Die Unordnung der Dinge von Rachid Boudjedra

19,50 

  • Gebundene Ausgabe: 241 Seiten
  • Verlag: Kinzelbach, Donata (Oktober 1995)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3927069310
  • ISBN-13: 978-3927069312
  • Größe und/oder Gewicht: 14,7 x 2 x 22,6 cm

 

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Beschreibung

… “Die Unordnung der Dinge” ist ein literarischer Katarakt, ein mitreißender, atemlos gehetzter Roman, der von hundert Jahren maghrebinischer Verzweiflung kündet, ein kühnes Sprachkunstwerk, das in Eva Moldenhauers grandioser Übertragung auch in deutscher Sprache einen Sog entfaltet, dem man sich kaum zu entziehen vermag. Ein Arzt in mittleren Jahren trifft auf der Straße seinen Zwillingsbruder, der es sich einst als Günstling der französischen Kolonialmacht gerichtet hat und es sich jetzt, inmitten blutiger Revolten und grausamer Strafaktionen gegen die Aufständischen, als Mann der nationalen Oligarchie gutgehen läßt. Die zufällige Begegnung löst im Ich-Erzähler, dem Arzt, einen Schub der Erinnerung aus, der die Geschichte einer Familie mit der Geschichte ganz Algeriens überschneidet.

Eine Bilderflut stürzt über den Erzähler herein, in der die Schrecken der Epoche, die Zärtlichkeit und Trauer einer Kindheit, in der Persönliches und Politisches unterschiedslos und ungeschieden mitgeschwemmt werden. In einem Satz springt Boudjedra von den verschwiegenen Winkeln eines Kinderzimmers zu den Folterkammern des Regimes, von den grotesken Ritualen einer Großfamilie zu den gewalttätigen Riten der meist jugendlichen Straßenkämpfer. Was so ersteht, ein künstlerischer Triumph über die “Unordnung der Dinge”, ist ein grimmiger Familienroman, der die Liebe immer wieder in puren Haß kippen läßt, und das grelle Zustandsbild eines Staates, der sich der kolonialen Herren entledigt hat und in den Besitz einer korrupten Clique von Generälen und Geschäftemachern übergegangen ist.

Nicht zuletzt ist Boudjedras Roman ein verzweifeltes Lied auf Algier. Diese Stadt ist der Held des Romans: Algier mit seinem “spezifischen Geruch nach Kochwäsche, eitrigen Verbänden, ekelerregenden Miasmen, faulen Sardinen, schimmligen Brotkrusten, explodierten und von fäkaler und flüssiger Materie überquellenden Kloaken; all dies und alle diese sich summierenden, sich überlagernden Elemente sorgten dafür, daß die Stadt in einer Art undurchdringlichem, konkretem Dunst schwamm, der feuchtheißen Atmosphäre, die hier vorherrscht, etwas Krankhaftes hinzufügend, etwas Ungesundes und Sieches.”

So ungebändigt expressiv der Roman erscheint, der in seitenlangen Sätzen die fünfziger mit den achtziger Jahren verbindet, so subtil ist er komponiert. Der Strom der Erinnerung kehrt immer wieder zu verstörenden Ereignissen in der Jugend des Erzählers zurück: Da ist das Bild der weinenden Mutter, die vom Vater zu Unrecht als Ehebrecherin verstoßen wurde, und da ist die Zeitungsnotiz über einen französischen Soldaten, der sich den algerischen Revolutionären anschloß und als Verräter in einem französischen Militärgefängnis guillotiniert wurde. Den beiden fortschmerzenden Bildern der Vergangenheit gesellt sich aus der blutdampfenden Gegenwart vor allem eines bei: die schleimige Spur, die ein von der algerischen Spezialpolizei während der Folter verstümmelter Islamist zieht, als er sich kriechend auf das Hospital zuschleppt, in dem der Erzähler gerade Dienst tut. So durchdringen einander Bilder privater Gewalt, kolonialer Unterdrückung von gestern und staatlicher Repression von heute, und was Boudjedra gestaltet – empört, verzweifelt, rhetorisch überwältigend -, ist das apokalyptische Ende einer Nation, die aus hundertjähriger Unterdrückung durch fremde Herren in einen aberwitzigen Reigen aus Gewalt und Rache gestürzt ist. …

Karl-Markus Gauß, FAZ 04.05.1996

 

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