Afrikanistik

Afrikanistik ist die Wissenschaftsdisziplin (unter dieser Bezeichnung insbesondere im deutschsprachigen Raum), die sich mit der Erforschung afrikanischer Sprachen, ihrer Rolle in Kultur und Gesellschaft und ihren Literaturen beschäftigt. Wissenschaftler in dem Gebiet werden als Afrikanisten bezeichnet.

Die europäische Afrikanistik beginnt mit den  Missionssprachwissenschaften, an deren Anfang die Kikongo-Grammatik des Italieners Brusciotto steht. Fast gleichzeitig erschien das Wörterbuch zum Kenzi-Dialekt von Carradori da Pistoia. Etwas später folgte die Grammatik der altäthiopischen Sprache von Hiob Ludolf, der damit die Äthiopistik begründete.

Im 19. Jahrhundert fanden die großen Entdeckungsreisen in das Innere Afrikas statt. Zu den bekannten Afrikaforschern gehören Mungo Park, David Livingstone, Heinrich Barth, Adolf Overweg, Gustav Nachtigal und Georg Schweinfurth. Zur gleichen Zeit befassten sich Missionare mit den afrikanischen Sprachen. Beispielhaft sind hier Johann Gottlieb Christaller und Johann Ludwig Krapf zu nennen. Ein Sprachwissenschaftler, der sogar über die Bantu-Sprachen promoviert hatte, wie Wilhelm Heinrich Immanuel Bleek, war angesichts des akademischen Desinteresses an afrikanischen Sprachen gezwungen, nach Kapstadt auszuwandern und seine Forschungen dort als Bibliothekar fortzusetzen. Auch die umfangreichen sprachwissenschaftlichen Forschungen von Heinrich Barth fanden erst im 20. Jahrhundert die gebührende Anerkennung. Eine besonders große Rolle spielt bis heute das Werk von Sigismund Wilhelm Koelle, dessen „Polyglotta Africana“ (1854) vieles späterer Sprachklassifikationen vorwegnimmt und eines der ersten nicht von rassistischen Untertönen und evolutionistischen Modellen geleiteten komparativen Werke darstellt. Ähnlich große Bedeutung ist Karl Richard Lepsius beizumessen, der im Vorwort seiner „Nubischen Grammatik“ wesentliche Fragen der Sprachgeschichte Afrikas behandelte.

Deutsche Afrikanistik

Es waren aber in erster Linie Carl Meinhof und Diedrich Westermann, die mit ihren Arbeiten zu den Bantu- und Sudan-Sprachen das Bild der deutschen Afrikanistik prägten. Die beiden Theologen waren auch die ersten Professoren für Afrikanistik in Hamburg und Berlin (Seminar für Orientalische Sprachen). In Wien wirkte zur gleichen Zeit der Ägyptologe und Afrikanist Wilhelm Czermak. Die frühe Jahrzehnte der akademischen Afrikanistik waren geprägt von der z. T. sehr hohen Qualität deskriptiver Forschung – etwa Westermanns umfangreiches Werk zum Ewe –, sowie der Debatte um die (genetischen) Beziehungen der einzelnen Sprachen zueinander.

Von Anfang an war jedoch die Afrikanistik in das politische Programm des Kolonialismus des Deutschen Reiches eingebunden, für das sie praktisch verwertbare Erkenntnisse zu logistischen und propagandistischen Zwecken zur Verfügung zu stellen hatte. Werner Eiselen, der geistige Vater des Bantu Education Act, war in den 20er Jahren Dozent für Bantu-Sprachen am Afrika-Institut in Hamburg.

Beeinflusst von der Ideologie des deutschen Kolonialismus widmeten sich in dieser Zeit Afrikanisten auch der Entwicklung scheinwissenschaftlicher Theorien, in Deutschland vor allem auch der sogenannten Hamitentheorie, die die Hegemonieansprüche von den Kolonialherren auserwählter „Herrenvölker“ untermauerte, wenn deren Sprache über bestimmte Merkmale (z. B. Nominalklassen) verfügte.

Dabei ging es im Wesentlichen um eine ideologisch verbrämte Weiterführung evolutionistischer Modelle, die sich eine typologische Entwicklung von isolierenden über agglutinierende hin zu flektierenden Sprachen vorstellten. Die an Wilhelm von Humboldt und August Schleicher erinnernden Begrifflichkeiten wurden dabei vollkommen verdreht, indem ein in deren Theorien nicht existierendes chauvinistisches Hierarchiemodell den neuen Modellen zugrunde gelegt wurde (vgl. auch die sowjetische Japhetitentheorie). Auf Afrika übertragen wurde dieses Modell sogar extrem rassistisch interpretiert, wobei der isolierende Sprachtyp mit einer „primitiven“ afrikanischen „Urbevölkerung“ verknüpft wurde, die sich dann mit einwandernden viehzüchtenden Sprechern flektierender Sprachen mischten und so einen agglutinierenden Sprachtyp mit Nominalklassen als „Vorstufe“ des grammatischen Genus hervorbrachten.

Wenngleich bereits Lepsius eine solche Entwicklung überzeugend ausgeschlossen hatte, dienten Sprachen wie das Fulfulde noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als vermeintlicher Beleg für die Sinnhaftigkeit der Hamitentheorie. Dabei galt vor allem die Anlautmutation des Fulfulde als untrüglicher Hinweis auf eine im Entstehen begriffene Genusdistinktion.

Während Carl Meinhof an derartigen ideologisch motivierten Modellen festhielt, widersprach August Klingenheben in seinen Studien zum Fulfulde der Hamitentheorie bereits 1924/25. Weitere deutsche Afrikanisten waren der Tschadist Johannes Lukas und der Bantuist Ernst Dammann. Lukas war in Hamburg der Lehrer einer ganzen Generation prägender Afrikanisten (z. B. Herrmann Jungraithmayr, Ekkehard Wolff, Ludwig Gerhardt). Dammann lehrte sowohl in Leipzig als auch in Berlin und Marburg, wo er u. a. Lehrer von Gudrun Miehe war.

Wie Hilke Meyer-Bahlburg und Ekkehard Wolff zeigen konnten[2], war die Afrikanistik während des Nationalsozialismus tief in das Naziregime verstrickt. Sämtliche bedeutenden Afrikanisten waren frühzeitig in die NSDAP eingetreten, lange bevor man einen politischen Druck als mögliche Rechtfertigung geltend machen kann.

Eine weitere wichtige Figur der nationalsozialistischen Afrikanistik war Otto Rössler. Neben seinen afrikanistischen Forschungen zur Semitohamitistik trat er jedoch vor allem als Semitist in Erscheinung. In den 40er Jahren war er in Tübingen tätig, wo zu seinen Aufgabengebieten gehörte, die „exekutive Lösung der Judenfrage durch tiefer gehende Kenntnisse“ zu unterstützen. Nach dem Krieg wirkte Rössler zunächst weiter als Professor in Tübingen sowie bis 1975 in Marburg.

In der Bundesrepublik Deutschland wurde bis 1986 die historische Verflechtung der Afrikanistik mit Kolonialismus und Nationalsozialismus nicht historisch aufgearbeitet. Die kritische Diskussion der 68er-Bewegung ging spurlos an dem Nischenfach vorüber. Noch heute werden Carl Meinhof, August Klingenheben, Johannes Lukas und Ernst Dammann an manchen Hochschulstandorten als völlig unproblematische Persönlichkeiten in die hehre Ahnenreihe verdienter Afrikanisten eingeordnet und deren Traditionslinie und Forschungsprogramm kontinuierlich modernisiert fortgeschrieben.

Die Afrikanistik in Deutschland konnte sich in der Nachkriegszeit weiter konsolidieren, wobei neue Institute in Köln, Marburg (später gewechselt nach Frankfurt am Main), und Bayreuth gegründet wurden. Es bestand auch eine Afrikanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In dieser Zeit fand eine Stärkung interdisziplinärer Forschung statt, die sowohl deskriptive Grundlagenforschung wie auch Fragen historischer Zusammenhänge kritisch beleuchtende Forschung war. Eine große Rolle spielte bis zum Ende des 20. Jahrhunderts die Auseinandersetzung mit dem afrikalinguistischen Werk Joseph Harold Greenbergs.

Der in Köln tätige Oswin Köhler gilt heute als Begründer der Khoisanistik. Sein wissenschaftliches Werk hat Bedeutung für eine große Gruppe von Linguisten, die sich mit den sog. click languages des südlichen Afrikas beschäftigen. Schüler Köhlers sind u. a. der Bantuist Wilhelm Möhlig und der Typologe Bernd Heine, die die Kölner Afrikanistik nachhaltig prägten.

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