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Trojan – Eine dunkle Prophezeiung von Christina Degenhardt

Trojan, eine dunkle Prophezeiung, ein Fantasyroman von Christina Degenhardt

Als Lord Hurrvans Soldaten Trojans Heimatdorf überfallen, flüchtet der Junge Hals über Kopf in den Wald – im Gepäck einen wertvollen Schatz, der über das Schicksal der Welt bestimmen soll. Geleitet von einer uralten Prophezeiung, begibt sich Trojan auf die gefährliche Reise nach Heflon, der Hauptstadt des alten Wissens. Helfen können ihm nur List, Magie und seine eigene Stärke. Dabei bekommt Trojan Unterstützung von Ninjada, der Enkelin einer alten Hexe, und Meaton, einem Schüler aus Heflon. Schließlich muss sich Trojan Lord Hurrvan und dem Krieg der über Gut und Böse entscheidet stellen und sein Schicksal erfüllen.

Trojan, eine dunkle Prophezeiung von Christina Degenhardt
Trojan, eine dunkle Prophezeiung von Christina Degenhardt

Produktinformation:

  • Gebundene Ausgabe: 444 Seiten
  • Sprache: Deutsch
  • Softcover: ISBN: 9783734769207
  • Hardcover:ISBN: 9783734793684
  • E-Book :ISBN: 9783739252933

Leseprobe aus Trojan – Eine dunkle Propheizeiung

Das erste Gewitter

Dunkle Regenwolken kündigten ein Unwetter an, das erste Sommergewitter dieses Jahres, bereit, die Reste des Winters und der Finsternis wegzuspülen. Ein schwarz gekleideter Reiter preschte durch den Wald. Der Sturm zerrte an ihm. Er schmiegte sich an den Hals seines Pferdes. Ein Bündel an die Brust gedrückt, versuchte er, dem Wind so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Die ersten Regentropfen peitschten in das von einem Tuch verhüllte Gesicht. Es konnte nur noch einen Moment dauern, bis der Himmel seine Tore öffnen und die erste große Flut vom Himmel stürzte.

Trojan verlangsamte den Schritt seines Pferdes. Wieso vor der Natur fliehen? War sie es nicht, die ihm seit seiner Kindheit einen Unterschlupf geboten hatte, die ihm mit Rat und Tat beistand? Vielleicht spülten der Regen und der Sturm seine Sorgen fort, wenn er nur lange genug darin verweilte, oder wenigstens seine düsteren Gedanken. Dann könnte er endlich einen Lichtblick in der Dunkelheit erhaschen, einen winzigen Hoffnungsschimmer. Ja, er brauchte nur Zeit, dann würde er einen Weg finden, seine Probleme zu überwinden. Doch genau das war es, was er nicht besaß: Zeit.

Er wusste nicht mehr, wie lange er schon auf der Flucht war. Die Tage zogen sich in die Länge und die Nächte kamen ihm endlos vor. Doch die Gezeitenwende konnte noch nicht lange vorbei sein. Die Natur streckte noch ihre Knospen in die Luft und wartete darauf, erblühen zu dürfen. Und doch, wenn er zurückdachte: Länger als vier Tage konnte er nicht unterwegs sein. Gefühlt eine Ewigkeit.

Damals war alles gut gewesen. Er hatte mit seinen Freunden und seiner Familie gefeiert, gelacht und getanzt. Er war glücklich gewesen mit seinem einfachen Leben. Der Meister der Heilkunde hatte ihn vor gut einem Jahr zu seinem Lehrling erkoren, für Trojan eine große Ehre, und seitdem waren seine Tage damit gefüllt gewesen, zu pflanzen, zu ernten und zu sammeln. Die Momente, in denen er seinem Meister helfen durfte, Salben und Tränke herzustellen, waren noch selten, doch es war ein gutes Leben gewesen. Zwar hatte er immer davon geträumt, Abenteuer zu erleben, einen Helden zu spielen und Ehre zu erlangen, aber er wusste, Träume waren nicht die Wirklichkeit. Es war ein Unterschied, ob man faul in der Sonne auf einem Heuhaufen lag und fernen Träumen nachjagte, oder ob man wirklich darin gefangen war und keinen Ausweg fand.

Er befahl seinem Pferd Sarandorn anzuhalten. Sie beide brauchten eine kurze Rast, um sich von den Anstrengungen der vergangenen Tage ein wenig auszuruhen. Seit die Verfolger seine Spur aufgenommen hatten, gab es keine Nacht, in der er es gewagt hatte, mehr als zwei Stunden an einer Stelle zu verweilen. Er glaubte jedoch nicht, dass sie ihm in diesem Unwetter folgen würden, und überlegte, ob es in dieser Gegend nicht ein geeignetes Versteck gäbe. Noch hatte er den Vorteil der Heimat auf seiner Seite. Hier kannte er sich aus, hier war er zu Hause. Zuhause, ein Wort, das ihm Kummer bereitete; doch er zwang sich, die Gedanken an seine Familie und Freunde aus seinem Kopf zu verbannen, sonst hätte er keine Kraft mehr, weiter zu kämpfen. Und genau das musste er, eine andere Wahl gab es für ihn nicht. Der Auftrag musste erfüllt werden. Trojan hatte sein Wort gegeben und beabsichtigte, es zu halten. Egal, was auf ihn wartete.

In knapp zwei Tagen würde er den Persanoswald verlassen und sich weiter Richtung Süden durchschlagen müssen. Bis dahin brauchte er einen Vorsprung, denn er wusste genau, dass er seinen Verfolgern in der dahinterliegenden Steppe unterlegen war. Zu nah waren sie ihm schon gekommen.

Trojan stieg ab um sich die Gegend genauer anschauen zu können. Wie dankbar er war, dass wenigstens Sarandorn bei ihm war! Von klein auf waren sie unzertrennlich gewesen. Nun war aus dem Fohlen ein schwarzer Hengst und aus dem Jungen ein groß gewachsener junger Mann mit ebenso schwarzem Haar geworden. Sarandorn war alles, was von seiner Familie übrig geblieben war.

Trojan hielt inne. Kannte er nicht den kleinen Pfad links von ihm, war da nicht ganz in der Nähe eine verlassene Höhle? Genau das, was er brauchte. Dort hatte er in seiner Kindheit oft mit seinem Freund Jarrosch gespielt. Trojan musste in der Nähe von Parowin sein, der zweitgrößten Stadt in Degentius. Seine Mutter hatte ihn früher oft in diese Stadt mitgenommen, wenn sie für ihre Werkstatt neue Materialien brauchte. Sie webte und nähte Kleider und Taschen für die Dorfbewohner. In der Stadt hatte Trojan Jarrosch zum Spielen getroffen, während sie ihren Geschäften nachging. Seine Mutter war der Mittelpunkt auf dem Markt gewesen. Für jeden hatte sie ein offenes Ohr gehabt, ob jung ob alt, ob reich ob arm. Nie hätte sie einen Unterschied gemacht, wer ihre Hilfe verdiente, wem sie ein Lächeln schenkte. Sie hätte etwas Besseres verdient gehabt.

Trojan schossen Tränen in die Augen, als er daran dachte, dass er den Dorfbewohnern, die überlebt hatten, nicht einmal helfen konnte, seine Mutter zu beerdigen. Was war er für ein Sohn? Er hätte bleiben und ihr die letzte Ehre erweisen sollen. Sein Vater war schon vor Jahren im Krieg gegen Lord Hurrvan gefallen und nun hatte er auch noch seine Mutter verloren. Doch wegen des kleinen Bündels in seinem Arm war er nun Meilen vom Dorf entfernt, in dem er aufgewachsen war, und auf der Flucht vor dunklen Schatten.

Trojan öffnete das Bündel einen winzigen Spalt. Das kleine Mädchen gähnte ihm herzhaft entgegen, und er musste lächeln. Schön, dass sie wenigstens nicht in Panik geriet. Ein Blitz durchzog den Himmel, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donner. Das Herz des Gewitters hatte sie erreicht. Lillianas Unterlippe begann zu zittern. Trojan hatte die Kleine sicher eingepackt, als er die dicken Wolken am Himmel bemerkt hatte. So hatte sie bisher von dem Unwetter kaum etwas mitbekommen. Er zog das Tuch, das nur seine dunklen Augen freiließ, hinunter, sodass Lilliana in das ihr schon vertraute Gesicht blicken konnte, und beruhigte sie. Nun musste er für Lilliana, Sarandorn und sich selbst einen trockenen Ort suchen. Er führte sein Pferd ein Stück den Berg hinauf auf einen verschlungenen Pfad. An einer Weggabelung stoppte Trojan. Sollte er den linken oder rechten Pfad wählen? Er ließ Sarandorn stehen und ging auf einen großen, alten Baum zu, der zwischen der Gabelung stand. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er mit dem Finger über die uralte Rinde strich. Er hatte den Beweis entdeckt, dass er hier schon einmal gewesen war. In die Rinde des Baumes war ein kleiner Pfeil mit den Buchstaben JT eingeritzt. Jarrosch hatte diese, als sie noch Kinder waren, in den Baum geschnitzt, damit sie den Weg zu ihrem gemeinsamen Versteck immer wiederfinden würden.

Trojan drehte sich zu Sarandorn um. „Wir müssen den linken Pfad wählen! Hoffen wir, dass die Höhlen nicht eingestürzt sind.“ Das Pferd trottete auf ihn zu, stupste ihn an und wandte sich nach links. Trojan folgte ihm lachend. Er hatte sich getäuscht. Er war gar nicht allein, er hatte doch Sarandorn. Bisher hatte ihn sein Pferd noch vor jeglicher Gefahr bewahrt.

Eine Weile folgten sie dem immer schmaler werdenden Pfad, bis er ganz aufhörte. Trojan seufzte leise und begann, sich im dichten Regen einen eigenen Weg durchs Unterholz freizukämpfen. Das einzig Gute war, dass der Wolkenguss seine Spuren fortspülte.

Endlich erreichten sie eine Lichtung, die er kannte: ihr Ziel für die Nacht. Es wurde auch langsam Zeit, denn Lilliana begann schon leise zu quengeln. Sie brauchten beide dringend etwas zu essen.

Die Höhlen befanden sich oberhalb des Pfades, den Trojan eingeschlagen hatte. Sie mussten nur noch einen kleinen Abhang hochsteigen. Mit wenig geschickten Fingern versuchte er die Pflanzen wieder aufzustellen, die sie zertrampelt hatten, doch zum Glück lag der Eingang in einer gut versteckten Felsspalte. Umringt von Bäumen und Sträuchern, sollten sie nicht so leicht gefunden werden können. Sobald sie im Trockenen waren, befreite er Lilli aus ihrem Tragekörbchen und machte ihr aus Sarandorns umgedrehtem Sattel ein Bettchen. Erst danach schälte er sich aus seinen eigenen nassen Sachen und schaute sich in der Höhle um. Seit seiner Kindheit hatte sich nichts verändert. Sie war sehr schmal, sodass sich Sarandorn nur vorsichtig drehen konnte, doch dafür sehr hoch und langgezogen. In der Dunkelheit konnte Trojan keine Decke erkennen. Er sammelte alles, was sich für ein Feuer eignete, zusammen und entzündete es. Ein schwacher Lichthauch erhellte die Höhle. Zum Glück hatte er genügend Essen eingepackt, sodass er sich nicht hungrig schlafen legen musste. Doch zunächst bekam Lilli ihr Abendbrot, bevor er sie sanft in den Schlaf schaukelte. Ihr Milchvorrat war schnell aufgebraucht gewesen, doch konnte er es nicht riskieren, irgendwo anzuhalten um ihn aufzufüllen. Nun musste sie sich mit dem Pulver vergnügen, das ihm Meister Fando für einen solchen Fall mitgegeben hatte. Wirklich Freude hatte sie daran nicht. Seine Mutter hatte ihm eine alte, lederne Trinkflasche für sie rausgesucht, die auch er als Kind schon benutzt hatte. Doch der stark abgenutzte, lederne Saugnuckel verbesserte wohl kaum den Geschmack.

Trojan starrte in das kleine Feuer und konnte nicht verhindern, dass ihn die düsteren Erinnerungen heimsuchten. Er hatte bislang nicht zugelassen, dass sie ihn überfielen, doch nun kam seine schwarze Vergangenheit zurück.

Alles hatte am letzten Tag der Gezeitenwende begonnen. Dies war eines der wichtigsten Rituale des Jahres, die Feier dauerte zehn Tage. Zehn Tage, in denen die Menschen den Winter verabschiedeten und den Sommer begrüßten. Sie tanzten und sangen zu Ehren der Gezeiten, damit sie der Menschheit immer gut gesonnen blieben. Die Frauen bereiteten ihre besten Speisen zu und die Männer holten Wein aus den Kellern.

Der Frühling war Trojans Lieblingszeit, da alles wieder erwachte. Doch dieses Jahr war die Geburt der Natur mit Blut statt Wein begossen worden: Blut von Menschen, die er liebte und die er nun für immer verloren hatte. Es war der Tag, an dem sich eine fremde Frau durch die Tore von Lessvina schleppte. Das war nichts Verwunderliches, da das Dorf zu dieser Zeit viele fremde Gäste beherbergte und die Tore immer offen standen. Doch diese Frau hatte den Säugling bei sich getragen, der großes Unheil über Lessvina bringen sollte.

Es war ein sonniger Tag gewesen. Trojan war auf dem Weg zum Haus des Heilers Fando, um ihm ein paar Kräuter zu bringen, die er auf dem ersten Frühlingsspaziergang gepflückt hatte. Da kam ihm die Frau entgegen. Mit ihrem eleganten Kleid und den langen blonden Haaren, die ihr offen über die Schulter fielen, hätte sie völlig fehl am Platz wirken müssen. Doch ihr gebeugter und zitternder Körper schmälerte den Eindruck. Erschöpft und Hilfe suchendtaumelte sie Trojan entgegen. Die Augen vor Schreck geweitet, versuchte sie, ihm ihr Baby in die Arme zu drücken. Erst, als sie ihm nahe kam, entdeckte Trojan die dunklen Schatten unter ihren Augen, das Blut, das ihr blondes Haar verklebte und den Schmutz, der den Saum ihres Kleides steif werden ließ und ihre nackten Füße verkrustete. Immer wieder öffnete sie den Mund, als würde sie nach Worten suchen, doch mehr als ein jammernder Laut wollte nicht über ihre Lippen kommen. Noch ehe Trojan die Situation begreifen konnte, fiel ihm die Frau entgegen und blieb reglos liegen.

Er schaffte es mit einiger Mühe, die beiden über die Schwelle von Fandos Haus zu tragen. Doch bevor er Hilfe holen konnte, starb die Frau in seinen Armen. Er wusste nicht mehr, wie lange er dort mit der Toten und dem schreienden Säugling gesessen hatte. Er konnte sich nur noch daran erinnern, wie auf einmal sein Meister vor ihm stand und die Frau begutachtete. Doch auch er konnte nichts mehr für sie tun.

Danach untersuchte er das Kind. Ein Mädchen, das erst ein paar Wochen alt sein konnte. Meister Fando tat, was in seiner Macht stand, um die Kleine wieder aufzupäppeln. Sie war eigentlich noch zu klein um so früh ihre Mutter zu verlieren. Doch aufgeben wollte er sie nicht. Mit den richtigen Heilkräutern und genug Pflege würde sie den Verlust der Mutter vielleicht überstehen. Doch wie es mit ihr weitergehen sollte, wussten sie nicht. Sie überlegten lange, was sie tun konnten: War eine Nachforschung über die Frau sinnvoll oder sollten sie für den Säugling eine Familie suchen, die ihn aufnähme? Da die Frau nicht aussah, als sei sie aus der Gegend, beschloss Fando, dass seine Frau sich eine Woche um die Kleine kümmern sollte. Falls bis dahin niemand ein Anrecht auf das Kind erhob, bekäme es eine neue Familie. Fando schickte Trojan zum Dorfoberhaupt Sargo, um ihm über das Geschehene zu berichten. Er sollte ihn um Hilfe bitten, falls die Suche nach einer neuen Familie nötig sein sollte, was Sargo ihm versprach. Und danach − es wurde Trojan erst jetzt schmerzlich bewusst − war er das letzte Mal den Weg nach Hause gegangen, hatte zum letzten Mal seine Mutter geküsst und das letzte Mal in seinem Zuhause zu Abend gegessen. All das, was er bis dahin für ganz gewöhnlich angesehen hatte, sollte zu Ende gehen, und all das, was er für unvorstellbar hielt, sollte wenige Stunden später eintreffen.

Das Unfassbare passierte, als Trojan sich für die letzte Feier des Festes umzog. Es sollte die größte werden, der krönende Abschluss der zehn Tage, ein Fest, dessen bloße Erinnerung den nächsten Winter erwärmen würde.

In seine Vorfreude versunken, bemerkte Trojan ihn nicht sofort. Mit einem leisen `Klong´ fiel er zu Boden, er musste ihm aus der Tasche gefallen sein. Es war ein kleiner, zerknitterter Brief mit einem leuchtend roten Siegel. Trojan überlegte lange, ob es ihm zustand, ihn zu öffnen, doch seine Neugier siegte. Er entnahm dem zerknitterten Umschlag ein goldenes, mit einem verschnörkelten H verziertes Amulett und einen gelben Bogen Papier. Der Brief war in Eile geschrieben, das erkannte Trojan sofort. An einigen Stellen war die Tinte verwischt, ebenso hatten Tränen ihre Spuren hinterlassen. Er begann zu lesen und begriff rasch, dass das nichts Gutes heißen konnte:

An den Finder dieses Briefes,

ich musste diese Zeilen schon in Voraussicht auf das Schlimmste verfassen. Denn wenn Ihr diesen Brief in Händen haltet, bin ich vermutlich schon tot oder noch Schlimmeres ist geschehen. Im Namen meiner Tochter muss ich Euch bitten, helft uns, helft ihr, da ich diese Aufgabe leider nicht mehr übernehmen kann. Meine Tochter ist ein ganz besonderes Kind, doch dies ist leider auch die Ursache für unsere schreckliche Lage.

Ihre Geburt wurde schon vor Jahrzehnten vorherbestimmt und von der dunklen Seite dieser Welt lange erwartet. Ihr Leben, so steht es in den uralten Aufzeichnungen der Heflon-Bibliothek, kann die Balance unserer Welt aufrechterhalten. Ich weiß, dass sich das sehr unglaubwürdig anhört, und auch wenn Ihr, der Finder meiner Zeilen, nicht an die Kraft der Magie glauben solltet, so glaubt doch bitte an die Macht des Glaubens. Auch wenn das Schicksal meines Mädchens Lilliana nichts anderes sein sollte als eine Legende, so glaubt doch das Böse fest an die Macht der Voraussage und verfolgt uns, seit Lilliana das Licht der Welt erblickte.

Mein Mann hat bei dem Versuch, uns zu verteidigen, schon sein Leben lassen müssen. Seitdem sind wir auf der Flucht. Ihr seid ihre einzige Hoffnung! Doch seid gewarnt, mein Tod ändert Lillianas Situation nicht. Sie werden weiter nach ihr suchen. Ich weiß keinen Ausweg mehr und werde mich in das nächste Dorf zu retten versuchen. Doch ich fürchte, dass die Verfolger kommen und ich die Dorfbewohner in Gefahr bringen werde. Es tut mir unendlich leid, dass ich keinen anderen Ausweg finde. Bitte verzeiht mir! Ich fürchte, die Männer, die mich verfolgen, stehen im Dienst von Lord Hurrvan. Sie schrecken vor nichts zurück und kennen keine Gnade. Es ist ihnen egal, wie viele Menschen sie auf ihrem Weg töten müssen. Ich hoffe sehr, dass dieser Brief einen gutherzigen Menschen erreicht, der meine Bitte erhört und sich um meine geliebte kleine Tochter kümmert. Bringt sie sicher nach Heflon, dort wird der älteste Gelehrte, Sir Meflon, alles Weitere für Lillianas Zukunft regeln. Euch erwartet eine hohe Belohnung. Ich lege ein Amulett bei, das Euch in Heflon die Türen öffnen wird. Ich bitte Euch inständig, mich zu erhören! Rettet mein Kind! Mein kleines Mädchen ist unschuldig und hat ein glückliches, langes Leben verdient. Ich bin untröstlich, dass ich sie nicht weiter begleiten kann auf ihrem Lebensweg. Übernehmt bitte meine Pflichten! Verzweiflung treibt mich dazu, diese Zeilen zu verfassen. Noch hoffe ich, diese Welt nicht verlassen zu müssen, um für mein Kind zu kämpfen, das etwas Besseres verdient hat.

Rettet das Gute auf dieser Welt!

 

In stiller Hoffnung

Isadora von Ferando

 

Als er zu Ende gelesen hatte, hielt er den Brief zunächst für einen schlechten Scherz. Einer seiner Freunde wollte ihm sicher einen Streich spielen.

Und wenn nicht? Weshalb hatte sich diese fremde Frau einen Jungen ausgesucht, der zwar kurz davor war, ein Mann zu werden, aber eben erst kurz davor? Er wollte in den Tag hineinleben und noch nicht an Morgen denken, geschweige denn an Übermorgen. Er überlegte kurz, hängte sich das Amulett um den Hals und ersuchte seine Mutter um Hilfe. Sie machte sich sofort mit dem Brief auf den Weg zu Sargo. Sie war der Meinung, dass das Dorfoberhaupt alle weiteren Entscheidungen treffen sollte, falls der Brief die Wahrheit sprach. Trojan selbst eilte zum Haus seines Meisters Fando, damit dessen Familie gewarnt wurde.

Sargo rief sofort alle Dorfbewohner zusammen. Wachen wurden an den Eingängen des Dorfes postiert. Einstimmig beschlossen sie, dass das letzte Fest noch stattfinden sollte, und sei es auch nur als Tarnung, um den Säugling zu schützen.

Alle Dorfbewohner, ganz gleich ob alt oder jung, ob Frau oder Mann, statteten sich mit Waffen aus. Sie hatten schon früh lernen müssen, dass man Lord Hurrvan nicht unterschätzen durfte. So viele Kriege, soviel Leid hatte er bereits durch seinen Wunsch nach Macht verursacht. Vor Jahren hatten sie deswegen eine Mauer um das Dorf gezogen, die ihnen seitdem zumindest einen kleinen Schutz bieten konnte. Einmal im Jahr, sobald der Sommer seine Lichter senkte und die Dunkelheit des Winters aufstieg, schickte Hurrvan einzelne Truppen los, die die Grenzen seines Landes verließen um den Bewohnern seine Macht und Grausamkeit in Erinnerung zu rufen. Sie raubten, schändeten und töteten alles, was ihnen in den Weg kam. Sie ritten durch die drei großen Länder Lettwanta, Grosus und Degentius. Und das alles nur, um den Königen der Länder Hurrvans Macht zu beweisen.

Bei Sonnenuntergang schlossen die Wachen von Lessvina die Tore. Eine seltsame Spannung legte sich über das Dorf. Trojan selbst wurde als Lillianas Wache abgestellt; Sargo entschied, dass ihn die Götter bestimmt hatten, für sie zu sorgen. Er sollte im Falle eines Überfalls das kleine Mädchen aus der Stadt bringen. Er war nun ihr Pate, bis es sicher in Heflon ankam.

Trojan wartete angespannt in Fandos Haus, beobachtete die kleine Lilliana, lauschte, um bei jedem noch so kleinem Geräusch bereit zu sein, zu kämpfen oder zu fliehen. Sein Pferd Sarandorn stand im Stall bereit, gesattelt und einige Taschen angeschnallt, bis oben hin gefüllt mit Essen für ihn und frischer Milch für die Kleine.

Ohne Vorwarnung war es plötzlich soweit: Es gab einen riesigen Knall, gefolgt von splitterndem Holz und Rauchschwaden. Lord Hurrvans Soldaten hatten das Tor durchbrochen.

Trojan konnte sich nur verschwommen an die Nacht der Schlacht erinnern. Er hatte sich Lilliana gepackt und sein Schwert gezogen, das er von seinem Vater geerbt hatte. Zwar war Trojan ein guter Kämpfer, doch nur in den Übungsstunden, noch nie hatte er jemanden töten müssen. Er stürmte aus der Hintertür, bereit, sich seinen Ängsten zu stellen, und platze in ein Geschehen das ihn bis in seine Träume verfolgen sollte. Die Soldaten hetzten über den Platz, Männer in schwarz-roten Umhängen. Sie stürmten in die Häuser, steckten in Brand, was sie durchsucht hatten, und töteten jeden, der ihnen in die Quere kam. Da war Fando, der schwer verletzt einen Jungen aus einem eingestürzten Haus zog. Und seine Mutter, die das Dorf zu retten versuchte. Mit einigen anderen Frauen schleppte sie Eimer um Eimer mit Wasser, um das Feuer im Schach zu halten. Als die Angreifer Trojan entdeckten und in seine Richtung losstürmten, preschte er ihnen entgegen, Lilliana unter dem Mantel gut versteckt. Sein Schwert fest umklammert und einen Wutschrei auf den Lippen, wehrte er den ersten Soldaten noch mit Leichtigkeit ab. Doch war dieser nicht alleine. Trojan musste seine ganze Verzweiflung in seine Schläge legen, um gleich zwei weitere Männer von sich fernzuhalten. Zum Glück bemerkten einige Dorfbewohner seine missliche Lage und kamen ihm zu Hilfe. Auch seine Mutter hatte sich ein Schwert ergattert und eilte an seine Seite.

„Du musst weg von hier.“ Sie schubste ihn Richtung Stall. „Schnell.“ Sie hinderte einen Soldaten daran, ihm zu folgen.

„Aber…“ Trojan versuchte, zu ihr zurück zu gelangen, doch mit einer Handbewegung wies sie ihm den Weg. Er wusste, dass sie recht hatte, er hatte einen anderen Auftrag. Er musste weg. Er überließ seine Angreifer den anderen und schwang sich mit Lilliana auf Sarandorn.

Noch einmal blickte er zurück, in der Hoffnung, dass alle Soldaten den Rückzug antreten und seine Verfolgung aufnehmen würden. Doch das taten sie nicht. Es schien ihnen Spaß zu machen, die Dorfbewohner in Angst und Schrecken zu versetzten. Und dann sah er ihn, einen rot vermummten Soldaten, der über seiner Mutter kniete und sein Schwert aus ihrer Brust hervorzog. Von da an verschwamm alles in seinen Erinnerungen. Er sah nur noch Schwarz und Rot, hörte nur noch angsterfüllte Schreie und roch die Verzweiflung und den Tod. Er wusste nicht mehr, wie er es geschafft hatte, das Dorf zu verlassen. Sarandorn galoppierte über die Felder, durch die Wälder, er flog beinahe und schüttelte seine Verfolger ab. Er brachte seinen Herrn in Sicherheit.

Die nächsten Tage waren nichts als Flucht. Er hielt nur an, um Lilliana zu versorgen oder um Sarandorn aus einem Bach trinken zu lassen. Jedes Mal, wenn das Kind einen Ton von sich gab, ertappte Trojan sich bei dem Gedanken, es zu hassen, das Mädchen, das er nicht kannte und für das seine Mutter gestorben war. Es fiel Trojan schwer, Lilliana als ein unschuldiges Kind anzunehmen, zu verstehen, dass nicht sie die Schuld an seinem Kummer trug. Weder hatte sie die Prophezeiung geschrieben noch sein Dorf mit Waffen attackiert. Nicht sie wollte Leid und Tod. Er musste alles in seiner Macht Stehende unternehmen, um dieses kleine Bündel zu beschützen. Seine Mutter und seine Freunde sollten nicht umsonst gestorben sein…

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Über Christina Degenhardt

Christina Degenhardt
Christina Degenhardt wurde am 22. Mai 1986 in Frankfurt am Main geboren und wuchs im Stadtteil Sachsenhausen auf. Nach dem Abitur zog es sie 2006 nach Hamburg, um hinter die Kulissen von Film und Fernsehen zu blicken. Um einen beruflichen Abschluss zu haben, absolvierte Christina von 2007 bis 2009 bei AppelrathCüpper eine Ausbildung zur Gestalterin für visuelles Marketing. Da gute Geschichten ihre Leidenschaft sind, ging Christina Ende 2009 zurück zu Film und Fernsehen. Seitdem arbeitet sie als Requisiteurin für verschiedene Filmprojekte in Hamburg und Berlin. Schon von klein auf war es Christinas Wunsch Bücher zu schreiben. Ihre Legasthenie und viele negative Kommentare hielten sie jedoch jahrelang von ihrem Traum ab. 2007 stellte sie sich der Herausforderung und begann ihre eigenen Geschichten aufs Papier zu bringen. Herausgekommen ist ihr erstes eigenes Werk "Trojan - eine dunkle Prophezeiung". Eine spannende Geschichte voller Abenteuer, Liebe und allerhand großen Herausforderungen.

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