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Mitternachtskrieger von Ashan Delon

Mitternachtskrieger, ein Gay Fantasy Roman von Ashan Delon

Archer Falcon, geboren 1651, Vampir, langweilt sich und trauert seinem vor vielen Jahren ermordeten Geliebten nach. Eines Nachts stößt er auf eine interessante Duftspur und längst vergessene Gefühle keimen in ihm auf. Unerwartet kehren die seit 100 Jahren besiegt geglaubten Dämonen zurück. Aber nicht Archer ist ihr Ziel, sondern der Mann, in den er sich verliebt hat. Gay Mystic Fantasy

Mitternachtskrieger, ein Gay Romance Roman von Ashan Delon
Mitternachtskrieger von Ashan Delon

Infos:

  • Taschenbuch: 482 Seiten
  • Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform (24. Juli 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 150059153X
  • ISBN-13: 978-1500591533
  • Größe und/oder Gewicht: 12,7 x 3,1 x 20,3 cm
  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 1666 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 484 Seiten
  • ISBN-Quelle für Seitenzahl: 150059153X
  • Gleichzeitige Verwendung von Geräten: Keine Einschränkung
  • Verkauf durch:Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B00M0SDX1S

 

Erhältlich hier: Amazon

Leseprobe aus Mitternachtskrieger

Die Nacht war ruhig.

Für seinen Geschmack zu ruhig.

Seit fast hundert Jahren.

Archer drehte den Kopf und blickte von seinem erhabenen Ausguck auf der Spitze des Uptown, des höchsten Gebäudes der Landeshauptstadt München in Richtung Süden, wo sich in der Ferne am nächtlichen Himmel die Vorboten eines weit entfernten Gewitters abzeichneten. Seine Augen konnten die mehrere Hundert Kilometer entfernten Lichtblitze noch als solches erkennen. Sein feines Gehör, das eine Maus unten auf der Straße um die Häuserecke tippeln hören konnte – selbst von seinem Hochsitz aus – vernahm deutlich das dumpfe Grollen und Tosen, das sich weit jenseits der Alpen austobte. Er wünschte sich, es würde über München herziehen und endlich die drückende Schwüle hinfort spülen. Seit Wochen hielt der Sommer die Großstadt fest in seinem Griff. Mensch und Natur dürsteten nach Abkühlung.

Auch Archer dürstete es nach etwas.

Seit fast hundert Jahren.

Er wusste jedoch, dass es für ihn keine Erlösung gab. Einem Reflex folgend umfasste er einen Anhänger, der an einer goldenen Kette um seinen Hals hing, und seufzte tief. Auch wenn er sich schon einige Tausend Male vorgesagt hatte, dass er nie wieder zurückkam, so hoffte er doch immer noch. Selbst wenn der Tod der Person, die ihm das silberne, mit Diamanten und Rubinen besetzte Kreuz geschenkt hatte, schon so viele Jahre her war, vermisste er sie. Sie – die Person – er – Thoron van Bottgan, war noch immer ein Teil seines Lebens, ein Umstand, von dem er nicht lassen konnte und ihm daher gehörigen Hohn und Spott vonseiten seiner Brüder und immer wieder einen sorgenvollen Blick seines Vaters einbrachte.

Das vibrierende Summen eines stummgeschalteten Handys in den Tiefen der Tasche seines knöchellangen, schwarzen Leder-mantels riss ihn aus seinen sehnsüchtigen Gedanken. Für einen Moment dachte er daran, es zu ignorieren und sich stattdessen vom Hochhaus zu stürzen, um Thoron zu folgen. Schließlich siegte doch seine Vernunft. Er fuhr mit einem kehligen Knurren mit der Hand in die Manteltasche und brachte das Telefon zum Vorschein.

„Ja?“, bellte er missmutig in das Mikro, setzte sich auf die Brüstung und ließ seine Beine über dem Abgrund baumeln.

„Wohl wieder auf Selbstmitleidstrip?“, kam es belustigt aus dem winzigen Lautsprecher. „Da komme ich ja gerade richtig.“ Archer knurrte böse. Sein nur zwanzig Jahre älterer Bruder Barton wartete stets auf eine solche Gelegenheit. Während die drei ältesten Brüder bereits Gefährtinnen gefunden, mit ihnen zusammenlebten und sogar schon Familien gegründet hatten, waren die beiden jüngeren Barton und Archer allein – oder besser gesagt – wieder allein.

Barton liebte es, jede Nacht eine andere Frau zu verführen und sich an ihr gütlich zu tun. Er – Archer – hatte nach dem gewaltsamen Tod seines Gefährten keinen Gefallen mehr am ausschweifenden Nachtleben verspürt. Während die vier älteren Brüder ihre Gelüste ausschließlich an Frauen befriedigten, bevorzugte Archer junge Männer.

„Es sieht so aus, als bliebe es heute Nacht ruhig. Tomas und ich wollen in diesen heißen Klub auf dem ehemaligen Kasernen-gelände gehen. Kommst du mit?“

Tomas war ein Cousin zweiten Grades und um einiges jünger als Barton und Archer. Der Junge eiferte den Brüdern in allem nach, besonders Bartons genusssüchtigen und hemmungslosen Lebenswandel. Es hätte ihn gewundert, wenn Tomas sich nicht im Schlepptau seines Bruders befunden hätte. Für den quirligen, nervtötenden Jungspund besaß Archer keinen Nerv. Ein Klub-Besuch mit ihm bedeutete neben Stress auch immer Ärger, da sich dieser weder benehmen noch zurückhalten konnte.

„Nein“, kam es daher von ihm. „Deinen Babysitterdienst kannst du allein meistern.“ Die Brüder waren von ihrem Vater dazu verdonnert worden, ihren Cousin abwechselnd auf Patrouille mitzunehmen, um ihn in die Praktiken der Familie einzuweisen. Heute Nacht war offenbar Barton an der Reihe gewesen. Archer selbst war schnell genug in die Stadt geflohen, um dem zu entkommen.

„Ich habe das gehört!“, protestierte Tomas im Hintergrund. Barton musste sein Handy auf Freisprechen gestellt haben.

Archer ignorierte dies. „Ich beende meine Runde wie vereinbart und kehre dann vor Sonnenaufgang zurück.“

„Wie du willst.“ Barton sagte noch etwas zu Tomas, bevor er die Verbindung unterbrach, was jedoch im Hintergrundlärm unterging, worauf der Junge herzhaft lachte.

Archer steckte das handtellergroße Handy in die Tasche zurück. Er konnte sich wahrlich denken, was Barton Belustigendes von sich gegeben hatte. Es juckte ihn allerdings nicht sonderlich. Er war die Sticheleien seines Bruders gewöhnt und wartete seinerseits auf eine Gelegenheit, in der er den Spott zurückgeben konnte. Doch solange Barton nicht bereit war, sein Herz an eine Frau zu vergeben und sich mit ihr zu verbinden, konnte er auch nicht von ihr enttäuscht oder verlassen werden. Barton war noch so viel mehr überschwänglicher Jugendlicher als Archer. Ihn hatte die Liebe zu seinem Gefährten und dessen plötzlicher Tod schneller als ihm lieb war erwachsen werden lassen.

Seufzend hievte er sich wieder auf die Beine und blickte ein letztes Mal in Richtung Süden zum fernen Gewitter, bevor er sich in die Tiefe der Häuserschlucht fallen ließ. Sein schwarzer Mantel bäumte sich im Flug wie Fledermausflügel auf. Thoron hatte es geliebt, wenn er derart unheilvoll herangeschwebt kam. Für ihn hatte es nie gefährlich und unheimlich genug sein können. Er hatte sich förmlich in Archers unheilschwangere und finstere Aura und den Schrecken, den er in Menschen auslöste, gesuhlt. Er hatte die Macht, die Stärke und das vermeintlich Böse genossen, das sein Liebhaber ausstrahlte. Archer hatte es ebenso genossen, denn Thoron liebte ihn gerade, weil er war, wie er war, oder was er war – ein Vampir.

Archer war der Jüngste von fünf Brüdern, die mit ihrem Vater vor rund hundert Jahren von London nach Deutschland in die bayerische Hauptstadt München gekommen waren.

Rund vierzig Stockwerke tiefer kam Archer so leichtfüßig wie eine Katze auf dem Asphalt auf und ging noch leicht in die Knie, um den Schwung abzufangen. Seine stahlharten Muskeln federten ihn wie immer geschmeidig ab. Er richtete sich langsam zu seiner vollen Größe von knapp zwei Metern auf und blickte sich um. Die Straße war menschenleer.

Es war wirklich ruhig heute Nacht.

Nicht, dass es ihn langweilte. Aus Erfahrung wusste er jedoch, dass nach einer solchen Ruhe ein absolut gewaltiger Sturm folgte. Diese Phase dauerte für seinen Geschmack schon viel zu lange an.

Er legte den Kopf in den Nacken und sog die noch dezent warme Nachtluft durch die aufgeblähten Nasenflügel tief in seine Lungen. Nichts, kein bestialischer Gestank, kein einziger Hauch von eisenhaltigem Blut.

Archer sah sich noch einmal nach allen Seiten um, lauschte angestrengt in die Nacht hinein und marschierte schließlich gemächlich die Straße entlang. Er befand sich in einem Geschäftsviertel mit wenig Wohnbebauung oder Amüsements. Nachts war hier meist tote Hose, was auf keinen Fall gleichzusetzen war mit ungefährlich, etwas, was vor vielen Jahren seinem menschlichen Geliebten zum Verhängnis geworden war.

Zielstrebig ging er durch die leeren Straßen, scheuchte aber außer ein paar Ratten nur noch einen herrenlosen Hund auf, bevor er sich in das angrenzende Viertel begab, in welchem Nacht für Nacht buchstäblich die Post abging. Nur wenige Häuserblocks neben einem der reichsten Geschäftsbauten breitete sich eine laute Amüsiermeile mit Bordellen, Klubs, Bars, Discos, Kasinos und Spielhallen aus – mitten in der Stadt. Es war ein absolut krasser Unterschied von einem Stadtteil zum anderen, als hätte man eine schall- und blickdichte Tür geöffnet. Um diese Zeit, weit nach drei Uhr, waren die Straßen noch immer voller betrunkenen und ausgelassenen Menschen.

Es war Freitag, für die Menschen jede Woche ein Tag zum Feiern, für Archer seit Jahren ein Trauertag. An einem Freitag wie diesem, in einer lauen Sommernacht, angenehm und so ruhig wie in einer Gruft, war sein Gefährte Thoron überfallen und ermordet worden. Archer hasste die Freitage seit dieser unheilvollen Nacht. Aber noch viel mehr verabscheute er das aufgesetzte, alkoholgeschwängerte Treiben der Menschen in einer Nacht wie dieser.

Eine Prostituierte, in einem mehr als knappen Stretchmini und einem eng anliegenden, knallroten Top, aus welchem ihre künstlich aufgepuschte Oberweite hervorzuquellen drohte, stieß sich von der Wand ab, an der sie gelangweilt gelehnt hatte und schlenderte mit aufreizendem Lächeln und laszivem Gang auf ihn zu.

„Hallo, Süßer!“, flötete sie und versperrte ihm den Weg. Sie legte eine Hand auf seine Brust und streichelte mit ihren rot lackierten Fingernägeln über das weiche Leder des Mantels. „Lust auf etwas Spaß?“

Archer verzog leicht die Mundwinkel. „Ich bin davon überzeugt, dass unser beider Vorstellungen von Spaß weit auseinandergehen.“ Er wich ihrer zweiten Hand aus, die sich auf seine Schulter legen wollte.

„Ich hab alles drauf“, trällerte sie und blinzelte ihn mit ihren dicken Wimpern an. Ihre knallrot geschminkten Lippen formten sich zu einem kleinen Schmollmund, ehe sie den roten Nagel ihres Zeigefingers der verschmähten Hand hineinschob. „Auf was stehst du denn so?“

Für einen Augenblick überlegte Archer tatsächlich, das Angebot anzunehmen. Abgesehen davon, dass auch ein weibliches Wesen anatomisch dazu in der Lage war, seine fleischlichen Gelüste zu befriedigen, meldete sich auch ein gewisses anderes Gefühl. Er brauchte Nahrung. Da kam ihm diese willige Nutte gerade recht. Frauen widerten ihn normalerweise an. Bei gleichzeitigem, andersartigem Angebot, verpönte er Frauenblut liebend gern. Er überflog rasch die Umgebung nach einem männlichen Pendant zur Frau, die sich ihm nach wie vor hartnäckig in den Weg stellte, konnte aber auf die Schnelle keine Alternative entdecken. Auch wenn er lieber einen Schluck Frauenblut zu sich nahm, ehe ihn der Blutdurst wahnsinnig machte, schob er sie von sich. „Ein andermal“, knurrte er und ging weiter.

„Verdammtes schwules Arschloch!“, schimpfte sie ihm hinterher.

Archer lächelte nur. Wie recht sie doch hatte. Er war tatsächlich verdammt. Verdammt zur Einsamkeit und schwul.

Er ließ das laute Treiben der Amüsiermeile an sich vorbeirauschen und marschierte, seinen ungeduldigen Hunger hinter einer Maske aus Gelassenheit verbergend, an den Gruppen von Menschen vorbei, die sich an diesem lauen Freitagabend ihr Vergnügen gönnten. Archer betrachtete beinahe jeden einzelnen Mann ganz genau und wog ab, ob ihm dieser oder jener genügen konnte, fast so, als würde er eine ganz bestimmte Frucht aus einer Fülle verschiedenster Obstsorten heraussuchen. Am liebsten wäre ihm jedoch Thoron, an dessen Ader er sich über zweihundert Jahre genährt hatte, ehe ihn ein Taschendieb auf offener Straße erstochen hatte. Mit dem Holländer war es so einfach gewesen, seinen Blutdurst zu stillen. Sein menschlicher Geliebter hatte sich stets willig gezeigt und ihm seinen Hals mehr als bereitwillig dargeboten. Mit demselben Heißhunger, mit dem Archer an der Halsschlagader gesaugt hatte, hatte Thoron ihn anschließend und sogar während dessen vernascht. Sie hatten ein großartiges Liebespaar dargestellt, voller Hunger und Leidenschaft aufeinander, sich in so vielen Dingen ergänzt. Stets wusste der Eine, was der andere dachte oder wollte, vor allem, wenn sie die Laken ihres großen Bettes zerwühlten. Thoron war wie ein Stück von ihm selbst gewesen, nicht zuletzt durch das Vampirblut, das er regelmäßig zu sich genommen hatte, in einem Akt völliger Wildheit und Gier. Der gegenseitige Aderlass hatte sie verbunden.

Archer beschleunigte seine Schritte, als die Erinnerung an die Vergangenheit sein Geschlecht anschwellen ließ. Irgendwann in den hundert Jahren, in denen Thoron nun schon nicht mehr an seiner Seite stand, hatte sich Archer geschworen, nicht mehr daran zu denken – versagte jedoch immer wieder aufs Neue. Vor allem an Freitagen wie diesen.

Sein fast schon verzweifelt umherschweifender Blick fing einen jungen Mann ein, der sich an einer Häuserecke mit einem anderen Mann unterhielt. Der blonde Kerl mochte vielleicht gerade Mal blutjunge fünfzehn, allerhöchstens siebzehn Jahre alt sein, war für sein Alter groß gewachsen und besaß ein Lächeln, das ihn irgendwie an seinen verstorbenen Geliebten erinnerte. Die Aufmachung des Mannes deutete mehr als deutlich darauf hin, dass er für einen entsprechenden Betrag zu allem bereit war.

Archer lächelte zufrieden. Nicht, dass er je einen Cent für die Dienste eines Professionellen ausgegeben hatte. Diese Art von Mann war leichter dazu zu bewegen, sich von lukrativen Freiern weglocken zu lassen und mit ihm in eine dunkle Gasse zu gehen. Es bedeutete für ihn keine sonderlich große Mühe, seine hypnotischen Kräfte vorauszuschicken und den Blonden davon zu überzeugen, den Freier zum Teufel zu schicken und sich ihm zuzuwenden. Erwartungsgemäß drehte sich der Blondschopf von dem anderen Mann weg und kam gemächlich auf Archer zu, während dieser ohne langsamer zu werden weiter marschierte. Als sie sich nahe genug gekommen waren, streckte Archer den Arm aus und zog den jungen Mann, der sich von ihm bereitwillig an die Seite ziehen ließ, an sich, um mit ihm von der hell erleuchteten, mit Menschen überfüllten Straße in eine Nebenstraße zu gehen, die weitaus weniger überlaufen und ausgeleuchtet war.

Hinter einem großen Papiercontainer, der in der Einfahrt einer Hinterhofdruckerei stand, drückte Archer den jungen Mann mit dem Gesicht voran an die Wand und machte sich flink an Gürtel und Hose seines Opfers zu schaffen. Der junge Mensch stöhnte lustvoll in Erwartung einer baldigen Penetration. Archer wusste jedoch, dass dies einzig eine Wirkung der mentalen Hypnose war, und lächelte milde, als er auch noch den Kragen des Shirts des Mannes weitete, um ungehindert an die pulsierende Schlagader zu kommen. Bereitwillig ließ dieser seinen Kopf zur Seite fallen und offenbarte ihm den ungeschützten Hals. Archers Zahnfleisch hatte schon geschmerzt, als er den Jungen zum ersten Mal gesehen hatte. Jetzt, da er der köstlichen Quelle so nahe war, hatten sich die Eckzähne weit aus dem Zahnfleisch herausgeschoben und füllten seinen Mund derart aus, dass er ihn einfach öffnen musste. Als er die scharfen Zähne in die Haut trieb und die darunterliegende Schlagader wie eine Pipeline anbohrte, seufzte der Junge tief. Gleichzeitig rammte Archer seinen harten Schwanz in den Hintern seines Opfers. Er war so gierig und wild, dass er beinahe sofort kam. Mit jedem Schluck katapultierte es ihn höher und höher seinem Ausbruch entgegen. Auch wenn der Junge nicht ganz das war, was er sich in den hundert Jahren seit Thorons Tod als Ersatz wünschte, so wollte er wenigstens auf dieses kleine Vergnügen nicht verzichten. Daher konzentrierte er sich auf den leicht ätzenden Beigeschmack von irgendeiner Droge, gemischt mit Alkohol und Nikotin im Blut des Strichjungen und darauf, wie sehr er den selbstzerstörerischen Lebenswandel der Menschen verabscheute. Thoron hatte stets darauf geachtet, gesund zu leben, verzichtete Archer zuliebe auf jeglichen Alkohol und sonstigen Rauschmitteln und ernährte sich ausschließlich von einwandfreien Lebensmitteln und sogar selbst angebautem Gemüse.

Er konzentrierte sich so stark darauf, dass er beinahe zu spät merkte, dass sie sich nicht mehr allein in der Gasse befanden. Mit einem letzten, gierigen Zug an der Ader ergoss er sich in den Unterleib des Jungen. Er gönnte sich nur einen kleinen Augenblick erleichterten Triumphs und zog sich rasch aus der Ader und aus dem Darm des Strichers zurück. Mit einem gehauchten Kuss versiegelte er die Wunde, worauf sie sich rasch schloss und verheilte, so als wäre nie etwas gewesen und schickte seinen jungen Blutwirt mittels eines mentalen Befehls zurück auf den Strich, wo er ihn aufgelesen hatte. Dieser nickte benebelt, leckte sich noch einmal über die fahlen Lippen, während er seine Kleidung richtete, und wankte schließlich leicht benommen von dannen.

Noch ehe der Strichjunge um die Ecke biegen und sich wieder in das Amüsement eingliedern konnte, traten vier Gestalten aus dem Schatten einer Überdachung heraus. Archer erkannte sie sofort. Es waren Vampire wie er, ebenso groß und stark gebaut, jeder einzelne hundert Kilo reinste Muskelmasse, und obwohl es nicht sichtbar war, höchstwahrscheinlich bis an die Zähne bewaffnet und jederzeit bereit sich einem Kampf zu stellen.

Archer verzichtete seit einiger Zeit auf Bewaffnung. Während er noch vor mehr als einhundert Jahren niemals ohne seinen Waffengurt aus dem Haus gegangen wäre, erachtete er es nun als absolut unnötigen Ballast. Es gab seit Langem keinen Grund mehr dafür. Die wenigen Kämpfe, die er mit übereifrigen Vampiren auszufechten hatte, schaffte er auch mit bloßen Händen und Zähnen. Meist handelte es sich um Vampire, die einen zu viel über den Durst getrunken hatten und dem Blutrausch verfallen waren. Abgesehen davon, dass es strenge Regeln gab, er sie daher festsetzen und deren Familien übergeben musste, genügte es oft, die außer Kontrolle geratenen Vampire in die Isar zu werfen, wo ihr benebelter Verstand ein kaltes Bad nehmen musste. Seit die Dämonen beschlossen hatten, sich zu einer Art Winterschlaf zurückzuziehen, gab es auch keine Konfrontationen mit Vampiren mehr, die im Rausch eines Kampfes Grenzen und Regeln übergingen.

Es war ruhig geworden. Zu ruhig, wie Archer wiederholt feststellte. Sie alle langweilten sich. Änderte sich das heute mit dem Auftauchen der Vier?

Archer wartete ab.

„Heda!“, rief einer der Männer und trat einen Schritt in den Vordergrund. „Bist du dir im Klaren darüber, dass du auf fremdem Territorium wilderst?“

Archer würgte die Antwort herunter, die ihm auf den Lippen lag, trat von der Wand weg, an welche er den Jungen gedrückt hatte, und umrundete den Papiercontainer gemächlich. Er stellte sich in den schwachen Schein des Mondes, sodass seine Gesichtszüge deutlich erkennbar waren. Auch wenn es wolkenverhangen und stockdunkel gewesen wäre, hätten ihn die vier Vampirkrieger erkannt. Abgesehen davon, dass Vampiraugen weitaus besser und klarer sehen konnten, als die von Menschen, selbst wenn es absolut dunkel war, die Art und Weise, wie sich Vampire aller Familien und Länder kleideten und gaben, war ein mehr als sichtbares Merkmal ihrer Abstammung – zumindest für Vampire.

„Du bist doch einer der Falkenbrüder“, erkannte ihn einer der anderen und stieß den Nebenstehenden an. Erst jetzt schien er sich auf gleiche Höhe wie sein Begleiter zu trauen und machte einen Schritt näher heran, um sich an die Seite des Anführers zu stellen. „Was machst du hier?“, kam die eindeutig provokative Frage. Archer kniff leicht die Augen zusammen und rief sich zur Besonnenheit.

Der Vampir musste ungefähr im selben Alter wie Archer sein, trug jedoch zerrissene Jeans, ausgetretene Nike-Turnschuhe ohne Schnürsenkel und eine viel zu große Fliegerjacke mit zahlreichen Stickern in dem rot-blau des größten bayerischen Fußballvereines. Wenn man nicht genau wüsste, dass es sich bei dem Jungen um einen Vampir handelte, würde man ihn dank seiner Aufmachung für einen fünfzehnjährigen Menschen halten.

Archer lächelte milde und schlenderte gelassen näher. Das provozierende Gehabe der anderen Vampire konnte ihn nicht verunsichern. Sie waren eindeutig auf Knatsch aus. Doch Archer tat ihnen nicht den Gefallen und ging erst einmal darauf ein. „Ich bin einem Blutwirt gefolgt und habe dabei nicht genau auf die Reviergrenzen geachtet.“ Er kannte die Grenzen gut genug, überging die Anschuldigung jedoch, neigte leicht seinen Kopf zur Seite und musterte die vier Männer. Es galt als ungeschriebenes Gesetz, sich an die vereinbarten Grenzlinien zu halten, so waren Verstöße dieser Art vermehrt Anlass für Kämpfe unter Vampiren. Für gewöhnlich hielten sich auch die fünf Falcon-Brüder und ihr Vater an die abgesteckten Grenzen, die nichts weiter waren, als eine Aufteilung der Arbeit im Kampf gegen ihre Feinde und der Blutwirte.

Der erste Redner machte noch einen Schritt vorwärts, auf Archer zu und erwiderte dessen musternden Blick unbeirrt. „Es gab mal Zeiten, in denen wäre Derartiges mit Vergeltung geahndet gewesen.“ Er steckte seine Hände in die Vordertaschen seiner engen, tief sitzenden Jeans und stellte sein Gewicht lässig auf ein Bein. Unter seinem halb offenen Hemd spitzelte muskelbepackte blanke Haut hervor. Als er sich bei der Gewichtsverlagerung leicht zur Seite neigte, rutschte ein breiter, goldener Anhänger in den offenen Spalt des Hemdes. Archer verkniff sich ein Grinsen, als er das überdimensionierte Goldkreuz erkannte, welches ihn über die Identität der vier Männer informierte.

Wer von den vielen Vampiren aus grauer Vorzeit, die es je auf der Erde gegeben hatte, sich einmal die Mühe gemacht hatte, sämtliche Städte und Landstriche auf der Erde in Territorien zu unterteilen, das wusste heute niemand mehr. Aber noch immer hielten sich die damals zugeteilten Familien und Stämme an die Reviere und verteidigten sie. Die vier Vampire gehörten einem alteingesessenen deutschen Vampirstamm an. Deren Oberhaupt Hermann Kreutzer hatte Archers Vater bereits vor mehr als fünfhundert Jahren darum gebeten, das verwaiste Revier hier in München zu übernehmen. Die ursprüngliche Familie war durch einen massiven Angriff von Dämonen ausgerottet worden. Als Nachbarrevier war es automatisch der Familie Kreutzer zugefallen, die jedoch ebenfalls durch Kämpfe mit Dämonen stark dezimiert worden waren. Archers Vater hatte ihm einige Hundert Jahre Unterstützung geleistet, war jedoch wieder nach London zu seiner eigenen Familie zurückgekehrt, als sich die Lage in München gebessert hatte. Erst vor hundert Jahren, als die Dämonenübergriffe urplötzlich aufhörten, erklärte er sich bereit, wieder nach Deutschland zurückzukehren und hier endgültig zu bleiben. Mit ausschlaggebend war der Tod seiner geliebten Frau, die nach knapp siebenhundert Jahren glücklicher Ehe und fünf strammen Jungen, einfach eines Morgens nicht mehr aufwachte. Menschenfrauen, die regelmäßig Vampirblut zu sich nahmen, konnten sehr lange leben, jedoch nicht so lange wie ihre vampirischen Gefährten. Thoron hatte ebenfalls zweihundert Jahre seines normalsterblichen Lebens überdauert, bevor er eines gewaltsamen Todes gestorben war.

Die Kreutzer-Familie war befreundet mit der Falcon-Familie, jedoch sah man sich nur selten und nur zu besonderen Anlässen, da von beiden Seiten die Reviergrenzen geachtet wurden. Einzig die beiden Familienoberhäupter trafen sich hin und wieder, um über gemeinsame Erinnerungen zu plaudern. Die allgemeine Ruhe, die seit über hundert Jahren herrschte, hatte selbst die kampferprobten Vampirkrieger weich und nachlässig werden lassen.

„Was stellst du dir denn als Vergeltung vor?“, erkundigte sich Archer interessiert. Obwohl er sich nie viel um die Angehörigen der Kreutzer gekümmert hatte, wusste er doch, dass Roman, der Kerl, der sich ihm so entschlossen entgegen stellte, stets auf Provokation aus war.

Roman wiegte seinen Kopf leicht hin und her, als müsse er seine Entscheidung erst noch einmal abwägen. Das listige Grinsen in seinem Gesicht sprach jedoch etwas anderes. „Ein kleiner Kampf?“, schlug er vor. „Unter Verbündeten, nur so … um nicht aus der Übung zu kommen.“

Seine Begleiter horchten erschrocken auf. Der Junge, der sich bereits vorhin schon auf dieselbe Stufe wie der Ältere gestellt hatte, rückte abermals auf und zupfte ihn am Ärmel.

„Roman …“, keuchte der Junge. „Das dürfen wir nicht.“

Roman schüttelte die Hand ab, die ihn zurückziehen und zur Vernunft bringen wollte. „Halt die Klappe, Ricky. Das bleibt sowieso unter uns. Ist das nicht so?“ Er wandte sich mit einem provozierenden Blick an Archer.

Dieser grinste breit. „Du weißt genauso gut wie ich, dass das einen Rattenschwanz an Erklärungen und dergleichen hinter sich her zieht. Außerdem werden unser beider Oberhäupter uns für mindestens hundert Jahre in eine Gruft sperren. Willst du das riskieren?“

Roman grinste breiter. „Schiss“, begriff dieser. „Ich wusste nicht, dass ihr Falken eine Familie von Angsthasen seid.“

Archer hätte sich liebend gern auf dieses Angebot eingelassen. Ihn dürstete es nach einem Kampf. Ihn brannte es danach, Blut fließen zu lassen und diesem Großmaul etwas auf seine große Klappe zu geben. Dennoch hielt er sich zurück. Er wusste genau, was sein Vater dazu sagen würde, wenn er etwas davon erführe. Die Familie Kreutzer war stets tabu gewesen. Selbst wenn sie bei ihrer Patrouille in ihrem eigenen Gebiet hin und wieder auf Mitglieder oder Angehörige der Familie stießen, die buchstäblich über den Durst getrunken hatten und im Blutrausch zu randalieren begannen, oder gar Menschen töteten, erlaubte ihr Vater nicht, die Vampire zu bestrafen. Die Freundschaft zu Hermann Kreutzer war ihm so wichtig, dass die fünf Brüder die auffälligen Vampire lediglich bis zum Eintreffen des Oberhauptes persönlich oder eines seiner Vertreter festhalten durften, was bislang nur ein paar Mal geschehen war.

Mit einem langsamen Kopfschütteln und einem breiten Grinsen näherte sich Archer dem rebellischen Roman und baute sich vor ihm auf. Er öffnete gerade den Mund, um eine entsprechende, spitze Bemerkung zu erwidern, als plötzlich in einer der Taschen der Krieger ein Telefon klingelte. Die vier Kreutzers zuckten erschrocken zusammen, da ihre Sinne bereits voll und ganz auf Konfrontation und Kampf gestanden hatten. Man konnte das Adrenalin lautstark durch die Adern rauschen hören und das Testosteron förmlich riechen.

Archer musste sich ein amüsiertes Grinsen verkneifen. Wenn die Titelmelodie von Bram Stokers Dracula die Spannung nicht mit einem Male zerfetzt hätte, wäre die Situation ganz schön außer Kontrolle geraten. „Nichts für ungut, Jungs“, gab Archer besänftigend von sich und hielt seine Handflächen kurz hoch. „Ich bin nicht auf Ärger aus. Wie wäre es, wenn ihr zu uns rüber kommt und ich lade euch zu einer kleinen Vergeltung ein, um zu ersetzen, was ich euch genommen habe?“

Die Vier blickten sich etwas verwirrt an. Der Typ mit der übergroßen FC-Bayern-Jacke räusperte sich verlegen. „Um ehrlich zu sein, der Strich gehört eigentlich euch Falcon“, verriet er. „Paps versucht schon seit Jahren, ihn eurem Vater abzuschwatzen.“

„Ich weiß.“ Archer grinste breit. Er wusste es schon die ganze Zeit, keine Reviergrenzen überschritten zu haben, wollte den vier Vampiren jedoch ihren Spaß lassen. „Die Einladung steht trotzdem.“

Ein weiteres Mal erklang Bram Stokers Dracula durch die finstere Gasse. Einer der beiden anderen Männer griff in seine Tasche und brachte ein Handy zum Vorschein, das er sich beschämt ans Ohr hielt. Während er die Fragen des Anrufers mit knappen Sätzen beantwortete, blickten sich Archer und Roman fest in die Augen.

„Erzählst du mir jetzt, was ihr hier wollt?“, erkundigte sich Archer interessiert. Die vier Vampire sahen nicht aus, als hätten sie sich verlaufen, sondern absichtlich einen Streit unter befreundeten Familien aus dem Zaun brechen wollen, indem sie sich bewusst über ungeschriebene Gesetze hinwegsetzten.

„Amüsieren“, platzte aus dem jungen Ricky heraus. „Wir langweilen uns.“

„Wir langweilen uns alle.“ Archer nickte zustimmend. „Deswegen dürfen wir aber nicht nachlässig werden.“

Roman schnaubte verächtlich. „Du klingst wie mein Vater.“

Archer verzog leicht sein Gesicht. Vielleicht verbrachte er zu viel Zeit mit seinem Vater, um mittlerweile ebenso wie er zu sein. Es wurde Zeit, dass er sich eine Ablenkung suchte. Dennoch hatte sein Vater Recht. „Solange wir nicht wissen, warum die Dämonen so rasch verschwunden sind, sollten wir damit rechnen, dass sie wiederkehren.“

Der FC-Bayern-Typ nickte zustimmend. „Es ist öde.“

„Halt die Klappe, Ricky!“, wies ihn Roman unwirsch zurecht und hieb ihm unsanft auf den Oberarm. „Ich hab dir schon tausend Mal gesagt, dass du deine unreife Klappe halten sollst.“

Ricky plusterte sich empört auf. „Du hast mir gar nichts zu befehlen!“

„Schaltet einen Gang runter, Jungs!“ Archer ging dazwischen und schob den aufgebrachten Jungen von seinem älteren Bruder weg, bevor sie sich an die Kehle gehen konnten. „Wie wäre es, wenn ihr euch ins wilde Nachtleben stürzt und dort eure Hörner abstoßt. Es ist genug für alle da.“

Ricky nickte heftig, begeistert über den Vorschlag. Roman hingegen knurrte leise. Der Dritte, der neben dem Telefonierenden stand, nickte ebenfalls zustimmend. Der mit dem Handy klappte das Gerät zu, steckte es in seine Tasche und wandte sich an Roman. „Im Pasinger Bahnhof gibt es Probleme. Wir sollen uns drum kümmern.“

Roman kniff grimmig die Lippen zusammen, ohne den Blick von Archer zu nehmen.

„Soll ich euch zur Hand gehen?“ Der Bahnhof gehörte nicht zum Revier der Falcon-Familie. Archer war dennoch neugierig und dankbar für jede Abwechslung. Er glaubte zwar nicht, dass unerwartet Dämonen aus ihren Löchern gekrochen kamen, um einen Bahnhof unsicher zu machen. Eher war da wahrscheinlich etwas mit den jungen, unbedarften Vampir-Zöglingen der Kreutzer-Familie, die ebenso Blut zum Überleben brauchten, wie die älteren, im Argen.

„Das kriegen wir schon allein gebacken“, gab Roman leicht bissig zurück, winkte seinen Begleitern und drehte sich um. Archer nickte ihnen zum Abschied zu. Einen Augenblick später waren auch schon alle vier Vampire verschwunden und er blieb allein in der finsteren Gasse zurück.

Seufzend blickte Archer sich um und überlegte, was er nun tun sollte. In der Tat langweilte er sich genauso wie die vier Kreutzer-Typen oder der Rest der Vampir-Welt. Seit Anbeginn ihrer Existenz hatten sie alle Hände voll zu tun gehabt, die Ausgeburten aus der Unterwelt, die Dämonen, in Schach zu halten und die Menschheit vor ihnen zu schützen. Einer alten Vampir-Legende zur Folge sollen die Dämonen eine Prüfung für die blutsaugenden Wesen sein. Die Dämonen waren Schattenwesen, die in der Lage waren, sich in den Köpfen des Betrachters per Suggestion in alle möglichen Formen von Gestalten zu verwandeln. Daher kamen auch die Geschichten von Werwölfen und dergleichen, die sich auch noch nach Jahrhunderten hartnäckig in den Geschichtsbüchern der Menschen hielten.

Doch eines Tages, beinahe von einer Nacht zur anderen, waren die Horden von Dämonen, die bis dahin zu Tausenden über die Lande zogen und Mensch, Vieh und auch Vampiren schwer zu schaffen machten, verschwunden. Nur noch vereinzelt tauchten kleine Gruppen von ihnen auf, die so rasch verschwanden, wie sie wieder aus der Versenkung aufgetaucht waren. Sein älterer Bruder Damon, hatte es sich allein schon seines Namens wegen, zur Aufgabe gemacht, jede ihrer Bewegungen zu studieren und jede noch so kleine oder geringfügige Regung aufzuzeichnen und zu katalogisieren. Seit dem Verschwinden dieser Kreaturen war nicht mehr viel dazu gekommen. Scherzhaft hatte Damon einmal bemerkt, dass sie nur hin und wieder aufwachten, um nachzusehen, ob die Vampire noch da waren.

Mit einem Grinsen machte sich Archer wieder auf den Weg. Bewusst wählte er nicht den Weg zurück zur Amüsiermeile, sondern entfernte sich davon, in Richtung des Reviers des Kreutzer-Clans, nicht um zu provozieren, sondern um einmal andere Luft atmen zu können und andere Eindrücke in sich aufzunehmen. Er wusste zwar, dass die Luft im Falcon-Revier genauso roch wie im Kreutzer-Gebiet, dennoch sehnte er sich nach etwas anderem, nach etwas, was ihn von seinen trüben Gedanken ablenkte.

Mit weit ausholenden Schritten, jedoch ohne Hast marschierte er die Straßen entlang und wich dabei den grellen Lichtkegeln der Straßenlaternen aus. Als er um eine Häuserecke bog und dabei in die hell erleuchtete Kreuzung einer Hauptverkehrsstraße gelangte, betrat er bewusst die Grenze zum Kreutzer-Revier. Es war beinahe vier Uhr und die Stadt erwachte allmählich zum Leben. Noch versteckte sich die sengende Sonne hinter dem Horizont. Archer würden noch etwa knapp zwei Stunden bleiben, ehe er sich zum Schutz vor der Strahlung in die abgeschirmte Sicherheit ihres Wohnsitzes begeben musste. Viele Vampir-Geschichten, an denen die Menschheit so hartnäckig festhielt, waren rein erfunden und so utopisch wie der Inhalt, den sie erzählten. Aber einige waren durchaus zutreffend. Dazu gehörte, dass alle Vampire einen Gendefekt besaßen, der sie höchst allergisch auf die UV-Strahlung der Sonne reagieren ließ. Ein Phänomen, das vereinzelt sogar bei den Menschen vorkam. Archer selbst hatte sich lange Zeit ebenfalls als Mondscheinkind bezeichnet, ehe sein Verstand genug gereift war, um zu begreifen, was er wirklich war.

Er war von der vierspurigen Ringstraße, die sich rund um die Innenstadt von München zog, in eine der zahlreichen Seitenstraßen eingebogen. Tiefer in das Gebiet der Kreutzer und spazierte nun eine Straße entlang, in der sich ein Café an das andere reihte. Nur hin und wieder unterbrochen von teuren Modeboutiquen, Schmuckläden oder gar Friseuren, die sich selbstverliebt Coiffeur nannten. Zu dieser Stunde war noch keiner der Läden oder Straßencafés geöffnet. Wie ein Wall aus dunklen Höhlen begleitete sie seinen Weg, sehnsüchtig darauf wartend, dass sie mit dem ersten Tageslicht zum Leben erwachen durften. Am Ende der Straße befand sich ein Bistro, das mit einer blinkenden Leuchtreklame auf sich aufmerksam machte. In grellen pinken und gelben Buchstaben, flammte immer wieder der Name Piet auf, so als wolle er wie ein ungezügeltes Kind unbedingt zu Wort kommen.

Grinsend marschierte Archer an dem Eckbistro vorbei und bog nach rechts ab, zu einem kleinen Park inmitten einer Gabelung von Gassen. Irgendwo in den noch dunklen Häuserschluchten bellte ein Hund, gefolgt von einem weit entfernten Antworten eines weiteren Köters. Archer schärfte seine Sinne und lauschte in die Nacht, er konnte jedoch nichts vernehmen, was ihn in Alarmbereitschaft versetzt hätte. So spazierte er weiter, in Gedanken schon auf dem Heimweg, als durch ihn plötzlich ein Ruck ging.

Seine Nase hatte eine dünne Duftspur aufgefangen. Er hob sie in den seichten Wind, der um die Häuser zog, und sog den schwachen Duft in seine Lungen. Der Duft war bereits mehrere Stunden alt und vom Wind schon etwas verweht, dennoch konnte Archer ihn deutlich ausmachen. Seine sensible Nase spürte Gerüche noch nach Tagen und Wochen auf, auch wenn die Duftspur nur noch dezent wahrzunehmen war. Diese hier ging ihm sofort durch Mark und Bein, verursachte in seinem Inneren ein prickelndes Kribbeln und ließ seinen Schwanz schlagartig hart und steif anschwellen. Ein Gefühl keimte in ihm auf, etwas was er schon seit beinahe hundert Jahren nicht mehr gespürt hatte.

Sein Atem ging plötzlich heftiger. Sein Herz überschlug sich fast in seiner Brust. Unwillkürlich zuckte seine Hand zu dem mit Diamanten und Rubinen besetzten Kreuz auf seinem Brustkorb und drückte es fest. Einem Impuls folgend zog er die goldene Kette über den Kopf, wickelte sie um das Schmuckstück, steckte es in die Vordertasche seiner Lederjeans und folgte der Spur. Sie endete an einem dunkelroten, mehrstöckigen Backsteinbau aus der Jahrhundertwende, mit einer krakeligen Graffiti besprühten Holztür. Ein modernes Zylinderschloss sperrte den Zugang ins Innere des Hauses. Für Archer bedeutete es normalerweise keine sonderliche Mühe, die alte, zerkratzte Eichentür mittels mentalem Befehl zu öffnen. Er verspürte jedoch keine Lust, sich auf diesem Weg Zutritt zu verschaffen und sah an der Fassade hoch. Über ihm hingen mehrere Stockwerke hoch Balkone. Er ging leicht in die Knie und sprang so leichtfüßig wie eine Raubkatze auf den ersten. Wie ein Panther zum Sprung auf sein Opfer bereit, balancierte er in der Hocke auf dem gusseisernen Geländer und hob die Nase in den seichten Abendwind. Ganz wage glaubte er eine weitere Duftspur wahrzunehmen, die sich von oben auf ihn herabsenkte. Er setzte abermals zum Sprung an, und wieder, bis er endlich im vierten Stock angekommen war. Durch die weit geöffnete Balkontür strömte der Duft derart stark heraus, dass ihm die Sinne schwirrten. Geräuschlos setzte er seine Füße auf den Balkon und näherte sich der offenen Tür. Im Türstock blieb er stehen, lauschte ins Innere und sog jeden noch so kleinen Hauch des betörenden Duftstoffes gierig in sich ein. Sein feines Gehör vernahm das gleichmäßige Atemgeräusch eines Schlafenden. Je näher er der Tür kam, desto mehr verstärkte sich die Wirkung des Duftes. Archer musste bald arg an sich halten, sich nicht voller Gier und Heißhunger auf die Person zu stürzen, die im Inneren der Wohnung friedlich schlummerte.

Lautlos schob Archer den Fliegenvorhang beiseite und trat in den Innenraum. Seine Augen, die bei Dunkelheit um ein Vielfaches besser sahen als bei Licht, überflogen die Inneneinrichtung. Das Zimmer war nicht sonderlich groß, vielleicht fünf auf sechs Meter, spärlich möbliert und mit pflegeleichtem Laminat ausgelegt. Er konnte einen billigen Schreibtisch erkennen, auf dem ein aufgeklapptes, jedoch ausgeschaltetes Notebook und eine Kamera mit aufgesetztem Objektiv standen. Eine dicke Tasche lag zu Füßen des Tisches, weit geöffnet, aus welcher Notizblöcke, Bücher und allerlei andere Utensilien ragten, die offensichtlich für Kunstzwecke benutzt werden konnten. Daneben befand sich in die Ecke gedrängt ein dunkelfarbiger Knautschsessel. Davor lagen zahlreiche handgemalte Bilder auf dem Boden verteilt. Auf der anderen Seite des Zimmers stand ein Kleiderschrank aus einem Billig-Mitnahmemarkt oder vom Sperrmüll, dessen eine Tür leicht schräg in den Angeln hing. Neben dem Schrank lehnte eine zusammengeklappte Staffelei. Das gleichmäßige Atemgeräusch kam von einem schmalen Bett in der anderen Ecke des Raumes.

Archer schärfte seine Sinne und kam lautlos näher. Sein Innerstes brannte bereits lichterloh. Jede einzelne Faser in seinem Körper schrie ihn förmlich nach Erlösung an. Erlösung sexueller Art, wie auch seelischer. Archer biss sich auf die Lippen und merkte beinahe zu spät, dass sich seine Fangzähne vor Lust fast vollständig ausgefahren hatten. Er schmeckte sein eigenes Blut und schalt sich, sich derart aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Wer auch immer dieser Kerl war, der dort im Bett leise vor sich hin schnarchte, er besaß dieselben betörenden Eigenschaften, die ihn stets bei Thoron um den Verstand gebracht hatten.

Vorsichtig schlich Archer näher heran und beugte sich über das Bett. Der Schlafende lag auf dem Bauch, die dünne Decke nur nachlässig um seine leicht angewinkelten Beine gewickelt. Er trug ein einfaches, helles T-Shirt und gestreifte Boxershorts. Sein Gesicht war verborgen unter einem Wulst dunkelblonder Haare, die wie ein Kranz um seinen Kopf herum auf dem Kissen ausgebreitet lagen. Als er leise stöhnte, so als durchlebte er eben im Schlaf einen höchst erotischen Traum, ging auch durch Archer ein heftiger Ruck sexueller Gier, die sich in seinem Schwanz gipfelte. Unter seiner Hose war er bereits so hart und steif angeschwollen, dass es schmerzte.

Der erotische Traum des Schlafenden war mit großer Wahrscheinlichkeit ein Resultat von Archers hypnotischer Ausstrahlung. Die Luft im Zimmer musste sich bereits angefüllt haben mit dessen aphrodisierender Wirkung. Ein Phänomen, das Archer nicht wirklich unter Kontrolle besaß. Früher war ihm das auch schon öfter passiert, wenn er absolut scharf auf Thoron gewesen war. Dann verströmte sein Körper ein chemisches Rauschmittel, der seinen Geliebten regelmäßig in einen hörigen Liebessklaven verwandelte. So auch diesen hier. Der junge Mann in dem Bett stöhnte unmerklich und rekelte sich leicht. Er bewegte seine Beine, streckte sie langsam aus und drehte sich auf den Rücken. Dabei rutschte der Vorhang seiner Haare zur Seite und offenbarte den Blick auf sein Gesicht.

Archer war auf Anhieb von ihm gefesselt. Er beugte sich tiefer über ihn und sog den betörenden Duft des Mannes ein. Ein siedend heißes Prickeln rann durch seine Adern und verstärkte den Druck in seinem Unterleib. Er knurrte leise und näherte sich vorsichtig dem nackten Unterarm, der locker auf der Brust des Schlafenden lag. Ganz sanft drückte er einen Kuss auf die Hand, die sich dort ausruhte, wo das Herz des Mannes pochte.

Dieser stöhnte verhalten und bewegte sich abermals seicht, tief im Schlaf versunken, in einem erotischen Traum gefangen. Er würde noch so lange dort gefangen bleiben, wie Archer sich im Raum befand und weiterhin seine aphrodisierende Wirkung ausströmte.

„Hallo, Süßer!“, flüsterte er kaum hörbar.

 

 

 

2

 

 

Nikolas trat mit fünf weiteren Passagieren aus dem Linienbus auf den Gehsteig und sog die Lungen voller abgestandener, muffiger Abendluft. Er musste husten und blickte sich zu den anderen Fahrgästen um, die jedoch bereits ihres Weges eilten und für ihn kein Interesse zeigten – falls sie jemals eines besessen hätten.

In einer Großstadt wie München, mit ihren Abertausenden von Einwohnern, war er nur ein Namenloser unter all den anderen, die er sonst tagtäglich auf seinem Weg zur Uni traf. Selten ergaben sich Gelegenheiten für ein Gespräch oder nähere Bekanntschaften, zumal er sonst mit seinem Fahrrad unterwegs war und sich die anderen Menschen hinter den getönten Scheiben ihrer Autos verbargen.

Den Luxus einer Busfahrt gönnte er sich nur selten. Er hasste es, mit dem Bus zu fahren. Dort war er inmitten von Menschen, umringt von Geselligkeit und sozialen Schicksalen aller Art. Dennoch war er so einsam, als gäbe es nur ihn allein auf dieser Welt. Am Morgen begegneten ihm müde und unausgeschlafene Gesichter, die ihn sogleich mit einem unwirschen Blick davon in Kenntnis setzten, dass weder Small Talk noch irgendetwas anderes persönliches erwünscht war. Am Abend traf er auf dieselben müden und ausgelaugten Gesichter, die ihn mit Ignoranz und Nichtbeachtung straften und gedanklich bereits beim Abendessen mit Bier und Schweinebraten vor dem Fernseher oder bei anderen Freizeitaktivitäten waren.

Nikolas war in einem Kinderheim in einer bayerischen Kleinstadt aufgewachsen, wo jeder jeden kannte und am Wochenende und nach Sonnenuntergang die Bordsteine hochgeklappt wurden. Die Erinnerung an seine Eltern, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, als er zehn Jahre alt war, war schon längst verblasst. Da sich Nikolas in dieser Zeit jedoch in einer schwierigen Lebensphase und mitten in der Pubertät befunden hatte und ebenso häufig krank, wie verhaltensauffällig gewesen war, wollte ihn sein einziger lebender Verwandter nicht bei sich aufnehmen. Es war sogar versucht worden, ihn bei Pflegeeltern unterzubringen. Nikolas vermochte die Familien nicht mehr zu zählen, bei denen er einige Wochen oder sogar nur Tage verbracht hatte, bevor sie ihn entnervt und überfordert ins Heim zurück brachten. Ein einziges Mal während seiner Zeit im Heim hatte ihn sein Großvater besucht. Jetzt – gut zehn Jahre nach dem Unfall – hatte er sich weitgehend stabilisiert und vor einem Jahr sogar ein Kunststudium begonnen.

Seine einzige Liebe, sein Ein und Alles, sein einziger Freund war das Zeichnen. Schon von klein an war er dem Wahn verfallen, zeichnen zu müssen. Der ausschlaggebende Impuls ließ ihn heute noch erschaudern, auch wenn es bereits Jahre zurücklag. Es war kein angenehmes Gefühl gewesen und er hasste seine ersten Bilder, alle, die er in diesem Wahn gezeichnet hatte. Sie lagen tief verborgen in seiner Erinnerung und setzten seit Jahren Staub in alten Schuhschachteln an.

Er schulterte seine schwere Tasche, in der sich neben einer Fotokamera mit einigen verschiedenen Objektiven auch allerlei Malutensilien befanden. Dass die Digitalkamera bereits gebraucht war und zahlreiche Kratzer aufwies, als er sie einem Pfandleiher abgekauft hatte, störte ihn bis heute nicht. Er hätte sich ohnehin keine fabrikneue Ausrüstung kaufen können und war froh, wenigstens das verbeulte Ding sein Eigen nennen zu dürfen, mit welchem er relativ brauchbare Fotografien für seine Kunstprojekte knipsen konnte.

Nikolas schleppte die schwere Tasche einige Straßen weit, bis zu einem kleinen Bistro, wo er noch ein paar Stunden arbeitete, um sich Wohnung, Studium und das Leben in einer so teuren Stadt wie München leisten zu können. Piet, der Besitzer des Bistros nickte ihm begrüßend zu, als er an ihm vorüberging. Wäre er wie sonst mit dem Fahrrad gekommen, wäre er rechtzeitig zu Arbeitsbeginn da gewesen. Doch da ihm am gestrigen Abend ein rücksichtsloser Autofahrer in sein Fahrrad gefahren war, war Nikolas gezwungen, auf den etwas ungünstig frequentierenden öffentlichen Nahverkehr auszuweichen.

Obwohl er Piet ausführlich über den Fahrplan und seine Ankunftszeit informiert hatte, sagte ihm dessen unfreundlicher Blick, dass sein Boss nicht entzückt darüber war, für ihn die Tische für die Abendgäste herrichten zu müssen. Nikolas beeilte sich, seine Tasche, die er für gewöhnlich noch vor Arbeitsbeginn in seiner Wohnung ablieferte, in den Aufenthaltsraum für Angestellte zu bringen, welcher nicht mehr war als eine etwas größere Besenkammer mit zwei schmalen Stahlschränken, einer Sitzbank und einer nackten Glühbirne, die verloren von der Decke baumelte. Nikolas zwängte seine dicke, schwere Tasche in den schmalen Spind, zog sich schnell um und eilte in den Schankraum, um seinen Boss abzulösen.

Erst kurz vor Mitternacht konnte er die Tasche wieder schultern und sich endgültig auf den Nachhauseweg machen. Die Luft war inzwischen so weit abgekühlt, dass es fast schon angenehm war, die dunklen Straßen entlang zu gehen. Der von Verkehr, Industrie und dem hektischen Hin und Her der Menschen aufgewirbelten Staub hatte begonnen sich zu legen, sodass Nikolas weitgehend freier durchatmen konnte. Der Dreck und der Staub hatten ihm am meisten zu schaffen gemacht, als er vor einem Jahr in die bayerische Metropole gekommen war. Bereits als Kind hatte er mit heftigen Asthmaanfällen zu kämpfen gehabt.

Das Asthma war im Laufe der Jahre besser geworden, jedoch in seiner ganzen Heftigkeit zurückgekehrt, als er nach München gekommen war. Niemals hätte er es für möglich gehalten, dass ihn der herumwirbelnde Staub derart zu schaffen machen konnte. In der Zwischenzeit hatte er sich daran gewöhnt, vermied die verkehrsreichen Zeiten und war daher am liebsten früh morgens oder in der Nacht unterwegs. So genoss er es förmlich, endlich frei durchatmen zu können, ohne von einem Hustenanfall geschüttelt zu werden. Für alle Fälle trug er jedoch immer ein Inhalationsspray in der Tasche.

Es war fast ein Uhr, als er leise die Tür zu seinem Zimmer in der Fünfer-WG hinter sich zumachte und die Tasche neben dem wackeligen Schreibtisch mit dem gebrauchten Notebook abstellte. Er musste die Fotos, die er mittags im englischen Garten gemacht hatte, auf seine Festplatte übertragen, sie etwas bearbeiten und noch ein wenig an den Skizzen für seine neuen Projekte arbeiten, bevor er den Tag endlich beenden und ins Bett gehen konnte.

 

*   *   *

 

Nikolas schreckte aus seinem Schlaf und fuhr hoch. Für einen Moment wusste er nicht, ob er noch träumte, oder vielleicht in einem Rausch gefangen war. Sein Atem ging heftig, sein Herz schlug wild und polternd in der Brust. Er wusste im ersten Moment nicht einmal genau, was er geträumt hatte. Es musste jedoch ein Albtraum gewesen sein, denn er war schweißnass und halb nackt.

Neben ihm, auf dem Nachttisch schrillte noch immer sein alter Glockenwecker ohrenbetäubend laut. Seine Mitbewohner hatten sich schon oft wegen des morgendlichen Lärmpegels beschwert, doch anders war es nicht möglich, ihn aus seinem Tiefschlaf zu holen. Nikolas’ Schlaf glich einem Koma. Die Erzieher und seine Kameraden in den Heimen hatten stets Mühe gehabt, ihn für die Schule zu wecken. Seit er allein wohnte, war er regelrecht auf diesen nostalgisch angehauchten Krachmacher angewiesen, um halbwegs pünktlich in die Uni zu kommen.

Mit zitternden Händen schob er den Sperrriegel zur Seite und brachte den Wecker damit zum Schweigen. Erwartungsgemäß polterte es nebenan. Das laute Geräusch hatte auch seinen Zimmernachbarn Ben geweckt, der aber ebenso erwartungsgemäß einmal gegen die Wand polterte, um sich wieder auf die Seite zu drehen und noch eine weitere Stunde zu pennen, ehe auch er seinen Tag beginnen musste.

Noch immer schwer atmend ließ sich Nikolas nach dem obligatorischen Bumpern gegen die Wand in sein Kissen zurücksinken und starrte blinzelnd an die Decke.

Oh! Was war das nur für eine Nacht gewesen!

Er richtete sich wieder auf und sah an sich herunter.

Vage konnte er sich an seinen verrückten, verdammt heißen Traum erinnern.

Wann er das letzte Mal mit einem anderen Kerl zusammen war, konnte er nicht mehr sagen. Gut, er war erst Zwanzig und wahrlich nicht der Typ Mann, der Nacht für Nacht durch die Schwulenbars streifte, um sich Frischfleisch für sein nächtliches Vergnügen zu holen. Da war er entschieden zu schüchtern für und außerdem kam es beim Liebesspiel nicht sonderlich gut an, wenn er atemlos vor Erregung und Ekstase nach Luft rang, oder gar halb am Ersticken war.

Das vertrieb den geilsten Typen.

Aber der Traum heute Nacht war der Hammer gewesen. An den Kerl, den sein Unterbewusstsein im Schlaf zusammengereimt hatte, konnte er sich nicht richtig erinnern, nur daran, dass er es meisterhaft verstanden hatte, ihn mit Mund und Zunge zu verwöhnen. Dabei musste sich Nikolas im Traum heftig bewegt, vielleicht sogar selbst ausgezogen haben, denn seine Hose hing ihm beinahe bis zu den Knien. Die Decke lag auf dem Boden. Sein T-Shirt hing ihm um den Hals und sein Unterleib pochte und summte wie nach ausgiebigem Sex.

Verwirrt blickte er sich um. Ihm war es im Traum vorgekommen, als sei tatsächlich jemand in seinem Zimmer gewesen. Doch außer dem Wind, der leicht mit dem Fliegenvorhang vor der Balkontür spielte, war nichts in seinem kleinen WG-Zimmer verändert. Dennoch ließ ihn das Gefühl nicht los, dass jemand hier gewesen war – oder war er etwa noch immer in seinem merkwürdigen Traum gefangen?

Der Traum war so lebendig gewesen.

Sein Unterleib war in Alarmbereitschaft versetzt worden. Er fühlte die wohlige Erschöpfung eines Höhepunktes. Sein Bauch war verklebt. An der Vorderseite seiner Schlafshorts zeigte sich ein längst getrockneter Fleck erster Erregung.

Fieberhaft versuchte er sich an das Gesicht des Kerls zu erinnern, der ihn heute Nacht in seinem Traum vernascht hatte. Doch je angestrengter er versuchte, ihn in sein Gedächtnis zurückzuholen, desto mehr entglitt es ihm, bis er nur noch an einer geisterhaften Erscheinung glaubte.

Plötzlich zog ein Hustenreiz seinen Hals hinauf und seine Brust schnürte sich ein. Nikolas wusste aus Erfahrung, was dies bedeutete und suchte hektisch nach dem Inhalationsspray. Mit dem ersten tiefen Atemzug des Medikamentes, beruhigte sich der ätzende Hustenreiz und der quälende Impuls nach Luft zu schnappen rasch. Keuchend schwang er die Beine aus dem Bett, zog sich wieder ordentlich an und trat auf den Balkon, um seine Lungen mit der frischen Morgenluft zu füllen.

Es war weit nach fünf Uhr morgens und die ersten Sonnenstrahlen schickten ihre Vorboten in den Nachthimmel. Dort wo in mehr als einer halben Stunde die Sonne aufgehen sollte, färbte sich der Himmel bereits in zarten Pastelltönen von gelb bis pink. Keine einzige Wolke war zu sehen. Für Nikolas hieß dies, einen weiteren Tag erstickenden Staub, Atemnot und Hustenanfälle, den er am Schnabel seiner Spray-Flasche verbringen musste. Jeder freute sich über das schöne Wetter, das einem endlich die Möglichkeit gab ins Freibad zu gehen, im englischen Garten zu flanieren, oder eine Fahrradtour aufs Land zu machen. Nikolas freute sich im Grund ebenso darauf. Aber noch viel mehr, wenn es nach einer solchen langen heißen Phase heftig regnete und den herumfliegenden Staub, die Blütenpollen und Samen sowie den Feinstaub aus den Autoabgasen und Schornsteinen der Industrieanlagen und Kaminen aus der Luft gewaschen wurden. Erst dann konnte er sich auch tagsüber ohne Probleme draußen aufhalten.

Deshalb stand er auch so früh auf, obwohl er es eigentlich nicht musste. Die Vorlesung begann erst um neun, doch wenn er sich mit hunderttausend weiteren Pendlern durch die Stadt aufmachte, würde er atemlos und dem Erstickungstod nahe in der Universität ankommen und nicht mehr viel von den Vorlesungen mitbekommen.

Abgesehen davon war sein Fahrrad nur noch Schrott. Mit Piet hatte er Zusatzstunden vereinbart, damit er sich ein anderes Fahrrad kaufen, oder sein altes zumindest reparieren lassen konnte. In Anbetracht seiner nicht gerade weltbewegenden Zen-suren konnte er sich das im Grunde nicht leisten. Deswegen sollte er seine freien Stunden am Morgen eher damit verbringen, sich auf die Vorlesungen vorzubereiten. Da sein Geldbeutel eine dauernde Fahrt mit den öffentlichen Bussen nicht lange mitmachte, hatte sich Nikolas für Piet entschieden. Doch heute nicht.

Heute war Samstag. Heute würde sein Tagesprogramm umgekehrt sein. Erst für die Uni, dann für Piet ackern.

Am Montag musste er eine wichtige Arbeit abliefern, wofür er noch die Bilder vom gestrigen Tag fertig bearbeiten musste.

Er wirbelte herum und sah auf die Uhr an der Wand über seinem Schreibtisch. Piets Bistro machte um Zehn auf. Ihm blieben noch gute vier Stunden. Er schnappte sich seine Klamotten und ging ins Bad, um sich zu duschen. Um diese Zeit schliefen seine WG-Genossen noch tief und fest in ihren Betten, sodass ihm das Badezimmer ganz allein gehörte. Selbst Ben würde wieder in seinem Schlummer versunken sein. Am Wochenende hielt das Leben nie vor zwölf Uhr mittags in die WG Einzug.

Unter der Dusche grübelte er noch einmal über seinen merkwürdigen erotischen Traum. Dabei strich er bedächtig über seinen Penis, der sich unter seinen Fingern zu regen begann, und sandte darüber nach, was dies zu bedeuten hatte.

Sehnte er sich insgeheim nach einem Partner?

Er musste zugeben, dass es ihn bisher selten nach einer anregenden Gesellschaft gelüstet hatte. In seinem Leben war dafür schlichtweg keine Zeit geblieben. In Anbetracht seiner angeschlagenen Gesundheit und seiner nicht einfachen Vergangenheit hatte er seine Gefühle zurückgehalten oder gar auf andere Ziele gelenkt, wie seinen Schulabschluss oder das Kunststudium. Was aber nicht bedeutete, dass er keine Erfahrungen mit anderen Männern vorzuweisen hatte. Er hatte Erfahrungen, nicht gerade viele und manchmal auch nicht gerade schöne, aber er wusste, wie sich ein harter Männerkörper anfühlte. Wie es in seinem Unterleib zog und brannte, wenn ihn ein Kerl aufgeilte, es in ihm loderte, wenn ihn heiße Lippen antörnten und sich der anfängliche Schmerz in heiße Lustwellen verwandelte, sobald der erste Widerstand überwunden war.

Einen Partner an seiner Seite hatte er stets als störend empfunden. Die wenigsten konnten damit umgehen, dass ihm selbst bei der kleinsten Aufregung der Atem ausging und dass sein ganzer Tagesablauf, sein ganzes Leben darauf ausgerichtet war, Aufregung zu vermeiden.

Doch nun sehnte er sich danach, diesen Kerl aus seinem Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Er wollte die Zunge leibhaftig an seinem Penis spüren und ihm ins Gesicht sehen können. Seine Finger lechzten danach, durch diese lange, schwarze Mähne zu fahren, die in der Nacht immer wieder auf seine Brust gefallen war. Seine Ohren hungerten nach dem Stöhnen, das dem Mann aus seinen Träumen entkommen war.

Wenn es doch nur Wirklichkeit gewesen wäre …

Süßer, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf. Gleichzeitig rollte eine heiße Welle durch seinen Körper und schürte seine aufgebaute Lust noch weiter an. Ein absolut tuntiges Wort, dachte er innerlich lachend. Niemals würde er einem Mann eine solche Bezeichnung ins Ohr flüstern und erst recht nicht so lasziv und betörend, wie es der Kerl aus seinen Träumen gemacht hatte. Dennoch verursachte dieses Wort eine prickelnde Welle nach der anderen, die sich allesamt in seinem Schoß sammelten.

Sollte ich mir vielleicht Sorgen machen?

Okay, ich bin schwul, aber bin ich dabei, durchzudrehen?

Diese Gedanken kratzten arg an seiner Mannesehre und er bearbeitete seinen besten Freund solange, bis er sich unter dem heißen Wasserstrahl ergoss. Keuchend und glücklich darüber, dass weißliche Tropfen aus der Spitze seiner Eichel geschossen kamen, spülte er sich noch einmal gründlich ab, bevor er aus der Dusche stieg, sich abtrocknete und ankleidete, um anschließend seine Skizzen und Aufzeichnungen von der vorherigen Nacht zu überarbeiten.

Er war so sehr in den Arbeiten vertieft, dass er glatt die Zeit vergaß. Als einer seiner Mitbewohner seine Zimmertür aufwarf und sich lautstark beschwerte, dass Nikolas schon wieder das ganze heiße Wasser verbraucht hatte, blickte er auf die Uhr und schoss sogleich hoch. Es war viertel nach zehn und Piet wartete bestimmt schon auf ihn. Schnell zog er sich an und eilte aus der Wohnung.

 

 

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Über Ashan Delon

Ashan Delon
Ashan Delon, oder eher gesagt die Autorin hinter dem Pseudonym, Baujahr 1965, erblickte das Licht der Welt im tiefsten Bayern, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie am Rande einer Kleinstadt lebt. Geschrieben hat sie schon immer, doch erst vor wenigen Jahren packte es sie richtig, als ein Verlag einen Fantasy Wettbewerb ausschrieb. Ihre Story ‚Drachenfedern‘ wurde so geboren. Seitdem schreibt Ashan in jeder freien Minute und verliebte sich schon bald in homoerotische Geschichten, die mittlerweile ihr Lieblingsspielplatz geworden sind. Ihre Storys sind romantisch, erotisch, ergreifend und haben oft einen ernsten Hintergrund. Was als Hobby begann, ist inzwischen zu einer zeitfressenden Leidenschaft geworden, die sie einfach nicht mehr loslässt. Das Schreiben gleicht einer Zeitreise, in der sie in ihre Welten abtauchen und für wenige Stunden den Alltag vergessen kann. Am Schönsten ist es für sie, wenn sie den Leser mitnehmen kann auf einen dieser Ausflüge. Besonders im Fantasybereich kann sie ihrer blühenden Fantasie freien Lauf lassen. Neben Drachen erblickten auch einige Gestaltwandler, Vampire und mystische Krieger das belletristische Licht der Welt. Den beiden vorliegenden Bänden zu "Drachenfedern" folgt demnächst ein dritter Teil.

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