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SWB lösen Großalarm aus/Polizei-Einsatzhundertschaft sperrt Stadtbahntunnel

BONN (BAfmW) – Um sechzehn Uhr lösten die Stadtwerke Bonn Alarm aus und sperrten die Strecke zwischen Hauptbahnhof und Bad Godesberg komplett. Notfallpläne traten in Kraft und es wurde ein Schienenersatzverkehr eingerichtet, doch das konnte nicht verhindern, dass auf der B9 der Verkehr nahezu zusammenbrach.

SWB-Großalarm: Menschenmassen drängeln sich vor dem Eingang zu Hauptbahnhof Bonn

„Wir unterbrechen unser Programm für eine dringende Meldung“, verkündete Radio Bonn-Rhein-Sieg. „Einsatzfahrzeuge der Polizei und der Feuerwehr haben alle Straßen rund um die Heußallee abgesperrt und evakuieren das Bundesviertel. Schwer bewaffnete Einheiten der Polizei stehen vor den Eingängen der Stadtbahnhaltestellen Museum König, Heussallee und Ollenhauerstraße. Der Verkehr der Linien 63 und 66 wurde eingestellt und im Stadthaus hat ein Krisenstab die Arbeit aufgenommen. Zur Ursache ist bisher nichts bekannt. Sobald es etwas Neues gibt, informieren wir Sie.“

Cosmin, der gerade mit seinem Wagen in Richtung Innenstadt unterwegs war, fluchte, als er sich mitten im Stau wiederfand. So gerade eben konnte er noch in eine Seitenstraße abbiegen und steuerte kurz entschlossen eine ruhende Baustelle an, wo er sein Auto abstellte.

Er blieb im Auto sitzen und lauschte den weiteren Durchsagen. Der WDR verkündete gerade, dass auch der Busverkehr nicht weiterkam. Mit Mühe und Not bahnten sich weiterer Einsatzfahrzeuge den Weg zwischen den Autos hindurch, die eine Rettungsgasse bildeten.

Cosmins Smartphone lieferte auch keine Aufklärung, als er die Nachrichtenportale durchscrollte. Über Twitter und Facebook kursierten die wildesten Gerüchte und deckten die gesamte Palette von Terroranschlag und Gasexplosion bis Unfall ab.

SWB-Großalarm in Bonn: Stadtbahnsteige sind geräumt, Linien 16, 63 und 66 stehen still

Und wie komme ich jetzt nach Hause?, fragte sich der Vampir. Da hat man ein paar Tage Ruhe, weil Malte und Sebastian heute Morgen zur Kasbah abgeflogen sind, und dann bricht hier in Bonn das Chaos aus. Es hätte ein netter Abend werden können, mal wieder ein Buch lesen, einen guten Wein dabei. Und jetzt sitze ich hier fest.

Er stieg aus und entschloss sich, zu Fuß zu gehen. Am Rhein entlang. Den Wagen konnte er später abholen.

Ein paar Straßen weiter war der Bereich um die Eingänge zur Haltestelle Heußallee abgeriegelt worden. Hinter Schutzschilden verbargen sich mit schweren Schutzwesten gesicherte und bewaffnete Polizisten. Gepanzerte Fahrzeuge standen im Hintergrund. Hauptkommissar Lux leitete den Einsatz und nahm die Meldungen entgegen.

„Die Stadtbahntunnel sind von beiden Seiten gesichert, weder von Godesberger Seite noch vom Museum König aus kommt etwas durch“, quäkte es aus dem Funkgerät.

„In Ordnung“, antwortete Lux und blinzelte. Er beugte sich über die Pläne der unterirdischen Tunnel und fuhr mit dem Finger über die Linien, die den Verlauf der Strecke wiedergaben. „Dann werden wir den Tunnel jetzt in Richtung Museum König durchsuchen.“

„Wir gehen nach Plan vor?“, fragte Jens Nicolay, der kurz nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus darum gebeten hatte, dabei sein zu dürfen.

SWB-Großalarm in Bonn: Nicht einsteigen

„Ja, Schritt für Schritt. Irgendetwas ist dort unten, was dort nicht hingehört“, brummte Lux. „Los jetzt.“

Bewaffnete Beamte setzten sich in Bewegung und stiegen im Gleichschritt die Treppe zum Eingang der Haltestelle hinunter.

Die rund fünfzehn Kilogramm schwere Weste brachte Lux bald zum Schwitzen. „Ich werde eindeutig zu alt für solche Einsätze“, murmelte er.

Sie erreichten den Bahnsteig und sprangen einer nach dem anderen in das Gleisbett herunter. Taschenlampen strahlten in das matte, von schwacher Notbeleuchtung nur unzureichend erhellte Dunkel des Tunnels. Die Stille wurde nur unterbrochen durch die Geräusche, die die Männer beim Laufen über den Schotter der Schienen verursachten.

In Lux machte sich ein unangenehmes Kribbeln breit, ein unbehagliches Gefühl, das von der Magengegend her bis in den Nacken strahlte. Und es wurde stärker, je weiter sie vorstießen.

„Puh, was ist denn hier angebrannt?“, flüsterte einer der Männer, der Lux voranging. Ja, eindeutig. Brandgeruch! Im Kegel der Taschenlampen waren Rußspuren an der Wand zu erkennen. Es roch nach kaltem, abgestandenem Rauch, etwas schweflig.

SWB-Großalarm in Bonn: Die Linie 18 entläßt die letzten Fahrgäste

Einige der Beamten husteten verhalten und Lux brannten die Augen.

„Halt! Das gefällt mir nicht. Wir kehren um. Ich will Frischluft haben. Wer weiß, ob hier nicht irgendwelche Gase herumwabern“, ordnete er an. Sie kehrten um und Lux forderte von der Feuerwehr starke Ventilatoren an, die Frischluft in die Tunnel blasen sollten.

Von der Feuerwache II in Bad Godesberg trafen die Druckbelüfter nach kurzer Zeit ein. Bald verkündeten das gleichmäßige Summen und ein starker Luftzug, dass die Geräte ihre Arbeit aufgenommen hatten. Die Feuerwehr führte Luftmessungen durch und gab nach einer Weile den Tunnel frei.

Als der Hauptkommissar den Tunnel erneut betrat, durchfuhr ihn jedoch wieder das unangenehme Gefühl. Er warf einen Blick auf die Gesichter seiner Kollegen und stellte fest, dass er nicht der Einzige war, dem es so erging. Einige hatten Schweiß auf der Stirn und atmeten heftig.

„Alles in Ordnung?“, fragte er leise in Richtung seiner jüngeren Kollegen.

„Kommt mir vor wie beim letzten Grillabend, als das Fleisch nicht so ganz in Ordnung war“, ächzte Lars Wilhelm. „Chef, hier ist was faul! Erinnern Sie sich noch, wie es war, als wir den Vam … äh, ich meine Cosmin Radulescu und diese Studenten-WG besuchten? So ähnlich fühlt sich das an.“

„Das ist ein guter Hinweis, Lars“, erwiderte Lux bedächtig und überlegte. Darauf hätte ich auch kommen können. Ob wir es hier mit einem Vampir zu tun haben? Aber was soll dann der Rauch? Und das Brüllen, das einige Zeugen gehört haben wollen?

„Ich denke, wir sollten einen Sachverständigen hinzuziehen“, beschloss Lux, als sie der Biegung des Tunnels folgten. Plötzlich hörten sie ein rasselndes Geräusch und ein Schnaufen, das alles andere als menschlich klang. Es ließ ihnen die Haare zu Berge stehen. Die Beamten blieben stehen und lauschten.

„Waffen entsichern“, wies Lux seine Truppe leise an. Plötzlich quoll eine Rauchwolke den Tunnel entlang, dann wurde es auf einmal hell. Eine Flammenwalze rollte auf sie zu. Ein markerschütterndes Brüllen hallte durch den Gang.

Mehrere Beamte feuerten blindlings ihre Waffen ab und Kugeln pfiffen durch den Tunnel. Als das Sirren der Querschläger ertönte, die an den Wänden abprallten, warfen sich einige Polizisten zu Boden.

Polizeiwagen am Hauptbahnhof Bonn

„Rückzug!“, schrie Lux gegen das Brüllen an, das die Tunnelwände erbeben ließ. Die Lichter der Taschenlampen zuckte wie das Flashlight einer Disco. Die Polizisten retteten sich zur Haltestelle zurück und kletterten in den beleuchteten Bereich. Gebannt blickten sie in den Tunnel, doch jegliche Geräusche waren verstummt. Offenbar verfolgte sie das … nicht, was auch immer es war.

Heftig atmend ließ Lux sich auf eine der Bänke fallen. Noch immer hielten einige der Beamten ihre Waffen entsichert in den Händen, so als ob sie einen Angriff erwarteten. Er befahl ihnen, sie wegzustecken, bevor noch ein Unfall geschah.

„Und was war das jetzt? Sind wir hier in einem drittklassigen Gruselfilm in der Kanalisation von Florida und lassen uns von Monsteralligatoren jagen?“, keuchte einer der Beamten. „Kann mir mal einer erklären, was das war?“

„Ich habe nicht die geringste Ahnung!“

„Purer Horror!“

„Chef?“

„Was ist?“

„Vielleicht sollten Sie jetzt wirklich einen Sachverständigen hinzuziehen?“, schlug Lars Wilhelm vor. Er sah auch recht blass um die Nase herum aus, wie Lux feststellte.

„Sachverständiger für was?“, kam die Frage aus dem Kreis der anderen Beamten.

„Tiergeräusche! Das muss irgendein Tier sein. Vielleicht ist eine Raubkatze aus einem Privatzoo ausgebrochen und versteckt sich dort.“

„Sicher. Klar. Und sie spuckt Feuer. Macht meine Katze auch, wenn sie nicht rechtzeitig ihr Futter bekommt.“

„Quatsch! Das war bestimmt eine Gasansammlung, die sich irgendwie entzündet hat.“

„Nachdem die Feuerwehr die Tunnel gerade erst gelüftet hat?“, widersprach Jens Nicolay. „Da soll sich schon wieder Gas gesammelt haben? Unsinn!“

„Alle Zoos wurden überprüft, es wird nirgendwo ein Löwe oder Tiger vermisst und die hören sich auch anders an“, erklärte Lars Wilhelm. „Das war nie und nimmer eine Raubkatze.“

„Wir kehren jetzt nach oben zurück und ich überlege, was wir als Nächstes machen“, entschied Lux, ohne auf die Bemerkungen einzugehen. Das Kribbeln hatte nachgelassen und verschwand komplett, als sie die Treppe zur Oberfläche hochgingen. Er erstattete dem Krisenstab Bericht und griff dann kurz entschlossen zum Handy, während er auf weitere Anweisungen wartete.

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„Hallo Herr Radulescu? … Ja, die Sperrung ist nervig, vielleicht dürfte ich Sie um einen Gefallen bitten? … Ich bin mir nicht sicher, was hier passiert, aber ich habe so ein seltsames Gefühl. Es ist ähnlich wie beim ersten Mal, als wir uns kennenlernten. … Ja, ich glaube, da unten ist etwas, bei dem Sie uns eher helfen könnten als jemand anderes. … Wo sind Sie denn? … Ich lasse Sie abholen. … Auch wieder wahr. Zu Fuß sind Sie vermutlich schneller, da haben Sie recht.“

Die Haltestelle war nur fünfhundert Meter von Cosmins Standort entfernt und nach wenigen Minuten kam er dort an. Ein uniformierter Polizist verweigerte ihm zunächst den Zutritt. Dann kam der Kommissar und ließ ihn passieren.

„Das hier ist vertraulich und es bleibt unter uns.“

Cosmin nickte und lauschte, als ihm Lux schilderte, was im Tunnel passiert war. „Ich weiß nicht so recht, was ich hier soll“, sagte der Vampir nach einem Moment des Schweigens. „Vampire sind nicht feuerfest, Herr Lux. Nicht, dass ich Ihnen nicht helfen möchte. Früher habe ich Bären und Wölfe erlegt, aber das ist schon sehr lange her. Und ich finde es eigentlich ganz nett zu wissen, was ich jage.“

„Herr Radulescu, wenn ich glaubte, dass wir es hier mit einem Löwen oder Leoparden zu tun hätten, dann wären die Veterinäre hier mit einem Betäubungsgewehr. Nein, ich bin sicher, dass wir es nicht mit einem Raubtier zu tun haben. Es ist was anderes, eher etwas, das in Ihre Richtung geht.“

Er zuckte mit den Schultern.

„In meine Richtung? Wie dezent Sie das Wort Vampir umgehen. Ich darf Ihnen versichern, dass Sie da unten bestimmt keinen Vampir vor sich haben. Weitere Vampire außer mir, Jan, Elias und gelegentlichen Besuchen der Bucharis gibt es hier nicht. Wir würden es merken und außerdem würden sich Vampire nicht in dunklen Stadtbahntunneln verstecken. Wir wissen die Annehmlichkeiten der Zivilisation durchaus zu schätzen, wissen Sie“, sagte Cosmin Radulescu trocken. „Aber wenn Sie meinen, dass ich helfen kann, will ich es gern versuchen.“

Lux zögerte. „Kennen Sie das Gefühl, in einem dunklen Raum zu sein und zu wissen, dass man nicht allein ist? Es war ein wenig, als ob mich jemand abtastete und dabei leise vor sich hinmurmelte, ohne zu merken, dass er laut spricht.“

„Ich denke, ich weiß, was Sie meinen, Herr Lux“, sagte Cosmin.

„Da ist jemand“, sagte Lux so leise, dass die anderen Beamten es nicht hörten. „Seitdem ich weiß, dass es Vampire gibt und was sie so können, bin ich geneigt, mehr Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, wenn etwas auf den ersten Blick unerklärlich zu sein scheint.“

Einige Beamte runzelten die Stirn, als der Kommissar Cosmin als Sachverständigen vorstellte, der vermutlich in der Lage wäre, das Brüllen zu identifizieren. Von Lars Wilhelm bekam der Vampir eine Schutzweste und einen Helm mit Sichtschutz ausgehändigt. Die Feuerwehrleute instruierten ihn, wie er im Notfall eine Atemschutzmaske anzulegen hätte. Währenddessen führte der Kommissar ein längeres Gespräch mit dem Krisenstab.

„In Ordnung. Der Krisenstab hat zugestimmt. Wir gehen da jetzt noch einmal runter und werden von der Feuerwehr begleitet. Herr Radulescu kommt ebenfalls mit. Und wir nehmen die Nachtsichtgeräte mit, da die Beleuchtung teilweise ausgefallen ist.“

„Was machen wir, wenn uns das Viech anfällt?“

„Na was wohl? Schießen! Oder hast du eine Dose Whiskas dabei?“, pflaumte ein Kollege.

Lux hob beschwichtigend die Hände. „Natürlich steht die Sicherheit an vorderster Stelle, aber ich hoffe, dass wir keinen Gebrauch von der Schusswaffe machen müssen. Vielleicht kann Herr Radulescu uns beizeiten einen Ratschlag geben. Los jetzt!“

Ein drittes Mal betraten die Polizisten den Stadtbahntunnel, dieses Mal begleitet von mehreren Feuerwehrleuten.

„Wir haben unten Anschlüsse für Schläuche, die weit in den Tunnel reichen. Und alle paar hundert Meter sind weitere Anschlüsse. Wenn also ein Brandherd entstehen sollte, können wir es schnell unter Kontrolle bekommen“, erläuterte der Löschgruppenführer der Feuerwehr. „Die SWB haben den Strom abgestellt. Und wir haben Pulverlöschgeräte dabei.“

„Hat jemand ein Fangnetz?“, erkundigte sich Jens Nicolay ironisch. „Falls im Tunnel irgendein Tier herumläuft. Oder eine wild gewordene Tschuff Tschuff auf uns losgeht?“

Nervöses Gelächter schallte durch die Station, als die Gruppe erneut die Schienen betrat. Mehrere Feuerwehrleute rollten einen Schlauch ab.

„Still jetzt!“, zischte Lux und setzte sich an die Spitze, gefolgt von Cosmin. Langsam schlichen sie durch den Tunnel.

Cosmins Ohren fingen ein schwaches Geräusch ein.

„Herr Lux?“, flüsterte er und tippte den Kommissar auf die Schulter. „Warten Sie. Ich höre etwas, etwa vierhundert Meter von uns entfernt. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, um was es sich handelt.“

„Stop!“, ordnete Lux an und Cosmin lauschte konzentriert.

„Da sind Schritte. Aber es kommt etwas verzerrt, ist da vielleicht ein Seitengang?“

„Ja, da ist eine Abzweigung. Laut Streckenverzeichnis“, antwortete Lux und leuchtete mit der Lampe auf die Pläne, „geht da ein blinder Seitentunnel ab. Da steht noch eine alte Bahn und es gibt einen Aufenthaltsraum, der aber nicht mehr genutzt wird. Können Sie beschreiben, was Sie genau hören?“

„Schritte, verbunden mit einem Kratzen und Schleifgeräuschen. Definitiv nicht die Geräusche von Schuhen. Es ist keine große Katze, die ihre Krallen einziehen kann, auch kein Hund, das hört sich anders an. Es hört sich an wie ein Tier, das seinen Schwanz hinter sich herzieht. Und es ist etwas Großes.“

„Woher wollen Sie das wissen?“, kam die skeptische Frage aus der Gruppe der Beamten. „Ich höre absolut nichts.“

„Ich auch nicht“, schloss sich ein anderer leise an.

„Mein Junge, es ist nicht mein Problem, wenn Sie sich Ihre Ohren in den Klubs ruiniert haben“, konterte Cosmin nüchtern.

„Hat der gerade ‚mein Junge‘ gesagt?“, flüsterte die erste Stimme. „Was sind Sie noch mal für ein Fachmann?“

Von vorn kam ein dumpfes, langgezogenes Ächzen und das flüsternd geführte Gespräch verstummte.

„Also los, weiter jetzt!“, kommandierte Lux leise. Die Gruppe setzte sich in Bewegung. „Vorsicht jetzt, wir kommen in den Bereich, wo wir zuletzt die Flammen sahen.“

„Machen Sie die Löschgeräte einsatzfähig. Und haltet die Atemmasken griffbereit!“, ordnete der Löschgruppenführer an.

Der Junge, der sich Jan Weilmann nannte, war in Panik. Sein Kopf zuckte in alle Richtungen, dabei fiel sein Blick auf seinen schuppigen, mehr als drei Meter langen Leib. Er stolperte, die Bewegungen in dem ungewohnten Körper mit seinen vier Extremitäten fielen schwer. Beinahe wäre er gefallen, doch dann fühlte er, wie sich auf seinem Rücken etwas entfaltete und er stöhnte, als er sah, was es war. Flügel habe ich auch noch, was denn noch alles?

Sein Versteck war aufgeflogen, ebenso wie sein Geheimnis, das nun keines mehr war. Er saß in der Falle. Seine Gedanken rasten mit Höchstgeschwindigkeit.

Mehrere Leute nährten sich, er konnte es hören – und riechen. Sie stanken vor Angstschweiß. Er konnte auch nicht mehr in Richtung Museum König fliehen, denn dort war der Tunnel ebenfalls verbarrikadiert. Abgesehen davon standen dort viele Menschen, wie sollte er als Drache an ihnen vorbeikommen?

Vorhin hatte er die Männer verjagen können. Als er die Tür mit seinen Krallen nicht hatte öffnen können, hatte er sich ein paar Mal dagegen geworfen, bis sie aus ihren Angeln geflogen war. Doch die Angreifer kamen wieder. Sie waren bewaffnet, das hatte er gehört, und sie würden schießen, wenn sie sich bedroht fühlten. Er hatte das nicht gewollt, dass diese mächtige Flamme ihm plötzlich aus dem Maul schoss, er hatte nur solche Angst gehabt! Beinahe hätte das Feuer sie verbrannt und ihm war entsetzlich zumute. Sie hatten in letzter Sekunde flüchten können.

Was für ein Schlamassel. Was für ein Schlamassel. Was soll denn bloß aus mir werden? Wer hat mir das angetan? Wieso bin ich ein Drache? Ich bin ein Junge, das kann doch alles nur ein grauenhafter Albtraum sein. Ich will aufwachen!

Er heulte voller Angst auf und hörte sein eigenes schauerliches Gebrüll durch den Tunnel hallen. Solche Laute kamen aus seinem Maul, ein Maul, das voller scharfer Zähne war!

Das ist ein Traum, also beiße ich mich und wache auf, weil das ja ein Traum ist …

Keine gute Idee. Wie Messer fuhren seine Zähne in sein Vorderbein. Er schmeckte sein eigenes Blut auf der Zunge. Sofort ließ er los und brüllte vor Schmerz auf. Blut tropfte von seinem Vorderbein auf den Boden und sammelte sich zu einer Lache.

Voller Panik blickte er um sich und suchte verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit. Er kehrte zurück in den Wartungsraum, wo er sich verwandelte hatte. Mit Wucht warf er sich gegen die Wand und horchte auf. Es klang hohl und Hoffnung keimte in ihm auf. Mit der linken Pranke schlug er gegen die Mauer und es lockerten sich ein paar Ziegel. Energisch griff er zu und weitere Steine bröckelten heraus. Feuchte, kühle Luft schlug ihm durch die Lücke entgegen und er hörte Wasser rauschen. Ein Abwasserkanal verlief hinter der Wand und er setzte alle Kraft ein, um die Lücke das Loch zu vergrößern.

Vielleicht kann ich mich hier vor euch verstecken. Die Abwasserkanäle unter der Stadt sind hunderte Kilometer lang, frohlockte er, als das Loch in der Mauer groß genug war, um sich hindurchzuzwängen. Und dann verschwand er im Dunkel.


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Über den Autor : Hagen Ulrich


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