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Weiß-rote Weihnachten von Anna Becker

Weiß-Rote Weihnachten von Anna Becker

Die irische Studentin Lilo Maguire ist fasziniert von Vampiren und träumt davon, mal einen kennenzulernen. Als sie sich im vorweihnachtlichen Dublin von einem unheimlichen Fremden verfolgt fühlt, könnte sich ihr Wunsch bald erfüllen.

Weiß-rote Weihnachten von Anna Becker

Weiß-rote Weihnachten von Anna Becker

Eine tödliche Begegnung an Heiligabend ist vorprogrammiert.

Produktinformation

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 150 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 19 Seiten
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B00AOBFHEY

Leseprobe aus Weiß-Rote Weihnachten von Anna Becker:

Kapitel 1

Lilo Maguire saß in der beeindruckenden Bibliothek des Trinity College in Dublin und blätterte in Büchern zu ihrem Lieblingsthema: Vampire. So viel Auswahl – unglaublich, was das Angebot hergab. Über eintausend Möglichkeiten luden sie ein, Blutsauger von buchstäblich allen Seiten zu beleuchten. Lexika befanden sich ebenso darunter wie die klassische Gegenüberstellung von Vampir und Werwolf oder folkloristische Betrachtungen. Besonders amüsant waren eine Anleitung zum Zeichnen von Vampiren und ein Vampirwitze-Buch. Dieser Mythos fasziniert seit jeher Autoren und Leser weltweit, und Lilo, Studentin der Literatur, hatte sich gleichermaßen damit infiziert.

Immer, wenn es sich einrichten ließ, verbrachte Lilo mehrere Stunden mit ihren blutrünstigen Helden. Sie verehrte die schönen und reichen, aber auch die tragischen und melancholischen Geschöpfe der Nacht. ‚Es kann nicht alles nur Fiktion sein‘, dachte sie und schwelgte in Tagträumen über paranormale Begegnungen. Sagen entstehen nicht aus dem Nichts; die Weltgeschichte kennt schließlich historische Persönlichkeiten, die als Inspiration dienten. Und eventuell trennte nur ein schmaler Grat eine Erzählung von einer Tatsache … Wie wunderbar wäre das! So naiv, verrückt und realitätsfern es war: Lilo wünschte sich sehnlichst, einen echten Vampir kennenzulernen, und das Wort „Vampir“ blinkte dabei mehrmals wie eine Leuchtreklame in ihrem Bewusstsein auf.

„Und was dann?“, fragte sie plötzlich eine Stimme, die nur ihre eigene, innere sein konnte.

„Das werde ich sehen, wenn es so weit ist!“, antwortete sie sich selber trotzig.

Insgeheim wog sie ab, ob ein Treffen zwischen Mensch und Vampir nicht doch ein Wagnis darstellte. Selbst wenn sie sich als einsamer Single ein romantisches Abenteuer ausmalte, konnte ein geheimnisvoller Fremder sie als Mitternachts-Snack begehren. Ja – und was dann?

Lilo schob eine Strähne ihrer hellbraunen Locken aus dem Gesicht, griff sich das nächste Buch vom Stapel und vertiefte sich darin. Es war der letzte Tag vor den Bibliotheksferien und den wollte sie stilvoll ausklingen lassen.

Kapitel 2

Das Knurren war deutlich zu hören. Lilo schreckte hoch und schaute sich vorsichtig um. Der Bibliothekssaal war spärlich besucht. Hoffentlich hatte keiner mitbekommen, dass ihr Magen solche peinlichen Töne von sich gab. Sie beruhigte sich wieder – niemandem war es aufgefallen. Dessen ungeachtet war es eine untrügliche Aufforderung, Nahrung zu sich zu nehmen.

Es war später Nachmittag und düster. Der zeitige Sonnenuntergang war keine Seltenheit kurz vor Heiligabend. Sie würde in ein vegetarisches Restaurant ganz in der Nähe laufen, das Cornucopia, und sich dort den Bauch vollschlagen. Eine gute Idee! Sie trug die Bücher zum Counter, hüllte sich in Tweedmantel und Strickschal und verließ die ehrwürdigen Hallen.

Lilo bog gerade in die Wicklow Street ein, wo das Cornucopia gerne hungrige Gäste empfing, als sie das Gefühl des Verfolgtwerdens durchströmte; es war beklemmend und jagte ihr Schauer über den Rücken. Sie riskierte einen Blick in ein Schaufenster, um in dessen Spiegelbild festzustellen, dass nur eine vierköpfige Familie weit hinter ihr trottete. Die Mutter jammerte über schmerzende Füße, den Vater quälte der Durst und die zwei kichernden Mädchen wollten lieber dem hübschen Straßenmusiker auf der Grafton Street zuhören. Entwarnung. Lilos blaue Augen waren dennoch schreckgeweitet.

Als sie am nächsten Geschäft vorbeihastete, sah sie, dass die Familie nicht mehr da war; wahrscheinlich hatte sie sich in eine der Seitenstraßen geschlagen.

Mit schnellen Schritten gelangte Lilo ins Lokal und betrat erleichtert das warme, einladende Entree. Blümchentapeten, goldgerahmte Spiegel, Kronleuchter, Thonetstühle an antiken Holztischen und ein rustikaler Dielenboden machten, neben dem ausgezeichneten Essen, den Charme dieses Restaurants aus.

Ihr Herz hatte vor Aufregung gepocht; nun konnte sie sich in diesem behaglichen Ambiente entspannen. ‚Unsinn! Niemand ist hinter dir her!“, ermahnte sie sich. Lilo stellte sich ans Ende der Schlange und wartete geduldig.

Da! Da war es wieder, dieses Gefühl! Sie wandte sich ruckartig um. Eine zierliche Blondine mit Nerd-Brille beäugte sie.

„Ist was?“

„Nein, nein, alles ist gut!“, entgegnete ihr Lilo.

Als sie wieder nach vorn blickte, erfasste sie aus den Augenwinkeln eine dunkle Gestalt, die an einem Tisch am Fenster hockte. Schwarz war auch in Dublin eine Modefarbe und somit nicht spektakulär. Doch Lilos Aufmerksamkeit war erregt worden. Bevor sie an der Reihe war, ihre Bestellung am Buffet aufzugeben, musterte sie diese Gestalt eindringlich.

Der Mann wirkte selbst im Sitzen stattlich, hatte pechschwarze schulterlange Haare und schwarze Mandelaugen. Auch vom Hals abwärts sah Lilo schwarz – Mantel, Hemd, Hose, Schuhe … Nur seine Haut; die war bleich wie das Mondlicht. Dieser Kontrast war anziehend, wie die Ausstrahlung dieses Herrn, der Lilo jetzt mit seinem Blick fesselte. Sie starrte zurück.

„Was möchten Sie essen?“

Die Stimme der Bedienung zerschnitt das unsichtbare Band, das sich zwischen Lilo und diesem Typen gebildet hatte. Lilo wendete sich ihr zu und gab trotz ihrer tranceartigen Verwirrung ihre Wünsche an: Paprikaschoten mit Ratatouille und Couscoussalat, dazu ein Glas Rotwein. Als sie das Geld auf den Tresen legte und das Tablett an sich nahm, erlebte sie seine Präsenz beinah hautnah; als sie sich einen Sitzplatz suchte, war er verschwunden.

Kapitel 3

Der Wein war so köstlich wie das Gericht. Und nach diesem Vorkommnis trank sie einen zweiten. Außerdem konnte Couscous damit besser hinuntergespült werden. Während sie nachdenklich am dritten Merlot nippte, erkannte sie, dass ihr Eindruck auf dem Weg ins Lokal nicht trügerisch gewesen sein konnte. Dieser Kerl war daran schuld! Er muss ihr wie ein Schatten gefolgt sein.

Warum bloß? Was hatte sie so Außergewöhnliches an sich, das möglicherweise eine fatale Leidenschaft weckte? Nichts. Das war ein Irrer, dessen Zeitvertreib darin bestand, jungen Frauen nachzusteigen. Genau.

Und falls nicht? Es war nicht auszuschließen, dass er ihr gezielt nachstellte. Hatte sie womöglich klammheimlich in der Bibliothek beobachtet und sich nicht getraut, sie dort anzusprechen. Besonders mutig war er im Cornucopia auch nicht gerade.

Drei Gläser reichten, fand Lilo und trat den Heimweg an. Ihr Ziel war ihre kleine Souterrainwohnung unweit des Merrion Square. Würden ihre Eltern, die in Cork lebten, sie nicht großzügig finanziell unterstützen, könnte sie sich ein Apartment mitten in der Stadt, und so manches andere, gar nicht leisten. Obwohl die Wohnung im Untergeschoss angesiedelt war, vermittelte sie einem kein Gruftfeeling, denn Lilo hatte sie mit Vintage-Möbeln und bunten Stoffen dekorativ und anheimelnd eingerichtet.

Es war die erste eisige Nacht in diesem Winter und der Wind pfiff ihr um die Ohren. Lilo wickelte sich den Schal um den Kopf und verschränkte die Arme dicht vor ihrem Mantel; das hielt die durchdringende Kälte jedoch kaum ab. Und es wurde frostiger; hervorgerufen durch eine bestimmte Empfindung: Er war in der Nähe.

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Über den Autor : Anna Becker

Anna Becker, geb. 1957, hat Werbekommunikation studiert und mit viel Fantasie in Werbeagenturen in München, Stuttgart und Berlin getextet. Seit 2009 schreibt sie Romane und Kurzgeschichten im Fantasy- und Science-Fiction-Bereich – und ist neuerdings vom Vampir-Virus befallen. Ihrem Mann und den zwei Kaninchen, mit denen sie in Berlin lebt, macht das aber nichts, die finden das sogar gut. Veröffentlichungen von Anna Becker Roman „Die Zeitreise-Agentin“, AAVAA-Verlag, 2011 Roman „Jamie“, als Kindle Edition bei Amazon, 2012 Roman „Der Zeitreisen-Detektor“, als Kindle Edition bei Amazon, 2012, und als Taschenbuch bei CreateSpace Independent Publishing Platform, 2013 Roman „Hannah und der Meisterdieb“, als Kindle Edition bei Amazon, 2012 Roman „Das Zeitreisen-Imperium“, als Kindle Edition bei Amazon, 2013 Roman „Ruf der Karten“, als Kindle Edition bei Amazon, 2013 Roman „Sog des Blutes“, als Kindle Edition bei Amazon, 2013 Kurzgeschichte „Die Elfen von Kensington“ in der Anthologie „Ley Lines – und weitere mystische Momente“, Ulrich Burger Verlag, 2011 Kurzgeschichte „Mathilde: Vampirin, N. Y.“ in der Anthologie „Vampire sind überall“, net-verlag, 2011 Kurzgeschichte „Im Bann des Chomolungma“ in der Anthologie „Moderne Märchen für Kinder“, net-verlag, 2011 Kurzgeschichten-Sammlung „Götter, Wesen & Dämonen“, AAVAA-Verlag, 2012 Kurzgeschichte „Weiß-rote Weihnachten“, als Kindle Edition bei Amazon, 2012 Kurzgeschichte „Versteinerte Zukunft“, als Kindle Edition bei Amazon, 2013

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