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Silbernes Band von Monika Jaedig

Silbernes Band, ein Urban Fantasy Roman von Monika Jaedig

Eine bezaubernde Liebesgeschichte am Pulsschlag Islands. An seinem 18. Geburtstag erfährt Heiðar Kristínarson, dass sein Vater ein Vampir ist. Nach qualvollen Jugendjahren findet er endlich einen Weg, mit seinem Blutdurst und seiner Unrast umzugehen, doch die unsterbliche Hälfte seiner Persönlichkeit bleibt unvollständig.

Jahre später, an einem trüben Oktobertag, wendet sich Heiðars Leben. In einer Buchhandlung trifft er auf Rúna, die Eine, die er am meisten begehrt. Nachdem er bisher bloß flüchtige Affären hatte, fühlt er zum ersten Mal wie ein Unsterblicher. Getrieben von Blutdurst und Begierde flieht er ins Krankenhaus, um seine todkranke Mutter Kristín zu besuchen. Dort erfährt er vom Besuch eines geheimnisvollen Fremden.

Produktinformation

  • Format: ePub/Kindle-Edition
  • Seitenzahl: 445 (ePub)
  • Verlag: Neobooks Self-Publishing
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13 978-3-8476-3301-3

Leseprobe aus Silbernes Band

Rückblick

Reykjavík, 25. Juli 1996

Die Haustür fiel leise ins Schloss. Heiðars Turnschuhe flogen davon. Eine Sekunde später stand er in der Küche.

Er war von seiner ersten Spritztour mit dem silbernen Mountainbike zurückgekehrt, das seine Mutter Kristín ihm zum 18. Geburtstag geschenkt hatte.

„Bitte setz dich zu mir. Ich muss mit dir reden“, bat sie und klopfte leicht auf die Sitzfläche des hölzernen Küchenstuhls.

„Ist ein cooles Fahrrad! Danke Mama!“

Er fuhr sich mit der Hand durch die dunklen Locken. Da waren Schlammspritzer in seinem Gesicht, von den Jeans ganz zu schweigen. Er beugte sich zu Kristín hinunter und küsste sie flüchtig auf die Wange, bevor er den Stuhl heranzog und sich setzte.

An der Wand tickte die rote Plastikuhr. Kristíns gehetzter Herzschlag hatte den Sekundenzeiger längst überholt. Sie versteckte ihre schweißnassen, verknoteten Hände unterm Küchentisch, holte tief Luft und schluckte mühsam, ehe sie mit leiser Stimme zu sprechen begann:

„Wir haben nie über deinen Vater gesprochen. Aber ich darf nun nicht länger schweigen. Du musst wissen, was dein Vater ist.“

Dein Vater. Diese Worte hatte sie bisher noch nie in den Mund genommen – und jetzt gleich zweimal. Heiðars Herzschlag beschleunigte. Die kräftigen, regelmäßigen Schläge konnten aber weder die Uhr noch den Herzschlag seiner Mutter einholen.

“Heiðar“, fuhr sie widerstrebend fort, „deine Besonderheiten kommen nicht von ungefähr, sie sind keine Laune der Natur. Du hast diese speziellen Fähigkeiten von deinem Vater geerbt. Er ist … kein normaler Mensch …“

Silbernes Band von Monika Jaedig
Silbernes Band von Monika Jaedig

Die rote Uhr tickte ungeachtet weiter, während Kristín nach Worten rang.

Heiðar saß reglos auf seinem Stuhl und starrte seine Mutter unverwandt an, ohne ein einziges Mal zu blinzeln. Er fühlte sich wie der Gewinner einer Quizshow, dem gleich der Hauptgewinn präsentiert wird.

„Heiðar, mein Liebling …“

Kristín drohte an ihren Worten zu ersticken. Sie schluckte abermals, bevor sie endlich den Mund öffnen konnte, um sie aus sich herauszupressen:

„Dein Vater ist ein Vampir …“

Das Tor, hinter dem der Hauptgewinn wartete, war hochgegangen. Aber der glückliche Gewinner winkte nicht freudestrahlend in die Kamera, und der Quizmaster gratulierte nicht. Kristín barg das Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus.

Heiðar müsste wohl schockiert sein oder wenigstens einen hysterischen Lachanfall kriegen. Stattdessen fühlte er Wut – und Erleichterung, die Seite an Seite in ihm emporkrochen.

Hatte er es nicht seit Langem geahnt? Aber es durfte nicht sein. Vampire standen in einer Reihe mit Zombies, Monstern und Superhelden. Fantasieprodukte der Menschen. Das Erbe eines Fantasiegeschöpfs war der Grund für seine jahrelangen Qualen.

Heiðar war wütend. Auf seine Mutter, die mit ihrem Schweigen dafür gesorgt hatte, dass er sich jahrelang wie ein Freak fühlte. Und auf seinen Vater, der sich nie um ihn gekümmert hatte. Nun machte alles einen Sinn: die wachsende Unrast, seine Faszination für Blut, der unermessliche Durst. Warum er stärker und schneller war als alle anderen. Warum seine Sinne so hoch entwickelt waren.

Kristín hatte ihm schon früh eingebläut, sich den anderen Kindern anzupassen, damit er auf keinen Fall auffiel. Er hatte es getan, ohne es infrage zu stellen. Als er älter wurde und die Unrast ihn zu quälen begann, tauchten Fragen auf. Heiðar hatte nie gewagt, diese zu stellen. Er hatte instinktiv gespürt, dass seine Mutter nicht darüber sprechen wollte, weil sie sich für ihn schämte. Trotzdem liebte sie ihn, also versuchte er so normal wie möglich zu sein.

Jahrelang spielten sie ein beinahe perfektes Spiel der Verdrängung. Zu welchem Preis? Welche Rolle spielte sein Vater, der Vampir? War er bloß ein unbedeutender Nebendarsteller? Oder hatte er gar im Hintergrund Regie geführt und diese Heimlichtuerei unterstützt, ja gefordert?

Seit Kristín zu sprechen begann, hatte die rote Plastikuhr 258 Mal getickt. Seit 258 Sekunden hatte er Gewissheit. Einige seiner Fragen waren nun beantwortet, weitere kamen dazu und brannten ihm auf der Zunge. Aber seine Mutter hatte nicht vor, sie zu beantworten. Sie sprang auf, stieß dabei den Stuhl um und stürzte weinend aus der Küche. Ließ Heiðar allein, mit seiner Gewissheit und seinen Fragen.

Flieder, Wollgras, Frühlingssonne

Reykjavík, 4. Oktober 2010

Die Buchhandlung Valmundsson am Skólavörðustígur befand sich im Erdgeschoss eines hässlichen braun-grünen Bürogebäudes. Heiðar schüttelte kurz den Nieselregen aus den dunkelbraunen Locken, drückte die Tür auf und prüfte schon mal die Titel der Neuerscheinungen, die auf den niedrigen Tischen nahe beim Eingang auflagen. Es war ruhig an diesem Spätnachmittag. Einige Kunden stöberten in den Regalen, ein paar Tische des Cafés waren besetzt. Hinter der Theke des Cafés stand eine kurzhaarige junge Frau, die leise weinte.

Kaum war Heiðar eingetreten, fand er die Neuerscheinungen nicht länger interessant. Ihm stieg der Duft von blühendem Flieder in die Nase. Kein typisch isländisches Aroma. Die blumige Süße des Flieders wurde ergänzt durch den schlichten Geruch von fedrigem Wollgras. Abgerundet durch einen Hauch Frühlingssonne. Das scheue Licht der Märzsonne, die ihre ersten Strahlen über die Insel schickt.

Er schloss die Augen, spannte die Nasenflügel an und nahm die fein abgestimmte Komposition mit einem tiefen Atemzug in sich auf. Ein Fehler. Sein Hals begann zu brennen.

Er wollte den Atem anhalten, sich die Nase zuklemmen und rückwärts zur Tür hinaus verschwinden – aber er konnte nicht. Er konnte nicht widerstehen, musste dieser Verlockung folgen.

Es interessierte ihn nicht, was um ihn herum geschah. Er roch bloß das unwiderstehliche Parfum und hörte einen unvergleichlichen Herzschlag, ein einzigartiges, taktklares Pochen.

Heiðar ging schneller. Er musste wissen, wer ihn da zu sich lockte, gefährlich nah, womöglich ins Verderben.

Das Brennen im Hals wurde stärker, breitete sich über seinen ganzen Körper aus, als stünde sein Blut in Flammen.

Er ging um ein Gestell herum, und endlich sah er sie. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und sortierte Bücher in die mannshohen Regale. Auf einem kleinen Wagen, der wie ein Bollwerk zwischen ihnen stand, lagen kreuz und quer Taschenbücher, Hardcover und Bildbände.

„Verzeihung, kannst du mir helfen?“, sprach er sie an.

Natürlich hatte sie nicht gehört, wie er an sie herangetreten war, weil Raubtiere sich auf leisen Sohlen anzuschleichen pflegten. Sie fuhr erschreckt zusammen, bevor sie sich hastig zu ihm umwandte.

Wie gebannt starrte er auf die junge Frau, genau genommen auf ihre Kehle, wo das süße, warme Blut pulsierte. Wie es wohl schmeckte? Sein eigenes Herz schlug beständig schneller. Er leckte sich die Lippen, fuhr dann mit der Zunge über seine Eckzahnspitzen, als wollte er prüfen, ob sie scharf genug waren.

Die junge Frau war offensichtlich neu hier, sonst wäre sie ihm schon bei seinem letzten Besuch aufgefallen. Heiðar streifte sein feuchtes Haar zurück, zwang sich den Blick von ihrem Hals abzuwenden und musterte sie schnell und gründlich:

Schuhgröße 38. Barfuß war sie exakt 21,2 Zentimeter kleiner als er. Ohne die schwarzen Hosen, die dunkelrote Bluse und das Darunter wog sie ziemlich genau 54 Kilo. Honigblondes Haar fiel in sanften Locken bis über die Schultern. Ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und grüngoldenen Augen. Sie trug ein Namensschild an der Bluse: Rúna.

„Suchst du etwas?“, unterbrach sie seine Musterung.

„Den neuen Krimi von Örn Eyvindsson.“

Etwas Besseres war ihm auf die Schnelle nicht eingefallen. Aber der erfolgreiche Autor veröffentlichte bestimmt in absehbarer Zeit seinen neuesten Fall, der dann gleich wieder ganz oben in den Bestsellerlisten zu finden war.

„Der erscheint erst nächste Woche. Wenn du möchtest, kann ich dir ein Exemplar reservieren“, entgegnete Rúna lächelnd.

„G … gerne. Ich komm’ nächste Woche wieder vorbei.“

Er brannte lichterloh, musste schnellstens hier raus.

Hol sie dir. Beiß zu!

Eine Stimme in seinem Kopf wiederholte ständig diese Worte. Er wollte wissen, wie sie schmeckte!

„Komm doch bitte mit zur Kasse. Ich brauche deinen Namen und die Adresse, damit ich das Buch reservieren kann.“

Er brauchte ihr Blut, damit endlich das Brennen aufhörte!

Sie schob den Bücherwagen zur Seite und ging Heiðar voran.

Er blieb zwei Schritte hinter ihr, starrte angestrengt zu Boden. Wenn er jetzt die Beherrschung verlor, nützte auch das nichts. Rúna hätte keine Zeit zu realisieren, was passierte, wenn er sich auf sie stürzte und ihren Hals zerfetzte. Sie wäre verloren, ihr junges Leben ausgelöscht. Er wäre für alle Zeiten verdammt. Und Island hätte neue Schlagzeilen.

Rúna ging hinter den Tresen und nahm mit einer anmutigen Bewegung Notizblock und Kugelschreiber zur Hand. Ihr Blick ruhte einen Moment auf Heiðar, dann notierte sie den gewünschten Titel.

„Also … Ich brauche deinen Namen und die Adresse.“

Sie hörte auf zu schreiben und blickte hoch. Das leuchtende Goldgrün ihrer Augen nahm ihn gefangen. Heiðar schob sich eine Locke aus der Stirn. Es dauerte einen Tick zu lange, bis er antwortete:

„Heiðar, Heiðar Kristínarson. Ich wohne an der Njálsgata, Nummer 16. Brauchst du meine Telefonnummer?“

„Gerne. Wir rufen an, sobald das Buch da ist.“

Er nannte ihr die Nummer, die sie flink notierte.

Heiðar blieb einen Moment an der Theke stehen, um Rúna noch einmal anzusehen. Um ihren Hals anzusehen.

Nimm sie dir!, zischte es in seinem Kopf.

Es brannte. Das Feuer der Begierde verbrannte ihn. Nichts wie weg hier! Noch ein Atemzug, dann riss er sich los und stürzte zum Ausgang. Keine Sekunde zu früh.

 

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Über Monika Jaedig

Monika Jaedig
Monika Jaedig lebt mit Familie und zwei Islandpferden in der Ostschweiz. Die tollen Pferde aus dem hohen Norden legten den Grundstein für ihre Liebe zu Island. Monika hat die raue Vulkaninsel mehrmals bereist, lernt Isländisch und interessiert sich für die Geschichte und Kultur Islands.Noch weiter zurück gehen ihre Liebe zu Büchern und die Faszination für Vampire, aber erst 2010 kam das Schreiben dazu, als Monika an der Fantasyreihe Silbernes Band zu arbeiten begann.

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