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Splitterseelen von Sandra Gernt und Sandra Busch

Splitterseelen von Sandra Gernt und Sandra Busch

Jason glaubt nicht an Schutzengel. Er weiß schließlich genau, dass es sie gibt, denn er hat seinen persönlichen Engel namens Calael nicht bloß gesehen, sondern mit ihm auch gesprochen. Ansonsten führt er ein normales Leben.
Bis zu dem Morgen vor seinem 21. Geburtstag, als ihm ein fremder Mann in seinem Schlafzimmer auflauert. Ehe sich Jason versieht, wird er durch den Spiegel geschleudert und anstelle des Glases zersplittert seine heile Welt in tausende Scherben. Doch bestimmt wird ihm auch in dieser Notlage Calael zu Hilfe eilen. Oder etwa nicht?

Produktinfos:

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 554 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 238 Seiten
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B00FL6O5BI

Leseprobe aus “Splitterseelen”

Etwas hatte ihn geweckt. Ein Poltern.

Da, da war es wieder. Jason lag still in seinem Bett, die Decke bis an die Nasenspitze hochgezogen, und lauschte in die Dunkelheit. Sein Herz klopfte viel zu laut, und das Rauschen in seinen Ohren erschwerte es zu erkennen, ob da wirklich die lose Holzdiele im Hausflur geknarrt hatte oder nicht. Waren das tatsächlich verstohlene Schritte von jemandem, der die Treppe hoch schlich? Jason starrte auf den nachtdunklen Himmel über sich. Sein Zimmer lag unter dem Dach, sein Bett stand direkt unter dem Schrägfenster. Er konnte den abnehmenden Mond gerade noch sehen, es war also zwischen 2.00 und 2.30 Uhr morgens. Jason liebte es, die Sterne zu beobachten und die Uhrzeit am Stand von Mond und Sonne zu erraten. Da – eindeutig, jemand war auf der Treppe. Die dritte Stufe von oben knarzte so laut, dass es durch das ganze Haus hallte. Das Schnarchen im Nebenraum verstummte abrupt. Jasons Herzschlag legte noch einmal an Tempo zu.

„Bitte schlaf weiter, Dad“, flehte er innerlich. Es konnte nicht seine Mutter sein; die lief, wenn überhaupt, dann nicht verstohlen, sondern laut hörbar in Richtung Bad. Wer immer da draußen war, Jason wollte nicht, dass derjenige möglicherweise …

Doch da ertönte das charakteristische Quietschen von dem altersschwachen, stark überlasteten Bettgestell seines Vaters. Dad war aufgestanden. Jason hörte seine Mutter verschlafen murmeln. Dad hatte vermutlich das Licht angeschaltet, denn Jasons Mum trug stets Ohrenstöpsel, um von dem Schnarchen neben sich nicht geweckt zu werden.

Leg dich wieder hin, Dad!, dachte Jason so intensiv mit angehaltenem Atem, dass ihm schwindelig wurde.

Das sonst kaum hörbare Quietschen der Türklinke dröhnte in seinem Kopf.

Die Schlafzimmertür seiner Eltern öffnete sich.

Schritte.

Rufe.

Schreie.

Drei Schüsse.

Lautes Poltern eines schweren Körpers, der die Treppe hinabfiel.

Noch mehr Schreie.

Seine Mum, die kreischend um Hilfe rief.

Schüsse.

Abrupte Stille.

Jason lag bebend in seinem Bett. Er konnte nicht denken. Nicht handeln. Seine Brust schmerzte von dem harten Hämmern seines Herzens. Sein Atem ging zu rasch, seine Lungen brannten. Ein hohes Winseln rang in seiner Kehle. Er wollte so sehr aus diesem Alptraum erwachen. Er wollte seine Mum, die ihn zum Frühstück rief. An seinen Klamotten herumzupfte und ihn ermahnte, in der Schule gut aufzupassen. Er wollte seinen Dad, der ihm durch die Haare wuschelte und ihm viel Spaß wünschte, bevor er ins Büro fuhr.

Die Kinderzimmertür flog mit einem Knall gegen die Wand. Drei Silhouetten hoben sich vom Lichtschein im Flur ab. Jason wimmerte bloß.

Die Deckenlampe flammte auf.

Splitterseelen, ein Gay Fantasyroman von Sandra Busch und Sandra Gernt
Splitterseelen, ein Gay Fantasyroman von Sandra Busch und Sandra Gernt

Schwarz gekleidete Männer mit Skimasken. Sie hielten Schusswaffen in den Händen.

„Nur’n Bengel“, sagte einer und hob die Pistole. „Hier ist auch nichts zu holen, verdammt!“

Jason wollte die Augen zukneifen. Er wollte nicht mitansehen müssen, wenn der Einbrecher auf ihn schoss. Er wollte nicht sterben. Es war falsch, mit elf Jahren zu sterben. Schließlich war er morgen mit Paul zum Schwimmen verabredet. Und er musste den Geschichtstest nachschreiben. Wenn er den in den Sand setzte, würde Mrs. Wintershell ihm Ärger machen. Doch er konnte den Blick nicht abwenden und sah …

Die Luft flimmerte kurz. Wie aus dem Nichts erschien plötzlich ein Junge vor den Einbrechern. Sein schwarzes Haar stand wild in alle Richtungen, als wäre er gerade aus dem Bett gesprungen. Er trug einen weißen Schlafanzug, wodurch er seltsam unschuldig wirkte, trotz des Schwertes, das er fest in den Händen hielt.

Die Männer glotzten ihn an wie eine Offenbarung des Himmels. Die Schwertklinge glitzerte im Licht der Deckenlampe, als der Junge zuschlug.

Einmal. Zweimal. Dreimal.

Eiskalt, mit sparsamen, präzisen Bewegungen und einem lieblichen Lächeln auf den Lippen.

Jason blinzelte. Die Einbrecher lagen still am Boden. Überall war Blut. Der Junge wandte sich ihm zu. Auch sein schöner weißer Schlafanzug war blutbesudelt, was ihn nicht hinderte, ihm freundlich zuzulächeln. Jason betrachtete sein weiches Kindergesicht, er war sicherlich nicht älter als er selbst, wenn überhaupt.

Strahlend blaue Augen erwiderten seinen forschenden Blick. Der Junge trug eine Kette mit einem geschliffenen Saphir um den Hals. Jason hatte sich mit Mineralien und Edelsteinen beschäftigt, bevor er seine Leidenschaft für die Sterne entdeckte. Darum wusste er, dass dieser Stein ein Vermögen wert sein musste, falls er echt sein sollte. Der Saphir besaß exakt dieselbe Farbe wie die Augen des Fremden und schien von innen heraus zu glühen.

„Wer bist du?“, fragte Jason schließlich. Eine seltsame Ruhe senkte sich über ihn, jetzt, wo die Todesangst langsam nachließ. Er fühlte sich völlig erschöpft, noch stärker als nach zwei Stunden Schwimmtraining. Ihm war bewusst, dass er zu einem Mörder sprach. Dass drei Leichen neben seinem Teleskop und seinen Star Wars-Sammelfiguren lagen. Dass seine Eltern tot waren.

Er wusste bloß nicht recht, was das alles mit ihm zu tun hatte, also lächelte er den Jungen an, der gerade das Schwert mit seinem Lieblings-T-Shirt sauber wischte.

„Ich bin Jason Andrews“, murmelte er, als der Junge nicht reagierte. Dieser zog die Augenbrauen hoch, zögerte, gab sich endlich einen Ruck.

„Mein Name ist Calael. Ich kenne dich schon dein ganzes Leben.“

„Hi, Calael.“ Er war barfuß, stellte Jason zusammenhanglos fest. Draußen lag knöchelhoch der erste Novemberschnee, warum lief er barfuß? Obwohl – weiße Kleidung, barfuß, womöglich war er …

„Bist du mein Schutzengel?“, fragte Jason eifrig. Immerhin hatte er ihm das Leben gerettet!

Calaels Lächeln wurde finster, auf eine Art, wie kein Engel jemals lächeln würde.

„Nein, Jason. Ich bin dein Seelenzwilling.“

Er zwinkerte ihm zu, hob das Schwert wie zum Gruß – und verschwand.

Jason starrte wieder aus dem Fenster. Er konnte den Mond nicht mehr sehen. An der Scheibe glitzerten Bluttropfen. Sein betäubter Verstand rang eine Weile mit dieser Beobachtung. Dann begann er anhaltend zu schreien … Und zu schreien …

Und erwachte.

Kapitel 1

Jason schaltete den Wecker aus, dessen schrilles Piepsen ihn aus dem Alptraum gerettet hatte, und sank stöhnend zurück in das schweißgetränkte Kissen. Er träumte nicht mehr oft von dieser Nacht vor rund zehn Jahren, als seine heile Welt brutal vernichtet worden war, aber wenn, dann war der Schrecken nicht weniger präsent als damals.

Nachbarn hatten die Polizei gerufen, alarmiert von den Schüssen und den lauten Schreien. Jason würde nie den Gesichtsausdruck der Beamten vergessen, die ihn aus dem Haus geholt hatten. Derjenige, der ihn trug, hatte still geweint, der andere hatte sich im Vorgarten übergeben. Zumindest hatten sie es geschafft, ihm den Anblick seiner Eltern zu ersparen. Das Bild der zerstückelten Leichen der Einbrecher reichte, es hatte sich unauslöschlich eingebrannt. Manchmal, wenn seine Freunde von Filmen oder Büchern erzählten, in denen es um Schwertkämpfe ging, flammte es wieder auf. Es war besser geworden, seit er vor drei Jahren mit Aikido begonnen hatte, einer defensiven japanischen Kampfsportart. Das Gefühl, sich im Ernstfall verteidigen zu können, half gegen die nächtlichen Ängste.

Eine ganze Woche hatten die Ärzte ihn unter Beruhigungsmitteln dahindämmern lassen, bis er nicht mehr schrie, sobald die Wirkung nachließ. Über das, was in dieser Nacht geschehen war, hatte er zu niemandem gesprochen. Weder den Beamten noch den zahlreichen Psychologen und Therapeuten hatte er von Calael erzählt. Nicht nur, weil Jason bewusst war, dass niemand die Geschichte von einem kindlichen Todes- oder Schutzengels glauben würde – es war ihm vom Anfang klar gewesen, auch wenn er damals erst elf Jahre alt war. Nein, Calael gehörte ihm, ihm ganz allein. Er war womöglich eine Illusion, ein Produkt seines Verstandes, der unter dem Terror dieser Nacht zusammengebrochen war, obwohl er das tief in seinem Inneren nicht glaubte. Die Polizisten sprachen zumindest von einem vierten Einbrecher, der sich gegen die anderen gewandt und sie umgebracht hatte, bevor er floh. Dass Jason für die Toten verantwortlich sein könnte, hatte man zum Glück ausgeschlossen, da die Tatwaffe fehlte und er viel zu verstört gewesen war, um diese zu verstecken. Vom mangelnden Blut an ihm und seiner Kleidung ganz zu schweigen.

Man ging davon aus, dass die Männer von der geringfügigen Beute enttäuscht gewesen sein mussten – Geld, Schmuckstücke und sonstige Kostbarkeiten hatten seine Eltern in einem Banktresor aufbewahrt. Womöglich hatten sie aus Wut über den fehlgeschlagenen Raubzug beschlossen, die Bewohner des Hauses zu töten und waren darüber irgendwie in Streit geraten.

Jedenfalls, Jason war der erste, der zugeben würde, dass es keine Engel geben konnte. Und trotzdem … Wer sagte, dass Calael wirklich ein Engel war?

Da Jasons Großeltern gesundheitlich zu schwach waren, um ihn aufzunehmen, und die Geschwister seiner Eltern und sonstige Verwandte nicht dazu bereit waren, hatte man ihn in einer Pflegefamilie untergebracht. Die Berlingtons waren ein Glücksfall für Jason: Ein freundliches älteres Ehepaar, das gar nicht erst versuchte, seine Eltern zu ersetzen, aber alles gab, um ihm ein Zuhause zu schenken. Bei ihnen hatte er Ruhe gefunden und ein normales Leben führen können.

Mittlerweile studierte Jason Anglistik an einer kleinen Universität. In der Woche wohnte er in einer winzigen Studentenbude, an den Wochenenden fuhr er oft zu seinen Pflegeeltern.

Calael hatte er in den vergangenen Jahren mehrmals wiedergesehen, immer im Zusammenhang mit Todesangst und Lebensgefahr. Einmal stand er am Straßenrand, als Jasons Schulbus mit einem Transporter zusammenstieß. Es war nichts geschehen, abgesehen von zerbeultem Blech und großem Schrecken, doch es hätte schlimmer kommen können.

Als ihm in einer Notoperation der Blinddarm entfernt worden war, hatte er ihn im Aufwachraum bemerkt, einen winzigen Moment lang nur. Und vor zwei Jahren hatte ihn ein Hund auf offener Straße attackiert. Der Besitzer hatte das Tier sofort unter Kontrolle gehabt, Jason war mit einer leichten Bisswunde am Unterarm davon gekommen. Ob es wirklich Calael gewesen sein mochte, der am Fenster eines der Häuser gestanden hatte, wusste er nicht. Genauso wenig wie er wusste, ob er ihn beschützte oder darauf wartete, dass er endlich starb …

Er wollte fest an ersteres glauben.

Seufzend raffte sich Jason auf, er musste jetzt schleunigst duschen und zur Uni fahren. Morgen war sein einundzwanzigster Geburtstag. Seine Freunde wollten mit ihm reinfeiern, seine Pflegeeltern warteten darauf, dass er spätestens zum Mittagessen bei ihnen sein würde. Dementsprechend gab es heute noch viel zu erledigen.

Als Jason geduscht, rasiert und angezogen war, hatte er den Terror des nächtlichen Alptraumes abgeschüttelt. Pfeifend sammelte er seine Unterlagen für die Vorlesungen zusammen, während er Kaffee schlürfte.

„Wirst du jetzt mal langsam fertig, mein Hübscher?“

Jason fuhr beim Klang der fremden Stimme herum. Ein Mann lag lässig ausgestreckt auf Jasons Bett.

„Wer …?“ Jason fiel die Kaffeetasse aus den Händen, als er in Abwehrhaltung ging; er merkte es kaum.

Der Fremde erhob sich mit eleganten, kraftvollen Bewegungen. Er war ungefähr Mitte Zwanzig, ein athletischer, hochgewachsener Typ mit kurzem dunklen Haar und einem markant geschnittenem schmalen Gesicht. Seine schwarzen Augen musterten Jason mit arroganter Härte.

„Ein Jammer“, murmelte er. „Du bist gut trainiert, du hättest einen hervorragenden Dämon abgegeben.“

„Hä?“ Jason merkte selbst, dass er gerade nicht sonderlich geistreich war. Allerdings war es ihm auch schleierhaft, wie er ein Wortkünstler sein sollte, wenn ein fremder Mann in seinem Bett lag und irgendetwas von Dämonen faselte.

„Ich habe dir ein Kompliment zu deiner guten Figur gemacht. Du könntest dich einfach dafür bedanken.“

„Wer sind Sie und wie kommen Sie hier überhaupt herein?“ Jason gab seine Abwehrhaltung lieber nicht auf. Vielleicht war der Typ ein Junkie, der bei ihm eingebrochen war und ihn ausrauben wollte.

Wie damals, als die maskierten Männer meine Eltern umbrachten, fuhr es Jason durch den Kopf. Mit dem feinen Unterschied, dass dieser Kerl nicht maskiert war und auch keine Handschuhe trug. Dabei wusste doch jeder Depp, dass man Fingerabdrücke hinterließ.

„Namen …“ Der Einbrecher schaute theatralisch zur Decke empor. „Menschen brauchen immer Namen.“

„Was soll das heißen – Menschen?“, fragte Jason irritiert.

„Bist du etwa kein Mensch?“, erkundigte sich der Fremde im gelangweilten Ton und nahm ein Foto seiner Pflegeeltern von dem Sideboard, um es zu betrachten.

„Natürlich bin ich ein Mensch. Was soll die blöde Frage?“

Sein Gegenüber antwortete nicht, sondern stellte lediglich das Foto ordentlich zurück. Er trug eine schwarze Lederjacke mit etlichen Schnallen und Nieten, dazu eine ebenfalls lederne Hose mit seitlicher Schnürung und derbe Boots. Von der Optik her wirkte der Fremde weniger wie ein Junkie, als vielmehr wie ein Mitglied einer Motorradgang. Möglicherweise war er aber auch eine Kombi aus beidem.

„Es wäre wirklich nett, wenn Sie wenigstens eine meiner Fragen beantworten würden.“ Jason gab seinem Ton einen sarkastischen Beiklang.

„Mijo.“

„Was?“

Der Fremde lehnte sich lässig gegen das Sideboard und grinste ihn an. „Ich heiße Mijo. Du kannst mich auch gerne Sonny, Gilbert oder Jack nennen, wenn dir das besser gefällt.“

Sollte das etwa witzig sein? Jason atmete tief durch. „Mijo also. Sind Sie etwa hier, weil mir ein paar Freunde einen Streich zum Geburtstag spielen wollen?“

„Geburtstag ist ein wunderbares Stichwort. Du hast nicht etwa morgen Geburtstag?“

„Rein zufällig.“ Jason gab seine abwehrende Haltung auf. Inzwischen kam er sich etwas lächerlich vor, zumal der Typ keine Anstalten machte, ihn in irgendeiner Form anzugreifen. „Okay, welcher meiner Freunde hat sich diesen blöden Gag ausgedacht und …“

Plötzlich stand der Fremde ganz dicht vor ihm. Dabei hatte Jason nicht einmal gesehen, wie er sich bewegte.

„Kein Gag, Jason“, flüsterten schmale Lippen dicht vor seinem Gesicht. „Das Tribunal schickt mich. Ich soll verhindern, dass du morgen eine unschöne Begegnung mit einer scharfen Klinge hast.“

Die Abwehrhaltung war keineswegs lächerlich. Jason nahm sie sofort wieder ein.

„Wer will mich umbringen?“

„Wer redet denn von umbringen? Du hast die Hauptrolle in einer Opferung.“

Gleich würde er durchdrehen. Ganz bestimmt. Sprach dieser Fremde von einer Sekte, die sich ausgerechnet ihn ausgeguckt hatte? Oder war dieses merkwürdige Gespräch doch von seinen Freunden inszeniert worden und er würde sich morgen bei YouTube bewundern können?

„Ich merke schon, du glaubst mir nicht. Fangen wir es also anders an. Hm …“ Der Lederjackentyp tippte sich nachdenklich mit dem Finger gegen die Lippen. „Kennst du einen jungen Mann, schwarze Haare, weiße Kleidung? Er taucht auf, sobald du dich in einer brenzligen Situation befindest.“

„Calael“, murmelte Jason unwillkürlich.

Der Fremde lächelte und breitete die Arme aus. „Hurra! Wir haben eine gemeinsame Basis gefunden. Calael wird dir morgen noch einmal erscheinen. Und dann wird er dich mehr oder weniger freundlich überreden, mit ihm zu gehen und ehe du dich versiehst, steckt ein Opfermesser in deiner Kehle. Kurz darauf verwandelst du dich in einen Dämon, wenn auch nicht in einen so gut aussehenden, wie ich es bin. Diese Form der Existenz möchte das Tribunal dir gerne ersparen. Eine derartige Verwandlung wäre für uns außerdem ziemlich unangenehm, da wir anderweitige Pläne haben, in die deine Opferung nicht wirklich hineinpasst. Außerdem hast du für morgen bestimmt ganz andere Vorstellungen. Kuchen essen, Geschenke auspacken, ein Besäufnis mit deinen Kumpels … etwas in der Art? Daher bin ich hier und würde dich gerne mitnehmen, um Calael am besten aus dem Weg zu gehen.“

Jason stand da und starrte den Fremden entgeistert an. Schließlich trat er einen Schritt zurück, um etwas Abstand zwischen sich und dem Junkie – das musste einer sein – zu bringen.

„Mann, was hast du denn geraucht?“ Da sein Gegenüber offenbar nichts vom Siezen hielt, wechselte Jason ebenfalls zum Du über.

„Ich rauche nicht.“

„Was ist es sonst? Pillen? Oder spritzt du?“

„Ich bin völlig clean.“

„Das kannst du deiner Großmutter erzählen.“

„Dämonen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie keine Großmütter haben.“

Vorsichtig vergrößerte Jason den Abstand zu dem unheimlichen Kerl. „Du hältst dich also für einen Dämon?“

Die ersten Spuren von Verärgerung tauchten in Mijos Gesicht auf. „Nuschel ich etwa?“, fragte er bissig. „Oder bist du für einen Studenten etwas rar im Oberstübchen geraten?“

Es war wohl besser seinen unerwünschten Besucher, der gerade die Arme vor der Brust verschränkte, nicht zu reizen.

„Ich fasse mal zusammen“, sagte Jason behutsam. „Calael ist stets erschienen, wenn ich in Gefahr war. Richtig?“

Mijo nickte knapp.

„Und du bist ein Dämon.“

Ein erneutes Nicken bestätigte seine Aussage.

„Wäre ich nicht bekloppt, wenn ich mit einem Dämonen anstatt mit meinem Schutzengel gehen würde?“

Mijo begann zu lachen. „Er ist alles andere als dein Schutzengel, Jason. Calael ist dein Seelenzwilling. Und er beschützt dich nur bis heute Schlag Mitternacht. An deinem einundzwanzigsten Geburtstag muss er dich opfern, um die begehrten magischen Kräfte zu erhalten.“

„So ein Unfug. Er hat immer über mich gewacht.“

Mijo raufte sich die Haare. „Wie kann ich dich bloß überzeugen?“, brummte er. Plötzlich merkte er auf. „Ist dir ein heller Saphir aufgefallen, den er um den Hals trägt?“

Jason nickte. An den wertvollen Stein konnte er sich gut erinnern, denn er hatte die aufregende Farbe von Calaels Augen. Und die fühlte er täglich behütend auf sich gerichtet. Schöne Augen in einem schönen Gesicht. Manchmal träumte Jason von seinem Engel. Und das waren ganz unengelhafte Träume …

„Über diesen Saphir erfährt Calael, wenn du in Gefahr gerätst. Daher wäre er längst hier, wenn ich für dich eine Bedrohung darstellen würde. Ist doch logisch, oder?“

„Solange du mir die Wahrheit erzählst. Allerdings sind Dämonen nicht gerade dafür bekannt, dass sie die Wahrheit erzählen, nicht wahr? Calael ist mein Schutzengel. Er wacht über mich und wird das auch weiterhin tun. Ich habe keine Ahnung, woher du Junkie das alles weißt, das ist mir auch ehrlich gesagt schnurz. Was willst du? Geld? Pillen habe ich keine im Haus.“

Mijo starrte ihn an.

„Ich möchte jetzt, dass du gehst. Ich muss nämlich dringend zu meiner Vorlesung.“

„Hast du mir nicht zugehört?“

„Das habe ich. Und offenbar viel zu lange.“ Jason fischte in seiner Tasche nach dem Handy. „Ich rufe jetzt die Polizei …“

Erneut lachte Mijo. „Bevor die mit ihrem Tatütata hier sind, sind wir beide längst fort.“

Das Handy wurde Jason aus der Hand gepflückt. Verflixt! Dieser Mijo hatte sich durch das halbe Zimmer bewegen müssen, um vom Sideboard zu ihm zu gelangen. Er hatte extra auf Abstand geachtet. Wie konnte sich dieser Mann so flink fortbewegen? Jason versuchte ihn mit einem Aikido-Griff abzuwehren, fand sich jedoch überraschend mit der Wange an der Wand und dem Arm auf den Rücken verdreht wieder.

„Es langt mir allmählich, Jason. Da du auf Erklärungen offenbar nicht hören willst, werde ich dich nun zu deinem Glück zwingen müssen.“ Mijos Stimme ertönte ganz dicht an seinem Ohr. Die Lippen streiften sogar seine Haut, was einen Schauer über Jasons Rücken schickte. Panik stieg in ihm auf. Was hatte der Irre mit ihm vor?

„Es ist alles gut“, sagte er keuchend. „Das mit der Polizei war ein Scherz. Lass mich los und wir reden ganz in Ruhe miteinander, ja?“

„Wir haben genug geredet. Ich möchte vermeiden, dass Calael in seiner Ungeduld womöglich vorzeitig hier auftaucht. Also verschwinden wir beide jetzt.“

Jason schrie auf, als er mit großer Wucht herumgeschleudert wurde. Im Reflex streckte er noch abwehrend die Arme aus, weil er befürchtete, gegen die Spiegelglastüren seines Kleiderschranks zu krachen. Stattdessen fiel er einfach hindurch …

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Über Sandra Gernt

Sandra Gernt

Sandra Gernt wurde am 17.03.1976 in der Nähe von Düsseldorf geboren, und lebt mit ihrer Familie noch heute in einem Dorf am Niederrhein. Nach Abschluss der Realschule begann sie eine Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitete bis zur Geburt ihrer Kinder mit Begeisterung in diesem Beruf. Leider musste sie ihn aus gesundheitlichen Gründen aufgeben und arbeitet seit 2009 hauptberuflich als Autorin und Lektorin, sowohl für den Dead Soft Verlag als auch selbständig. Meistens spielt die Handlung in phantastischen Welten und umfasst die Palette von Märchen für Kinder bis Horror. Mit „Die Ehre der Am’churi“ hat sie sich zum ersten Mal in das Reich homoerotischer Phantasien gewagt. Weitere Pseudonyme sind u.a. Sonja Amatis (Gay Crime) und Lea Baldow (Hetero/zeitgenössisch)

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