ließ meinen Blick instinktiv zwischen all den Kunden hin- und herschweifen, dann kam der Grund ihrer Zurückhaltung auch schon auf uns zugeschlendert: Filip, Amandas neuer Freund, im Kielwasser die restliche Clique. Noch mehr verärgerte Blicke – nur Amanda wurde weiterhin wohlwollend angestarrt –, als sich die Gruppe Jugendlicher zu mir in die Schlange quetschte. Emilie, sensibel und herzensgut, sah sich etwas gequält um. Ich nahm es gelassen und übersah die Entrüstung absichtlich.

Simon lachte mir entgegen, ein süßer Junge mit haselnussbraunen Augen.

»Ein Geisha? Den magst du doch gar nicht«, begrüßte er mich. Ich blickte auf den Riegel und runzelte die Stirn.

»Oh, könntest du vielleicht …« Weiter kam ich nicht.

»Na klar!« Simon entriss mir den Riegel förmlich und entschwand im Gedränge.

Amanda lachte. »Er wird nicht lockerlassen, das weißt du doch, Isa? Schnapp ihn dir, bevor es jemand anderes tut!«

Sie wandte sich an Filip, ohne meine Antwort abzuwarten, und zog ihn verführerisch an sich. Ich beobachtete mit gemischten Gefühlen, wie Filip sich gehorsam zu ihr herunterbeugte und sie auf den Mund küsste. Dann verschwand seine Zunge in ihrem Rachen.

»Pass auf, dass sie die nicht verschluckt«, brummte ich sarkastisch.

Josefin kicherte, Emilie verdrehte die Augen. Victor schnappte sich Josefin und schob ihr ebenfalls die Zunge in den Hals, woraufhin sie ihn empört von sich stieß.

»Etwas sanfter, wenn ich bitten darf!«

Josefin wischte sich demonstrativ den nicht vorhandenen Sabber von den Lippen. Victor schaute höchst zufrieden mit sich selbst und der Welt. Sein Kumpel Marcus lachte über Emilies eindeutig genervtes Gesicht.

Amanda gluckste fröhlich und schob Filip zur Seite. Die Vorstellung war beendet.

»Du bist dran.«

Amanda zeigte auf die Kasse. Ich sah mich nach Simon um. Konnte er sich etwa auch nicht entscheiden? Hoffentlich brachte er einen neuen Kex, der andere war mittlerweile in seine Bestandteile zerfallen. Ich wollte gerade zahlen, da reichte mir Simon tatsächlich einen Kex über die Schulter. Er kannte mich gut.

»Hier«, sagte er sanft an mein Ohr. Sein Atem berührte meine Nackenhaare. Vertraulich. Durchaus berechnend. Leider tat sich bei mir gar nichts. Eigentlich war es mir unangenehm. Ich kannte Simon seit dem Kindergarten. Er war schon immer mein bester Freund oder war es zumindest so lange gewesen, bis er sich entschied, unsere Freundschaft für Verliebtheit aufs Spiel zu setzen.

Wut stieg in mir auf, aber ich riss mich zusammen, um nicht vor ihm zurückzuweichen.

»Vielen Dank, Simon.«

Dann zahlte ich hastig, um einen guten Grund zu haben, seinem warmen Atem zu entkommen. Es war nicht fair. Simon hatte sich verliebt. Aber ich … Ich wusste auch nicht. Er war süß, nett, liebenswürdig und kannte mich gut – besser als Amanda. Trotzdem würde er für mich immer nur ein Freund bleiben – und er war außerdem der Exfreund von Amanda. Ich war keine zweite Wahl! Ich wollte nichts, was Amanda abgelegt hatte, nicht einmal Simon.

Amanda hakte sich bei mir ein und überließ Filip das Zahlen.

»Wir gehen zu Roddy‘s. Kommst du mit auf einen Kaffee?«

Ich dachte an den Aufsatz, der bis Montag fertig sein sollte, an den Abwasch – meine Mutter arbeitete heute spät, also war ich damit dran – und an das leere Haus. Kaffee bei Roddy‘s. Warum eigentlich nicht?

Amanda schien die Antwort Ja vorauszusetzen. Schon dirigierte sie meinen Arm geschickt Richtung Ljungby Zentrum. Ich wehrte mich nicht. Ganz im Gegenteil. Als Simon sich im Laufschritt näherte, setzte ich ein fröhliches Lächeln auf, klemmte Amandas Arm etwas fester und schritt scheinbar unbeschwert vor das nächstbeste Auto. Reifen quietschen.

Amanda schrie: »Hey, du Idiot! Hier ist ein Zebrastreifen!«

Dann ließ sie sich lachend von mir weiterziehen. Solche Aktionen waren ganz nach ihrem Geschmack.

Die Konditorei und Bäckerei Roddy‘s lag nur zwei Straßen weiter. Der Duft von Gebäck schlug mir bereits vor der Tür entgegen. Zwei große rote Herzreklamen empfingen uns am Eingang. Als die Gruppe endlich zu uns aufgeschlossen hatte, hechte Simon an mir vorbei, um mir die Tür aufzuhalten. Amanda stieß mir vielsagend in die Seite, ich verdrehte die Augen.

Wenig später fläzte Filip sich in die bequem gepolsterte Bank im hinteren Teil des Cafés. Er zog Amanda in die Arme. Fast besitzergreifend.

Ich setzte mich absichtlich auf einen der Stühle und tat so, als würde ich Simons einladenden Blick nicht sehen. Er hatte hoffnungsvoll neben Filip auf der Bank Platz genommen, und schaute nun leicht enttäuscht. Emilie warf mir einen verstehenden Blick zu. Filip und Amanda verknoteten die Hände und küssten sich ausgiebig. Simon sah mich sehnsüchtig an. Wir anderen genossen Kaffee und Kuchen.

Ich ließ zwei Stückchen Zucker in die schwarze Brühe fallen und goss mir Milch bis zum Rand. Auf meinem Teller lag ein Schokoball mit Kokosstreuseln bereit. Diese Chokladbollar liebte ich abgöttisch.

»Hast du weitergeschrieben?«, fragte Simon.

Er nippte an seinem Cappuccino und sah mich auffordernd an. Alle Augen – bis auf Amandas – richteten sich auf mich. Sogar Filip linste durch den Haarschleier seiner Angebeteten. Ich verschluckte mich am Kaffee und verbrannte mir die Zunge. Verflucht! Sie deuteten mein verzerrtes Gesicht als Verneinung. Um das zu unterstreichen, schüttelte ich auch noch den Kopf. Immerhin hatte ich tatsächlich nicht weitergeschrieben.

»Schade«, stieß Emilie ehrlich hervor. »Ich hoffe, dir fällt bald die Fortsetzung ein. Es ist wirklich frustrierend, wenn man das Buch nicht einfach kaufen kann!«

»Das ist fast wie bei diesen Fernsehserien«, stimmte Josefin zu und zog eine Grimasse, um ihren Worten Gewicht zu verleihen. »An der spannendsten Stelle hören sie auf. Fortsetzung folgt. In einer Woche!«

»Dir fällt bestimmt bald etwas ein«, tröstete Simon mich.

Überflüssigerweise. Denn mir war ja schon längst etwas eingefallen. Wobei – um genau zu sein, war das nicht ganz zutreffend: Mir fiel eigentlich nie etwas ein. Das Ganze war um einiges einfacher – zumindest für mich.

Ich schrieb in meiner Freizeit Geschichten. Ich war sogar fast so etwas wie berühmt an meiner Schule, für meinen außergewöhnlich guten Schreibstil und meine packende Erzählweise. Im Zeitalter von Computer und Film durchaus erwähnenswert. Doch, was niemand wusste, war, dass ich mir die Geschichten gar nicht ausdachte, sondern dass sie mir in Träumen und Tagträumen förmlich erschienen.

Bis vor Kurzem hatte ich gedacht, dass das jedem so ginge. Träume, die zum Greifen echt wirkten, waren für mich normal, seit ich denken konnte. Vor einigen Wochen war mir allerdings durch Zufall bewusst geworden, dass meine Art, Ereignisse zu sehen, wohl doch nicht gang und gäbe war. Ganz im Gegenteil. Offenbar würden die meisten meine Erfahrungen eher als Visionen bezeichnen. Zumindest hatte Amanda es so ausgedrückt.

»Das sind Visionen, Isa«, hatte sie mit einem Anflug von Distanz in der Stimme gesagt. »Das würde ich an deiner Stelle für mich behalten. Nicht jeder ist da so tolerant wie ich. Manche könnten dich für … verrückt halten!«

Klar, dass sie mir riet, so etwas geheim zu halten. Alles, was von ihrer entzückenden Person ablenkte, verabscheute Amanda aus tiefstem Herzen. Dass meine Geschichten sogar bei den Jungs gut ankamen, das war ihr ein Dorn im Auge. Ich wusste das, trotzdem war Amanda meine beste Freundin. Und sie gab sich auch Mühe, ihre Eifersucht nicht zu zeigen. Ich kannte sie allerdings zu gut. Viel besser als sie mich.

Ich behielt meine Entdeckung, Visionen zu haben, also für mich. Nicht Amanda zuliebe. Nein, sie hatte erreicht, was sie unterbewusst bezweckt hatte: mir Angst zu machen! Allerdings nicht so, wie sie es gemeint hatte. Nicht die Angst davor, was andere über mich denken könnten. Nein, es ging um ein einziges Wort: verrückt. Ihre Anspielung nagte an meinem Inneren wie ein gefräßiges Geschwür. Verrückt. Irre.

Amanda hatte ja gar keine Vorstellung, wie sehr mich diese Worte trafen! Seit unserem Gespräch über Tagträume und Visionen hatte sich eine Unsicherheit in meiner Brust eingenistet, die offenbar vorhatte, dort permanent zu siedeln. Sehr beunruhigend.

Ich schluckte und befühlte meine verbrannte Zunge. Mein Appetit auf Schokobälle war wie weggeblasen. Mir war leicht übel.

»Ich weiß schon, wie es weitergeht«, sagte ich tapfer.

Amanda warf mir einen kritischen Blick zu.

»Ich habe das nächste Kapitel nur noch nicht geschrieben.«

Amanda schien erleichtert. Ich benahm mich normal, zumindest aus ihrer Sicht.

»Na, dann müssen wir wohl noch ein wenig auf die Fortsetzung warten«, sagte sie schulterzuckend und widmete sich endlich ihrem Kaffee und ihrem riesigen Stück Torte. Für sie war das Thema damit erledigt.

Die weitere Unterhaltung floss ungezwungen dahin: Sport, der Aufsatz für Montag und die Erörterung der Frage, bei wem wir uns am Wochenende zum typisch schwedischen Vorfest treffen könnten.

Das Vorfest war genau wie das Nachfest ein fester Bestandteil unserer Partykultur. Wir trafen uns bei irgendwem zu Hause und tankten schon einmal mächtig vor. In den Pubs war Alkohol extrem teuer, außerdem waren wir mit unseren siebzehn Jahren noch zu jung, um harte Sachen zu bekommen. Nun gut, Filip und Victor waren achtzehn, Marcus sogar neunzehn Jahre alt. Nach dem Vorfest ging‘s zum eigentlichen Ereignis des Abends: Kino, Disco, Konzert oder Ähnliches, je nachdem, was zufällig in Ljungby und Umgebung angeboten wurde. Da so gut wie alle Veranstaltungen gegen zwei Uhr nachts endeten, gab es für die Nimmersatten und Hartgesottenen das Nachfest, auf dem das Saufgelage vom Vorfest fortgeführt wurde. Das Ganze nannte sich dann schwedische Trinkkultur.

Als die Diskussion zu nichts führte, da weder Freitag noch Samstag bei einem von uns sturmfrei war, löste Filip unsere Kaffeerunde mit den Worten auf: »Ich hör mich mal um. Bei irgendwem wird immer gefeiert. Ich muss jetzt los, mein Bus geht in zehn Minuten.«

Wo er recht hatte, hatte er recht. Man konnte immer irgendwo zu einem Vorfest reinschneien. Mir war es allerdings lieber, ich kannte die Gastgeber, und zwar nicht nur vom Sehen.

Amanda und Filip schälten sich aus den schokobraunen Polstern.

»Bis morgen dann!« Filip hob zum Gruß die Hand, Amanda beugte sich zu meinem unangerührten Schokoball vor.

»Willst du den nicht mehr?«

Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Typisch Amanda. Sie konnte ohne Probleme drei Stückchen Torte vertilgen und dann immer noch einen Riegel Schokolade hinterherschieben. Mir war immer noch leicht übel. Außerdem schien meine Zungenspitze nicht genügend Platz in meinem Mund zu haben.

»Nimm ruhig«, sagte ich.

Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange, schnappte sich den Schokoball und verschwand Richtung Tür.

»Bis morgen!«, rief sie kauend über die Schulter und ließ sich von Filip in den Arm nehmen. Ich sah ihr nach. Wie war es nur möglich, dass jemand so viel Müll in sich hineinfutterte und trotzdem aussah wie eine Bohnenstange? Ich aß nicht einmal die Hälfte von dem, was Amanda täglich vertilgte. Trotzdem war ich im Vergleich zu ihr dick. Ich war natürlich nicht wirklich dick. Ich war nur der kurvige Typ mit Hüfte, nicht der knochige, schwindsüchtige. Im Vergleich zu Amanda waren sogar »Victoria Secret«-Models dick. Immerhin hatte Gisele Bündchen wenigstens Brüste.

»Weißt du, du kannst das auch haben«, deutete Simon meinen nachdenklichen Blick total falsch.

»Hä?«

Ich riss mich mit einem Ruck aus meinen nicht gerade freundschaftlichen Gedanken und nahm mir zum x-ten Mal vor, weniger sarkastisch, ironisch und was weiß ich noch alles zu sein.

»Na, diese glückliche Zweisamkeit«, raunte Simon und legte mir vieldeutig einen Arm um die Taille. Mist. Gefangen. Ich hatte einen Moment nicht aufgepasst, und nun konnte ich mich nicht einfach losreißen, ohne seine Gefühle zu verletzen. Ich wappnete mich und schenkte ihm ein Lächeln.

»Wieso?«, hörte ich mich dann allerdings sagen. »Willst du wieder mit Amanda zusammen sein, um mir und Filip freie Bahn zu verschaffen?«

Als Simons Gesichtszüge entgleisten, biss ich mir auf meine malträtierte Zunge. Mein Vorsatz hatte ja lange gehalten …

Du kannst das besser!, schimpfte ich mich selbst. Ich lachte Simon also an und stieß ihm in die Seite.

»Lass das mal schön sein, ich kann darauf verzichten, seine Zunge im Hals zu haben. Ich stehe mehr auf sanfte Küsse!«, korrigierte ich meine vorherige gemeine Attacke.

Simon strahlte mich glücklich an. Ich seufzte innerlich. Wo sollte das nur hinführen? Und wann ließ er endlich meine Taille los?

»Hier, deine Jacke, Isa«, grinste Marcus mich an. Die anderen hatten das Geplänkel natürlich mitbekommen. Oh, ein Rettungsring!

»Danke!«, sagte ich etwas zu herzlich, schnappte mir meine Jacke und wand mich nun mit gutem Grund aus Simons Armen: Ich musste mir die Jacke anziehen. Was für ein Glück, dass die T-Shirt-Zeit vorbei war!

Vor dem Café blies uns ein kühler Wind entgegen. Es war richtig frisch geworden. Der Herbst färbte die Blätter bunt und brachte feuchte Luft mit sich. Ich zog meine Jacke enger, verabschiedete mich und begann bereits zu gehen.

»Warte, Isa«, rief Simon.

Ich ging weiter.

»Soll ich dich begleiten?«

»Ein anderes Mal, Simon. Ich muss mich beeilen«, log ich und winkte ihm fröhlich zu, während ich auf dem Absatz kehrtmachte und über den Marktplatz lief. Ich verlangsamte das Tempo erst, als ich bei der Bank um die Ecke bog. Ich sah mich um. Er war mir nicht gefolgt. Mit schlechtem Gewissen ging ich die Straße hinauf. Mein Ziel: Café Storgatan 13.

Egal, wie viel Sorge mir meine Visionen bereiteten, ich musste die Bilder in meinem Kopf sortieren und zu Papier bringen. Im Café 13 – wie es kurz genannt wurde – würde mich keiner stören.

Es war nicht weit, nur ein paar Hundert Meter. Ich versuchte, nicht an Simon zu denken, versuchte, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, und atmete die kühle Luft tief in meine Lungen. Plötzlich durchlief mich ein Schauer.

Irgendjemand beobachtet mich!

Ich fuhr herum und suchte die Straße ab. Es war niemand zu sehen. Hatte ich mich getäuscht? Wie kam ich überhaupt auf die Idee, beobachtet zu werden?

»Das ist bestimmt dein schlechtes Gewissen«, murmelte ich für mich selbst. Ich ging weiter, doch das beunruhigende Gefühl blieb, saugte in meiner Magengegend und veranlasste mich dazu, mich noch mehrmals unsicher umzusehen, bevor ich endlich das Café 13 erreichte.

Wohlige Wärme empfing mich. Das Café war nicht so modern eingerichtet wie Roddy‘s, dafür war die Bedienung freundlich, und wesentlich billiger war es hier auch. Ich hatte keine Ahnung, warum gerade das Roddy‘s zum Treffpunkt aller Jugendlichen geworden war. Es war dort fast immer voll und wirklich teuer! Obwohl gerade Jugendliche bekanntlich nicht viel Geld übrig haben, traf man sich immer dort. Mir persönlich war das Café 13 lieber. Es ging ruhiger zu, war persönlicher. Ich kam oft hierher, um zu schreiben.

»Gibst du mir einen warmen Kakao?«

Die Bedienung lächelte und begrüßte mich. Hier kannte man mich. Ich ließ meinen Blick über das Sortiment gleiten. Mein Magen meldete sich mit einem hungrigen Knurren zurück.

»Und eine gebackene Kartoffel mit Thunfischsalat«, entschied ich spontan. Mein Appetit war eindeutig zurückgekehrt, und auf leeren Magen schrieb es sich nicht sonderlich gut.

»Ich bring es dir gleich. Setz dich ruhig. Schreibst du an deinem Buch weiter?«

Ich wiegte den Kopf und zuckte mit den Schultern.

»Buch ist wohl etwas übertrieben«, relativierte ich ihre Erwartungen. »Es ist eine Erzählung, vielleicht eine Novelle … Hm …«

Sie lächelte.

»Ich lese deine Geschichten immer gern«, sagte sie freundlich und verschwand in der Küche.

Ich kramte eine Haarspange hervor, sammelte meine Locken und klemmte sie am Hinterkopf fest. Dann suchte ich mir ein Plätzchen am Fenster. Ich schaute gern hinaus, während meine Gedanken wanderten und aus Bildern eine Geschichte formten. Die aktuelle handelte von einer jungen Frau, die sich in den falschen Mann verliebt hatte. Sie war von ihm schwanger. Ein Dorn im Auge ihrer Familie – ein Skandal musste verhindert werden. Die Frau war einem mächtigen Mann versprochen, die Ehe schon seit ihrer Geburt geplant.

Ich nannte die Frau Svea. Meine Visionen lieferten Bilder, Gefühle, manchmal sogar Gerüche, doch Namen musste ich mir selbst ausdenken. Außerdem erschienen mir Gesichter nur schemenhaft verschwommen. Ich konnte sie nie wirklich sehen, beschrieb sie in meinen Geschichten also nur so, wie ich sie mir vorstellte.

Svea wurde entführt – ziemlich brutal. Dieser Teil gefiel den Jungs in der Schule ausgesprochen gut. Zuerst waren sie skeptisch – eine romantische Geschichte? Immerhin waren sie von mir Kurzgeschichten zum Thema Horror, Thriller und Science-Fiction gewohnt. Nun, sie würden nicht enttäuscht werden, denn meine neueste Vision gab der Romanzenstory eine ungeahnte Wendung.

Svea schwebte zwischen Ohnmacht und Bewusstsein. Sie spürte die kalte Liege unter ihrem Rücken. Ihre Arme und Beine waren mit Riemen festgebunden, sie war so gut wie nackt. Ihre Hose war ihr vom Leib gerissen worden, ihre Bluse hing in Fetzen um ihre Brüste. Sie zitterte am ganzen Körper – vor Kälte, vor Angst und vor Schmerzen. Ihr Arm war gebrochen. Es war passiert, als sie sich wie eine Raubkatze zur Wehr gesetzt hatte – vergebens. Der Schmerz war kaum auszuhalten. Die Fesseln hielten den geschundenen Arm in einer unvorteilhaften Stellung.

Ein Wimmern kam über ihre Lippen. Dann ein Stöhnen. Svea versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, der Situation Herr zu werden.

Was machte sie hier? Was wollte dieser Kerl von ihr? Es war so still … War sie allein? Svea drehte vorsichtig den Kopf. Ein dumpfes Hämmern an der rechten Schläfe erinnerte sie an den Schlag, der sie in die Ohnmacht geschickt hatte. Sie blinzelte tapfer in die Dunkelheit. Ihre tränenden Augen erfassten eine Gestalt – sie war nicht allein!

Plötzlich erstrahlte der Raum in einem grellen Licht. Die Gestalt nahm Form an. Es war ein Mann. Er trug einen weißen Kittel und wusch sich gerade die Hände. Dann kam er auf Svea zu – das Gesicht hinter einem Mundschutz verborgen, die Augen blitzen sie hart an. Erbarmungslos.

»Wir dulden solche Frevel nicht!«, zischte er unbarmherzig. »Dieser Bastard wird sterben – und Ihr …«, er verzog das Gesicht, sodass Svea trotz Maske sah, dass er hämisch grinste.

»… Eure Hoheit«, sagte er sarkastisch. »Ihr werdet Eure Pflicht erfüllen! Nichts wird unserem Plan in die Quere kommen. Schon gar nicht solch ein dreckiger Nichtsnutz von einem Mann! Sein Samen hat Euch vergiftet. Ich werde den Dorn in Eurem Leib herausreißen und zermalmen, genau, wie ich das Leben dieses Nichtsnutzes zwischen meinen Fingern zerquetscht habe! Wollt Ihr ihn sehen?«

Ein irrer, fast fanatischer Ausdruck loderte in den Augen des Mannes auf.

Sveas Magen knotete sich zusammen. Tomas! Er war hier? Und was meinte der Kerl mit ‚das Leben zerquetschen‘?

Der Mann umrundete ihre Liege und war mit zwei Schritten bei einem Vorhang angekommen, den er in einer herrischen Bewegung zur Seite zerrte. Seine Augen beobachteten Svea lüstern, als sie zu verstehen versuchte – als ihr Blick endlich das Grauen erfasste!

In einer Lache aus Blut lag ein Körper, der bis zur Unkenntlichkeit entstellt war. Fleisch und Haut hingen in Fetzen von den Knochen, nur das Gesicht war unberührt: Leere Augen blickten ihr im Entsetzen erstarrt entgegen – Tomas!

Der Schrei blieb ihr in der Kehle stecken. Sie bekam keine Luft, ihr ganzer Körper verkrampfte sich, sodass ihr gebrochener Arm brutal gedehnt wurde. Sveas Augen verdrehten sich in den Höhlen.

Die Stimme des Mannes drang durch das Grauen zu ihr hindurch: »Keine Angst, Prinzessin. Ihr werdet leben. Doch zuerst muss ich die Saat entfernen, die Euch besudelt hat …«

Es pochte in Sveas Schläfen, in ihrem Kopf, in ihrem ganzen Körper. Ihre Sinne drohten unter der Flut von Reizen zu ersticken – Tomas tot! Zerfetzt! Das Fleisch von den Knochen gerissen! Ihr Kind, ihr gemeinsames Kind … Sie musste es schützen! Um jeden Preis!

Dieser Gedanke krallte sich in ihr fest, grub sich mit scharfen Krallen in ihr Gehirn, schien ihre Gehirnmasse zu zerfressen, genau so, wie ihr Geliebter in Fetzen lag. Sveas Augen schnellten zurück, starrten in den Raum hinein, starrten durch den grotesk grinsenden Mann – war er ein Arzt? – hindurch, der mit seinem Chirurgenbesteck hantierte. Ihr Blick weitete sich, der Raum begann, sich zu dehnen, Farben wirbelten umher, jedes Detail, jedes Molekül rauschte in rasender Geschwindigkeit auf sie zu, ein greller Blitz betäubte ihr überlastetes Gehirn. Ein Luftzug – dann wurde es dunkel um sie herum.

Als Svea erwachte, lag sie einsam in einem Waldstück. Der Boden unter ihr war weich und feucht. Ein leichter Wind spielte mit ihren verklebten Haaren, eine Gänsehaut überzog ihren halb nackten Körper. Svea hatte keine Ahnung, wo sie war. Doch eines wusste sie mit seltsamer Gewissheit: Ihr Kind lebte! Tomas würde in dem Baby weiterleben …

Ich starrte auf den Text. Meine Hände zitterten. Der Raum weitete sich, Farben wirbelten umher …

Es war nur ein Tagtraum gewesen, den ich nun niedergeschrieben hatte, eine Vision, ein Detail aus einer Geschichte. Mehr nicht. Aber es hatte sich so echt angefühlt. Ich kannte es nicht anders, als dass sich meine Visionen echt anfühlten. Ich war es genau so gewohnt. Trotzdem hatte mich diese Erfahrung erschüttert, als ob ich eine neue Ebene von Tagträumen betreten hätte. Eine noch realistischere Ebene.

»Hier, dein Kakao und deine Backkartoffel, Isa.«

Ich zuckte zusammen und starrte die Bedienung entgeistert an.

»Oh, entschuldige«, lachte sie. »Ich wollte dich nicht erschrecken.«

Ich rieb mir die Augen und winkte ab.

»Kein Problem. Ich war nur so in Gedanken«, murmelte ich und schob meinen Schreibblock zur Seite.

Die Frau stellte das Essen vor mir ab. »Wenn du noch Salat willst, weißt du ja, wo du den findest.«

Ich nickte. Sie verschwand hinter dem Tresen. Während ich in meiner Folienkartoffel herumstocherte, schaute ich mir das Geschriebene noch einmal an.

Gar nicht so übel, dachte ich. Wenn man es objektiv betrachtete – sofern ich als Autorin meinen Text objektiv betrachten konnte – dann war das wirklich gut gelungen. Den Jungs wird es wohl gefallen. Svea schien sich aus der Situation herausgebeamt zu haben, sie lebte und ihr Kind offenbar auch. Das war gut. Nur wusste sie noch nicht, wo sie sich befand.

Ich wusste das im Übrigen auch nicht. Hier hatte meine letzte Vision geendet. Ich war ebenso gespannt, wie es weitergehen würde, wie meine Klassenkameraden es jedes Mal waren. Ich wusste nie, wann ich den nächsten Tagtraum, die nächste Vision oder was auch immer haben würde. Nur, dass es kommen würde, das war sicher.

Ich widmete mich ernsthaft meiner Kartoffel mit dem Thunfischmayosalat. Nach dem Essen hing ich noch eine ganze Weile meinen Gedanken nach. Ich bestellte mir noch einen zweiten Kakao und naschte dazu den zerbröselten Kex. Ich schaute aus dem Fenster, sah die Menschen vorbeieilen oder spazieren, ruhte meine Augen und mein Gehirn aus. Geistesabwesend beobachtete ich einen jungen Mann, der vom gegenüberliegenden Park zum Café herübersah. Er war zu weit weg, als dass ich ihn hätte beschreiben können. Gerade, als mich das gruselige Gefühl packte, dass er genau mich durch das Fenster anstarrte, schlenderte er davon. Ich runzelte die Stirn, dachte an den Weg hierher, als ich das Gefühl gehabt hatte, beobachtet zu werden.

Jetzt bekommst du schon Verfolgungswahn, Lovisa! Reg dich ab, es war ein Zufall!

Ich grübelte noch eine Weile über die Angewohnheit nach, mit mir selbst zu reden. Dann packte ich meine Sachen, um endlich nach Hause zu gehen. Der Abwasch wartete. Der verschwand ganz sicher nicht einfach in einem Farbenspiel und einem sich dehnenden Raum. Schade eigentlich.

Kapitel 2

Erik beobachtete sie schon eine geraume Zeit.

Lovisa.

Sie war ihrer Mutter sehr ähnlich. Die Augenpartie, die hohen Wangenknochen, der sinnliche Mund. Sie war etwa einssiebzig groß, gut gebaut. Nicht so mager wie ihre Freundinnen. An diesem Mädchen war wenigstens etwas dran. Der Wind erfasste ihre schokoladenbraunen Locken, als sie das Café verließ und sich einmal prüfend umsah.

Sie entdeckte ihn natürlich nicht, dafür war er viel zu gut ausgebildet.

Im Gegensatz zu ihrer Mutter schien Lovisa kühl, beinahe distanziert zu sein. Ernst, doch mit einem Hang zum sarkastischen Humor. Sie warf sich den Jungs auch nicht gerade an den Hals, erinnerte sich Erik an die Situation im Roddy‘s. Sie hatte ihre Chance sofort genutzt, den Armen dieses Jungen zu entkommen. Er schien sie sehr zu mögen. Nett war er offenbar auch. Vielleicht täuschte Erik sich, und sie spielte lediglich die schwer Verführbare, die Unnahbare.

Während er beobachtete, wie Lovisa quer durch den Park zu den Bussen ging, wanderten seine Gedanken zurück zum Vortag.

Er hatte auf sein Messgerät gesehen, dann auf das solide, flache Gebäude, das schattenhaft im Schein der Straßenlaternen gestanden hatte. Eine große Tafel vor dem Eingang verriet, dass es sich hier um die Psychiatrie handelte. Erik runzelte die Stirn.

Arbeitete sie nur hier? Oder war sie tatsächlich Patientin? Das würde seinen Auftrag komplizierter gestalten.

Er sah auf die Uhr. Vier Uhr morgens. Nachts war in Växjö wirklich nichts los. Der Netto-Markt gegenüber lag dunkel und verlassen da, im Psychiatriegebäude brannte allerdings gedämpftes Licht. Das Messgerät zeigte Erik, dass Ulrika sich rechts von ihm befand. Er verließ den Parkplatz vor dem Haupteingang und schlich lautlos über die angrenzende Rasenfläche. Große Bäume warfen ihre Schatten über die Anlage.

Erik pirschte die Hauswand entlang, vorbei an etlichen dunklen Fenstern. Das Gebäude bestand aus mehreren Flügeln. Er umrundete einen weiteren Anbau, dann schlug das Gerät aus – eine rot blinkende Lampe wechselte ins Grün. Das bedeutete, sein Ziel lag nur wenige Meter entfernt. Das Messgerät hatte die abweichende Energieform gefunden, die Erik wie ein Leuchtfeuer in den Weiten des Ozeans geführt hatte. Eine Energie, die nicht hierher gehörte.

Erik trat ans Fenster und spähte in den Raum. Er war spärlich eingerichtet. Im Halbdunkel eines Nachtlichtes konnte er einen Schrank, einen Tisch mit zwei Stühlen, einen Nachtisch und das Bett ausmachen, in dem sie lag.

Ulrika schlief unruhig. Sie wälzte sich umher, die Laken waren verzogen, die Bettdecke halb zu Boden gerutscht. Sie stöhnte im Schlaf.

Erik stand eine Weile ruhig da und beobachtete sie. Das war also die Frau, die so viel Leid verursacht hatte, derentwegen eine Katastrophe bevorstand. Ob sie es wusste? Erik bezweifelte es. Offenbar war sie hier Patientin. Vielleicht hatte sie den Wechsel nicht verkraftet – wundern würde es ihn nicht.

Ein Auge wachsam auf die schlafende Frau gerichtet, begann er, das Fenster zu untersuchen. Es war zweigeteilt. Das eigentliche Fenster war geschlossen, daneben stand eine etwa zwölf Zentimeter breite Spalte offen. Es handelte sich um einen hochkanten, schmalen Rahmen, direkt im Anschluss an das Fenster, der seitlich geöffnet werden konnte – eine Art Lüftungsluke.

Erik verzichtete darauf, den Lüftungsspalt mit seinem Scanner genauer zu untersuchen. Er war ausreichend breit, um problemlos treffen zu können. Erik fischte eine Art Blasrohr aus der Jackentasche, kontrollierte die Munition und zielte auf Ulrikas Kopf. Ein leises Flop verriet, dass er sein Ziel getroffen hatte. Die Markiersubstanz leuchtete für den Bruchteil einer Sekunde blau auf, dann verschmolz sie mit Ulrikas Haaren. Die Frau würde keinen Unterschied bemerken. Nicht einmal, wenn sie genau die richtige Haarsträhne berührte. Nur ein Scanner konnte die Substanz wieder kenntlich machen – ließ sie blau aufleuchten. Solange sie sich die Haare nicht abrasierte oder genau die getroffene Strähne abschnitt, war der Sender sicher.

Ulrika stieß einen unterdrückten Schrei aus und fuhr in die Höhe.

Erik zog sich rasch zurück, presste sich neben dem Fenster an die Mauer. Er ließ das Messgerät lautlos in seine Jackentasche gleiten und holte den Scanner hervor. Auf dem kleinen Bildschirm war die Übertragung gestochen scharf. Er drückte die Stummtaste und beobachtete Ulrikas Bewegungen. Sie sah sich hastig im Zimmer um, sprang aus dem Bett und starrte aus dem Fenster.

Erik hatte sehen können, was sie gesehen hatte: Bäume, die Schatten auf die gemähte Rasenfläche warfen.

Zufrieden war Erik die Wand entlanggeglitten und lautlos über den Parkplatz verschwunden.

Am Vormittag, nur wenige Stunden später, hatte Erik geduldig Ulrikas Tagesablauf auf dem Scannerbildschirm beobachtet. Dieses Mal mit Ton. Es geschah nichts Bemerkenswertes. Ulrika frühstückte, ging durch die Gänge der Abteilung, sprach mit einer Pflegerin und setzte sich dann mit einer Zeitschrift in einen Raum. Es schien ihr gut zu gehen. Sie benahm sich unauffällig. Allerdings schien sie nervös – sprang von Zeit zu Zeit auf und lief ziellos umher, um sich kurz darauf wieder zu setzen und zu lesen. Erik verfolgte die Gespräche auch um sie herum, bis er Glück hatte.

Eine der Frauen entpuppte sich als Abteilungsleiterin. Und nach weiteren zwei Stunden des Wartens wurde er belohnt. Sie verließ mit einigen Papieren das Hauptgebäude und ging zum Nebengebäude. Erik folgte ihr unauffällig bis zu ihrem Büro, prägte sich die Umgebung ein und verließ dann unbemerkt das Gelände. Er ging methodisch vor. Er sammelte Informationen, dann diktierte er sein Wissen in den Handscanner.

»Habe das Ziel markiert. Es befindet sich in Växjö in der Psychiatrie, Abteilung für Psychosen. Habe das Büro der Abteilungsleiterin ausfindig gemacht. Nächstes Ziel: Akteneinsicht.«

Erik steckte das Gerät in seine Jackentasche und blickte zur Psychiatrie hinüber. Er lehnte beim Supermarkt an der Wand und überdachte seinen Auftrag. Noch war es zu früh für Entscheidungen. Er musste sich noch gedulden. Erik stieß sich von der Wand ab und schlenderte zum Eingang des Geschäfts. Er kaufte sich fünf Äpfel und einen Liter Vanillejoghurt in einer verschließbaren Verpackung, spazierte die Straßen entlang und machte es sich auf einer Parkbank bequem. Die Sonne hatte noch Kraft, trotz des unübersehbaren Herbstes. Buntes Laub, wohin er auch sah.

Auf seinem Scanner beobachtete Erik ein Gespräch zwischen Ulrika und einer Psychologin, doch dies erwies sich als genauso langweilig wie ihr sonstiger Tagesablauf. Sie saß einfach nur da und sah die Therapeutin stumm an. Diese versuchte vergebens, ihr Gegenüber zum Sprechen zu bewegen.

»Hast du wieder Albträume, Ulrika?«, fragte die Frau und sah Ulrika forschend an.

Schweigen. Die Frau notierte sich etwas.

»Du hast angegeben, wieder vermehrt unter Wahrnehmungsstörungen zu leiden. Wie sehen diese zurzeit aus? Kannst du sie mir beschreiben?«

Beharrliches Schweigen. Ulrikas Blick wechselte von der Therapeutin über ihre Hände, die sich nervös selbst streichelten, zu der beigen Wand, die sie nun ausgiebig beobachtete.

»Ulrika? Sieh mich an, Ulrika!«

Eine Weile schwiegen beide. Dann fuhr Ulrikas Blick von der Wand zu ihren Händen, die sie nun verzweifelt knetete. Erik konnte ihre innere Unruhe fast auf der Parkbank spüren. Ulrika begann, sich wimmernd vor- und zurückzuwiegen. Ihr Blick war wieder starr auf die Wand gerichtet.

»Also gut, Ulrika. Du kannst den Ruhigen Sessel benutzen. Wir machen morgen weiter«, sagte die Frau.

Ulrikas Blick zuckte über die beige Wand zur Therapeutin hin, die ihr freundlich zulächelte, dann weiter zu einer Draperie. Ulrika erhob sich, ohne die Frau eines weiteren Blickes zu würdigen.

Hinter dem Vorhang wurde sie von Dämmerlicht empfangen sowie von einem herrlichen Buchenwald, durch den Sonnenlicht strahlte. Als Ulrika sich Kopfhörer mit Vogelgesang aufsetzte und den Wald anschaute, wirkte die Fototapete fast echt, hatte Erik erstaunt festgestellt. Trotz der ruhigen Umgebung und einer sicher warmen Wolldecke hatte es eine ganze Weile gedauert, bis Ulrika mit ihrer Wiegebewegung aufgehört hatte.

Nach einem langen Nachmittag des Wartens hatte Erik beobachtet, wie die Abteilungsleiterin das Gebäude verlassen hatte und in ein Auto gestiegen war. Kurz darauf verschaffte Erik sich Zutritt zu ihrem Büro. Es war nicht das erste Mal, dass er irgendwo einbrach. Ein Türschloss war eines seiner leichtesten Übungen. Erik zog leise die Tür hinter sich zu und sah sich um. Es fiel genügend Licht durch das Fenster. Ein Computer stand auf dem Schreibtisch, Akten und Ordner reihten sich in Regalen aneinander.

Erik fand, wonach er suchte, zückte seinen Handscanner und kopierte, ohne sich mit Lesen aufzuhalten, alles, was nur irgendwie von Bedeutung sein konnte.

Nur fünfzehn Minuten später schlenderte er bereits wieder über den Parkplatz zum Hauptgebäude, wobei er herzhaft in einen Apfel biss. Nichts deutete darauf hin, dass er einen Einbruch hinter sich hatte.

»Habe alle relevanten Akten kopiert«, diktierte er wenig später, als er wieder auf seiner Parkbank saß. »Werde sie nun sichten.«

Einen weiteren Apfel in der Hand, begann Erik, Ulrikas Krankenakte zu studieren.

Das erste Mal war sie offenbar mit siebzehn Jahren in die Psychiatrie in Växjö eingeliefert worden.

Zeitgleich mit dem Wechsel, errechnete Erik. Er hatte also recht behalten. Sie hatte den Wechsel nicht verkraftet.

Ulrika leide unter Wahnvorstellungen und Realitätsverlust, hieß es. Sie sei verwirrt und zeige in hohem Maße psychotische Verhaltensweisen.

Außerdem war sie schwanger gewesen.

Erik fühlte eine gewisse Erregung. Es stimmte also. Die Frau hatte tatsächlich ein Kind erwartet – ein Kind von Gunnar! Es war keine Erfindung des Königshauses, kein verzweifelter Wunsch, sondern Realität.

Wenn er sie beide zurückbringen würde …

Hastig las er weiter, erfuhr von der Geburt eines Mädchens, das seitdem bei Pflegeeltern lebte. Ulrika hatte ihre Tochter Lovisa getauft. So passend, dachte Erik. Obwohl es sicher einige Proteste geben würde. Ulrika hatte also keinen Sohn geboren. In diesem Punkt irrten sich die Ältesten des Ordens. Ob eine Tochter hilfreich sein konnte?

Für Erik würde es keinen Unterschied machen. Er hatte jedoch so seine Zweifel den Orden betreffend. Trotzdem entschloss er sich, seinen Auftrag selbstständig auf eine zweite Person auszuweiten. Es war Zeit für Veränderungen im System. Hier ging es nun einmal ums Überleben und nicht um veraltete Sitten!

Erik biss ein Stück Apfel ab und las weiter: Ulrika hatte damals mehrere Monate in der Psychiatrie verbracht, wurde medikamentös eingestellt und bekam offenbar Hilfe, sich wieder in der Welt zurechtzufinden. Heute besaß sie eine Wohnung hier in Växjö. Es gab einige Rückschläge, doch es war viele Jahre her, dass Ulrika das letzte Mal auf der Geschlossenen gewesen war. Laut diesen Unterlagen hatte sie sich dieses Mal selbst eingeliefert. Ulrika war also freiwillig in der Psychiatrie!

Als ob sie etwas geahnt hätte …

Erik runzelte nachdenklich die Stirn.

Wenn sie sich absichtlich verbarg, könnte das zum Problem werden. Niemand konnte einen Wechsel erzwingen. Erik behielt die Informationen erst einmal für sich, diktierte sie nicht für seine Auftraggeber. Er musste sich Optionen offenhalten und womöglich seine Pläne rasch ändern können. Erik hatte weiter geblättert, einen Namen und eine Adresse gesucht und gefunden: Lovisa Eberholm. Sie wohnte außerhalb von Ljungby, einer kleinen Stadt etwa fünfzig Kilometer südwestlich von Växjö. Sein nächstes Ziel.

Als Erik vor Lovisas Haus angekommen war, hatte sein Messgerät nicht geblinkt, sondern rot geleuchtet. Er blickte etwas ratlos auf das rote Holzhäuschen mitten im Wald. Dann wieder auf das Lämpchen. Das war seltsam. Entweder hielt sich Lovisa nicht einmal annähernd in dieser Gegend auf, oder …

Erik klappte das Messgerät zu, holte sein Blasrohr hervor und markierte die Wohnungstür. Dann verschwand er im Wald und wartete.

Es war bereits spät am Abend gewesen, als der Bewegungsmelder aktiviert wurde. Erik sah ein junges Mädchen, das in seiner Jackentasche wohl nach dem Haustürschlüssel kramte. Als es diesen nicht gleich fand, fluchte es leise und kniete sich hin, um in seinem Rucksack zu suchen.

Erik blickte mit gerunzelter Stirn vom Scannerbildschirm zum Messgerät. Die Lampe leuchtete immer noch konstant rot. Weder blinkte sie, noch wurde sie grün. Er sah sich das Mädchen genauer an. Die Ähnlichkeit war unverkennbar. Erik schlich sich näher an das Haus und richtete das Messgerät direkt auf das Mädchen, das laut seufzte und sein Handy zückte. Nur wenige Sekunden später hörte Erik einen Wagen heranbrausen, Scheinwerfer erhellten die Auffahrt. Das Mädchen blinzelte dem Licht sichtlich erleichtert entgegen. Eine Frau stieg aus.

»Siehst du, Lovisa, hat gar nicht lange gedauert!«, rief sie.

Lovisa – sie war es also tatsächlich.

Sie warf sich den Rucksack wieder über, während Erik nun seinerseits seufzte. Dies war zwar Lovisa, doch das leuchtend rote Licht auf seinem Messgerät machte seine Hoffnung, Ulrika und Lovisa zurückzubringen, auf einen Schlag zunichte.

Lovisas Energie war nicht abweichend. Sie gehörte hierher. Erik spielte mit dem Gedanken, dass sie womöglich doch nicht Gunnars Tochter war. Konnte das überhaupt möglich sein? Er zog sich in den Wald zurück, um diese Möglichkeit zu überprüfen. Auf dem Scanner hatte er es dann schwarz auf weiß gelesen: Ulrika hatte nur vier Monate nach dem Wechsel entbunden. Es konnte keinen anderen Vater geben.

Am nächsten Morgen war er ihr zur Schule gefolgt. Erik war zwar zu dem Schluss gekommen, dass er Lovisa nicht mitnehmen konnte, aber sie würde vielleicht doch noch einen Zweck erfüllen: Er konnte sie als Druckmittel verwenden. Doch dazu musste er mehr erfahren. Kannten Mutter und Tochter sich überhaupt? Wie weit würde Ulrika für Lovisa gehen?

Nach ihrem Unterricht war es ihm gelungen, sie in einem ICA-Laden zu markieren. Sie reagierte sensibel. Nicht jeder hätte diesen Tropfen bemerkt, doch Lovisa griff sich sofort in die Haare. Erik machte sich keine Sorgen, dass sie in irgendeiner Weise Verdacht schöpfen könnte. Hier kannte niemand diese Technik. Ulrika hätte es vielleicht verstanden. Wenn sie wachsam gewesen wäre.

Erik folgte Lovisa zu diesem Café Roddy‘s. Auf dem Weg dorthin wurde sie beinahe von einem Auto angefahren. Ärgerlich beobachtete Erik, wie sie und diese Freundin Amanda kichernd weiterzogen. War sie naiv oder einfach nur unvorsichtig? Immerhin war sie ohne ernsthaften Schaden siebzehn Jahre geworden. Für ihn wäre es äußerst unvorteilhaft, wenn sie gerade jetzt ins Gras beißen würde. Erik hatte da so ein ganz penetrantes Gefühl, dass er sie noch brauchen würde. Dass Ulrika gerade jetzt freiwillig zurück in die Psychiatrie ging – dort, wo er sie nicht einfach abfangen konnte – war sicher mehr als nur an Zufall. Allerdings war ihm schleierhaft, wie sie es hätte wissen sollen. Vermutlich sah er schon Probleme, wo gar keine waren. Immerhin war der Druck auf ihn dieses Mal groß …

Er beobachtete Lovisa noch lange. Hörte über seinen Scanner der Unterhaltung der Jugendlichen zu, sah, wie dieser Simon seine Chance witterte, und schmunzelte über ihre Antwort auf seine Avancen. Ihr Spruch: Wieso? Willst du wieder mit Amanda zusammen sein, um mir und Filip freie Bahn zu verschaffen?, verfehlte seine Wirkung keineswegs.

Er war Lovisa zum Café 13 gefolgt, wo sie offenbar hatte ungestört sein wollen. Dann war sein gestochen scharfes Bild auf dem Scanner in einem Schwall Haare verschwunden, die sie auf ihrem Kopf verknotet hatte. Das nächste Bild hatte die Decke gezeigt. Erik hatte sich eingestehen müssen: Die Technik war nicht vollkommen. Leider. Er hatte schon des Öfteren festgestellt, dass der Marker nicht frisurentauglich war. Nun gut, er hatte sowieso vorgehabt, ihr noch eine Weile auf den Fersen zu bleiben. Er musste wissen, wie Lovisa zu Ulrika stand, bevor er einen spruchreifen Plan erarbeiten konnte.

Kapitel 3

Ich stand an der Spüle und beseitigte meine Frühstücksreste. Ich war müde, denn ich hatte die halbe Nacht damit verbracht, über diese letzte Vision nachzugrübeln. Ich wollte wissen, wie es weiterging, was war aus der Frau geworden? Ich hatte versucht, meine Gedanken schweifen zu lassen, die richtige Stimmung zu schaffen. Es hatte nicht funktioniert. Das hatte es noch nie. Meine Eingebungen kamen dann, wann sie es wollten. Vermutlich brauchte mein Unterbewusstsein eine gewisse Zeit, um eine logische Fortsetzung der jeweiligen Geschichte zu liefern. Erzwingen ließ sich jedenfalls nichts.

»Willst du deinen Kaffee noch, Isa?«, fragte mein Vater, der hinter der Smålänningen hervorlugte und meine Tasse fixierte. Die Zeitung knickte er seitlich, um besser auf den Tisch schielen zu können. Er lächelte mich dabei spitzbübisch an. Natürlich wusste er ganz genau, dass ich meinen Kaffee noch wollte.

»Ich mach dir neuen«, erwiderte ich.

Ein zufriedenes Brummen, er hatte schließlich erreicht, was er wollte.

»Du bist ein Schatz«, hörte ich noch, dann verschwand er wieder hinter der Smålänningen.

Ich setzte einen Kaffee auf, schnappte mir meine Tasse vom Tisch und lehnte mich an die Küchenzeile. Mein Blick fiel durch das Fenster in den Laternen erleuchteten Garten.

Wenn ich beiseiteschob, dass ich gleich zur Schule musste und wirklich keine Lust dazu verspürte, dann war es ein anheimelnder Morgen. In der Küche war es gemütlich warm, es roch nach Kaffee, eine Kerze brannte auf dem Küchentisch – natürlich von mir angezündet –, und mein Vater las in aller Seelenruhe seine Zeitung. Vor dem Fenster bedeckte Raureif den Rasen, die Fichten und den typischen Smålandszaun, der unser Haus umgab. Es war so still dort draußen, dass man glauben könnte, allein auf dieser Erde zu leben. Beschaulich.

Ich sah hinaus und ließ meinen Blick in die Ferne schweifen. Es war schön hier. In der Stadt zu wohnen, wäre zwar praktisch – und ich müsste nicht ganz so früh aufstehen –, doch diese Ruhe und das Gefühl von Freiheit waren doch unbezahlbar. Ich lebte gern in Schweden. Für einen Urlaub mal auf ein Abenteuer ins Ausland, das war in Ordnung. Aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, hier jemals fortzuziehen.

»Ha! Sie haben meinen Kommentar gedruckt!«, riss mein Vater mich aus meinen friedlichen Gedanken.

»Tatsächlich?«, fragte ich mehr höflich als interessiert und atmete tief den Kaffeeduft ein.

Ich machte mich auf einen längeren Vortrag gefasst.

Mein Paps führte nämlich einen Kleinkrieg mit der schwedischen Fernsehgebührenmafia, wie er sie nannte. Wir hatten keinen Fernseher. Und er schaute tatsächlich nie Fernsehen. Doch seit Anfang des Jahres zählten Computer und Laptops als Fernsehempfänger, sofern ein Internetanschluss vorhanden war. So ging ihnen niemand durch die Lappen. Smart. Doch das war, laut Paps, im Grunde genommen gesetzeswidrig, und ich konnte ihm da nur zustimmen.

Wir sollten etwas bezahlen, das wir nicht haben wollten oder benutzten? Ich kannte mich da nicht so genau aus, aber mal rein logisch: Das war doch Erpressung! Nun ja, da es jede Menge abgewiesene Klagen gab, hatte Klein Svensson natürlich keine Chance.

Aber Paps hatte sich vor einiger Zeit selbst angezeigt, weil er sagte, dass er durch das neue Gesetz gezwungen wäre, eine kriminelle Vereinigung, die Fernsehgebührenmafia, zu unterstützen. Ha! Die hatten vielleicht geguckt bei der Polizei.

Mein Vater war Journalist. Das sagte er zumindest. Er schrieb Artikel für unsere Ljungby Zeitung Smålänningen. Einsender, Kommentare, Meinungen und so weiter. Da konnte man einreichen, was man wollte. Die kannten das schon.

Sein Geld verdiente Paps allerdings als Kipperfahrer. Dabei hatte er viel Zeit, sich neue Schachzüge auszudenken. Seine Arbeit bestand darin, Sand, Geröll, Steine und was auch immer abzuholen und an einen anderen Ort zu transportieren. Oftmals hatte er lange Wartezeiten, bis sein Kipper neu beladen war.

Für Paps genau der richtige Job. Da konnte er in Ruhe lesen – alles von Krimis bis Fachliteratur über Hunde, obwohl wir keinen hatten – und sich mit seinen diversen Kleinkriegen befassen, um den Normalbürger über Missstände im System aufzuklären. Sehr lehrreich.

Neben dem Fernsehmafiakrieg gab es für Paps noch den Bankenkrieg. Denn die Geldinstitute hatten tatsächlich vor, in Schweden das Bargeld abzuschaffen. Bei vielen Banken gab es jetzt schon kein Bargeld mehr. Eine absolute Frechheit – das fand ich übrigens auch. Das bedeutete, dass Urlauber ihre Euros nicht wechseln konnten. Jeder war auf eine Bankkarte angewiesen. Man könnte doch damit Geld abheben, hieß es. Wie viel Geld, das war aber begrenzt. Auch wenn man sein Geld in einer Bankfiliale holen wollte, die noch Bargeld hatte, war es begrenzt. Wenn du mehr haben wolltest, musstest du es eine Woche vorbestellen.

Mal ehrlich: Wo sind wir denn hier? Das war unser Geld, das die Banken da verwalteten. Wer gab denen das Recht, mir – beziehungsweise meinem Vater – zu sagen, wie viel er sich wann von seinem eigenen Geld holen durfte? Die sollten froh sein, dass die das Geld geliehen bekamen!

Würde jeder Schwede heute entscheiden, dass er seinen Lohn direkt in die Hand bekommen möchte, dann bräche deren System doch zusammen. Also wer hatte die Macht? Der Bürger. Und warum ließ der sich das Gezicke der Banken gefallen? Das war mir schleierhaft.

Mein Vater sollte da ruhig weiter Protestbriefe und Kommentare verfassen. Ich liebte ihn dafür.

Früher hatte er mich oft auf seinem Kipper mitgenommen. Ich saß dann mit meinen paar Jahren ganz stolz auf dem Notsitz und schaute mit großen Augen auf die Autos unter uns, die auf einmal ganz klein wirkten, und lauschte Paps‘ Erklärungen, Ausführungen und Geschichten über Gott und die Welt. Ich liebte es.

Und heute, wo ich mit meinen siebzehn Jahren auf dem Notsitz kaum mehr Platz hatte und die Ruckelei mir bereits nach fünf Kilometern einen Rückenschaden hinterließ? Nun, auch wenn es seltsam klang, ich mochte es immer noch. Ich fand große Maschinen einfach klasse. Die Kraft, die dahinter steckt, faszinierte mich. Ich saß natürlich nicht mehr mit großen Augen daneben. Wenn ich meinem Vater sein vergessenes Fresspaket vorbeibrachte, dann ließ er mich selbst eine Runde drehen, das war noch viel besser, als danebenzusitzen.

Paps hatte den Kommentar fertig vorgelesen und sah mich fragend an.

»Und? Nicht schlecht, was? Das gibt hoffentlich einigen zu denken«, brummte er zufrieden.

»Hm«, machte ich zur Bestätigung, obwohl ich nur mit halbem Ohr zugehört hatte. Immerhin kannte ich seine Argumente bereits auswendig.

Meine Mutter rauschte zur Tür herein, und mein Vater überfiel sie gleich.

»Elsa, Schatz, sie haben den Kommentar gedruckt«

»Keine Zeit, Liebling. Wir sind spät dran. Isa? Bist du fertig?«

Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern befüllte sich eine Thermoskanne mit Kaffee, küsste meinen Vater auf die Stirn und eilte in den Flur.

»Ich muss dann, Paps.«

Die knollige Nase meines Vaters erschien über der Zeitung.

»Einen schönen Tag, mein Engel«, wünschte er mir und war auch schon wieder verschwunden.

Mit den Worten »Da ist jetzt frischer Kaffee« verließ ich die Küche, um von meiner Mutter in die Stadt gefahren zu werden. Sie war Altenpflegerin, und einmal die Woche ergab sich für mich der Luxus, eine halbe Stunde länger schlafen zu können. Dann fuhr sie mich zur Schule, und ich brauchte nicht frierend auf den Bus zu warten.

Als ich vor die Tür trat, schlug mir die Kälte entgegen. Ich zog meinen Schal über die Haare und zwängte mich samt Rucksack auf den Beifahrersitz, wo sich im Fußraum Schachteln stapelten. Der Motor lief bereits, meine Mutter drehte das Gebläse auf.

Obwohl ich nichts Seltsames gehört hatte, drehte ich mich abrupt um und starrte in den Wald. Ein Schauer überlief mich. Dieses Gefühl, beobachtet zu werden, war so deutlich, dass es mir die Kehle zuschnürte. Die Bäume warfen dunkle Schatten, nichts rührte sich, und doch …

»Pass mit den Schachteln auf«, ermahnte mich meine Mutter und fuhr los. »Die sind für die Party heute Abend.«

Ich riss mich vom Wald los, warf ihr einen ironischen Was-du-nicht-sagst-Blick zu und schaute über die Schulter auf den Rücksitz. Weitere Schachteln und Kartons. Wenn meine Mutter nicht im Pflegeheim arbeitete, tourte sie als Tupperware-Queen durch Smålands Wälder.

Ich war mit Quick-Chef und Thermo-Duo aufgewachsen. Die Schränke unserer Küche quollen vor Plastikschüsseln, praktischen Boxen und Kochutensilien der Marke förmlich über. Meine Mutter war die beste Beraterin in ganz Kronoberg, ihr machte in Sachen Kochen und Backen mit Kombi plus und Ultra Pro so leicht keiner was vor. In einem Land, in dem der Winter lang und die Abende dunkel waren, waren solche Homepartys bei wechselnden Gastgebern eine willkommene Abwechslung und eine gern genutzte Gelegenheit, die oft kilometerweit entfernt wohnenden Nachbarn zu treffen.

Ich erinnerte mich gerne an die Kipper-Sessions mit meinem Paps und an gemütliche Events mit gutem Essen und Kindern zum Spielen. Ich hatte eine recht schöne Kindheit und Jugend. Meine Eltern Elsa und Jon liebten mich. Auf ihre eigene verquere Art und Weise. Ich hatte es ganz gut getroffen, wenn man bedachte, dass sie meine Pflegeeltern waren und meine richtige Mutter mal wieder in Växjö in der Geschlossenen lebte.

Nun gut, mal wieder war vielleicht übertrieben.

Es war lange her, dass Ulrika dort gewesen war. Genau genommen vier Jahre. Ich war gerade dreizehn geworden. Zu der Zeit verbrachte ich jeden zweiten Sonntag bei ihr. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund war mein dreizehnter Geburtstag für sie etwas super Wichtiges – warum, das hatten wir nie erfahren. Sie steigerte sich so in ihre seltsamen Wahnvorstellungen hinein, die ihr sagten, dass da etwas ganz Furchtbares passieren würde, dass ich es richtig mit der Angst zu tun bekam. Meine Eltern – also Elsa und Jon – bewirkten beim Jugendamt, dass ich Ulrika erst einmal nicht weiter besuchen musste. Das war dann wohl der Auslöser für einen gravierenden Rückfall bei ihr. Zum Glück war mir das damals nicht bewusst, denn ich hätte mir vermutlich große Vorwürfe gemacht.

Als mir dann – oh Wunder! – doch nichts Gruseliges zustieß, erholte Ulrika sich sehr schnell. Einige Wochen später war alles beim Alten, und ich besuchte sie wieder jeden zweiten Samstag. Doch seit einem Jahr hatten wir seltener Kontakt. Ich war mit der Schule so eingespannt, dass es einfach nicht mehr so oft machbar war. Etwas, das sie natürlich verstand.

Vor einer Woche erhielt ich dann die Nachricht, dass sie sich selbst eingeliefert hatte. Ich verstand es nicht wirklich. Bei unserem letzten Treffen war sie so normal, wie Ulrika es eben sein konnte.

Wahrnehmungsstörungen. Wie die wohl aussahen? Was genau passierte da in Ulrikas Gehirn? Sie wollte nie darüber reden.

Das letzte Mal hatte ich sie vor vier Jahren danach gefragt, kurz bevor sie noch einmal richtig abstürzte. Sie war unglaublich nervös geworden. Ihre Augen zuckten umher, als hätten sie ein wirres Eigenleben. Sie begann, seltsames Zeug zu reden, von einer anderen Welt und von irgendeinem Wechsel. Von grausamen Menschen, die uns Böses wollten, die kommen würden, um uns zu holen. Wie schon erwähnt, bekam ich es mit meinen fast dreizehn Jahren mit der Angst zu tun. Ulrikas ganzes Gebaren versetzte mich in Panik. Sie griff nach mir und begann, mich zu schütteln. Das Weiße in ihren Augen hatte mich angestarrt. Sie hatte auf irgendetwas herumgekaut, das nicht da gewesen war, es hatte sich Schaum auf ihren Lippen gebildet …

Ich fröstelte bei der Erinnerung daran.

»Frierst du?«, fragte meine Mutter. Sie drehte die Heizung höher. »Es wird gleich warm.«

Ich nickte und schaute auf die Straße.

Wahrnehmungsstörungen …

Meine Gedanken wanderten zum Vortag zurück. ICA. Bunte Bilder. Der Raum begann, sich zu dehnen, zu verzerren … Beängstigende Muster …

Wahrnehmungsstörungen …

Ich zog scharf die Luft ein und rutschte mit unbehaglichem Gefühl im Bauch auf dem Sitz herum. Wurde ich jetzt verrückt? Irre? So wie Ulrika? Hatte ich ihre Krankheit geerbt?

Das unbehagliche Gefühl im Bauch begann, sich zu einem Knoten zu verhärten.

»Ist dir nicht gut?«, fragte Elsa und sah mich besorgt von der Seite an.

»Alles okay«, murmelte ich. »Bin nur müde. Ich hab schlecht geschlafen.«

»Hm«, kam es zur Antwort. Sie schaute mich noch einmal stirnrunzelnd an. Dann begann sie, von der bevorstehenden Party am Abend zu reden und von einem unglaublich guten Rezept für Pizzamuffins.

Ich machte »Hm« und »Oh« an den richtigen Stellen, war aber in Gedanken nicht bei der Sache. Nur irgendwas mit viel Käse blieb hängen. Ich wurde das unbestimmte Gefühl nicht los, verfolgt zu werden. Ich sah mich ein paarmal verstohlen um. Ich wollte aber nicht Mutters Aufmerksamkeit darauf lenken. Falls dieser Verfolgungswahn zum … Krankheitsbild gehörte, durfte ich es auf gar keinen Fall erwähnen.

Ulrika hatte geglaubt, dass ihr … uns … jemand Böses wollte …

Oh! Ich würde meine Probleme besser für mich behalten. Wenn ich wusste, worauf ich achten musste, konnte ich es vielleicht kontrollieren. Es. Was ich auch immer mit es meinte.

Vor der Schule wartete Amanda. Um sie auch ja nicht misstrauisch zu machen, widerstand ich dem Impuls, mich nach dem Abschied von Elsa noch mehrmals umzusehen.

»Du bist spät«, knurrte Amanda schlecht gelaunt. Sie war ein richtiger Morgenmuffel. Das war etwas, das wir tatsächlich gemeinsam hatten. Ich hasste es wirklich, vor dem Aufwachen aufzustehen.

»Hmpf«, antwortete ich. Was sollte ich auch sonst sagen. Amanda wusste genauso gut wie ich, dass ich immer spät dran war, wenn Elsa mich fuhr. Eine halbe Stunde länger schlafen – dafür nahm ich gern in Kauf, die letzten Meter zum Klassenraum laufen zu müssen.

Aus dem Augenwinkel sah ich einen Wagen langsam auf den Parkplatz fahren. Ein Schauer lief mir über den Rücken.

Sei nicht albern, schimpfte ich mich. Das ist ein Parkplatz. Er ist voll von Autos!

Als wir endlich im Schulgebäude waren und im Eilschritt die Treppen erklommen, fiel das erdrückende Gefühl von mir ab, wie ein reifer Apfel vom Baum. Ich atmete erleichtert aus, wappnete mich für mein übliches »Entschuldigung, hab verschlafen« und betrat hinter Amanda den voll besetzten Klassenraum. Einige sich ebenfalls verspätende Mitschüler waren dabei, ihre Plätze zu erobern. Der Lehrer warf uns nur einen kurzen Blick zu, offenbar war er auch gerade erst gekommen. Heute benötigte ich besagten Spruch also nicht.

»Hey, Isa«, begrüßte mich Simon.

Ich lächelte automatisch. Stühle rückten umher, leises Lachen, Gemurmel, das Prasseln von Kleidung: eine Schulklasse, bevor Ruhe einkehrte.

»Hallo, ihr zwei. Gerade noch rechtzeitig, was?«, strahlte uns Josefin an. »Einen wunderschönen guten Morgen!«

Emilie fing meinen Blick auf und verdrehte die Augen. Ich verzog das Gesicht. Josefin gehörte zu diesen äußerst verdächtigen Menschen, die gleich, nachdem sie die Augen aufschlugen, gut gelaunt und hellwach waren. Auf der letzten Klassenfahrt war ich kurz davor gewesen, sie klammheimlich um die Ecke zu bringen. Es hätte mich keiner verraten. Die anderen hatten ähnliche Gedanken gehegt. Zum Glück für Josefin war sie den Rest des Tages ein aufgewecktes Mädel, mit dem man Pferde stehlen konnte. Also lebte sie noch und strahlte uns allmorgendlich aufs Neue entgegen.

»Wo ist Filip?«, fragte ich. Wenn ich nicht so mit meinem Verfolgungswahn beschäftigt gewesen wäre, hätte ich sicher bereits vor der Schule reagiert. Amanda ohne Filip an den Lippen?

Sie grinste und zuckte mit den Schultern.

»Er hat verschlafen. Ich hab ihn angerufen, kurz bevor du kamst. Er knurrte mir was von zur nächsten Stunde ins Ohr, dann hat er aufgelegt.«

Ich setzte mich trotzdem zu Josefin. Ich fand es unhöflich, sie allein zu lassen, nur weil Amanda gerade einmal verfügbar war. Als sie mich wieder vollen Herzens anstrahlte, war ich allerdings kurz davor zu flüchten.

»Ich bin todmüde«, klärte ich Josefin auf, damit auch ja kein Zweifel bestand, dass ich heute wirklich keine Energie für ihren morgendlichen Elan übrighatte. Enttäuscht stellte sie die Schultasche wieder ab, aus der sie irgendwas hatte herauszaubern wollen. Emilie grinste mich von ihrem Tisch aus belustigt an. Sie sah mindestens genauso müde aus, wie ich mich fühlte. Sie gähnte demonstrativ.

»Okay, dann später«, entschied Josefin und strahlte schon wieder. Sie kam erschreckend schnell über Enttäuschungen hinweg.

Die Tür ging auf, und ein Berg Bücher wurde hereingeschoben. Dahinter tauchte Victor auf. Jetzt war er das Ziel von Josefins guter Laune. Erleichtert bettete ich mein Kinn auf meine Unterarme und schloss die Augen. Ein paar Minuten schlafen …

»Victor!«, rief Josefin gut gelaunt. »Was bringst du uns Schönes?«

Ich zuckte zusammen.

»Das, ihr Lieben, ist die neue Lektüre«, klärte der Lehrer uns auf. »Victor? Verteile du die Bücher! Anna, hilft ihm dabei. Also gut, dann hört mal alle gut zu …«

Ich schlug die Augen wieder auf und gähnte hinter vorgehaltener Hand.

Ich weiß nicht, ob ich doch eingenickt war. Es war merkwürdig.

Ich sah einem jungen Mann direkt in die Augen. Sie waren blau wie der Ozean und mindestens genauso tief. Ja, ich weiß, das klingt schmalzig. Aber genau das dachte ich, und außerdem war es mein Tagtraum – und hey, da darf ich schmachten!

Er war größer als ich, mindestens einsfünfundachtzig mit dunkelblonden Haaren, die ihm verwegen ins Gesicht fielen. Ich schätzte ihn auf Mitte zwanzig, vielleicht auch weniger. Es war schwer zu sagen, denn er hatte solch einen ernsten Blick, den ich nur bei Männern mit Erfahrung kannte. Welterfahrung meine ich, nicht Sex. Obwohl, wer weiß – vermutlich auch das.

Er sah mich an, und sein Atem ging schwer. Er drückte mich gegen eine Hauswand, etwas zu grob für meinen Geschmack.

Was sollte das? Wenn ich schon von meinem ersten richtigen Kuss träumte, dann bitteschön sollte er sanft sein! Mein Herz schlug viel zu schnell, seine Lippen bebten nah an meinen, und dann …

Anstatt mich zu küssen, wanderten seine Lippen zu meinem Ohr.

»Da ist … Wir müssen weg …«, wisperte er angestrengt.

Dann brachen die Gefühle über mich herein, widersprüchlich: Panik, Angst, Wut, Erregung, flau im Magen, das Blut rauschte durch meinen Körper, durch meine Lippen. Ich war so aufgewühlt, ich wusste nicht, wohin mit mir. Ich sah nur diese ozeanblauen Augen. So tief …

Mit einem Ruck fuhr mein Kopf von meinen Armen hoch. Ich sah mich verwirrt um. Emilie versuchte, mir etwas mitzuteilen, zeigte auf ihr aufgeschlagenes Buch.

»Lovisa. Aha. Sie beehrt uns also doch noch mit ihrer geistigen Anwesenheit«, sagte der Lehrer säuerlich. »Wenn es dir nicht zu viel Umstände bereitet, dann lies uns doch bitte weiter vor.«

Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon er sprach. Ratlos starrte ich ihn an, mit meinen Gedanken bei ozeanblauen Augen und dem Gefühl von panischer Angst, das nicht weichen wollte.

»Seite 23«, half mir Josefin und schob mir ihr aufgeschlagenes Buch unter die Nase. Ich zog es dankbar heran und begann, das nächste Kapitel laut vorzulesen. Ich nahm nicht ein einziges Wort davon wahr. Ich las wie in Trance, während mein Gehirn versuchte, die widersprüchlichen Gefühle in mir zu verstehen. Das Seltsamste war: Trotz meiner Angst und Wut sagten meine Lippen: Du bist geküsst worden. Das Blut pulsierte in ihnen, sie schienen beim Sprechen jedes Mal zu summen, wenn sie sich berührten – wie ein elektrischer Impuls.

»Okay, der Nächste, bitte«, sagte der Lehrer.

Offenbar hatte ich mich ganz wacker geschlagen, obwohl ich vom Inhalt nichts aufgenommen hatte.

Ich zitterte leicht und schlug meine Arme um meinen Körper. Josefin lächelte mir aufmunternd zu, ich schenkte ihr einen dankbaren Blick, bevor ich wieder ins Grübeln verfiel.

Seltsamer Tagtraum. Meine Visionen war ich gewohnt. Auch normale Tagträume, in denen ich Regie führte, natürlich die Hauptperson war und – im übertragenen Sinne – vom Prinzen auf dem weißen Pferd gerettet wurde, kannte ich gut. Doch das hier … war anders gewesen. Es schien so real, wie in den Geschichten, die ich sehen konnte. Aber noch niemals zuvor war ich selbst Teil solch einer Vision gewesen.

»Was war los?«, fragte Amanda misstrauisch, als die Stunde zu Ende war und wir zum nächsten Klassenraum schlenderten. Ich zuckte mit den Schultern.

»Eingeschlafen«, murmelte ich und gähnte demonstrativ. »Ich bin todmüde. Hab in den letzten Nächten fast nicht geschlafen.«

Amanda sah mich noch einmal durchdringend an.

»Du hast Augenringe. Hast du es mal mit Baldriantropfen probiert? Mir helfen sie, wenn ich zu aufgedreht bin, um einzuschlafen.«

»Das werd ich probieren«, antwortete ich und meinte es sogar ernst. Eine Nacht durchschlafen würde mir sicher guttun. Ich gähnte erneut und überzeugte Amanda damit ganz und gar.

»Ich muss mal«, sagte ich dann und verschwand Richtung Toiletten.

In der Kabine setzte ich mich auf den geschlossenen Deckel und ruhte meinen Kopf in den Händen. Ich zitterte am ganzen Leib, während meine Gedanken unaufhörlich kreisten.

Visionen.

Wahrnehmungsstörungen.

Ozeanblaue Augen … Irre.

Ulrika. Etwas Böses …

Und dieses verfluchte Gefühl, verfolgt zu werden! Ein lähmendes Gefühl von Unzulänglichkeit, gefolgt von bodenloser Unsicherheit machte sich in mir breit. Ich kämpfte verbissen dagegen an.

Nein, ich würde mich nicht gehen lassen! Ich musste stark sein, es kontrollieren.

Ich biss mir auf die Lippen und trat ärgerlich gegen die Klotür. Die Wut half. Wut war besser als Hilflosigkeit, auch dann, wenn sie der Frustration entsprang. Wut war eine Kraft, die dich tragen konnte. Unsicherheit und das Gefühl zu fallen dagegen nicht. Ich schürte die Wut. Mit geballten Fäusten verließ ich die Toiletten. Ich war zwar etwas verkrampft, aber dafür zitterte ich nicht mehr.

»Ich kann das! Ich bin stark!«, presste ich hervor und ging hoch erhobenen Hauptes zur nächsten Stunde.

Als ich dort, weniger verkrampft als zuvor, ankam, erwartete mich ein Geschenk. Die Lehrerin war krank, keine Aushilfe, also eine Freistunde. Amanda knispelte konzentriert auf ihrem Handy herum, Josefin lachte gerade über irgendetwas, das Victor gesagt hatte, und Emilie machte genau das, was ich mir auch wünschte – sie schlief vornübergebeugt auf dem Tisch.

Simon trat mit Filip im Schlepptau zur Tür herein. Die Amanda-Explosion kam prompt.

»Oh! Na endlich!«, quiekte sie, ließ ihr Handy auf den Tisch fallen und sauste in Filips Arme.

Simon lachte und streckte mir seine entgegen.

»Träum weiter«, sagte ich etwas zu barsch.

Schon wieder dieses verletzte Gesicht. Ich stöhnte innerlich. Dafür hatte ich jetzt wirklich keine Kraft übrig. Ich schielte zu Emilie, die selig schlummerte.

»Isa ist todmüde, Simon«, klärte Amanda ihn auf. »Da sie heute Abend fit sein muss, sollten wir sie eine Runde pennen lassen.«

Ich horchte auf. Heute Abend fit? Hallo, was hatte ich verpasst?

Amanda strahlte in die Runde.

»Hab die Nachricht gerade gekriegt. Meine Eltern sind heute Abend weg, ich hab sturmfreie Bude, das Vorfest findet also bei mir statt!«

»Na, das ist doch mal eine saubere Nachricht«, grinste Filip und quetschte Amanda noch näher an sich heran.

Sogar Simon schaute wieder fröhlich aus der Wäsche.

»Super. Ich bring Sprit mit. Johann hat wieder selbst gebrannt.«

Filip klopfte ihm anerkennend auf die Schultern.

»Perfekt! Ihr Mädels sorgt für Knabberkram?«

Zum Glück übernahmen Amanda und Josefin die weitere Planung. Ich plumpste stöhnend auf meinen Stuhl und tat es Emilie nach. Während ich vornübergebeugt den Kopf auf meine Arme legte, betete ich: Ich kann das, ich kann das, ich bin stark, ich kann das. Durch das stupide Wiederholen und vielleicht auch das beruhigend bekannte Geplapper und Geplänkel meiner Freunde schlief ich ein.

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Über Marita Sydow Hamann

Marita Sydow Hamann
Naturtroll, Nordlicht (-elfe), Tierfreund. Autorin von Kinder- und Jugendbüchern, Fantasy und Romantasy

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