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Wolfsbaum: Eine irische Sage neu erzählt von Mia Faber

Wolfsbaum, ein Roman von Mia Faber

Zu einer Zeit, da der Glaube der Druiden vergeht und die alten Götter in Vergessenheit geraten, zweifelt Morgan an seiner Bestimmung. Die Tage des jungen Bauern aus Wales sind angefüllt mit Eintönigkeit und Arbeit. Doch als Banditen seinen Hof überfallen und er Morrígan schmäht, belegt die Kriegergöttin ihn mit einem Bann. Um diesen zu brechen, muss er den Spuren eines Wolfes folgen.

 

Wolfsbaum von Mia Faber
Wolfsbaum von Mia Faber

Produktinformation

E-Book (alle Shops, beliebige Formate):

  • ISBN:         978-3-946608-05-9
  • Sprache:      Deutsch
  • Seiten:       ca. 80 Seiten
  • ET:           01.09.2016
  • Dateigröße:   919 KB
  • Preis:        2,99 €

 

Leseprobe aus Wolfsbaum von Mia Faber

»Mehr, mehr! Erzähl die Geschichte zu Ende!« Die leuchtenden Augen des kleinen Jungen vermochten das Herz der Großmutter zu erweichen, noch bevor er abermals danach verlangte, den Rest der Erzählung zu hören.

»Aber diese Geschichte hat kein gutes Ende.« Sie unterstrich die Aussage mit einem verächtlichen Schnauben. Noch bevor der Satz ganz über ihre Lippen gekommen war, erblickte sie den Funken in den Augen ihres Enkels. Er wollte unbedingt alles hören, wie immer, egal wie grausam manche Erzählungen endeten. Seufzend wandte sich die alte Frau wieder ihrem Kochtopf zu und verbarg den sorgenvollen Blick, indem sie ihn auf den köchelnden Haferbrei heftete. Manchmal hegte sie den Verdacht, dass gerade die grausamen Enden diejenigen waren, die ihre Enkelkinder am liebsten hörten. Im Geiste sagte sie sich selbst, dass die Kleinen trotzdem so unschuldig waren, wie sie es sich gerne vorstellte. Im Herzen wusste sie, dass es vielleicht ganz anders war.

»Erzähl! Erzähl!«, ertönte das fordernde Stimmchen erneut in ihrem Rücken. Ohne auch nur hinzusehen, wusste die alte Frau, dass ihr Enkel, um seine Aufforderung zu unterstreichen, mit seinen strammen Beinchen strampelte und sich mit den prallen Fingerchen an der Tischkante festhielt.

Flüsternd begann sie die Sage wiederzugeben, die sie so gut kannte, nach der ihre eigene Fantasie in jungen Jahren so sehr gegiert hatte und die seit Generationen erzählt wurde. Sie musste sich nicht einmal umwenden und den kleinen Jungen anblicken, um genau zu wissen, an welchen Stellen die Augen des Kindes heller leuchteten als die Sterne, die das einfache Haus in dem kleinen Ort in gespenstisches Zwielicht tauchten.

»Gut, wo waren wir?«

Wie erwartet, hörte sie das Schlagen der kurzen Beine gegen den Tisch und musste schmunzeln. Der Kleine wusste genau, dass sie sich erinnerte, wo sie geendet hatte. So viele Kinder hatten mittlerweile an ihren Lippen gehangen, dass auch sie ahnte, dass der hämmernde Vorwurf nur eine Mahnung zur Eile und kaum echte Empörung darstellte.

»Llywelyn war ein großer und gütiger Herrscher«, sprachen Kinder- und Altfrauenstimme im Einklang. Mit einem Schmunzeln fuhr die Großmutter allein fort und bedachte ihren staunenden Enkelsohn endlich mit dem Rest der Geschichte.

 

Das Fleckchen Erde, das Llywelyn regierte, gehört zum Norden von Wales und nennt sich bis zum heutigen Tage Beddgelert. Der Grund für diesen Namen liegt in dieser Geschichte, die sich vor vielen, vielen Jahren wirklich so zugetragen hat.

Llywelyn war nicht nur ein großer Herrscher, sondern besaß in ebenjenem Ort ein Anwesen, auf dessen Gründen er zu jagen pflegte. An seiner Seite fand sich stets ein letztes Relikt des alten Glaubens, des Lebens, bevor die Christen ihre Religion in den Norden von Wales brachten und die alten Götter in Vergessenheit gerieten. Bei diesem Relikt handelte es sich keineswegs um ein Ding oder gar eine Reliquie nach christlichem Vorbild. Vielmehr um ein denkendes und fühlendes Wesen, dem sowohl ein dichter Pelz als auch ein verspieltes Wesen anhafteten. Das freundliche Tier trug den Namen Gelert und hatte noch viel mit seinen wilden Vorfahren gemein. Der Wolfhund begleitete seinen noblen Herrn auf Schritt und Tritt, unternahm Ausflüge in den Wäldern und beschützte auch die Familie des Fürsten. Besonders Llywelyns kleiner Sohn, ein Kind, das noch kaum dem Krabbelalter entwachsen war, fand in dem Tier einen freundlichen und treuen Spielgefährten.

So trug es sich zu, dass Llywelyn sich bei einem Jagdausritt zwar über die Abwesenheit seines Hundes wunderte, ihn aber beim Spiel mit seinem Sohn vermutete. Die Jagdgesellschaft war ohne Gelert aufgebrochen, eine Seltenheit in jenen Tagen. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Gruppe sich wieder auf den Rückweg zu dem Anwesen machte.

Erst als das Tier auch bei der Rückkehr der Jäger nicht aufzufinden war, schlug die Verwunderung des Fürsten in Sorge um. Haus und Nebengebäude wurden durchsucht und das Echo der zahlreichen Rufe nach dem Wolfhund erfüllte die Luft. Doch nirgendwo konnte Llywelyn seinen langjährigen Jagdgefährten entdecken.

Als Llywelyn schließlich das Haus betrat, glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen. Das altbekannte Schnüffeln und Hecheln des Tieres begrüßte ihn. Dennoch tätschelte er dieses Mal nicht den Kopf seines felligen Freundes.

Die Sonne beschien die Hundeschnauze, an der frisches Blut klebte. Von Angst gepackt, ließ Llywelyn nach seinem Sohn suchen. Bedienstete schwärmten aus und führten den verängstigten Vater schließlich zur Wiege des Kindes, die wie die Nase des Hundes vor nassem Rot glänzte. Auf dem Boden fand sich außerdem ein blutiges Laken, das vormals zum Bett des Jungen gehört hatte. Einzig das Kind selbst war nicht dort, wo es zu jener Stunde eigentlich sein sollte.

Die Angst wandelte sich in Wut, als Llywelyn sich seinen tierischen Begleiter näher besah und weder Reue noch Furcht in den Augen des Hundes erblickte. Nur das vertraute Hecheln erfüllte den Raum. Gelert wagte es gar, um die Beine seines Herrn zu streichen, in der Erwartung einer Begrüßung, die noch nicht stattgefunden hatte. Treuherzige Augen glänzten mit dem Blut um die Wette, als wollten sie die Sorge des Fürsten verhöhnen.

Statt dem Tier die erwartete Begrüßung zuteilwerden zu lassen, zog der Fürst sein Schwert und streckte seinen vierbeinigen Gefährten mit einem kräftigen Streich nieder. Das Jaulen Gelerts erfüllte die niedrigen Räume des Anwesens. Llywelyn würdigte den auf dem Boden liegenden Hund keines Blickes und schickte sich an, die Bediensteten auf die weitere Suche nach seinem Kind oder dessen Überresten zu schicken. Noch bevor er die Stimme erheben und das Schwert wieder senken konnte, erfüllte ein weiteres Geräusch das Haus. Wie als Antwort auf das Jaulen ertönte das Greinen eines kleinen Kindes, das Llywelyn unter Tausenden wiedererkannt hätte. Er ließ die Klinge fahren, die neben dem Leichnam Gelerts scheppernd zu Boden fiel. Der Vater eilte durch die Zimmer, auf der Suche nach seinem Sohn, von dem er so sicher geglaubt hatte, dass Gelert ihn verletzt, vielleicht sogar getötet, hatte.

Doch zu seiner Überraschung fand er das Kindlein unversehrt auf dem Boden, verborgen hinter der blutigen Wiege. Was er allerdings neben seinem Sohn liegen sah, ließ dem Fürsten das Blut in den Adern gefrieren …

 

Trotz der traurigen Geschichte stahl sich erneut ein Lächeln auf das Gesicht der Großmutter. Nun war ihr Enkel doch vor dem Ende eingeschlafen, die kurzen Arme auf der Tischplatte und darauf seinen Kopf abgestützt. Sie wollte ihn nicht wecken. Vorsichtig schob sie ihre Arme unter den schlafenden Körper. Ebenso vorsichtig trug sie ihren Enkel in die kleine Kammer, die ihm als Schlafgemach diente. Seinen Brei konnte er auch morgen noch essen. Sie war dankbar, dass der Junge so schnell eingeschlafen war.

Das gleichmäßige Atmen hatte die Erzählung schon an einem Punkt begleitet, als noch kein Blut vergossen worden war. Die Großmutter hatte es für einen weiteren Tag geschafft, dem Kleinen den Rest der Geschichte zu ersparen. Jenen Rest, den er irgendwann einfordern, aber der ihm zu Beginn sicher Albträume bereiten würde. Dabei war das Ende nicht der Teil, den die alte Frau für am schlimmsten erachtete.

»Manchmal sind die Wege, die zum Blutvergießen führen, ungleich grausamer als das Ende selbst«, wisperte sie mehr zu sich selbst, während sie ihren Enkel vorsichtig zudeckte. Sie nickte, denn es war nicht das Ende der Geschichte, das ihr selbst seit Jahrzehnten schlaflose Nächte bereitete. Es war das Wissen um das Körnchen Wahrheit und um die Vermessenheit, die Gelert zu seinem grausamen Ende geführt hatte. Es war das Heulen der Wölfe in den Hügeln, das sie an den Beginn erinnerte. An den Anfang der Sage, die auf jenem Fleckchen Erde begonnen hatte, in dessen Nähe heute ihre Hütte stand.

Sie gab dem Kleinen einen Kuss auf die weiche Stirn und lehnte die Tür zur Kammer so an, dass sie ihn von der Küche aus sehen konnte. Während sie ihre Hände an einem rauen Tuch abwischte, fragte sie sich, wie der Kleine wohl in einem Jahrzehnt aussehen würde, was seine Träume sein mochten und ob es das Leben auch dann noch so gut mit ihm meinte. Die unbeendete Erzählung hallte in ihren Gedanken nach, begleitete sie zur eigenen Bettstatt und raubte ihr den Schlaf. Fast glaubte sie, die Schritte hören zu können, die kleine Kinder zu Gelerts Zeiten auf diesem Fleckchen Erde hinterlassen hatten.

Kapitel 1

Dair – Eiche

 

Füße trampelten auf dem gestampften Lehmboden herum und Morgan öffnete gleichzeitig den Mund zum Gähnen und ein Auge, um den Verursacher dieses Radaus zu erspähen. Gerade noch rechtzeitig befreite sich sein Geist von dem dämmrigen Zustand zwischen Wachsein und Schlaf, um einem Schwall kalten Wassers auszuweichen, der auf ihn zugeschossen kam.

»Bei allen Göttern, steh auf, du Faulpelz!«

Morgan war so schnell auf seinen Beinen, dass er kurz ins Straucheln geriet und sich an der Schulter seiner schimpfenden Großmutter abstützen musste. Die alte Frau reichte ihm nur knapp bis an die Brust, doch die Wut in ihren Augen türmte sich über ihm auf wie der Misthaufen des Hofes; hoch, drohend und bereit, in einer unangenehmen Welle auf ihn einzustürzen.

»Himmel, hätte dich Morrígan bloß kleiner …«, begann Morgans Großmutter mit der Tirade.

»… und dafür fleißiger gemacht«, endeten sie gemeinsam.

Unter wachsamen und immer noch wütenden Augen schlüpfte Morgan in eine einfache Tunika und Leinenhosen, die schon bessere Tage gesehen hatten. Begleitet vom ungeduldigen Tippen eines winzigen Fußes griff er nach den Spangen, die seinen Mantel zusammenhalten sollten.

»Guten Morgen, Großmutter, ich freue mich auch auf einen schönen Arbeitstag«, brachte er über die vom Schlaf noch rauen Lippen.

»Morgen? Sieh aus dem Fenster, die Hühner gehen beinahe schon wieder schlafen! Arbeitstag? Nur ein ganzer Tag ist es wert, als solcher bezeichnet zu werden …«

Noch bevor sie wieder Luft holen konnte, schloss Morgan grinsend die letzte Spange und beugte sich zu seiner schimpfenden Großmutter hinab. Ein Kuss auf die Wange ließ sie verstummen und ein säuerliches Lächeln stahl sich auf ihre faltigen Züge. Morgan wusste, dass sie ihn liebte und dieses tiefe Gefühl beruhte auf Gegenseitigkeit. Doch so, wie alles auf dem Hof Routine war, so war es auch die morgendliche Tirade, die ihn mal mehr und mal weniger sanft aus dem Schlaf riss.

Morgan hielt sich erst gar nicht damit auf, sich zum Essen an den großen Tisch in der Stube zu setzen. Er griff nach einem kleinen, verschrumpelten Apfel, der dort lag, und machte sich auf den Weg nach draußen.

Hinter ihm ertönte schon wieder Gezeter, und selbst wenn er die Tür bereits hinter sich geschlossen hatte, wusste er, dass die Tirade aufgrund des fehlenden Frühstücks auch ohne ihn stattfinden würde. Er atmete die frische Herbstluft ein, die den Geruch von Moos und Blättern quer über das Land und an seine Nase herantrug. Eine einsame Ziege war das einzige andere Lebewesen, das zwischen den Gebäuden herumstromerte. Das Tier blökte und machte sich davon.

Mit langen Schritten und an seinem Apfel kauend, begab sich Morgan auf den Weg zu der kleinen Scheune, in der seit Tagen ein enormer Haufen Holz auf ihn wartete, um zu kleinen Scheiten verarbeitet zu werden. Angesichts der fallenden Temperaturen war dies die einzige Aufgabe, die im Moment sowohl der Eile als auch seiner direkten Aufmerksamkeit bedurfte.

Er öffnete die quietschende Scheunentür. Staub rieselte auf sein schwarzes Haar, das er heute nicht zu einem kurzen Zopf zusammengefasst hatte. Er schüttelte sich und spuckte einen Apfelkern in Richtung des wartenden Holzhaufens. Eine Katze, die sich dahinter versteckt hatte, suchte fauchend das Weite. Morgan seufzte und wog die Axt in der Hand. Er musterte den fast mannshohen Haufen Holz, als ginge es darum, einen Feind auf dem Schlachtfeld durch bloßes Starren in die Flucht zu schlagen. Es würde sicher bis in die Abendstunden dauern, bis er es zu einem Ergebnis gebracht haben würde, dem man die harte Arbeit auch ansah. Mit einem Krachen platzierte er das erste große Scheit auf dem Hackblock.

 

* * *

 

Ebenfalls mit einem Krachen endete der Arbeitstag. Wie an jedem Abend begab sich der junge Mann fort vom Hof und machte sich zu einem nahegelegenen Hügel auf, der von einer mächtigen Eiche gekrönt wurde. Er ließ sich an dem dicken Stamm nieder und strich mit schwieligen Händen über das Holz. Die Furchen erinnerten ihn an die Falten im Gesicht seiner Großmutter und Morgan musste lächeln, obwohl ihm eigentlich nicht danach zumute war. Das Abendlicht strich über den Baum und die roten Stellen an seinen Armen, an denen ihn Splitter getroffen hatten. Die eine oder andere Narbe zierte seine Haut. In seinen dreiundzwanzig Lebensjahren hatte sich eine ansehnliche Anzahl von ihnen angesammelt. Doch während andere junge Männer aus seiner Gegend die Narben von Kampf und Krieg wie Andenken an Heldenmut vor sich hertrugen, blieben ihm nur diejenigen von splitterndem Holz und den Bissen einer Ziege, die wieder eingefangen werden musste.

Und wie an jedem Abend grämte Morgan sich über sein Leben – die Routine, die Langeweile und die Einsamkeit. Und er ärgerte sich darüber, dass er nicht darüber froh sein konnte, kein Teil grausamen Blutvergießens zu sein, keine Pflicht ableisten zu müssen, die ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit Kopf und Kragen kosten würde. Sicher, auch auf dem Bauernhof konnten schreckliche Dinge passieren und auch er stand in der Pflicht, gehörte das Gut doch Llywelyn, für den seine Familie arbeitete, und für dessen Vorfahren schon Morgans Vorväter eintönigen aber wichtigen Dienst verrichtet hatten, ohne sich zu beklagen.

Aus der Ferne erblickte er seine Großmutter, die mit einem Tuch um die Hüften neben dem Haus stand, immer wieder zwischen die Stoffe griff, und den Hühnern Körner vor die scharrenden Füße streute. Sie wusste, dass es Morgan schon seit Langem in die Ferne zog, kannte die neidischen Blicke, die er seinen bewaffneten Altersgenossen zuwarf, wenn sie mit Mistgabeln, Äxten und Schwertern gegen die sogenannten Heiden zogen.

»Heiden«, wisperte Morgan vor sich hin und der Wind frischte auf, als wäre der Natur dieses seltsame Wort zuwider.

Streng genommen kämpften die Jungen, an deren Seite er aufgewachsen war, gegen Menschen wie seine geliebte Großmutter. Doch im Gegensatz zu ihr, hielten sie ihre Meinung nicht verborgen, huldigten den alten Göttern in aller Öffentlichkeit und feierten Hochzeiten und Beerdigungen ohne priesterlichen Segen.

Heiden, pah!, hörte er in Gedanken die empörte Stimme seiner Großmutter.

»Als du zur Welt gekommen bist, mit diesem Schopf schwarzen Haars, du sahst aus, als hätte Morrígan selbst dir eine Locke auf den dummen Dickschädel geküsst.«

Während die alte Frau ein Lachen ausstieß, das klang wie das Knarzen der Eiche, unter der er saß, fragte sich Morgan, wie sie so schnell zu ihm gelangt war. Das Tuch war immer noch um ihre Hüften geschlungen und auch der unverwechselbare Korngeruch haftete an ihr. Hatte er wirklich so lange vor sich hingestarrt? Meistens, eigentlich immer, hielt er die Geschichten über Götter, Sidhe und andere seltsame Wesen für ausgemachten Humbug; Kindergeschichten, die kleine Menschen zu besserem Benehmen anleiten sollten und ihnen das Hinübergleiten in den Schlaf einfacher machten. Er musste allerdings gestehen, dass seine Großmutter ihm von Zeit zu Zeit einen gehörigen Schrecken einjagte. Aber vielleicht lag auch das daran, dass es ein Leichtes war, sich in der langweiligen Abgeschiedenheit zu viele wirre Gedanken zu machen.

»Komm mit, es wird kalt. Und es gibt Apfelmus.«

Morgan erhob sich und folgte der runzeligen Gestalt, die ihn so abrupt aus seinen Gedanken gerissen hatte.

»Kennst du schon die Geschichte von Arawn, der nachts mit heulenden Hunden um die Häuser zieht?«, schallte es Morgan entgegen, während sie den Hügel hinabstiegen. Es war keine Frage, das wusste er. Ihr musste völlig klar sein, dass er die Geschichte kannte, hatte sie ihm diese Mär doch viele Male erzählt. Und Morgan wusste, dass diese verrückten Legenden in ihren Augen der einzige Trost waren, den sie ihm spenden konnte.

»Es ist nämlich nicht der Wind, der nachts um die Hausecken heult. Es ist auch nicht der Wind, der nachts das Stroh auf dem Dach erzittern lässt. Das Heulen der Hunde und Wölfe streicht um die Balken, wenn Arawn auf die Jagd geht. Das Trippeln und Trappeln der Pfoten lässt die Halme rascheln, wenn die wilde Meute eine Abkürzung über die Dächer nimmt.«

Sie holte tief Luft und Morgan zwang sich zu einem Lächeln, das ihr bedeuten sollte, die Erzählung fortzusetzen.

»Ja, belächle mich nur, Bürschchen«, meinte sie zu ihm, blieb stehen und stemmte sich gegen den Wind, »aber bald wirst du sehen, dass mehr hinter meinen Worten steckt. Und dann wirst du dich so sehr nach deiner Axt und den Scheiten sehnen wie ein Säugling nach der Mutterbrust.«

Morgan stutzte. Sie hatte ihn schon oft auf den wahren Kern ihrer Geschichten hingewiesen, aber nun sah sie so ernsthaft aus, als wollte sie im nächsten Moment nach seinen Ohren greifen und sie ihm lang ziehen. Nicht, dass ihm auch dieses Gefühl völlig fremd gewesen wäre …

»Merk dir meine Worte, Morgan. Die Götter sehen es nicht gerne, wenn die Traditionen mit Füßen getreten werden. Und nichts anderes tun diese nichtsnutzigen Bengel, wenn sie mit Mistgabeln auf ihresgleichen eindreschen gehen. Du bist anders, Morgan, du musst sie nur noch finden, die Götter.«

»Gwyn!« Er benutzte ihren Vornamen, um seinen Worten die Bedeutung zu verleihen, die er für notwendig erachtete. »Wenn dich jemand hört.« Er blickte sich um, packte seine Großmutter am Ärmel und zog sie weiter den Hügel hinab. Doch die Frau befreite ihren Arm mit einem geschickten Dreh und stand so fest auf dem Boden, als wäre sie wie die Eiche in ihrem Rücken fest damit verwurzelt.

»Hörst du dich eigentlich selbst? Hörst du dir zu?«, warf sie ihm an Kopf. »Jeden Abend bemitleidest du dich selbst, jammerst, dass keine Menschenseele dieses einsame Leben verdient hat. Wer soll mich hier draußen denn hören? Manchmal glaube ich, dass dir die Kriegerin nicht nur Locken, sondern auch die Verrücktheit auf die Stirn geküsst hat.«

Mit diesen Worten setzte sie sich wieder in Bewegung und ließ Morgan mitten auf dem Hügel stehen. Erst als sie schon fast am Hof angelangt war, überwand auch er seine Starre und folgte ihr.

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Über Mia Faber

Mia Faber
Ingrid Pointecker, geboren 1986, schreibt seit ihrem 10. Lebensjahr. Die ursprünglich aus Oberösterreich stammende Autorin lebt und schreibt in ihrer Wahlheimat Wien. Die Autorin, Verlegerin und Sprachwissenschaftlerin begeistert sich für Geschichte, Geschichten und das Leben zwischen vielen Büchern. Inspiriert wird sie dabei von Musik, einem sehr lustigen Freundeskreis und einer tollpatschigen Katze. Seit Ende 2015 schreibt sie nicht mehr unter ihrem bürgerlichen Namen Geschichten, sondern auch unter dem offenen Pseudonym Mia Faber, das insgesamt noch im Aufbau befindlich und kaum der Rede wert ist.

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